Eine Frage zur Sommerlochkampagne der APG – oder mal wieder über Frauen in der Politik

Die APG nutzt das Sommerloch bei den Plakatkunden dieses Jahr nicht für eine Spasskampagne, sondern um die Aufmerksamkeit auf die Wahlen von diesem Herbst zu lenken. Sie wirbt für Smartvote, wo man erfahren kann, welche Menschen man wählen soll, damit die eigenen Interessen möglichst wirkungsvoll vertreten werden. Soweit eine tolle Sache, wie sich die APG »für eine wählende Schweiz« einsetzt. (Nebenbei darf man auch sagen, dass sich die Politikerinnen und Politiker für eine etwas weniger stark von Werbung überzogene Schweiz einsetzten könnten – ich habe vor einer Weile gelesen, in keinem Land sei die Dichte von Werbung so groß wie in der Schweiz – ob das stimmt, weiß ich aber nicht…)

Das hier verwendete Bild weicht wohltuend von denen ab, die im Moment überall hängen: Denn das Bild besteht aus den Haaren von Brigitta Gadient (BDP), den Augen von Urs Schwaller (CVP), dem Mund und den Ohrringen von Maja Ingold (EVP) und dem Kinn und der Krawatte von Fulvio Pelli (FDP). Zwei Frauen, zwei Männer, vier Parteien – das passt.

In der ganzen Kampagne ist diese Ausgewogenheit jedoch nicht vorhanden. Die APG benutzt folgende Poltikerinnen und Politiker:

Christa Markwalder (FDP)
Maja Ingold (EVP)
Ursula Wyss (SP)
Brigitta Gadient (BDP)

Hans Grunder (BDP)
Christian Levrat (SP)
Ueli Leuenberger (Grüne)
Martin Bäumle (GLP)
Urs Schwaller (CVP)
Toni Brunner (SVP)
Caspar Baader (SVP)
Christophe Darbellay (CVP)
Antonio Hodgers (Grüne)
Fulvio Pelli (FDP)

Man merkt schnell: Die Parteien sind einigermassen ausgewogen vertreten (2 SVP, 2 BDP, 2 FDP, 2 CVP, 1 GLP, 1 EVP, 2 SP, 2 Grüne), die Regionen auch (4 Romands, 1 Tessiner, 1 Bünderin, 8 Deutschweizerinnen und -schweizer) – aber die Geschlechter nicht. Und das ist meine Frage: Wie kommt die APG im Jahre 2011 dazu, 10 Männer und 4 Frauen für eine Kampagne zu nutzen?

Wer jetzt sagt, das spielt doch keine Rolle, Frauen sind in der Politik auch vertreten, im Bundesrat stellen sie gar die Mehrheit und und und – der oder die vergisst, dass solche Bilder die Realität überlagern, sich festsetzen – und letztlich eine neue Realität schaffen. Eine Realität, in der Politiker Männer sind. Und ich frage mich, weshalb eine so mächtige Firma wie die APG sich ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht nicht bewusst ist. Und ich könnte mir vorstellen, dass es damit zu tun hat, dass weder im Verwaltungsrat noch im Management der APG Frauen vertreten sind. Die APG spricht mit ihrer Kampagne Frauen auch gar nicht an:

Zwei Zusätze:

  1. Die APG war ja auch der Gleichstellungskampagne der JUSO gegenüber sehr aufgeschlossen.
  2. @untrueandnew weist mich darauf hin, dass die APG genau den heutigen Verhältnissen im Nationalrat proportional folgt. Das stimmt: 70% des NR sind Männer, 30% Frauen.

 

 

 

Plakate – Minarette und Gott

Nun entscheiden also in der Schweiz Städte, Verlage und vielleicht auch die APG darüber, welche Plakate aufgehängt werden dürfen und welche nicht. Die grundsätzliche Fragen, wozu die öffentliche Hand ihren Boden hergibt (Werbung für beliebige Produkte scheint dabei unbedenklich zu sein) und was die Rolle von politischer Werbung überhaupt sein kann und soll, beliben dabei zunächst außen vor.
Lieber disktuiert der Tagi ausführlich darüber, ob das Plakat der Minarett-Initiative gedruckt werden kann/soll und von wem. Die TA Media überlässt den Entscheid den Verlagen, Newsnetz präsentiert das Plakat aber ohne jegliches Problembewusst sein gratis (wie auch die Tagesschau):
mina

Dazu noch der obligate Kurt Imhof in der BZ:

Und man müsste aufzeigen, dass die Medienresonanz auf das Plakat zum Medienpopulismus gehört, der den politischen Populismus befördert und der demokratischen Kultur wie dem Ansehen der Schweiz in der Welt schadet.

Zurück zu den beiden Fragen:

  1. Müssten nicht die von der Stadt der APG angeboteten Plakatstellen entweder alles zeigen, was sich im Rahmen des Gesetzes bewegt – oder dann einfach entfernt werden, weil sich der Staat nicht darüber finanzieren soll, was irgendwelche Leute auf irgendwelchen Plakaten darstellen wollen? Sollte Werbung nicht einfach etwas Privates sein?
  2. Politische Werbung könnte m.E. von heute auf morgen verboten werden. Werbung sollte auf den Ausgang politischer Entscheidungen keinen Einfluss haben. Die beiden Argumente
    a) so könnten sich oppositionelle Anliegen Raum verschaffen, ihre Anliegen zu präsentieren und
    b) so könnten komplizierte Sachfragen für alle Stimmberechtigten »runtergebrochen« werden
    kann ich nachvollziehen – sie könnten aber dadruch entkräftet werden, dass z.B. beiden Seiten ein Gefäss auf SF offeriert wird (gleich lang), dass die Broschüren halbiert werden und in ihrer Form offener werden etc. Es wäre auch möglich, dass Plakatwände auf öffentlichem Grund hälftig an beide Seiten für die Information abgegeben werden – so dass es letztlich keine Rolle mehr spielt, wer wie viel Geld aufwendet, um einen Wahlkampf zu gewinnen.