Jeden Tag kommentieren – »a comment a day«

Die Medienwissenschaftlerin Jana Herwig hat die Aktion »a comment a day« ins Leben gerufen:

Sowie einmal am Tag in den saueren Apfel beißen gut ist für die Gesundheit, so werde ich jetzt einmal am Tag reintauchen in das Schlachtfeld der rechtskonservativen Schwadronage und meine Meinung hinterlassen.

Ich glaube es ist meine Pflicht als Webbürgerin, mich online zu Wort zu melden. Deshalb äußern wir, das heißt ich und wer immer sich anA comment a day beteiligen will, uns seit zwei Wochen in den Onlineforen von Tageszeitungen und hinterlassen täglich einen Kommentar gegen rechtslastige Meinungen, die da verbreitet werden. Das heißt wir widersprechen dem ausländerfeindlichen Konsens, der sich in einigen Foren ausgebreitet hat. [Quelle]

Ich beteilige mich an dieser Aktion und werde hier meine Kommentare dokumentieren. Falls ich einmal einen Tag keinen Kommentar hinterlassen kann, werde ich das nachholen. Kommentare sind hier möglich – wenn möglich bitte mit Datumsangabe.

10. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
Intellektuelle fühlen sich in der Schweiz zunehmend angefeindet

Es geht hier nicht um einen Kampf – sondern darum, dass Intellektuelle und KünstlerInnen für das respektiert werden, was sie können: Zusammenhänge überdenken, Visionen gestalten, nachdenken. Es gibt nicht nur linke Intellektuelle – aber es gibt nur von der rechten Seite die Bemühung, Intellektuelle lächerlich zu machen. Blocher, Mörgeli, Köppel: Intellektuelle, die tun, als wären sies nicht.

11. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
Deutschsprachige Kinder sind in Zürich erstmals in der Minderheit

Der Artikel zeigt sehr schön auf, weshalb die Perspektive auf die Differenz »AusländerInnen – SchweizerInnen« falsch ist – weil die Probleme aus der Differenz »soziale Schicht« entstehen. AusländerInnen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs ohne Perspektive. »Integration« bedingt vor allem, dass alle Menschen in der Schweiz eine hohe Lebensqualität genießen können – auch die sozial Schwachen.

12. September: [Blick.ch]
Muslime bremsen Schweizer Schüler aus

Pichard konstruiert ein Problem aufgrund der Religionszugehörigkeit. Sinnvoller wäre es, den sozialen Hintergrund der schwachen Lernenden zu betrachten: Biel ist eine Industriestadt mit vielen Arbeitsplätzen für schlecht qualifizierte Arbeitskräfte – welche oft MigrantInnen sind. Das Problem ist der tiefe soziale Stand, nicht die Religion und oder die Kultur.

13. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
In der Schweiz wird es eng

Man muss sich vor Augen halten, dass diese Form der wirtschaftlichen Entwicklung nicht zwingend nötig ist. Es wäre auch möglich, den wirtschaftlichen Aufschwung anderen zu überlassen – und sich einzuschränken: Weniger Wohnraum, weniger Mobilität, weniger Güter konsumieren – und dafür an Lebensqualität gewinnen. (Dabei spielt der AusländerInnenanteil keine Rolle – Austausch erhöht Lebensqualität!)

14. September: [Blick.ch]
Warum musste der Koch sterben?

Die ganze Geschichte – so tragisch sie ist – hat mit Ausländerkriminalität nichts zu tun. So lange es Menschen gibt, wird es solche geben, welche »schwierig« sind und ihren Weg nicht finden. So hart es ist, sich damit abzufinden: Man kann dagegen nichts machen.

15. September: [Nzz.ch]
Wulff fordert mehr Substanz in der Integrations-Debatte

übertragen auf die Schweiz…
Die Ausgrenzung von Minderheiten (Muslimen, IV-BezügerInnen, SozailhilfeempfängerInnen, Arbeitslosen) lässt sich in der Schweiz analog zu Deutschland beobachten. Was mit »Integration« oft als einseitiger Prozess beschrieben wird, ist in Wahrheit eben wie gefordert ein Aufeinander-Zugehen von verschiedensten Menschen. Dafür sollte mehr Energie aufgewendet werden als für das Besprechen von Bekleidungsvorschriften und Bauverboten.

16. September: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
»Erst wenn sie zusammenbrechen, merken Männer, dass sie noch leben«

Wer den Text liest, merkt, dass hier niemand irgendwem was vorschreiben will. Warum der Feminismus auch für »anti-feministische« Anliegen ist? Weil er gezeigt hat, dass Geschlechterrollen nicht fest sind. Es gibt nicht »den Mann«, der etwas Bestimmtes will – genau so wenig wie es »die Frau« gibt. Es gibt Menschen mit Bedürfnissen – und die sollen sie artikulieren und leben können.

20. September: [20Min.ch]
Wirtschaft kämpft nicht gegen SVP-Initiative

Kommentar folgt.

20. September
Aeppli plädiert für mehr Gerechtigkeit

Treffende Gedanken von Aeppli – aber schwierig in der Umsetzung. Bildung als ein Vehikel, mit dem sich soziale Differenzen überbrücken lassen, ist mehr und mehr in Gefahr. Es braucht jetzt Anstrengungen und Investitionen, um die Möglichkeiten der sozialen Mobilität nicht zu verlieren. Dafür braucht es durchmischte Schulklassen und eine Absage an die Tendenz, Kinder in Privatschulen zu schicken.

Mal wieder Lewinsky – oder wie der Tages-Anzeiger Ausländerfeindlichkeit schürt

Nach seinem brillanten Eidenbenz-Essay im Tages-Anzeiger, mit dem er die Minarettabstimmung kommentiert hatte, meldet sich Charles Lewinksy auch zur »Volksbefragung« der SVP zu Worte (so füllt man sie übrigens richtig aus).

Seine Aussagen sind durchaus vernünftig oder klar:

Einfache Argumente haben die Tendenz, das Richtige zu schlagen, wenn das Richtige kompliziert ist. Probleme zu analysieren, ist schwieriger.

Im Moment ist das Störende ausländisch oder islamistisch. Es wird immer eine Gruppe geben, die als Zielscheibe für einfache Antworten dient.

Man muss mit allen Mitteln die Integration fördern. Dazu braucht es Geld, aber auch eine gewisse Pflicht zur Integration.

Wir können nicht Leute ausgrenzen und gleichzeitig von ihnen Integration fordern.

Doch bis jemand ein Parteiprogramm entwirft, das ich zu hundert Prozent unterschreiben kann, werde ich zu alt sein, um noch den Kugelschreiber zu halten.

Absolut unerträglich ist aber das Interview. Daniel Foppa stellt nicht nur Fragen, die Lewinsky provozieren oder ihm die andere Seite seiner Argumentation vorhalten, sondern absolut tendenziös sind und Aussagen voraussetzen, die so nicht stimmen:

  1. Die SVP [greift] Probleme auf, die die Leute tatsächlich bewegen.
  2. Dann ganz ohne Bildungs- und Vereinfachungsdünkel gefragt: Wie soll man beispielsweise mit schlecht integrierten Ausländern umgehen?
  3. Die Minarett-Initiative war auch ein Votum gegen Parallelgesellschaften.
  4. Verwirkt ein krimineller Ausländer nicht sein Gastrecht?

Man stelle sich nun vor, wer dieses Interview liest (die Kommentarfunktion ist verdankenswerterweise abgeschaltet auf Newsnetz): Leute wie ich, die denken: Okay, Lewinsky, der hat wirklich was drauf, der bringts auf den Punkt. Und Leute wie Eidenbenz, die denken:

»Eben, die SVP behandelt schon die Probleme, mit denen ich mich auseinandersetzen sollte (1.), zum Beispiel die schlecht integrierten Ausländer, die es allenthalben gibt (2.), so dass es schon eine Reihe von Parallelgesellschaften gibt in der Schweiz (3.). Ausländer sind schließlich Gäste hier, Kriminelle gehören ausgeschafft (4.).«

Das ist ein Problem – diese Voraussetzungen, die Foppa macht. Das andere Problem ist die Agenda des Tages-Anzeigers, Sommerloch hin oder her – er greift gerade auf, was die SVP will, dass er aufgreift: Schlecht integrierte und kriminelle Ausländer verbunden mit der EU-Frage. Diese beiden Themen gehören nicht zusammen, aber die SVP unternimmt alles, dass eine negative Einstellung zur EU mit der Ausschaffungsinitiative und umgekehrt verbunden werden kann, weil sie sowohl bei der Ausschaffungsinitiative wie auch beim EU-Beitritt zahlreichen Argumente der Gegenseite rational nicht  begegnen kann.

Man würde sich wünschen, dass Lewinsky sagt: »Gibt es in der Schweiz schlecht integrierte AusländerInnen?« »Wo erleben Sie denn Parallelgesellschaften?«

(Dazu noch eine Statistik am Rande: Die NZZ berichtet zwar auch über den Basler Islamisten Osmanoglu, der seine Töchter nicht zum Schwimmen schickt, stellt seine Position aber als Einzelposition dar – und erwähnt, dass in Basel 7 von 1033 muslimischen PrimarschülerInnen dem Schwimmunterricht fernbleiben: Ein Problem also, das sieben Promille der Kinder betrifft.)