Datenjournalismus, Blogs und Vertrauen

Heute war ich auf Einladung von Orell Fuessli Wirtschaftsinformationen bei einer Tagung zu Datenjournalismus. Die drei Referenten haben drei Aspekte vorgestellt, die bei der journalistischen Arbeit mit Daten eine Rolle spielen:

  • Andreas Amsler hat über die Ziele des Vereins Open Data gesprochen: Es geht darum, bei Regierungsorganisationen ein Verständnis für den Wert von offenen Daten herzustellen und Journalistinnen und Journalisten auf die Möglichkeiten im Umgang mit solchen Daten hinzuweisen.
  • Michael Hermann hat gezeigt, welche Probleme sich bei der Verarbeitung und Visualisierung von Daten ergeben können, welche Entscheide und Kompetenzen nötig sind, um Daten sinngemäß und informativ darzustellen
  • Joseph Dreier hat konkrete Abläufe beim Einsatz von Datenjournalismus beschrieben.

Hier gibts die Slides zu den Referaten.

Nach einer kurzen Bemerkung, was Datenjournalismus für Blogs bedeuten kann, möchte ich in einer etwas allgemeineren Betrachtung fragen, wie und ob Datenjournalismus Vertrauen in Informationen herstellen kann.

Betrachten wir zuerst ein Beispiel von Newsnet:

Martin Andermatt habe seine Daten in »akribischer Arbeit« sammeln müssen, heißt im anschließend Interview. Folgende Schritte waren also nötig, um dieses Stück Datenjournalismus zu betreiben:

  1. Die Realität in Datensätzen abbilden.
  2. Diese Datensätze mit den relevanten Kategorien strukturieren.
  3. Die Datensätze präsentieren.
  4. Diese Präsentationen für das Vermitteln von Erklärungen, Geschichten, Zusammenhänge verbal kommentieren.

Andermatt tut 4. zum Beispiel wie folgt:

Weitschüsse trainieren bringt fast nichts mehr. Ich würde vielmehr im Training auf Spielformen im und um den Strafraum setzen.

Nun lässt sich fragen, ob dieser vier Arbeitsschritte, die alle sehr zeitaufwändig sind und spezielle Kompetenzen verlangen, für Blogger zu bewältigen sind. Ist es sinnvoll, wenn Blogs Datenjournalismus betreiben?

Meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine große Chance. Viele Daten sind nicht bearbeitet – sie sagen nichts, sie erzählen keine Geschichte. Diese Daten sind frei verfügbar und befinden sich unterhalb der Aufmerksamkeitsschwellen der etablierten Medien. Daraus ließen sich interessante Blogposts verfassen – auch mit einfachen Tools wie Excel oder Google Maps. Ließen sich – es gibt wenige Blogger in der Schweiz, die Daten genau studieren und sich nicht entlang bereits ausgewerteter Datenströme bewegen (als Ausnahme möchte ich Titus Sprenger nennen, der viele Daten sehr genau studiert und fundierte Beiträge schreibt). Wünschenswert wäre aber gerade auch die Aufbereitung sehr lokaler Themen – als Paradebeispiel die interaktive Karte der Süddeutschen Zeitung zur dritten Start- und Landebahn. Es wäre z.B. möglich, die Einzugsgebiete von Kindergärten und Schulen in eine Google Map einzuzeichnen, mit der Möglichkeit, dass Eltern Kommentare zu Schulwegen abgeben können (wo sind gefährliche Passagen, wer begleitet Kinder in den Kindergarten, in die Schule) etc. Sowas wäre wohl leicht für eine Gemeinde zu machen und für einen Blog ideal umsetzbar.

* * *

Zum Thema vertrauen: Joseph Dreier hat pauschal den Datenjournalismus als Möglichkeit bezeichnet, wie der Journalismus verlorenes Vertrauen zurückgewinnen könnte. Zunächst einmal ist mir nicht ganz klar, ob das Problem des Journalismus heute ein Vertrauensverlust ist – aber angenommen es wäre so: Ist dann Datenjournalismus ein Rezept dagegen?

Auf Newsnet sagt einer der Kommentierenden zur Infografik:

Und wieviele dieser Tore fielen durch stehende Bälle und nicht aus dem Spiel heraus ? Welches war das meist praktizierte System ? Wer wagte am meisten Distanzschüsse ? Wurde eher offensiv oder defensiv eingewechselt ? Ich freu mich auf die zu ergänzende Statistik.

Der Kommentar zeigt an, dass schon sehr früh Entscheide gefällt werden. Jeder der Schritte 1.-4. erfordert es, gewisse Aspekte auszublenden, auszuwählen, wegzulassen, zu übertreiben, zu verknappen, eine Tendenz zu betonen, eine andere zu vernachlässigen. Es gibt keine neutralen Daten und keine neutrale Darstellung von Daten, wie das Michael Hermann, der sehr souverän auf die Kritik der WoZ vom letzten Jahr reagiert, indem er sehr deutlich machte, dass bewusst Kategorien gewählt werden müssen, damit Daten etwas sagen.

Hier aber noch einmal die Kritik von Yves Wegelin im Wortlaut – der Vollständigkeit halber auch Hermanns Replik darauf:

Es ist bedenklich genug, dass viele Schweizer Medien mithilfe ihrer «Denkprothesen» («Die Zeit») Michael Hermann, Claude Longchamps und Konsorten die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten zunehmend durch deren Vermessung ersetzten. Die Abbildung solch verzerrter Politlandkarten kurz vor den Parlamentswahlen ritzt jedoch regelrecht an der Demokratie.

Ich ersetze nicht die Denkarbeit der Journalisten. Ich ergänze sie. Viele rufen mich an, um einfach ihre eigene Meinung gegenzuchecken. […] Ja, in einem gewissen Mass hängen meine Karten von meinen Einschätzungen ab – auch von Überzeugungen, wenn Sie so wollen.

Wo liegt das Problem? Infografiken wirken sehr überzeugend. Sie präsentieren, so scheint es, verknappt harte Fakten: »So ist es.« Dabei wird ausgeblendet, wie viele Interpretationsleistungen, Vereinfachungen und Selektionsprozesse der Entstehung einer solchen Grafik vorausgegangen sind. Es ist für den Leser schwierig, überprüfen zu können, ob grafisch dargestellte Zusammenhänge der Realität entsprechen oder wie dieser Realität lesbar gemacht worden ist.

Dazu ein Beispiel: Eine Infografik zu den Auswirkungen von Social Media auf das jugendliche Gehirn behauptet, die Aufmerksamkeitsspanne habe sich innert zehn Jahren von 12 Minuten auf fünf Sekunden verkürzt. Das ist nicht nur eine Aussage, die erheblich von Messmethoden, sozialen und kulturellen Faktoren abhängig ist, sondern die Aussage ist schlicht falsch: Die scheinbar zitierte Untersuchung spricht von einer Verkürzung von 12 Minuten auf 5 Minuten, nicht Sekunden – ein Fehler, der namhaften Bloggenden (1, 2, 3) entgangen ist. Das bedeutet: Wenn eine falsche und nicht bildlich dargestellte Aussage Kommunikationsprofis innerhalb einer Infografik nicht auffällt – was machen dann wohl Leserinnen und Leser mit grafischen Informationen? Sie können nicht überprüfen, ob sie falsch, tendenziös oder korrekt sind.

Das ideale Vorgehen wäre also eines, das jeden Schritt und jede Entscheidung innerhalb des Datenjournalismus-Prozess transparent dokumentiert:

  1. Diese Daten wurden so gesammelt.
  2. Wir haben aus diesen Gründen diese Kategorien ausgewählt.
  3. Die Präsentation fokussierte auf diese Aspekte und blendet andere aus.
  4. Diese alternativen Erklärungen haben wir aus diesen Gründen verworfen.

Das muss nicht in einer Zeitschrift oder einer Zeitung erfolgen – sondern könnte gut mit Links im Internet passieren, wo Interessierte die Korrektheit der Präsentation überprüfen könnten. So würde sichergestellt, dass das Vertrauen nicht auf visuellen Effekten, sondern auf sorgfältigem Umgang mit Daten beruht.

Abschließend ein interessantes Beispiel aus den Ausführungen von Joseph Dreier – gefunden in dieser Präsentation von Julian Ausserhofer (größer wenn geklickt):
 
Für die Einladung zur Tagung möchte ich mich an dieser Stelle noch ganz herzlich bedanken – es ist nicht selbstverständlich, dass Blogger beachtet und einbezogen werden!

Wie ich wähle – social media und die Nationalratswahlen 2011

Auf Politnetz beteilige ich mich gerade an einer spannenden Diskussion über die Frage, ob social media 2011 einen Einfluss auf die Nationalratswahlen habe. Meine Meinung: Nein.

2011 entscheidet Social Media nicht darüber, ob jemand gewählt wird oder nicht. Dass Social Media wichtig ist, ist m.E. auch im Marketing-Bereich eine self fulfilling prophecy, mit der BeraterInnen Geld verdienen, die sie aber nicht belegen können.
Social Media basiert auf Content, und dieser Content muss immer auch webbasiert sein. Diesen Content zu erstellen – das braucht viel Zeit. Man kann nicht einfach ein FB-Profil erstellen und hoffen, dass dann 10’000 Leute „like“ drücken und man Barack Obama wird. Ein FB-Profil braucht Inhalte, also Medienberichte, Videos, Blogposts etc. – auf die dann „Freunde“ reagieren können, mit denen dann ein Dialog entsteht.
Es wäre schön, die Politik in der Schweiz wäre 2011 abhängig von Themen, Inhalten und Diskussion. De facto entscheiden aber noch immer die Parteien und die Listenplatzierungen über Wahl oder Nicht-Wahl.
Ich schlage eine Untersuchung vor, die doch Politnetz gleich übernehmen könnte: Ich einem einigermaßen großen Kanton (z.B. Aargau) werden alle Kandidierenden bezüglich Social Media-Einsatz eingestuft, z.B. als „engagiert“, „präsent“ und „nicht-präsent“. Interessant wäre dann zu sehen, ob die „engagierten“ mehr Plätze gegenüber ihren Listenplätzen gut machen als die „nicht-präsenten“. Ich würde wetten: Das wird nicht der Fall sein.

Darauf hat Andreas Amsler geantwortet und behauptet, »Politik in der Schweiz ist abhängig von Themen, Meinungen und Köpfen […] genau in dieser Reihenfolge«.

Deshalb möchte ich kurz darlegen, wie ich wähle – und behaupten, dass sehr viele Menschen diesem Schema folgen:

  1. Aussortieren der nicht-wählbaren Parteien.
  2. Die restlichen Listen auf bekannte Personen durchsuchen: Unsympathische streichen, sympathische wählen.
  3. Die restlichen Stimmen verteilen sich auf:
    a) Smartspider-Übereinstimmungen
    b) Biographische Fakten wie Beruf (ich wähle z.B. ungern JuristInnen und gern HandwerkerInnen), Alter (lieber jung, aber nicht zu jung), Geschlecht (lieber Frauen als Männer).

Social media spielt  beim Punkt 2. eine Rolle: Ich kenne wählbare Personen von ihren Twitteraktivitäten. Aber ich bin eine Ausnahme: Ich kenne in meinem Real-Life-Umfeld keine Menschen, welche Twitter aktiv nutzen und nur wenige, die überhaupt wissen, was Twitter ist. Und die Chance, mir unsympathisch zu werden – trotz großem social media-Engagement – ist ebenfalls gegeben.