Verdachtsmomente

Wenn man oft Zug und Bus fährt, mustert man seine Zeitgenossen. Und man entwickelt ein Zeichensystem, aus dem darauf schließt, ob man neben dieser Person pendeln, eine Mahlzeit einnehmen oder die Zeitung lesen möchte – wenn man denn die Wahl hat. Einige dieser Indikatoren seien hier preisgegeben:

  1. Übermässiges Parfum. Junge Frauen, die sich eben in Kokosbutter vom Body Shop oder in Blütenzauber von L’Occitane en Provence gebadet haben, ihren Duft mit 15 schnellen Sprühdosen »Oops I did it again« von Britney aufgefrischt oder allenfalls grad daran sind, sich in der S-Bahn neu zu schminken, sind verdächtig. Ebenso aufdringlich parfümierte Männer, aber die gibt es eher selten.
  2. Bierdosen. Es gibt Leute, die trinken in der S-Bahn morgens um halb sieben ein grosses Feldschlösschen. Aber die Aussage gilt fast allgemein: Eine grosse Dose Prix-Garantie-Bier ist ein guter Indikator, ausser man fährt mit dem Bus an ein Open Air oder um halb zehn abends an die Langstrasse, weil man da keinen Platz finden würde, wenn man diese Regel beherzigte.
  3. Kleider mit Aufdruck oder Tatoos drauf, Don Ed Hardy insbesondere. Ein deutliches Zeichen, dass man bald ein Handygespräch mitverfolgen darf, das man nicht geniessen, dem man sich aber auch nicht entziehen kann.
  4. Handy, aus deren Lautsprecher irgendwas scherbelt. Wer Musik hört, welche man auch aus einem Handylautsprecher hören möchte, hört Musik, die ich sicher nicht hören möchte. Problem: Hier muss man nicht nur ein Abteil weiter gehen, sondern gleich den Waggon wechseln.
  5. Mitgeführte Haustiere. Seien es Hunde, welche in Taschen gepackt sind, Hunde, welche unter dem Sitz schlafen oder Hunde, die einem in den Schoß geifern – ein Problem bahnt sich an. Das gleiche gilt aber auch für Tiere, für die ich Wohlwollen aufbringen kann.
  6. Pulver auf dem Tischchen, das mit einer Coop-Superkarte bearbeitet wird. Ein gutes Zeichen, das man bei der nächsten Dopingkontrolle auffliegen könnte, auch wenn man Martina Hingis ist.
  7. Kinder, die Mützen tragen, welche zu farbig sind. Ein Zeichen dafür, dass sie sich auf einem Schulausflug befinden und aus sozialen Gründen bald Dinge tun werden, welche ihre Begleitpersonen vor erzieherische Herausforderungen stellen.

Sobald ich diesen Post veröffentliche, werden mir noch weitere Zeichen in den Sinn kommen – vielleicht sind mir aber auch sonst einige entgangen…

(Ah ja, sitze möchte ich neben der Dame im Deux-Pièce oder dem Herrn im Anzug, die allenfalls einen Becher Espresso mit sich führen, auf ihrem Laptop klimpern und allenfalls die NZZ lesen. Auch wenn ich nicht so formal gekleidet bin – irgendwie würde ich gerne neben mir sitzen, auch wenn ich meistens drei Plätze beanspruche und nicht möchte, dass sich jemand neben mich setzt…)

Kaffeesorgen


Aufgrund einer leichten Unpässlichkeit verzichte ich heute auf Kaffee – und habe in meine Thermoskanne Tee gefüllt, der aus zwei Gründen kaum trinkbar ist: Erstens hab ich den Beutel zu lang dringelassen, zweitens war bisher nur starker Kaffee drin und nun schmeckt der Tee (Pfirsichschwarztee) wie ein Kaffeemischgetränk. So was trink ich während der Fahrt in der S-Bahn.
Und ich glaube auch vermelden zu können, dass sich an kaffeelosen Tagen eine Art Schleier über mein Hirn und meine Wahrnehmungsorgane legt. Alles kommt mir etwas gedämpft vor, wie wenn ich ganz lang oder ganz kurz geschlafen hätte. Kaffee kann einem kaum gut tun.

Diese Frau

Es gibt da diese Frau. Jeden Morgen ist sie im Bus. Sie ist leicht übergewichtig und hat gekraustes Haar. Gepflegt, kann man wohl sagen, auch gut gekleidet. Am Kinn hat sie ein dreidimensionales Muttermal. Wenn sie aus dem Bus aussteigt, wartet sie immer auf den Lift, fährt runter und schlendert den Bahnsteig entlang. Einmal auf dem Weg schaut sie immer ihr Handy an.
Diese Frau ist ein Ärgernis für mich. Mich stört, dass sie den Lift nimmt. Sie tut es mit einer Selbstgefälligkeit, die mir zuwider ist. Ausserdem macht sie so ein Gesicht – ein miesepetriges, überllauniges Gesicht. Jeden Morgen frage ich mich, ob mir nicht zuwider ist, dass sei mir zuwider ist, also meine Gefühle ihr gegenüber. Ich kann weder das eine noch das andere ändern.

Soweit musste es kommen

Mit diesen Worten wird auf meinen Blog verlinkt:
„Habt ihr einen Blog, aber euch fehlen die Leser? Dann hackt ein bisschen auf «heute» herum. Dies kann nun doch jeder, nicht wahr?“
Hab mir schon fast gedacht, das heute-Bashing müsse eine Ende nehmen, aber dann liegts halt doch wieder so verführerisch in der S-Bahn und ich ertappe mich beim Tippen.

Nachts um 03.14

Es gibt Leute, die sich krankheitshalber während solcher Stunden um die wirklich wesentlichen Sachen des Lebens kümmern, die Leserbriefe in der AZ:

Kanton und Stadt Baden haben mit ihrer Fehlplanung das Verkehrschaos selbst verursacht: Mit gegen 100 Millionen Franken wurde eine Brücke gebaut, die eine reine Verkehrsverlagerung von einer Seite der Limmat auf die andere brachte, obwohl bekannt war, dass der Schulhausplatz das Nadelöhr ist. Wo früher Fussgängerunterführungen gebaut wurden (für teures Geld), sind Fussgängerstreifen mit Ampeln entstanden. Lichtsignale in Nebenstrassen, z. B. Brown-Boveri-Strasse, Römerstrasse usw., sind auf Rot gestellt, obwohl aus diesen Strassen keine Fahrzeuge kommen. Auf dem Schulhausplatz werden anfahrende Kolonnen nach 5 bis 6 Autos von öffentlichen Bussen, die das Rotlicht schalten, wieder gestoppt. Wenn die Grünphase nur 10 bis 15 Sekunden länger dauern würde, gäbe es diese Riesenstaus am Abend (bis zu 1 km Länge) nicht. Bushaltestellen werden auf die Fahrspur gemalt, damit möglichst niemand an den Bussen vorbeifahren kann. An gewissen Kreuzungen stehen alle Lichtsignalanlagen längere Zeit auf Rot, damit kein Verkehrsfluss aufkommt. Auch kann man die Stadt nicht verlassen, ohne gestoppt zu werden (Siggenthaler Brücke), obwohl kein Verkehr herrscht. Von einer grünen Welle hat man wohl noch nichts gehört. Wenn die öffentlichen Busse bei diesem programmierten Verkehrschaos hängen bleiben, ist das normal. Wenn Linke und Grüne nach weniger Verkehr und Energieverbrauch schreien, sollten sie sich zuerst an der eigenen Nase nehmen. Mit der Überflutung der Schweiz mit Ausländern steigen auch der Verkehr und der Energieverbrauch. Mit nahezu einer Million weniger Einwohner gäbe es diese Probleme nicht.
ANTON WEBER, UNTERSIGGENTHAL

Da liess ich es mir nicht nehmen, am Morgen in der S-Bahn eine kurze Replik zu verfassen, die sich so liest:

Herr Webers Analyse des Badener Verkehrschaos ist von einer aussergewöhnlichen Realitätsfremde gekennzeichnet. Sie enthält allerdings einen richtigen Ansatzpunkt: Der einzige Grund für ein Verkehrschaos ist, dass zu viele Leute mit dem Auto unterwegs sind. Würden die Leute den öffentlichen Verkehr so nutzen, wie das vorgesehen und vernünftig ist, blieben die Busse kaum im Stau stecken. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Leute wie Herr Weber merken, dass sie das Problem verursachen, nach dessen Lösung sie schreien.
Die konsequente Verkehrspolitik der Stadt Baden wird langfristig die Attraktivität der ganzen Region nachhaltig steigern.

Mal sehen, ob die AZ meinen Einsendungen gegenüber freundlicher gesinnt ist als der Tagi. Ob sich der Aufwand lohnt, auf die Meinungen solcher Leute zu reagieren, sei dahingestellt.

Zwangsvorstellungen

Habe eine ganz üble neue, die ich beim Lesen von dieser Urban Legends-Seite erworben habe, finde den Beitrag auf die schnelle nicht, aber es ging um BeeHaas.
Eine weitere ist gestern wieder mal aktualisiert worden: Beim Besuchen des WCs auf der S-Bahn stelle ich mir vor, dort einen Drogenkonsumenten (der dann natürlich die Tür nicht abgeschlossen hätte) in flagranti zu überraschen.
Es wär zu schön, man könnte sowas (also die Zwangsvorstellung) abstellen.