Sturmgewehr – nur noch an Ungefährliche

Foto: Fabian Biasio

Herr Maurer hat offenbar nachgedacht – und ist zum Schluß gekommen, »gefährlichen« Menschen keine Armeewaffe mehr auszuhändigen, oder nein, aushändigen schon, aber nicht mehr mit nach Hause geben. Nun könnte man daran beobachten, dass SVP-Politiker, sobald sie sich mit einer Materie wirklich auseinandersetzen, schnell zu den gleichen Schlüssen kommen wie ihre politischen Gegner (so z.B. auch Marcel Riesen beim Thema Jugendstrafrecht, obwohl da die Vernunft allen politischen Parteien etwas abhanden gekommen ist; oder auch die vorgeschlagene Verkleinerung der Armee, welche letztlich wohl auf eine Abschaffung der Wehrpflicht rausläuft).
Symptomatisch scheinen mir aber andere Aspekte zu sein:

  • Der Begründung der poltischen Rechten, warum die Gewehre mit nach Hause gegeben werden müssen, ist folgende:

    Die Schweiz ist eine freie Republik. Ausdruck unserer Freiheit ist die Tradition der Milizarmee. Der bewaffnete Bürgersoldat war schon in Griechenland Ausdruck des grossen Vertrauens, das der Staat seinen Bürgern entgegenbringt. [Quelle: Roger Köppel, Weltwoche]

  • Dieses Vertrauen des Staates in seine Bürger gilt offenbar nur eingeschränkt: Gefährlichen Bürgern vertraut der Staat nicht, sondern nur ungefährlichen. Ungefährlich heißt aber in dieser Denkart »noch nicht gefährlich«, denn die Gefährlichkeit eines Menschen zeigt sich ja dadurch, dass er eine Straftat begangen hat (oder eine Rechnung nicht bezahlt hat – denn Maurer möchte auch die Betreibungsregisterauszüge konsultieren, um auf die Gefährlichkeit einer Person schließen zu können).
  • Die ganze Massnahme ist ein weiterer Schritt im Wahn, unsere Gesellschaft müsste gefahrenfrei werden, indem gefährliche Elemente (und mit Elementen meint man Menschen) weggesperrt, entrechtet, identifiziert und markiert werden (evtl. in anderer Reihenfolge).
  • Und letztlich zeigt sie, dass das wahre Problem noch nicht verstanden worden ist: Wir brauchen keine Waffen. Niemand braucht eine Waffe. Weder zuhause, noch sonstwo. Wer zu seinem Vergnügen schießen will, kann das ja an einem Vergnüngsstand tun.
  • Gut, da habe ich wohl eine wichtige Funktion übersehen:

Alle paar Monate wieder

Linke »Chaoten« tauchen alle paar Monate prominent in den Schweizer Medien auf. Nicht ganz unverschuldet, aber ohne Reaktionen zu provozieren, die über einen Kommentar zur Strategie der Polizei (und damit einem Zuschieben des Schwarzen Peters), der Konstatierung einer Verniedlichung von Gewalttätigen durch linke Politikerinnen und Politiker oder Beschreibungen der Zerstörung und Opfer hinausgehen.

Die Formen von Gewalt werden als eine Art Naturphänomen behandelt, die auftauchen, mit denen man umgehen muss, ohne wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Ein Bild gewinnen die Chaoten in Beschreibungen als »Wohlstandsverwahrloste«, »Hooligans« und »Secondos«; womit Langeweile, Gewaltlust und Integrationsprobleme als Gründe für diese Gewalt implizit genannt werden.

Die Äusserungen von Chaoten, die der umtriebige Berner Polemiker Engeler in der Weltwoche zitiert, wonach Politik nichts bewirke, scheinen aber nicht so weit von den Tatsachen entfernt zu sein. Es liegt mir fern, zu sagen, solche Gewaltausbrüche werden direkt von dieser oder jener Gruppierung provoziert, auch die SVP, so schmeichelhaft es für sie vielleicht wäre, wenn sie so heftige Ausbrüche provozieren könnte, zeigt in den relevanten Punkten eine grenzenlose Naivität.

Eine Bereitschaft zu Gewalt in einem solchen Ausmass muss tiefer reichende Gründe haben. Sozialstudien, Vorlieben und andere Aspekte reichen nicht aus, um das Phänomen zu erfassen. Es handelt sich um gesellschaftliche Strukturen, die jenseits von aller politischen Beeinflussbarkeit liegen, unser Zusammenleben aber entscheidend beeinflussen. Gründe, warum fast alle Schweizer bereit sind, so viel zu arbeiten, dass ein ausgeglichenes Privatleben kaum möglich ist, liegen in einer verinnerlichten Disziplinierung, die ebenfalls beinhaltet, dass wir uns drei Mal täglich die Zähne putzen, den Abfall trennen und in die dritte Säule einzahlen. All diese Dinge, die uns erscheinen, als täten wir sie aus freien Stücken, beschränken und beschneiden unseren Alltag, ohne dass wir das wahrnehmen oder artikulieren könnten. Zähneputzen und Abfalltrennen an sich ist nichts Problematisches, aber eine Regulierung des Lebens in einem solchen Mass erzeugt Widerstände; die sich in keiner Form von Opposition äussern können.

Für gesellschaftliche Prozesse ist niemand verantwortlich zu machen. Der Chef setzt nur die Vorgaben des Managements um, das Management die des Verwaltungsrats, der die der Shareholder – und die sind wir alle, unsere Pensionskassen und ein paar andere; die aber nicht als eine Rendite wollen. Wenn niemand verantwortlich ist, ist auch niemand Ziel eines Widerstandes – und folglich gibt es ab und zu solche Entladungserscheinungen, wie sie alle paar Monate anzutreffen sind.

Weltwoche – es reicht

Ob ich zum letzten Mal über die Weltwoche schreibe, weiss ich noch nicht – im Moment kommt es mir aber so vor. Fast alles, was das Blatt bringt, habe ich satt:

  • Politische Aussagen, die auf Fallstudien beruhen. Ob Lehrer Bregy, Sozialhilfeempfänger XY samt Sachbearbeiter – immer werden Geschichten von Fällen erzählt, die keine allgemeinen Aussagen zulassen; aber so formuliert werden. Was dem konservativen Lehrer von den vordergründig netten, hintergründig hinterhältigen Schulverantwortlichen angetan wird, ist, so muss angenommen werden, die Schilderung eben dieses Lehrers, einseitig, verzerrt und nicht zu einer Analyse der pädagogischen Landschaft geeignet. In diese Kategorie gehört auch Mörgelis Kolumne, zu der man sich eigentlich nicht äussern muss, die aber als Denkanstoss nicht taugt, weil sie im besten Fall Klatsch und Tratsch und ab und zu eine Geschichte erzählt – aber zu nichts anstösst.
  • Lasch recherchierte, tendenziös zusammengeschriebene und gross angekündigte Artikel – sei es über Kalifornien (Beatrice Schlag will uns mitteilen, dass die alles können, wenn sie wollen, und zwar locker und auch den Umweltschutz) oder über die Partyszene in Zürich (schon allein die Formulierungs- und Rechtschreibfehler, dann auch wieder: Eine Gruppe von Partygängerinnen zeigt nicht nur die gesunde Haltung im Ausgang, die Oberflächlichkeit und Harmlosigkeit, sondern auch noch gleich die Politikverdrossenheit und die Haltung der Familie gegenüber der Jugend im Allgemeinen).
  • Die Nationalmannschaft. Yakin hat nicht gut gespielt, Streller ist wieder in der Schweiz – sowas interessiert die Leser des Blick Sportteils, aber nicht die einer Wochenzeitung mit (einem gewissen) Niveau. Man kann viel Intelligentes über die Nati schreiben, über Sport im Allgemeinen (siehe NZZ Sportteil), aber nicht so wie De Gregorio, der am liebsten selber ein Star wäre.
  • Politik: Auch hier muss man eigentlich nichts sagen, die Linie des Blattes ist bekannt, aber: Deswegen kann man es trotzdem lesen. Die NZZ verfolgt ebenfalls einen sturen politischen Kurs. Doch die Weltwoche provoziert um des Provozierens willen, verknappt, vereinfacht, unterschlägt und wiederholt Dinge so oft, bis man sie fast glauben muss.

Medienlese / -schelte

Anstatt einer Serie von Leserbriefen: Ein Blog-Eintrag.

1. Die Woz.
Eine ganz herausragende Zeitung. Intelligenter und kritischer als die Weltwoche, dazu subtiler und stilistisch fein. Links und rechts werden kritisiert, Argumente werden überprüft und die Inkonsequenz vieler Politiker ausgestellt – z.B. dass die SVP-Herren Rundstreckenrennen in der Schweiz zulassen wollen, damit die Schweiz „kein Sonderfall in Europa ist“.

2. NZZ Folio.
Auch das eine hervorragende Publikation – jeder Monat ein überraschendes Thema mit interessanten Blickwinkeln. Alles ist sauber recherchiert, vielfältig und gut geschrieben. Dafür würde ich auch zahlen.

3. Tagi-Magi.
Ich kann nicht anders, ich muss noch einmal etwas sagen:
a) In einer WOZ-Kolumne werden die Herren vom Magi MUCHs genannt – male urban chicken-hearted. Sag ich’s doch schon lang, erfrischend sowas.
b) Apropos chicken-hearted: Auf der Homepage kann sich nur äussern, wer ein Benutzerkonto erstellt. Wovor hat man da Angst? Und dafür muss dann auch geworben werden, auf einer ganzen Seite, und man darf mit einem Redaktor seiner Wahl essen gehen, wenn man der 100ste oder 200ste oder so ist. Wahrscheinlich sind alle scharf auf ein Essen mit – Guido Mingels.
c) Apropos male – da gibt es ja noch diese Frau mit der guten Sprache, wie mir unlängst jemand in einem Youtube-Kommentar mitteilte. Dazu nur soviel: Genausowenig wie jemand, die ein Wochenende in New York so tun muss, als sei sie dort bei den AAs angebaggert worden, genausowenig muss jemand, der ein paar Monate in Berlin war, so tun, als schreibe sie die deutsche Sprache progressiv. Beispiel gefällig: „Ein sehr okayes Alter“ oder dann auch „sondern in der Denke“. Sowas klingt dann in so einer Kolumne bescheiden gesagt – bemüht.
d) Max Küng versteht nicht, was eine Kolumne ist. Was er macht, ist eine Art Blog. Nur weil er den Abschnitten Nummern gibt, werden seine Texte nicht mehr zu einer Kolumne. Who cares, frage ich mich. Gelesen habe ich bisher nur etwa von McDonalds und Scrabble. Mehr will ich gar nicht wissen.

4. Weltwoche.
Wir wissen, wissen, wissen – dass es Individuen gibt, die viel Geld haben und trotzdem Sozialhilfe bekommen. Wirklich. Also bitte – nicht mehr schreiben. Denn ob es nun 5 sind, die einen BMW fahren, oder 3, die noch mit Drogen dealen – es ändert nichts an der Aussage, die gemacht ist.
Und: Politikerinnen-Bashing scheint bei den MUCHs der Weltwoche besonders im Trend zu liegen, diese Tage.

Wer bezahlt für Mediencontent?

Eben am Kiosk zwei Presseerzeugnisse gekauft, eines davon sieht so aus:Das andere fast noch schlimmer, es ist das amerikanische Wired, das mit neuem Layout beelendet, es scheint doch wieder möglich zu sein, verschiedene Schriftarten, -grössen, -stile und -farben auf einer Seite zu kombinieren. Aber darüber will ich mich gar nicht auslassen (ev. noch anmerken, dass das Layout der Weltwoche erfrischend klassisch daherkommt).
Viel mehr besteht dieses Heft „iPod&more“ aus Produkteinformationen. Nun könnte das ein Synonym für Werbung sein – doch die redaktionellen Inhalte, die in Form von Tipps oder harmlosen Tests daherkommen, können nicht von den Herstellern bezahlt worden sein, denn schliesslich kostet das dünne Heftchen (inkl. einer Promo-CD) fast 10 Franken.
Das Axiom moderner Medien, das besagt, der Konsument müsse für den Vertriebsaufwand aufkommen (Herstellung und Versand des Mediums), die Werbung für den Inhalt, scheint hier völlig ausser Kraft gesetzt worden zu sein. Ev., so mag man sich trösten, werden solche Zeitschriften auf dem Markt nicht lang bestehen können.
Wired kostet dann noch einmal 50% mehr, ist aber ein amerikanischer Import, gehaltvoll – wenn auch mit Werbung gespickt.

Mal wieder

So, nach längerer Stille, mal wieder was hier.
Kutti MC hat war einen unschlagbaren Artikel im züritipp über Snoop Dogg (der heute in Zürich ist) geschrieben und dann war ich auch noch in den Bergen, mit 55 Jugendlichen, einem Mietwagen und ein paar Dutzend Schokoeier – aber ich muss mich doch aufs Wesentliche konzentrieren: Auf Murat Yakin. Hab mir grad mal seine Homepage angesehen, dann auch gleich die von Haki und die von Muris Freundin Anja Müller (die Homepage hat die URL anjam.ch und trägt den Fenstertitel „layout“). Bin beeindruckt.
Aber zur eigentlichen Story: Muri schreibt in seiner Kolumne im heute, «Vogel ist ein kleiner, bösartiger Intrigant». Die Weltwoche schreibt daraufhin, 1. habe Yakin das nicht selbst geschrieben und 2. wisse er gar nicht, was in seiner Kolumne steht.
Worauf Yakin in heute dazu Stellung nimmt und dabei 1. zugibt, die Kolumne nicht selber zu schreiben und 2. sie auch nicht zu lesen, wenn sie fertig gedruckt ist. Er segne aber jedes Wort persönlich ab. Yakin ist ein gutes Beispiel für das Mass von Intelligenz, das nötig ist, um in Fussballkreisen Karriere zu machen. Man schaue sich mal Trainer vom Kaliber eines Ciriaco Sforza oder eines Rene van Eck an. Nicht zu vergessen Köbi Kuhn, sympathischerweise graubehaart, aber deswegen nicht schlauer, kommunikativer oder strategisch innovativer als oben Genannte.

Michael Manns Filme

Güzin Kar, die mittlerweile den Status einer Cervelatprominenten beanspruchen kann, Weltwoche sei Dank, meldete sich dort kürzlich zu Manns neuestem Film Miami Vice zu Wort (Zitat siehe unten).
Die beiden Filme stehen unter dem Motto „A man’s gotta do what a man’s gotta do…“ und zeigen, dass diese Männer auch noch Frauen haben – die, so sieht man, nicht ganz so begeistert sind, dass sich ihre Männer bis zur Sinnleere in ihre Aufgabe stürzen, irgend einen Gangster zu jagen, irgendwelche Millionen anzuhäufen – und sie ja was anderes machen würden, wenn sie nur könnten. Und letztlich sagen Sie, dass es keine Beziehung zwischen Männern und Frauen geben kann, da nur Frauen sich anpassen können und Männer keinen Schritt neben ihre Natur machen können.
Und letztlich sind diese Filme auch eine Absage an die Vorstellung, eine Tätigkeit habe eine Form und einen Inhalt, es spiele eine Rolle was man tut, nicht wie man es tut. Ob Drogendealerin oder Undercoveragent, ob Raubüberfaller (ob es dieses Nomen wirklich gibt) oder Inspektor – eigentlich tun sie alle das gleiche, fahren teure Autos, arbeiten Tag und Nacht, opfern sich, andere und ihre Ideale für das, was sie tun.
Und damit, hier liegt Frau Kar ganz richtig, zeigen Sie uns etwas aus unserem Leben – so leben wir nämlich häufig auch. Wir werden zynisch, wir lassen uns auf nichts mehr ein, wir können nicht anders – auch wenn wir keinen Ferrari fahren und keine geladene Waffe tragen.

Schauen Sie sich den Film gemeinsam mit dem Menschen Ihres Herzens an. Wenn er oder sie den Film nicht mag, rate ich Ihnen, Monsieur oder Madame galant zum Ausgang aus Ihrem Leben zu begleiten und zu verabschieden. Für immer. Er oder sie wird Sie nicht verstehen. Nie. Wenn Sie selber den Film auch nicht mögen, können Sie sich gemeinsam aus der nächsten Videothek einen Western holen und Ihr Kind Kevin taufen. Aber falls auch Sie nach dem Film das Gefühl haben, die Männer (und Frauen) etwas besser zu verstehen, muss ich Sie vorwarnen: Das Gefühl hält nur zwei Tage an. Danach ist alles wieder beim Alten. Aber zwei Tage sind mehr, als wir je zu hoffen gewagt hätten.
Güzin Kar, Weltwoche 33/06