Die Bedeutung von Ostern

Ich bin kein religiöser Mensch. Auf viele schwierige Fragen habe ich keine bessere Antwort als »Ich weiß es nicht.« Ich kann damit besser umgehen als mit Erzählungen, an die man glauben könnte.

Diesen Erzählungen – das habe ich vor einer Weile schon festgehalten – sollte man meiner Meinung nach mit Respekt begegnen. Zunächst, weil sie für viele Menschen eine große Bedeutung haben; dann, weil sie eine lange Tradition haben und in den Dörfern und Städten, die wir bewohnen, während Jahrhunderten gelesen, gehört und besprochen worden sind – und zuletzt, weil es gute Geschichten sind, über die man nur dann sprechen kann, wenn man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat.

Dazu gehört auch die Ostergeschichte. Selbstverständlich kann man da historische Fragezeichen (FB-Link) setzen, kann eine Aufhebung von Tanzverboten fordern (müsste aber konsequenterweise auch eine Aufhebung der Freitage dazunehmen) oder sich darüber lustig machen, dass ein allmächtiger Gott seinen Sohn ans Kreuz nageln lässt, um ihn dann wieder auferstehen zu lassen.

Matthias Grünewald: Detail des Isenheimer Altars. Musée d'Unterlinden, Colmar. Wikimedia.

Diese Aussage von Lutz Fischer-Lamprecht (bzw. seiner Frau) war auf Twitter Gegenstand einer längeren Diskussion. Die Frage war, ob man eine Geschichte wie die Ostergeschichte erklären und verstehen kann. Meine Meinung: Man kann die Geschichte zumindest interpretieren; also erklären, wie man sie selbst versteht. Hier meine Interpretation:

  1. Zunächst ist die Geschichte die Geschichte eines Wunders. Ein Mensch stirbt und aufersteht. Dieses Wunder zeichnet Gott aus (seine Existenz könne sich mit Wundern gar beweisen lassen) – und es zeichnet Jesus aus.
  2. Dann ist es eine Geschichte vom Tod – und damit von der Angst vor dem Tod, dem Leiden vor und während dem Tod. Sie sagt uns: Es ist ungerecht, dass wir leiden und streben müssen. Und: Diese Religion kann damit umgehen, sie bietet Leidenden und Sterbenden Trost an.
  3. Es ist auch eine Abgrenzungsgeschichte: Jesus ist der christliche Messias, den die anderen, die Un- oder Falschgläubigen, in ihrer Ignoranz getötet haben. Das zeichnet uns aus, deshalb gehören wir zusammen. (Das waren die einfachen Punkte.)
  4. Dann geht es ja um den symbolischen Wert des Sterbens von Jesus: Sein Tod führt dazu, dass unsere Sünden vergeben werden. Das ist generell sehr unlogisch: Wenn unsere Sünden zunächst Sünden gegenüber Gott wären, dann könnte Gott die Sünden ja einfach vergeben. In seiner Allgütigkeit und Allmächtigkeit würde ihm das auch nicht besonders schwer fallen, könnte man annehmen. Er hätte sowas wie einen Regenbogen schicken können und einen fähigen Propheten und der hätte uns dann verkünden können, dass diese Erscheinung ein Zeichen dafür sei, dass unsere Sünden vergeben sind. Aber nein: Gott lässt seinen eigenen Sohn umbringen, dem das ganz und gar nicht gefällt. (Da kommen dann Erinnerungen hoch an das Menschenopfer, das derselbe Gott von Abraham verlangt hat, seine ungerechte Bestrafung von Adam und Eva (die haben einen Apfel gegessen) etc.
    Ich verstehe diesen Teil so: Vergebung ist etwas Irrationales und psychologisch Diffiziles. Weder sollte ich mir selbst dafür vergeben, dass ich anderen einen Schaden zugefügt habe (oder mir selbst) – noch sollte ich anderen für die Schäden vergeben, die sie mir selbst zugefügt haben. Menschen brauchen auch im 21. Jahrhundert noch Strafen, von denen sie wissen, dass sie nichts nützen. Sie sehen sich nach Rache etc. Sie handeln nach der Logik des Talion: Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Natürlich in einem etwas abstrakteren Sinne – aber Vergebung ist nicht Teil der menschlichen Handlungsweise.
    Der offensichtliche Verstoss Gottes gegen jegliche Logik und jegliche Psychologie durch das Opfer seines Sohnes (den er zudem nicht einmal richtig opfert, sondern eben auferstehen lässt) zeigt uns, dass wir zur Vergebung nur mit einer anderen Logik gelangen. Auch wir müssen (symbolische) Opfer bringen, um uns selbst und anderen vergeben zu können für das, was uns angetan wurde.

Das ist die Aussage, die mir an Ostern gefällt, die ich von der Geschichte mitnehmen (es gäbe sicher viele weitere, das es auch viele Figuren gibt, die ich gar nicht erwähnt habe). Die Aufforderung, für Vergebung zu arbeiten, das Wissen, dass Vergebung nichts Einfaches ist. Ich denke, man kann das auch einfach sagen – aber Geschichten transportieren eine solche Botschaft kraftvoller.
P.S. In eine ähnliche Richtung wie meine geht die Deutung von Zizek in „Gnadenlose Liebe“ (pdf).

»Lässliche Sünden«

In einer Rezension von Eva Menasses neuem Erzählband, Lässliche Todsünden, heißt es heute in der NZZ:

Damit bestätigen Menasses Texte Beobachtungen des deutschen Soziologen Gerhard Schulze, dem in «Die Sünde» (2006) die Lehre von der Abtötung des Fleisches im Dienste des Seelenheils als Kontrastmittel diente, um den westlichen Lebensstil kenntlich zu machen, und der veränderte Bezugspunkte konstatierte: Heute sündigt man nicht mehr gegen Gott, sondern gegen die anderen oder sich selbst.

Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Schon nur die Frage, was denn eine »lässliche Sünde« sei, gibt einiges her. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es:

Die Sünden sind nach ihrer Schwere zu beurteilen. Die schon in der Schrift erkennbare [Vgl. 1 Joh 6,16-17] Unterscheidung zwischen Todsünde und läßlicher Sünde wurde von der Überlieferung der Kirche übernommen. Die Erfahrung der Menschen bestätigt sie.

Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen durch einen schweren Verstoß gegen das Gesetz Gottes. In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor.

Die läßliche Sünde läßt die Liebe bestehen, verstößt aber gegen sie und verletzt sie. […]

Eine läßliche Sünde begeht, wer in einer nicht schwerwiegenden Materie eine Vorschrift des Sittengesetzes verletzt oder das Sittengesetz zwar in einer schwerwiegenden Materie, aber ohne volle Kenntnis oder volle Zustimmung übertritt.

Die Definition der schwerwiegenden Sünde (Verstoß gegen 10 Gebote), also der Todsünde, formuliert sehr schön den Zusammenhang zwischen einem Verstoß gegen »das Gesetz Gottes« und der Wirkung, der Zerstörung der »Liebe im Herzen des Menschen«. Während der Theorie von Schulze zu sagen scheint, dass man in der Moderne nicht mehr gegen Gottes Gesetz verstoßen könne, sondern nur noch gegen individuelle oder soziale Normen, also immer noch die »Liebe im Herzen« – entweder bei sich selber oder bei anderen – zerstören könne, unterläuft Manesses Titel den Zusammenhang zwischen der Art des Verstoßes und der Schwere des Vertoßes: Und Todsünden werden läßlich.

Das der interessante Befund. Dazu zwei Bemerkungen:

  1. »Die Erfahrung der Menschen«, so der Katechismus, bestätige die Unterscheidung der Sünden. Und ja – das ist auch ohne Glauben noch so. Sünden, die man vergeben kann, für die man sich entschuldigen kann – sind lässlich. Alle anderen nicht. Und wie ich an dieser Stelle immer wieder betont habe, lässt sich eine Gesellschaft an den Verfahren beurteilen, die sie Umgang mit nicht-lässlichen Sünden entwickelt hat und praktiziert.
  2. Der individuelle oder soziale Bezugrahmen ist für die Beurteilung von Sünden deshalb problematisch, weil er a) zu klein gehalten ist und b) die Natur nicht berücksichtigt. Mit dem Auto anstatt mit dem öffentlichen Verkehr zu fahren scheint wenn überhaupt eine Sünde eine läßliche zu sein. Man verletzt weder sich selber noch einen anderen Menschen – verbraucht aber unnötig Ressourcen und schädigt die Umwelt irreversibel; ohne deswegen moralisch belangt werden zu können (oder sich selber zu belangen).
    Auch die Auslagerung von Armut und Zwangsarbeit und whatnot in Entwicklungsländer erfüllt nicht den Tatbestand einer Sünde: Weil man davon gar nichts mitbekommt und diese Menschen nicht in einem sozialen Bezugsrahmen stehen, dem wir uns verpflichtet fühlen.