Confirmation Bias

Ein Bias ist eine Verzerrung der Wahrnehmung oder des Denkens (bzw. des Urteilens), die unter bestimmten Bedingungen systematisch auftaucht.  Bekannte Beispiele sind:

  • das Verwechseln von Korrelation und Kausalität: was zusammen auftritt, muss in einem kausalen Verhältnis stehen
  • das Zuschreiben von Verantwortung an Personen anstatt an Umstände und Situationen: der Kellner wird für unfähig und unfreundlich gehalten, wenn er unter Migräne leidet
  • die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes auf Kosten der Warhnehmung der Realität: niemand denkt von sich selber, er/sie sei bösartig oder inkompetent
  • der Gender Bias, die verstärkte Wahrnehmung von als weiblich bezeichneten Eigenschaften bei Frauen und männlichen bei Männern.

Der Wikipedia definiert Bias wie folgt:

Kognitive Verzerrung (im englischen Original cognitive bias) ist ein kognitionspsychologischer Sammelbegriff für systematische (nicht zufällige) Tendenzen oder Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen, die meist richtig, gelegentlich aber falsch sind. Sie bleiben meist unbewusst.

Der Confirmation Bias ist nun eine spezielle Spielart dieser Verzerrung. Sie kann mit zwei Experimenten von Peter Wason demonstriert werden:

Jede Karte hat eine geometrische Figur auf der Vorderseite und ist auf der Rückseitig farbig.

Welche der Karten muss man umdrehen, um folgende Behauptung überprüfen zu können:
»Eine Karte, die ein Quadrat auf der Vorderseite hat, ist auf der Rückseite gelb.«

Hier geht es im engen Sinne um »Confirmation«, um Bestätigung. Viele Menschen tendieren dazu, die Behauptung zu bestätigen, indem sie z.B. die gelbe Karte umdrehen. Tatsächlich wäre es sinnvoll, die Karten umzudrehen, welche die Behauptung falsifizieren könnten: Die mit dem Quadrat auf der Vorderseite (muss auf der Rückseite gelb sein) und die rote (darf auf der Vorderseite kein Quadrat haben). Die anderen beiden Karten sind völlig bedeutungslos in Bezug auf die Wahrheit der Aussage.

Bei Wasons zweitem Experiment werden drei Zahlen vorgegeben, die nach einer bestimmten Regel angeordnet sind, z.B. 2 – 4 – 6. Nun sollen die Versuchsteilnehmer selber Zahlenfolgen vorschlagen und die Versuchsleiterin gibt an, ob sie die Regeln erfüllen oder nicht, also z.B. 4 – 8 – 12 (ja), 8 – 12 – 14 (ja), 7 – 11 – 5 (nein) etc. Die meisten Versuchsteilnehmer schlagen viel zu viele Folgen vor, die eine Regel erfüllen. Die beste Strategie wäre wiederum, eine Hypothese zu widerlegen, sie kann nicht bestätigt werden.

Verallgemeinert man die Auswirkungen des Confirmation Bias, erhält man im wesentlichen vier Konsequenzen:

  1. Menschen suchen nach Informationen, die ihre Haltungen oder ihren Glauben bestätigen.
  2. Menschen halten Aussagen, die ihre Haltungen infrage stellen, für unglaubwürdig.
  3. Menschen interpretieren Fakten entsprechend ihren Haltungen, Grundsätzen und Vorlieben.
  4. Menschen erinnern sich besser an Fakten, die ihre Sicht der Welt stützen.

Ein schönes Beispiel für den Confirmation Bias ist eine Studie der Universität Stanford aus den 1970er-Jahren, in denen Leute in einen Versuch einbezogen wurden, die entweder klar für oder klar gegen die Todesstrafe waren. Ihnen wurden fiktionale Studien präsentiert, die ihre Haltung infrage stellen sollten. Während die Lektüre der wesentlichen Ergebnisse sie leicht an ihrer Meinung zweifeln ließ, fanden sie die Studien, je mehr sie sich damit auseinandersetzten, völlig unglaubwürdig – und zwar jeweils immer die Studien, die nicht ihrer Haltung entsprachen. Um eine Haltung aufzugeben, brauchen Menschen viel stärkere Evidenz, als um sie zu behalten.

Der Confirmation Bias bedeutet generalisiert, dass wir das, was wir glauben, immer wieder wissenschaftlich oder medial bestätigt finden, die dagegen sprechenden Informationen aber immer für unseriös oder unwissenschaftlich halten. Zudem erinnern wir uns an das, was unsere Haltungen belegt, viel besser und vergessen Einwände dagegen. Das spielt gerade in politischen Diskussionen eine große Rolle, es ist auch eine Erklärung dafür, weshalb u.a. rechts-konservative PolitikerInnen Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen und ignorieren, wie z.B. Chris Mooney in seinen Forschungen gezeigt hat.

Konservatives Denken in der Forschung

Ich habe an dieser Stelle bereits zwei Erklärungsmodelle für konservatives Denken besprochen – gemeint ist immer die amerikanische Ausprägung, in der Konservative Republikaner sind und sich insbesondere für einen kleinen Staat, hohe Militärausgaben und gegen eine gesellschaftliche Liberalisierung aussprechen.

Die beiden Erklärungsmodelle gingen von folgenden Ansätzen aus:

  1. Konservative mögen Stabilität – im psychologischen Sinne, aber auch innerhalb ihrer (oft religiösen) Gemeinschaften. Sie ziehen deshalb ihre Vorstellungen wissenschaftlich erwiesenen Fakten vor. Das die These von Chris Mooney.
  2. Konservative haben einen andere moralische Einstellung, ihnen sind andere Werte wichtig als nicht-konservativen Menschen. Das die These von Jonathan Haidt.

Wie Heise Online in einer Zusammenfassung einer Studie von Scott Eidelman et al. (Titel: »Low-Effort Thought Promotes Political Conservatism«)
berichtet, hat eine psychologische Studie eine alternative These verifiziert. Die Studie geht von drei Schlüsselmerkmalen des konservativen Denkens aus:

  1. Verhalten wird meisten auf persönliche Verantwortung zurückgeführt und ignoriert andere Einflüsse.
  2. Konservative akzeptieren Hierarchien und Statusunterschiede und halten sie aufrecht.
  3. Konservative ziehen den status quo einer Veränderung vor und mögen das Bekannte lieber als das Neue.

Davon ausgehend wird nun folgende These empirisch geprüft (ich zitiere den deutschen Artikel von von Florian Rötzer):

Die These ist schlicht die, dass geringe Denkleistungen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen, sondern an der Oberfläche stehen bleiben, Konservativismus produzieren sollen, der sich u.a. durch persönliche anstatt systemische oder gesellschaftliche Verantwortung, Akzeptanz von Hierarchien und die Vorliebe für den Status quo auszeichnet. Das würde bedeuten, dass Anhänger von konservativen Parteien eher zur Denkfaulheit neigen, aber auch, dass die konservative Politik entsprechend intellektuell bescheiden formuliert wird.

Die dahinter stehenden Untersuchungen involvierten immer Stress, Zeitdruck oder Alkoholeinfluss, mit denen gründliches Nachdenken bei einem Teil der untersuchten Personen verhindert wurde. Kein anderer Faktor als die Möglichkeit, vertieft nachzudenken, konnte eine konservative Haltung gleich gut erklären.

Der Teleopolis-Artikel bei Heise schliesst versöhnlicher:

Möglicherweise kommt der Konservatismus der Anforderung nach, unter Bedingungen der Unsicherheit und der Bedrohung einfache Antworten zu geben. Die Psychologen wollen auf jeden Fall klar stellen, dass anstrengungsloses Denken den Konservatismus verstärke, was aber nicht hieße, dass Konservative notwendig nur flüchtig und oberflächlich dächten oder sich darauf verließen. Vermutlich seien die konservativen Denkweisen „elementar, normal oder auch natürlich“, so dass es eine primäre, unreflektierte oder reflexhafte Neigung dazu geben könnte, die durch größere Nachdenklichkeit – oder Aufklärung – verändert würde, sofern die Mühen des Denkens auf sich genommen werden.

Handeln die Wählerinnen und Wähler von rechtskonservativen Parteien gegen ihre Interessen?

Vor zwei Monaten habe ich über die Arbeiten von Chris Mooney geschrieben, der erklärt, dass Wählerinnen und Wähler der amerikanischen Republikaner häufig die Realität verkennen und belegte wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, weil es ihnen Stabilität (z.B. in einer Glaubensgemeinschaft) wichtiger ist als die korrekte Darstellung von Tatsachen.

Jonathan Haidt forscht an der University of Virginia und an der New York University über »Moral Foundations Theory« – und analysiert die Differenz zwischen konservativen und liberalen Wählerinnen und Wählern in den USA von einem anderen Standpunkt aus, wie er in einem lesenswerten Artikel im Guardian und in seinem Buch, The Righteous Mind, darlegt.

Seine Theorie basiert auf der Annahme, Moral bestünde aus sechs Polpaaren:

  1. Fürsorge – Schaden
  2. Fairness – Betrügen
  3. Freiheit – Unterdrückung
  4. Loyalität – Betrug (in einem anderen Sinne als bei 2.)
  5. Autorität – Unterordnung
  6. »Heiligkeit« (Dinge als unantastbar betrachten, nicht nur im religiösen Sinne) – Erniedrigung

Auf yourmorals.org kann man den eigenen moralischen Kompass testen. Haidt tut das, indem er verschiedene Fragen stellt, bei denen es immer darum geht zu sagen, wie viel Geld man erhalten müsse, um eine bestimmte Handlung auszuführen:

Das führt zu einer Darstellung der eigenen Moral, die man wohl besser in einem Smartspider präsentieren würde:

Der grüne Balken sind »meine« Resultate, der blaue der von Liberalen (Linken) und der rechte der von Konservativen (Rechten).

Haidts Folgerungen sind nun folgende:

Konservative haben höhere moralische Standards in den Bereichen Autorität, Loyalität und »Heiligkeit«/Reinheit. Er spricht davon, dass sich Moral wohl ähnlich verhalten wie die Geschmacksempfindungen auf der Zunge – d.h. wir nehmen verschiedene Geschmacksrichtungen war, können sie unterscheiden und bevorzugen. Damit erklärt er nun das Wahlverhalten von Menschen, die Politikerinnen und Politiker wählen, die ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit Schaden zufügen:

Many commentators on the left have embraced some version of the duping hypothesis: the Republican party dupes people into voting against their economic interests by triggering outrage on cultural issues. „Vote for us and we’ll protect the American flag!“ say the Republicans. „We’ll make English the official language of the United States! And most importantly, we’ll prevent gay people from threatening your marriage when they … marry! Along the way we’ll cut taxes on the rich, cut benefits for the poor, and allow industries to dump their waste into your drinking water, but never mind that. Only we can protect you from gay, Spanish-speaking flag-burners!“

Diese »duping hypothesis«, also die Hypothese, rechtskonservative Parteien würden ihre Wählerschaft täuschen und mit Tricks dazu bringen, ihre Interessen zu vergessen, widerlegt Haidt, indem er darauf hinweist, dass diese Wählerschaft andere Präferenzen hat: Sie ist bereit, die wirtschaftlichen Schäden in Kauf zu nehmen, weil sie besonderen Wert auf Autorität, Loyalität und die »Heiligkeit« von z.B. nationalen Werten legt.

* * *

Meine Meinung: Ich finde Haidts Ansatz deshalb spannend, weil er eine Wahl als eine Entscheidung auffasst und zeigen kann, welche Interessen gegeneinander abgewogen werden. Natürlich basieren diese Entscheidungen häufig auf einer falschen Einschätzung der Realität – worauf Mooney hinweist. Gemeinsam ist beiden Ansätzen, dass Rechtskonservative sich dadurch auszeichnen, dass sie eine Glaubensgemeinschaft bilden. Will man sie von anderen Positionen überzeugen, muss man über ihren Glauben argumentieren: Ihnen zeigen, dass sie loyal bleiben, wenn sie sich anders entscheiden.

* * *

Zusatz 12. Juni 2012: Im Freitag erscheint heute eine Kritik an Haidts Buch. Darin bemängelt George Monbiot, dass Haidt keine Belege für das Wahlverhalten der Bevölkerung anführe. Konkret: Psychologisch mag Haidt Recht haben, politisch liegt er daneben, weil heute zum Beispiel in den USA mehr Menschen aus sozial tieferen Schichten Demokraten wählen, aber insgesamt weniger abstimmten gehen. Monbiots Fazit:

Wenn Haidt und seine Bewunderer Recht hätten, bestünde die richtige Strategie für Labour, die US-Demokraten und andere ehemals fortschrittliche Parteien darin, sogar noch weiter nach rechts zu schwenken. Wenn aber das Problem in Wahrheit nicht darin besteht, dass die abhängig Beschäftigten ihre Wahlpräferenzen gerändert haben, sondern dass sie überhaupt nicht mehr wählen gehen, weil sie zwischen den ihnen offerierten politischen Angeboten keinen Unterschied erkennen, besteht das richtige politische Rezept im genauen Gegenteil: Wieder weiter nach links zu rücken und nicht „Ordnung und nationale Größe“ in den Vordergrund zu stellen, sondern Fürsorge und wirtschaftliche Gerechtigkeit.

Wie Konservative denken: Die Tendenz zur Ignoranz

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney, der erklärt, weshalb Menschen nicht an wissenschaftliche Erkenntnisse glauben, präsentiert in einem Essay auf MotherJones Auszüge aus einem Buch über das Denken der Republikaner –
The Republican Brain: The Science of Why They Deny Science – and Reality. Im Folgenden fasse ich seine Erkenntnisse kurz zusammen und beziehe sie auf die Situation in der Schweiz.

Dabei möchte ich zunächst anmerken, dass ich die Vermessung der schweizerischen Politik im Schema »rechts – links« für problematisch halte. Alle seriösen wissenschaftlichen Methoden führen weitere Dimensionen ein, die aber im öffentlichen Diskurs kaum je verwendet werden. Labels wie »bürgerlich« oder »liberal« zeichnen sich dadurch aus, dass sie ständig neu definiert werden. Mir scheint, gerade die Dimension »progressiv/offen – konservativ« verdiene mehr Beachtung. Tatsächlich ist die SVP z.B. in ihrer Staatsskepsis keine besonders bürgerliche oder liberale Partei, sondern letztlich eine konservative. Damit ließen sich einige Widersprüche erklären – z.B. das Festhalten an einer staatlichen Landwirtschaftsförderung und einer großen Armee, während man krampfhaft versucht, Staatsausgaben und Steuereinnahmen zu senken.

Um Konservative geht es Mooney. Er zeigt detailliert, dass politisch aktive Republikaner die Wahrheit bewusst ignorieren: Sei es in einem wissenschaftlichen, einem wirtschaftlichen oder einem historischen Kontext. So gibt es führende Republikaner, die nicht das nicht nur in Bezug auf die Klimaerwärmung und Obamas Geburtsort tun, sondern z.B. auch in Bezug auf die Relativitätstheorie, von der die Conservapedia, die konservative Ausgabe der Wikipedia, behauptet, sie sei experimentell widerlegt – unter anderem mit einem Verweis auf Bibelstellen.

Diese Ignoranz erklärt Mooney nun auf zwei Arten. Er hält zunächst fest, dass es sich nicht um eine Frage der Intelligenz handle, dass praktisch ausschließlich Republikaner an Phänomene glauben, die wissenschaftlich erwiesenermassen falsch sind. Die Gründe dafür, so Mooney, seien:

  1. Eine Phase der gesellschaftlichen Liberalisierung in den USA habe die Werte von religiösen Interessensgruppen bedroht. Die vehemente Reaktion dieser religiösen Konservativen habe dazu geführt, dass andere Gruppen innerhalb der Republikaner auf diese Stimmen angewiesen waren und sich mit ihnen verbündet hätten.
    Gleichzeitig begannen viele Firmen die Republikaner mit Geld von ihren Interessen zu überzeugen, so dass wiederum ideologische Widersprüche, aber gemeinsame Interessen entstanden seien.
  2. Die bedeutsamere Konsequenz ist aber die psychologische: Konservativ werden Menschen, denen Stabilität wichtig ist, im sozialen, politischen und religiösen Kontext. Sie mögen Vertrautes und hassen neue Erfahrungen und Veränderungen. Wenn sie argumentieren, dann nicht, um der Wahrheit gerecht zu werden, sondern um das zu verteidigen, woran sie glauben: Ihre Familie, ihr »Stamm«, ihre Ideologie.

Diese psychologische Betrachtungsweise, so Mooney, ist die Schwäche der progressiven Politikerinnen und Politiker: Sie handeln so, als wäre es möglich, durch Argumente die Einstellung von Konservativen zu ändern. Für die wäre gerade eine Änderung ihrer Haltung psychologisch so etwas wie ein Verrat, ein Versagen.

Kehren wir zurück zur Schweiz. Die Tendenz, Fakten zu negieren, macht sich meiner Meinung nach auch hier breit: So wird z.B. im Fall Hildebrand heute noch von konservativer Seite aus so getan, als habe sich der ehemalige Präsident der Nationalbank gesetzwidrig verhalten – was nachweislich nicht der Fall ist. Als Beispiel eignet sich auch die Rechtsgleichheit: Die Vorstellung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind (oder sein sollen), ist eine aufklärerische – also eine progressive, linke Vorstellung. Sie ist nach allen Vorstellungen von Gerechtigkeit gerecht. Und dennoch gibt es viele Bereiche, in denen Konservative in der Schweiz diese Vorstellung ablehnen (Ausschaffungsinitiative, Einbürgerungen etc.).

Mooney Konsequenz wäre, dass man keine Energie darauf verschwenden sollte, Konservative argumentativ zu überzeugen. In Diskussionen über die Minarettinitiative hatte ich den größten Erfolg, wenn ich darauf verwiesen habe, dass die Minarettinitiative unschweizerisch sei. Dafür hatte ich ein paar gute Sätze und Begründungen bereit, auch wenn mir nicht klar ist, was »schweizerisch« bedeuten soll.

Die konservative Haltung zeigt sich in den drei berühmten Bürokratie-Maximen:

  1. »Das haben wir schon immer so gemacht!«
  2. »Das haben wir noch nie so gemacht!«
  3. »Da könnte ja jeder kommen.«

Wer darauf entgegnet: »Aber das sind doch keine guten Argumente!«, der verkennt, dass es auf gute Argumente nicht ankommt.

* * *

Nachtrag, 2. April 2012: 

Beat Habegger wies mich in einer Diskussion auf Twitter darauf hin, dass die oben skizzierte konservative Haltung in verschiedenen politischen Lagern vorkommt:

Damit bin ich grundsätzlich einverstanden: Auch innerhalb der Schweizer Linken gibt es die Tendenz, gewisse Strukturen erhalten zu wollen und Argumente zu suchen, mit denen das gelingt. Damit geht die Bereitschaft einher, relevante Fakten auszublenden oder abzuschwächen.

Darüber hinaus zeigt die Diskussion mit Beat Habegger, dass in der konkreten politischen Praxis selten Fakten selbst Thema der Diskussion sind, sondern die Folgerungen aus der Betrachtung von Fakten eine Rolle spielen. Politische Forderungen sind dabei selten direktes Abbild eines Realitätsverständnisses, sondern immer auch mit anderen Haltungen, Überzeugungen und Annahmen vermischt.

Mooney hat aber direkt die Haltung in Bezug auf Fakten überprüft: Denken Menschen, Obama sei in Kenya geboren? Denken sie, Abtreibung sei eine Ursache von Brustkrebs? Denken sie, Mediziner seien der Ansicht, Abtreibung führe zu Brustkrebs? –  Das sind Beispiele, bei denen sich klar angeben lässt, was die Wahrheit ist (wobei natürlich immer die Möglichkeit besteht, dass man sich täuscht).

Fazit wäre: Konservative gibt es in allen politischen Lagern. Aber – das meine Behauptung – die konservative Rechte weist die größte Dichte an Argumenten auf, die nicht primär eine optimale Reaktion auf die Wirklichkeit beabsichtigen, sondern aus konservativen Überzeugungen resultieren.  

Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney hat einen sensationellen Artikel für MotherJones verfasst: The Science of Why We Don’t Believe in Science. (Chris Mooney bloggt übrigens auf The Intersection.) Er beantwortet darin die Frage, warum sich Menschen nicht auf wissenschaftliche erhärtete Erkenntnisse einlassen und lieber weiter an etwas glauben, was sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt.

Als Amerikaner bezieht sich Mooney auf die klassischen Beispiele, mit welchen sich die amerikanische Politik beschäftigt:

  • Klimaerwärmung
  • Irakkrieg im Zusammenhang mit der Frage
    a) ob Hussein Massenvernichtungswaffen besessen habe
    b) ob Hussein mit den 9/11-Anschlägen etwas zu tun gehabt habe
  • Evolution vs. Kreationismus
  • Geburtsort und Glaube von Obama
  • Wirksamkeit der Todesstrafe
  • Anti-Impf-Bewegung

Es ist Mooney zugute zu halten, dass er nicht nur Beispiele anschaut, bei welchen die traditionell gläubigen Republikaner unwissenschaftlich argumentieren, sondern (z.B. bei der Impffrage) auch den irrationalen Skeptizismus der Linken unter die Lupe nimmt. Die wesentlichen Erkenntnisse von Mooney sind nun:

1. Wie Überzeugungen wirken.

Wenn wir von etwas überzeugt sind, so werden wir Fakten, die unseren Überzeugungen widersprechen, entweder ignorieren oder die Quellen dieser Fakten für unglaubwürdig halten oder die Fakten direkt bezweifeln. Wir verhalten uns in Bezug auf Überzeugungen wie Sekten, die an den Weltuntergang an einem bestimmten Datum glauben: Selbst wenn dieser Weltuntergang nicht eintritt, führt das nicht dazu, dass sie ihren Glauben abschütteln.

Konkret heißt das: Experten, die eine andere Haltung vertreten als unsere, schätzen wir als unglaubwürdiger ein als solche, welche unsere Haltung stärken. Wir bezweifeln Statistiken, welche unsere Überzeugungen untergraben – und glauben auch unseriösen Studien, welche unsere Überzeugungen stützen.

2. Psychologie der Überzeugungen.

Es gibt grundsätzlich drei Gründe, die dazu führen, dass wir uns so verhalten:

Erstens tendieren wir aufgrund von unbewussten Faktoren wie Emotionen dazu, Sachverhalte einzuschätzen, bevor wir vernünftig über sie nachdenken. Dieses Nachdenken ist dann eher ein Prozess, der dazu führt, unsere subjekten Einschätzungen zu stützen. In anderen Worten: Wir denken eigentlich nie unvoreingenommen nach, sondern wissen unbewusst immer schon, was wir herausfinden möchten. Mooney verwendet Beispiele aus dem Beziehungsbereich: Eltern glauben aus Liebe zu ihren Kindern nie daran, dass diese andere Kinder mobben – auch wenn alle Fakten bzw. Fremdurteile dafür sprechen.

Zweitens haben wir unsere Haltungen langfristig aufgebaut. Diese Investition von Ressourcen muss sich lohnen. Würden wir alles, was wir glauben, ständig hinterfragen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, wären wir fast ausschließlich mit dem Hinterfragen beschäftigt – und entsprechend verunsichert und orientierungslos.

Drittens definieren uns unsere Haltungen. Es mag irrational erscheinen, wenn Sektenmitglieder an den Weltuntergang auch dann glauben, wenn er nicht eingetreten ist. Aber dadurch definieren sie sich als Sektenmitglieder – sie gehören gerade deshalb zur Sekte. Wenn nun ein Homöopath an der Wirksamkeit der Homöopathie zu zweifeln glaubt, führt das nicht nur zu einer Kritik an seinem früheren Verhalten (auch von außen), sondern auch zu einer Erschütterung vieler Beziehungen, letztlich zu einer starken sozialen Belastung – es mag also durchaus rational für ihn sein, weiterhin an etwas zu glauben, woran er – nach wissenschaftlichem Maßstab – nicht glauben sollte.

3. Die Konsequenzen.

Mooney gibt auch eine Empfehlung ab, wie mit diesem Problem (z.B. in den Medien) umgegangen werden könnte. Die wichtigste Idee ist, dass die Fakten alleine wenig wirksam sind. Um Leute zu überzeugen, muss man mit Haltungen und oder Werten argumentieren, welchen mit ihren eigenen Haltungen und Werten zumindest teilweise übereinstimmen. Man müsste also beispielsweise Leuten, welche an den Zusammenhang zwischen harten Strafen und Sicherheit glauben, ein Narrativ anbieten, das beim Wert der Sicherheit ansetzt und zeigt, dass eine Alternative eine bessere Umsetzung dieser Werthaltung ermöglicht – oder aber Autoritätspersonen beziehen, welche für Haltungen und Werte stehen und für vernünftige Argumente zugänglich sind. Diese Aufgabe betrifft insbesondere Medien. (Mooney verweist auf diese Studie.)

4. Der politische Aspekt.

Wie einleitend schon erwähnt, untersucht Mooney konservative (rechte) und progressive (linke) politische Bewegungen in Bezug auf Überzeugungen. Dazu macht er drei spannende Aussagen (die ich hier vereinfacht wiedergebe):

  • Rechte und linke Überzeugungen unterliegen den oben beschriebenen Effekten – sie entsprechen de facto Glaubenssystemen.
  • Rechte Überzeugungen werden in der Konfrontation mit gegenteiligen Fakten nicht schwächer – sondern gar stärker. Diese Verstärkung lässt sich bei linken Überzeugungen nicht nachweisen (»backfire effect«).
  • Dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechende Haltungen findet man nur bei rechten BerufspolitikerInnen, nicht aber bei Linken (z.B. gibt es in den USA keine DemokratInnen, welche an unwissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Krankheiten glauben, aber viele RepublikanerInnen, welche wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Klimaerwärmung bestreiten).