Zu Journalismus, Blogs, PR und Marketing

Vor einer Woche hat die Swisscom eine neue App lanciert. Im Vorfeld haben die Verantwortlichen zusammen mit der PR-Agentur Farner Bloggerinnen und Blogger der Schweiz an einen exklusiven Event eingeladen: Ein aufwändig verpacktes Guetsli wurde verschickt, exklusive Tests und Informationen wurden versprochen, am Anlass selber gabs offenbar Bier und T-Shirts.

Einerseits: Eine nette Idee. Das Leben als Blogger ist nicht sonderlich grandios: Da arbeitet man in der Freizeit viel und muss sich oft rechtfertigen, warum man das Internet mit seiner Meinung füllt. Da tut es gut, mal ein paar Kohlenhydrate zugeschickt zu bekommen oder sich an einem Anlass mit Gleichgesinnten beim Bier unterhalten zu können.

Andererseits: Leicht durchschaubar. Bloggerinnen und Blogger sind Influencer, wie Farner selber schreibt: Nicht, weil ihre Texte in der Schweiz von vielen gelesen würden, beileibe nicht, sondern weil sie technikaffin sind und in ihrem Umfeld wohl sowas wie Power User – wenn die die Swisscom-App installieren, dann tun das wohl viele in ihrem Umfeld auch.

Soviel zur Ausgangslage. Ich war auch eingeladen, konnte aber nicht hingehen. Hätte ich hingehen können, hätte ich auch kritische Fragen gestellt und, wenn ich etwas Interessantes zu schreiben gewusst hätte, darüber geschrieben. Marketing gibts in meinem Blog nicht.

Das Guetsli war nämlich auch zerbrochen.

* * *

Nun hat sich übers Wochenende aber noch eine Diskussion ergeben: Barnaby Skinner schreibt in der Sonntagszeitung darüber, dass die Swisscom es zusammen mit Farner geschafft habe, kritische Bloggerinnen und Blogger zu »Komplizen« zu machen; Jean-Claude Frick kontert auf seinem Blog:

Natürlich sind einige Blogger käuflich. Eine schicke Einladung, ein netter Talk und man schreibt gerne positiv über das Erlebte. Andererseits geht es den Journalisten genau gleich.

Obwohl ich die Argumentation, dass Käuflichkeit unumgänglich sei und kritische Distanz irgendwie nicht sauber möglich, nicht für besonders stark halte, denke ich, Frick trifft einen wunden Punkt. (Letztlich geht es ja auch um ein Bewusstsein, wie viel das, was man selber leistet, wert ist – und ich weiß z.B., dass mir Unternehmen rund 150 Franken für einen Blogbeitrag mit Links zahlen: Warum sollte ich diese Leistung für ein Guetsli und ein Bier verschenken?)

Der wunde Punkt ist, dass die Grenzen zwischen Marketing und redaktionellen Beiträgen komplett zu verschwinden drohen. Mir macht nicht der Blogger Kyburz Angst, dessen Blogpost natürlich reine, unkritische Werbung ist – Menschen dürfen und sollen ins Netz schreiben, was sie wollen, auch wenn sie Fans von Produkten sind.

Aber wenn der Blick am Abend am selben Tag eine Zeitung produziert, in der die erste drei Seiten reine Werbung für das Swisscom-Produkt sind, dann nimmt mit einfach Wunder, wie viel Farner und die Swisscom dafür bezahlt haben (und wenn nicht, wie Riniger dazu kommt, diese Seiten zu verschenken).

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(In derselben Ausgabe gibts dann noch mal zwei Seiten Werbung, die als redaktioneller Beitrag verkauft wird. Da kommt es auf ein paar unkritische Bloggerinnen und Blogger nicht an…)Bildschirmfoto 2013-07-01 um 09.25.21

Die Wirkung von Homöopathie

Heute wurde einer meiner Tweets im Sonntag in der Rubrik »Tweets der Woche« abgedruckt:

Zunächst gilt dazu zu sagen, dass ich anders als beim Verweis auf meinen Tweet im Blick am Abend (siehe Bild unten) vom Sonntag nicht gefragt worden bin, ob mein Tweet abgedruckt werden sollte – obwohl für mich absolut klar ist, dass Social Media-Einträge von Privatpersonen nicht öffentlich sind und nicht ohne das Einverständnis des Verfassers abgedruckt werden dürfen.

Blick am Abend, 29. August 2012, S. 4f.

Anders als beim Hinweis auf Amazon hätte ich im Falle der Homöopathie gerne auf einen Abdruck verzichtet. Der Tweet war als Diskussionsanstoss gedacht. Er scheint zu besagen, dass ich ein homöopathische Medikamente als wirkungsvolle Alternative zu schulmedizinischen Präparaten betrachte. Dabei ist eigentlich das Gegenteil der Fall:

Ich halte homöopathische Präparate für chemisch wirkungslos: Globuli wirken wie Traubenzucker und Tropfen wie Wasser. Aber: Die Präparate können psychologische Wirkungen entfalten, die beachtlich sind. Der vermeintliche Giftanschlag im Briefverteilzentrum von letzter Woche, in dessen Anschluss mehrere Personen medizinischer Pflege bedurften, obwohl sie allenfalls in Kontakt mit Backpulver gekommen waren, zeigt eben deutlich, wie viele unserer Symptome nicht direkt auf chemische Prozesse in unserem Körper zurückzuführen sind. Schmerzen sind mit medizinischen Methoden nur eingeschränkt diagnostizierbar und behandelbar.

Homöopathische Medikamente haben aufgrund des Placebo-Effekts eine Wirkung auf viele Menschen. Dieser Effekt besteht, so wird in diesem spannenden Artikel genauer dargelegt, aus drei Faktoren:

  1. Die Erwartungshaltung.
  2. Bewusste oder unbewusste Lernprozesse.
  3. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

Wer also Wasser oder Traubenzucker einnimmt und sich davon eine Wirkung verspricht, diese Wirkung bereits erfahren hat oder die Medikamente von einer Ärztin bekommt, der er vertraut, mit der er gute Gespräche führt etc. dann wirken auch Wasser und Traubenzucker.

Das Paradoxe daran ist, dass Homöopathie gerade weil die damit arbeitenden Ärztinnen und Ärzte nicht zugeben, dass es sich um Wasser und Traubenzucker handelt, den Placebo-Effekt so nutzen können, wie es die Schulmedizin nicht darf: Es ist ethisch nicht legitimierbar, Patientinnen und Patienten zu täuschen; auch wenn sie dadurch eine Schmerzlinderung oder Symptomheilung erfahren könnten.

Fazit: Homöopathie wirkt zwar »nur« wegen des Placebo-Effekts – dieser darf aber nicht unterschätzt werden. Der Fall im Postzentrum von letzter Woche ist dasselbe, einfach mit umgekehrten Vorzeichen, man spricht dann vom »Nocebo-Effekt«.

Die exklusiven Google-Daten im »Blick am Abend«

Im Blick am Abend kann man täglich die »Top 3 Google« »Sieger der letzten 24 Stunden« lesen. Das sah in den letzten Ausgaben so aus:

Ich interpretiere das so: Entweder haben diese Suchbegriffe am meisten Anfragen erhalten in den letzten 24 Stunden, oder aber am meisten Zuwachs an Anfragen.

Joel Steinmann hat im Februar bereits den Verdacht geäußert, die Daten seien »gefakt«. Darauf reagiert der Blick am Abend in einer Notiz:

Jedermann kann Google Insight benutzen und nach den meistgesuchten Begriffen suchen – allerdings ist der kleinste Zeitraum 7 Tage. Uns stellt Google aber exklusiv die Ergebnisse der letzten 24 Stunden zur Verfügung.

Innerhalb dieses kleinen Zeitraums ist es daher eher möglich dass irgendwelche Begriffe nach oben gespült werden, die über einen längeren Zeitraum keinen Bestand haben. Dazu gehören oft TV-Sendungen, Aktualitäten – und Themen, die gerade in Medien aufgegriffen werden.

Tatsächlich zeigen die letzten sieben Tage ein deutlich anderes Bild auf Google Insights:

»Gaddafi« taucht in keiner der möglichen Schreibweisen bei Blick am Abend auf, auch »Carla Bruni« nicht. Tatsächlich kann man grafisch auch einzelne Tage auswerten, was ich einmal gemacht habe:

Der »Hallwilerseelauf«, der es in den letzten Tagen zwei Mal unter die Top3 geschafft haben soll, wird im Vergleich mit Facebook (aber auch Smartvote) praktisch nicht gegooglet.

Die Frage, die ich auf Twitter gestellt habe, also noch einmal: Auf welche Daten bezieht sich der »Blick am Abend« genau? Und warum gibt Google an eine Zeitung Daten, die das Unternehmen aber nicht veröffentlicht? Die Frage geht also an Ringier und an Google – schön wäre es, wenn einer der beiden Partner die Daten von einem beliebigen Tag 2011 veröffentlichen könnte, so dass verifiziert werden kann, dass es sich tatsächlich um die drei Topbegriffe handelt. Ansonsten könnte man ja auf die Idee kommen, dass Felix Gutzwiller nicht ganz zufällig zuoberst auf der Liste steht, so kurz vor den Ständeratswahlen… 

Update 21:30:

Eben merke ich, dass in den Kommentaren zu Joel Steinmanns Post eine Email von Google an den Blick am Abend gepostet wurde – von Thomas Benkoe. Dort könnte man das also nachvollziehen. Offenbar wurde in der Schweiz 24 Stunden lang am meisten nach »facebook.ch« gesucht. Schwer zu glauben, aber möglich ist es natürlich…

Ringier-Interna: Offene Mail an Helmut-Maria Glogger

Offenbar ist auch im Hause Ringier nicht jeder Journalist (und jede Journalistin) begeistert über den begeisterten Blick am Abend-Mailer Glogger. Letzte Woche ist es nun offenbar »ein klein wenig eskaliert«, wie mir zugetragen worden ist.

Das Resultat ist dieses Mail von einem Ringier-Journi an Glogger (und alle anderen JournalistInnen bei Ringier) – das ich gerne hier publiziere:

Sehr geehrter Herr Glogger

Warum habt ihr brillanten Journalisten eigentlich so grosse Angst vor uns nichtsnutzigen Journalisten, die sich ihrer Meinung gar nicht so nennen dürften (wie Sie das vorhin so fein formuliert haben)?

Es behauptet schliesslich niemand, wir würden investigativen Journalimus betreiben. Unser Job ist es News an den Leser zu bringen. Schnell und multimedial. Und wenn Sie das nicht als Arbeit bezeichnen,  wie eben vorhin in unserer kurzen Unterhaltung, dann möchte ich Sie gerne dazu auffordern, unseren Job nur eine Woche lang zu erledigen. Wobei ich – bei allem Respekt – glaube, dass Sie weder technisch dazu fähig wären, noch dem geforderten Tempo standhalten könnten.

Auf der anderen Seite fragen wir „Copy-Paste-Journalisten“ uns, wo das packende, inspirierende, famos formulierte Material unserer hausinternen Edelfedern erscheint? Wider Ihrer Theorie, werter Herr Glogger, lesen wir durchaus ab und zu Zeitungen und Magazine, was selbst uns dümmliche Wesen, die erstaunlicherweise doch fast alle studiert haben, befähigt, journalistische Qualität zu beurteilen. Ergo fragen wir uns in boshaften Momenten: Rechtfertigt die gezeigte Leistung unserer Diven, dass die einen im Newsroom unter Hochdruck und in Schichtarbeit Artikel raushauen, während andere eine Woche Zeit haben für ihre Werke?

Im Normalfall wollen wir unsere Arbeit nicht mit der Ihren gleichstellen. Hin und wieder überkommt uns etwas Neid. Gerne würden auch wir besseren Journalismus betreiben, gewissenhafter recherchieren und unsere Texte vor der Publikation nochmals überarbeiten oder gar einen Rewriter hinzuziehen. Doch dieser Luxus wird uns nicht gewährt. So ist der Deal. Und wir akzeptieren das – offensichtlich im Gegensatz zu Ihnen.

Also, lassen Sie mich meine Einstiegsfrage nochmals – etwas bodenständiger und meinem Niveau entsprechender – stellen: Was ist genau Ihr Problem, Herr Glogger? Weshalb reden Sie bei jeder Gelegenheit uns und unsere Arbeit schlecht?

Hochachtungsvoll, XY*

* – der Name des Absenders/der Absenderin ist mir bekannt.

Gratiszeitungen und Gratisarbeit – und ein Geschäftsmodell

Nicole Bürki alias @nicaeli hat nun schon vier Wochen lang eine Kolumne im Blick am Abend geschrieben. Für sie eine Chance, ein großes Publikum zu finden – für den Blick am Abend Gratisarbeit.

Da soll man wohl locker blieben, es der Nicole und ihren LeserInnen gönnen, oder?

Oder vielleicht kurz darüber nachdenken, dass das bedeutet, dass eine Gratiszeitung eigentlich auch von ihren LeserInnen gemacht werden könnte? (Und die Arbeit der professionellen JournalistInnen sich also durch nichts von der von Laien abhebt – sie also eigentlich auch kein Gehalt brauchen…)

Ein bisschen Twitter einfügen, ein paar Blogposts kopieren, Kolumnen gratis schreiben lassen, ein paar sda-Kurzmeldungen einfügen: Fertig ist das von LeserInnen gemachte Blatt.

Das wäre auch schon das Geschäftsmodell gewesen. Und vielleicht die Zukunft.

Helmut-Maria Glogger und seine »Schnellschüsse«

Wie schlecht unser Erinnerungsvermögen an und für sich ist, zeigt sich nicht nur, wenn wir auf die Schnelle sagen sollen, wer an der letzten WM im Halbfinal stand und wie die Partien ausgingen – sondern auch, wenn wir uns vorstellen müssen, was für Gebäude vor Neubauten in uns bekannten Städten standen – oder was im Blick am Abend vor Helmut-Maria Gloggers Kolumne auf der Rückseite zu lesen war (ah, jetzt fällts mir ein: Dieser Michèle Roten-Abklatsch von einer Frau, die ewige brünstig so tat, als gäbe es sie…).

Ein paar Worte zu »Glogger mailt«: Generell keine schlechte Idee. (Aber auch keine neue: Dasselbe tut Franz Josef Wagner mit seiner Kolumne „Post von Wagner“ in der „Bild“-Zeitung seit längerem.) Man beauftrage einen »Journalisten«, der – so vermute ich – auch persönlich ein unangenehmer Zeitgenosse ist, in Text und Bild ein absolutes Arschloch zu geben; am liebsten auf der politisch inkorrekten Gender-Ausländer-Weltwoche-Seite. Das kann man dann wahlweise »Provokation«, »Satire« oder »das sagen, was alle denken, aber nicht zu sagen wagen« nennen – und voilà: Billig ist die letzte Seite gefüllt, denn verdienen darf so ein Journalist nicht wirklich viel.

Ab und zu resultiert das dann auch in einer Presseratsbeschwerde, die dann auch gutgeheißen wird (Beschwerde durch Daniel Binswanger) – wobei die Verteidigungsstrategie des Blick am Abend bemerkenswert ist:

Die Leserschaft der Gratiszeitung nehme die Kolumne «Glogger mailt …» als «Schnellschuss» war und nicht als «tiefschürfende, hochreflexive und differenzierte Auseinandersetzung mit einem Kernproblem der Gegenwart». Insofern seien der Inhalt und die Haltung «ohne Anspruch auf Verbindlichkeit für andere».

Sprich: Was da steht, ist blanker Nonsense und die Leserschaft weiß das auch. (Vielleicht dürfte man dann fragen: Warum publiziert man denn diese »Schnellschüsse«?) — Glogger selbst reagiert – wie zu erwarten war – dümmlich.

Hier noch ein paar weitere Reaktionen auf die Mails von Glogger – und, auch wenns nichts nützt, noch einmal die Bitte an den Blick am Abend: Lasst doch einen Schimpansen zufällig auf ein Keyboard tippen und veröffentlich davon so viele Zeichen, wie ihr braucht. Glogger könnte eure Zeitungen sicher auch in die Kästen füllen oder die nicht gelesenen abholen oder so.

P.S.: Noch diese Frage sei erlaubt: Heißt der Mann wirklich »Helmut-Maria« oder nennt er sich einfach so?