Scary

Da schau ich mir am Sonntagabend (prokrastinieren) allein zuhause diesen Film an. Man könnte jetzt viel oder wenig über den Film sagen (man lese mal das, wenn einen der Film interessiert), ich lass es beim Rätsel unten bewenden. Der Charakter von Mos Def (was für eine Stimme) fragt aber in einer einigermassen heiklen Situation (und man kann sich vorstellen, wie ich mich in einen Film reinversetze am Sonntagabend): „When’s your birthday?“ Pause – Pause – Pause. Ich denke: Was sagt die nun wohl? Sie sagt: „…“ Und es handelt sich um meinen Geburtstag. Die Chance, dass das passiert: 1:365. Etwa 8 mal kleiner, als dass die fünfte aufgedeckte Karte (River) in Texas-Hold’em genau die eine gewünschte ist. Unglaublich.


Und nun zum Rätsel, wiederum Mos Defs Charakter:
Du sitzt während einem Hurricane in einem Zweisitzer und kommst an einer Bushaltestelle vorbei. An der Bushaltestelle steht dein bester Freund (der dir schon mal das Leben gerettet hat), die Frau oder der Mann deiner Träume sowie eine alte Frau, die stirbt, wird sie nicht ins Krankenhaus gefahren. Wen nimmst du mit?

Szene

Irgendwann Samstagabend oder Sonntagmorgens, recht spät, so scheint es, einige gähnen, andere trinken manisch Kaffee. Wenige tragen Sonnenbrillen, wenige einen Anzug, die Herren sitzen im Hemd, das aussieht, als hätten sie es ohne zu probieren auf ebay gekauft, die Damen sind entweder 60 und tragen ein Kleid mit Blümchenmuster oder jünger und tragen ein Pyjamaoberteil zu Jeans.
Wir befinden uns – an einem Pokertisch. Der einzige Professionelle, so scheint es, ist der Croupier. Souverän und schnell verteilt er Karten, stapelt Chips und zieht fast unbemerkt Rake ein, den Anteil des Casinos.
Man spielt 5/10 Limit-Poker. Nun scheinen die Anwesenden zu denken, Limit spiele man, weil das Spiel einfacher als No Limit sei – und folglich spielen sie fast jede Hand. Karten werden kommentiert, Hände überschätzt, auf Straights spekuliert. Nur nicht rechnen, scheint das Motto zu sein, auch Konzentration ist nicht wirklich ein Erfordernis. Macht man Pause, so spielt man schnell Blackjack. Doch man kennt und schätzt sich – auf dem Heimweg nach Zürich, mittlerweile ist es 3.45 Uhr, plaudert man über Arztbesuche, gibt sich Tipps, verspricht einander, nie mehr Cash-Games zu spielen, weil es dort zu viele Anfänger gebe, die immer gewännen, hadert mit dem Glück („gewisse Leute haben einfach immer Glück“, „Poker ist nur Glück“) und verabschiedet sich schliesslich herzlich – in 12 Stunden sitzt man schon wieder beim Sonntagsturnier. Besser angezogen wird man wohl nicht sein, weniger müde auch nicht und ein Vermögen wird man auch nicht machen. Aber ein paar Leute teilen – nicht eine Passion, sondern eine Art Weirdness. Und das ist ja auch schon was.

Ah, dazu noch diesen Film gesehen (was man nicht alles sieht, wenn man Channel 4 empfangen kann). So Adaption-Stranger-than-Fiction-Style, aber nicht ganz so gut, dafür mit Casino-Action, Clive Owen ist ein durchaus passabler Schauspieler und dann auch noch diese generelle Lebensweisheit: hang on tightly, let go lightly. (Das lässt sich durchaus auf Geld und einen Casinobesuch anwenden.)

Mika: Life in Cartoon Motion


An dem Album ist alles unmöglich: Angefangen vom Cover über die Falsettstimmen, die Kinderchöre, die Lyrics („sucking too hard on my lollipop“; „relax, take it easy“) und die Zitate, die immer und überall vorhanden sind – und eigentlich auch der Typ selbst, seine Biographie – nichts entspricht dem, was man für möglich halten würde. Deshalb ein eigentlich recht erstaunliches Album, das ich mir unerwarteterweise schon mehrmals angehört habe – und mich immer noch ein wenig schäme (gut, wenn ich dazu heute lese, gehts eigentlich noch mit dem Schämen).

Valeska

Ein Tipp: Valeska und ihre Band. Auf myspace kann man sich ein paar Songs anhören – gestern war das letzte von drei Konzerten im Fjord in Baden und man kann nur hoffen, bald mehr und öfter von Valeska zu hören. Die Frau kann singen, dichten und steht auf der Bühne, als ob sie das schon jahrelang täglich gemacht hätte. Zudem eine ganz starke Band. Schnell, schnell, ein Album!

Restaurants Teil 2

Das geht ja recht schnell, ich durchlaufe eine Periode des Vielauswärtsessens.

Gottardo, Baden
Ein klassischer „Italiener“ – wobei die Mehrzahl vielleicht angebrachter wäre. Sehr viele Italienerinnnen und Italiener geben dem überblickbaren Lokal eine gewisse Betriebigkeit, die für ein gemütliches Essen manchmal stressig wirken kann. Da wird abgeräumt, serviert, Bestellung aufgenommen oder überhört, alles durcheinander, alles unkoordiniert und nicht immer ganz freundlich; dafür stets flexibel. Wenn man sich an diese Umstände gewöhnen kann, wird man kulinarisch verwöhnt: Herausragende Pizzas, selbst gemachte Teigwaren, Salate mit feinen Brötchen, auch gute und grosszügige Desserts. Wie bei einem guten Italiener kann man auch hier den offenen Hauswein zu jedem Gericht trinken.

Restaurants Teil 1

In loser Serie ein paar Restaurantempfehlungen um Erfahrungen zu verarbeiten (Börsianerwitz aus einem Weltwocheinterview: „Wer Erfahrung hat, kann an der Börse Geld machen, wer Geld hat, Erfahrungen…“)

Nun gut, anstatt alle Restaurants aufzulisten, über die ich aus dem Stand was sagen kann, einfach meine frischen Erfahrungen – sowie mein Stammlokal:

Killer, Turgi
Vor allem am Mittag eine Empfehlung. Eine enorm abwechslungsreiche Mittagskarte. Spezialitäten sind erfrischend gekochte „währschafte Schweizer Küche“ sowie Curries. Mein Lieblingsgericht ist Fleisch mit Taleggio überbacken, Kartoffelgratin.

Frisch beessen:

Asador Don Carlos, Stüssihofstatt, Zürich
In irgendeinem Zusammenhang mit Dieter Meier soll dieses Lokal stehen – was man zunächst für suspekt halten könnte. Es überzeugt aber durch eine gewisse Schlichtheit, eine knappe Karte, wenig Dekoration, schwarz gewandetes Servierpersonal. Die Karte stellt beim Bestellen ein Hindernis dar, so schlecht sind die Übersetzungen – eine visuelle Orientierung an den anderen Tischen empfiehlt sich. Rindsfilet und Entercôte sind grosse Fleischstücke, perfekt zubereitet und von interessanten Saucen begleitet. Die Beilagen sind gut, Bratkartoffeln und Bohnen besonders, die Pommes-Frites enorm dünn, aber fast geschmacklos. Die Spare-Ribs sind – das ist der Karte wiederum nicht zu entnehmen – süsslich mariniert (BBQ wird das auf Amerikanisch wohl heissen).
Fazit: Wird kein Favorit, aber für Fleischeslust lohnt es sich allemal.


Karl Emil Franzos: Pojaz

„Eine Geschichte aus dem Osten“ nannte Franzos seinen Roman Pojaz. Der Held des Entwicklungsromans wird Pojaz genannt (von Bajazzo), weil er das Wesen eines Gauklers hat: Er hat die Gabe, Leute und Stimmen nachahmen zu können, und wird schnell zum Unterhalter im galizischen Dorf, in dem er lebt. Es ist geprägt von der jüdischen Sekte der Chassidim, die lebenslustig, aber stark autoritäts- und abergläubisch dargestellt wird. Die Bildung oder Entwicklung des Pojaz findet im Widerstreit seines Wesens (das er von seinem Vater, dem begabtesten „Schnorrer“ Galiziens geerbt hat) und seiner Umgebung (die ihn davon abhalten will, dem Muster seines Vaters zu folgen) statt. Dieser Konflikt macht die Qualität dieses Buches aus: Er wird so geschildert, als wäre der Erzähler selbst auch ein Pojaz. Immer wieder entzieht er dem Leser Informationen, geht geschickt mit Anekdoten und Details um, die dann an einer späteren Stelle mit einer Funktion aufgeladen werden können. Zudem weiss er die Sympathien des Lesers geschickt zu steuern; sie liegen zunächst immer bei Pojaz und seinem teilweise tragischen Schicksal, folgen aber auch seinen Mitmenschen, von denen nur einige Ausnahmen nichts Rührendes aufweisen. Der Erzähler versteht es, das galizische Elend plastisch darzustellen, ohne sich in Beschreibungen zu verlieren. Er interessiert sich für alle und alles, lacht mit den Menschen und über sie, ohne aber zu verschleiern, dass die Lebensumstände der Ostjuden nichts Romantisches an sich haben.
Da der Pojaz sich zum Theater berufen fühlt und alles in seinem Leben diesem Drang unterordnet, ist der Roman auch einer Art Lektüre von Goethes Meister, allerdings weniger konstruiert, weniger bedeutungsschwanger, dafür aufgeladen mit einer gewissen Exotik und unterlegt mit so viel Humor, dass man oft laut rauslachen muss.
Der Pojaz kann bedingungslos empfohlen werden.