Schweigen ohne zu schweigen

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
— Ludwig Wittgenstein, Tractatus

Diese Tage sind in Basel und im Wallis viele Menschen gestorben und verletzt worden. Bei vielen Menschen (und auch Medien) stellt sich darauf hin das Gefühl der Sprachlosigkeit ein: Ein Gefühl, das aber nicht in Schweigen resultiert, sondern im Ausweichen auf eine Meta-Ebene. So sagte der belgische Premierminister Elio Di Rupo:

Wenn man einen Angehörigen verliert, ist es dramatisch. Wenn man ein Kind verliert, gibt es keine Worte.

Offenbar doch. Das ist nicht spitzfindig, sondern zeigt, dass das Bedürfnis, etwas zu sagen, stärker ist, als das Bedürfnis, zu schweigen.

Das hat verschiedene Gründe:

  • An einer Pressekonferenz muss man etwas sagen.
  • Eine Zeitung muss erscheinen.
  • Man möchte seine Gefühle ausdrücken.

Blick-Titel vom 15. März 2012.

Einige dieser Gründe mögen verständlich sein. Andere nicht: Wenn Zeitungen wie der Blick mit dem Leid von Menschen Geld verdienen, fällt die moralische Beurteilung nicht schwer. Wenn zudem dieses scheinbar zurückhaltende Titelbild mit medienethisch hochproblematischen Abbildungen der Opfer und der rücksichtslosen Ausschlachtung des Leids der Angehörigen kontrastiert, ist das an Zynismus kaum zu steigern.

Ich möchte für zwei Vorgehensweisen plädieren:

  1. Versuchen, über seine Gefühle zu sprechen. Worte zu finden, auch wenn es nicht leicht fällt.      oder
  2. Schweigen.

 

Update: Beschwerde beim Presserat (»Petarden«-Kampagne)

Der Presserat hat auf die von mir formulierte Beschwerde reagiert und seine Stellungnahme veröffentlich, sie kann hier abgerufen werden.

Hier die Schlüsselpassage:

Hingegen erscheint die Art und Weise, in der «Blick» systematisch das private Umfeld des Verunfallten durchleuchtet, WG-Kollegen, Arbeitgeber und Eltern kontaktiert hat, in der Summe als unverhältnismässig und übersteigt deshalb nach Auffassung des Presserats das berufsethisch Zulässige. Zumal die Publikation des mageren Rechercheergebnisses wie oben ausgeführt nicht im öffentlichen Interesse lag, sondern bloss die öffentliche Neugier befriedigte und dazu diente, den Verunfallten und seine Angehörigen an den Pranger zu stellen. Entsprechend wäre «Blick» zumindest verpflichtet gewesen, vor der Veröffentlichung der Informationen über das private Umfeld des Verunfallten nochmals sorgfältig zwischen Schutz der Privatsphäre der Betroffenen und dem öffentlichen Interesse an der Berichterstattung abzuwägen.

Die Beschwerde wurde teilweise gut geheißen, d.h. der Presserat sieht beim Vorgehen der Ringier-Publikationen keinen Verstoss gegen Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten (Menschenwürde und Opferschutz), aber eine der Ziffer 7 (Privatsphäre und identifizierende Berichterstattung).

15 Minuten Berühmtheit

Nicht genug, dass die Medienreaktionen auf die Presseratsbeschwerde zur Blick-Berichterstattung in der Petardenkampagne mit einem persönlichen Portrait im Regionalteil der AZ (pdf) wohl ihren Abschluss gefunden hat – in der letzten Woche stand mein Name auch noch in der FAZ, als Aufhänger für eine Rezension eines Bandes, in dem ein Aufsatz von mir publiziert worden ist (pdf des Aufsatzes):

[Für wissenschaftliche Publikationen – die bei mir nicht sonderlich zahlreich sind – habe ich mir ein Google Scholar Profil angelegt, wie das Ali empfohlen hat.]

Die »Petarden-Trottel«-Kampagne – ein Fall für den Presserat?


Der Blick bzw. Benny Epstein inszeniert diese Boulevard-Kampagne der übelsten Sorte. Worum geht es? Die NZZ schreibt:

Mit Petardenwürfen haben einige der rund 700 mitgereisten Fans des FC Zürich am Donnerstagabend beim Auswärtsspiel im Römer Stadio Olimpico gegen Lazio Rom für Aufruhr gesorgt. Einem Anhänger der Zürcher explodierte eine Petarde in der Hand. Er zog sich dabei schwere, jedoch nicht lebensgefährliche Verletzungen an der Hand zu. Wie eine Sprecherin der Römer Polizei auf Anfrage sagte, verlor er aber mehrere Finger. Zurzeit befindet er sich noch in Spitalpflege. […]

[D]er Klub [kenne] mittlerweile den Namen des Petardenwerfers. Die italienische Polizei ermittle nun gegen ihn wegen Verstosses gegen das Sprengstoffgesetz. Er dürfte deswegen auch Schwierigkeiten mit der Ausreise aus Italien bekommen […]. Zudem wurde der Mann mit einem dreijährigen Stadionverbot in Italien belegt.

Kurz gesagt: Der Mann hat gegen italienische Gesetze verstossen, einen Unfall erlitten, wurde schwer verletzt und juristisch belangt. Der Fall ist abgeschlossen; der FCZ wird wohl auch ein Stadionverbot in der Schweiz gegen ihn aussprechen.

Doch das hindert Benny Epstein nicht daran, den Mann an den Pranger zu stellen, Photos von ihm zu publizieren und seinen Arbeitgeber und seine Eltern zu belästigen:

20111112-065613.jpgDie »Recherchen« bzw. Belästigungen von Epstein sind so sinnlos wie unergiebig. Hier die Highlights:

BLICK versucht, den FCZ-Fan bei der Arbeit zu erreichen. Am Telefon sagt ein Arbeitskollege: «Er ist nicht da, er ist verunfallt.»

Jetzt könnten seine Eltern Stellung nehmen. «Wir haben den Anwalt schon eingeschaltet», sagt Vater Fredy. «Wir sagen nichts. Komm jetzt, Fredy», wiegelt Mutter Monika ab. Der Vater will offenbar reden. Doch kaum beginnt er damit, fällt ihm die Mutter ins Wort: «Fredy, so wie wir es besprochen haben: freundlich, aber bestimmt. Lass uns gehen!» 37 Minuten waren sie in der Wohnung ihres Sohnes.

Der Artikel verlinkt sogar auf das »Mazda«-Dossier von Blick, weil die Eltern einen Mazda fahren.

Wir stellen uns vor: Epstein steht vor der WG des Vernunfallten und wartet genau 37 Minuten, bis die Eltern rauskommen und ihm nicht sagen. Das hindert ihn nicht daran, den Beruf des Vaters herauszufinden und damit diese unsägliche Geschichte im Konjunktiv II zu konstruieren.

Herr Epstein sei der Paragraph 7 aus der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten zur Lektüre empfohlen. Dort steht:

[Die Journalistinnen und Journalisten] respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.

Ich bezweifle, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, mit welchen Worten die Eltern dem Reporter mitgeteilt haben, dass sie ihm nichts zu sagen haben, welches Auto sie fahren und was ein Mitarbeiter am Telefon genau gesagt hat.

In diesem Sinne wäre es wahrscheinlich hilfreich für Herrn Epstein, der Presserat würde ihm das auch mitteilen. »Das ist kein Journalismus, das ist Hetze«, schreibt Daniel Ryser bei Nation of Swine.

Update 10. November:

  • Epstein macht auch heute weiter (vierter Artikel), spekuliert ohne Fakten über eine mögliche Arbeitslosigkeit, juristische Folgen und gar einen IV-Antrag (und dessen Beurteilung). Ich verlinke nicht darauf.
  • Daniel Ryser interviewt Peer Teuwsen, Chef der Schweizer Abteilung von Die Zeit, auf Nation of Swine:

    Und dann ist es ja nicht einmal so, dass es irgendwas zur Problemlösung beitragen würde. «Blick tut was», das ist das Motto. Es ist die Sündenbock-Theorie. «Jetzt haben wir endlich einen. Und den machen wir jetzt so richtig fertig». Man will dem Leser den Eindruck geben, es passiere etwas. «Wenn schon der Staat versagt, dann machen wenigstens wir etwas», soll die Botschaft sein. Es ist eine Verkennung der Rolle und ein massives Überschreiten journalistischer Grenzen.

 

Die Weltwoche als KMU – eine iApp als Geschäftsmodell

Apps sind – wie die FAZ im »Netzökonom«-Blog darlegt – ein »Übergangsphänomen«: In der Zukunft werden Inhalte nicht in Programmen dargestellt, die nur auf spezifischen Plattformen laufen, sondern im Internet – so dass man von jeder Plattform darauf zugreifen kann.

Gleichwohl steigt die Weltwoche ins App-Business ein und lanciert nach dem Tages-Anzeiger, dem Blick und der NZZ auch eine iPhone-App. Das Spezielle daran: Während der Blick alle Inhalte gegen eine Monatsgebühr zur Verfügung stellt (inklusive pdf-Download), der Tagi eine Gratis-App anbietet und die NZZ zwar nicht die ganze Ausgabe in der App abbildet, aber sehr viel Content in der App abrufbar ist – hält die Weltwoche ihren Paywall auch in der App aufrecht: Obwohl die App stolze 5.50 kostet. Sprich: Für 5.50 kann ich die wenigen schlechten online-Texte lesen und zusehen, wie Köppel seine »Eloquenz«  seinen Nonsense (immer wieder lustig und so »bloggig«, das Durchstreichen von Wörtern, oder?) in Videokommentaren verbreitet. Alle anderen Texte sind nur Abonnenten zugänglich – die also zusätzlich zu ihrem Abo 5.50 zahlen müssen, um ihr Abo auch aufs iPhone auszudehnen.

Nicht, dass irgendjemand die Weltwoche lesen möchte, der sie nicht jetzt schon liest, also handelt es sich auch um kein Problem. Aber die wirtschaftliche Logik ist zumindest fragwürdig. Auf meine Nachfrage schreibt die Weltwoche per Twitter:

Weil wir als KMU uns diesen Kanal nur leisten können, wenn er auch Einnahmen hat, und die iApp ein grosses Kundenbedürfnis ist.

Offenbar hat da jemand einen Auftrag bekommen, das Kundenbedürfnis abzuschätzen und dann gerechnet, wie viel einen Informatiker die iApp kostet, dividiert und voilà: 5.50. (Eine iPad-App wird es nicht geben, weil eben: Kein Kundenbedürfnis oder sich das nicht rechnet. Wie einfach es gewesen wäre, gleich auch ein Angebot in groß, sprich eine universale App zu basteln, kann ich nur vermuten: Sehr einfach.)

Aber die finanziellen Nöte der Weltwoche haben mich dann doch noch etwas zum Schmunzeln gebracht, vor allem weil es in der Beschreibung der App heißt:

Die Weltwoche ist das einzige unabhängige Polit- und Themenmagazin der Schweiz.

So unabhängig, dass sie nicht einmal sagen muss, welcher SVP-Exponent Köppel das Geld gegeben hat, um die Weltwoche ideologisch ganz nach rechts-außen zu rücken.

Update: Um noch etwas Konstruktives anzumerken – so würde ich vorgehen:

  • Die Kosten für die App auf die Abogebühr vom nächsten Jahr daraufschlagen – und eine Gratis-App veröffentlichen (Mehrwert für Abonnenten, viele Downloads von Interessierten).
  • Die App gratis anbieten und einzelne Ausgaben (oder Texte) für Nicht-Abonnenten als In-App-Purchase anbieten und die Sache so finanzieren.