»Heimatland!«

So, der Sobli berichtet, was Couchepin wirklich gesagt hat, nachdem sich Christoph Mörgeli »nicht mehr ans Amtsgeheimnis gebunden fühle« – eine interessante Formulierung, die impliziert, dass Geheimnisse Gefühlssache sind und man, wenn man sich darüber hinwegsetzen möchte, das auch tun kann. Zudem ist die Sache tückisch, da es sich um seine Abschrift des Tonbands handelt, die also keinen offiziellen Status beanspruchen kann. Sehen wir uns diese Abschrift aber mal an:

«[…] A la fin, il y a quand même des choses qu´on n´a pas le droit de faire. Pas ne? [Lange Kunstpause] Sinon, on en arrive aux recherches du docteur … öh … j´ai dû redemander son nom parce que je croyais que c´était le docteur Mörgele, mais c´était le docteur Mengele [teilweise grosse Heiterkeit] qui a fait des études … [fortwährende Heiterkeit, Unruhe, Zwischenruf Nationalrat Oskar Freysinger: ‹Heimatland!›] … des études terribles, le docteur Mengele qui avait repoussé … [fortwährende Heiterkeit] … pourquoi vous riez? [neu einsetzende, noch grössere Heiterkeit] … qui a repoussé toutes les choses jusqu´au bout. […]» (Quelle)

So falsch waren Couchepins Aussagen trotz allem aber nicht, zudem ist die Anspielung auf Mörgeli eine sehr starke Interpretationssache, das Lachen der Kommission ist das stärkere Zeichen als die Äusserung Couchepins.
Was für ein Zeichen? Man erinnere sich an die Heiterkeit, den Jubel nach der Abwahl von Blocher. Nun wurde ein rechtspopulistischer Politiker durch eine stramm rechtsbürgerliche Frau ersetzt, kein Grund für Linke, zu jubeln. Offenbar muss da aber emotional so viel mehr im Spiel sein, als sich rational erklären lässt, sprich: Der Stil der SVP, die Häme, die Nähe zu rechtsextremem Gedankengut, das stets im Mantel eines demkoratisch-heimatlichen Denkens daherkommt, ist eine Provokation, welche innerhalb des politischen Diskurses eine Herausforderung darstellt, auf die keine adäquate Reaktion bereit steht. So ist wohl dieser Jubel, so ist wohl dieses Lachen zu verstehen; und so typisch ist es auch, wenn Freysinger mit einem kräftigen »Heimatland!« zur Besinnung aufruft.

Alle paar Monate wieder

Linke »Chaoten« tauchen alle paar Monate prominent in den Schweizer Medien auf. Nicht ganz unverschuldet, aber ohne Reaktionen zu provozieren, die über einen Kommentar zur Strategie der Polizei (und damit einem Zuschieben des Schwarzen Peters), der Konstatierung einer Verniedlichung von Gewalttätigen durch linke Politikerinnen und Politiker oder Beschreibungen der Zerstörung und Opfer hinausgehen.

Die Formen von Gewalt werden als eine Art Naturphänomen behandelt, die auftauchen, mit denen man umgehen muss, ohne wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Ein Bild gewinnen die Chaoten in Beschreibungen als »Wohlstandsverwahrloste«, »Hooligans« und »Secondos«; womit Langeweile, Gewaltlust und Integrationsprobleme als Gründe für diese Gewalt implizit genannt werden.

Die Äusserungen von Chaoten, die der umtriebige Berner Polemiker Engeler in der Weltwoche zitiert, wonach Politik nichts bewirke, scheinen aber nicht so weit von den Tatsachen entfernt zu sein. Es liegt mir fern, zu sagen, solche Gewaltausbrüche werden direkt von dieser oder jener Gruppierung provoziert, auch die SVP, so schmeichelhaft es für sie vielleicht wäre, wenn sie so heftige Ausbrüche provozieren könnte, zeigt in den relevanten Punkten eine grenzenlose Naivität.

Eine Bereitschaft zu Gewalt in einem solchen Ausmass muss tiefer reichende Gründe haben. Sozialstudien, Vorlieben und andere Aspekte reichen nicht aus, um das Phänomen zu erfassen. Es handelt sich um gesellschaftliche Strukturen, die jenseits von aller politischen Beeinflussbarkeit liegen, unser Zusammenleben aber entscheidend beeinflussen. Gründe, warum fast alle Schweizer bereit sind, so viel zu arbeiten, dass ein ausgeglichenes Privatleben kaum möglich ist, liegen in einer verinnerlichten Disziplinierung, die ebenfalls beinhaltet, dass wir uns drei Mal täglich die Zähne putzen, den Abfall trennen und in die dritte Säule einzahlen. All diese Dinge, die uns erscheinen, als täten wir sie aus freien Stücken, beschränken und beschneiden unseren Alltag, ohne dass wir das wahrnehmen oder artikulieren könnten. Zähneputzen und Abfalltrennen an sich ist nichts Problematisches, aber eine Regulierung des Lebens in einem solchen Mass erzeugt Widerstände; die sich in keiner Form von Opposition äussern können.

Für gesellschaftliche Prozesse ist niemand verantwortlich zu machen. Der Chef setzt nur die Vorgaben des Managements um, das Management die des Verwaltungsrats, der die der Shareholder – und die sind wir alle, unsere Pensionskassen und ein paar andere; die aber nicht als eine Rendite wollen. Wenn niemand verantwortlich ist, ist auch niemand Ziel eines Widerstandes – und folglich gibt es ab und zu solche Entladungserscheinungen, wie sie alle paar Monate anzutreffen sind.

Smartvote

Meine Wahl- und Politikverdrossenheit hab ich ja schon zum Ausdruck gebracht – doch bekanntlich hilft Web 2.0 bei allem, auch bei dem. Hier also meine Smartvoteresultate:



Dummheit

In Horvàths Jugend ohne Gott heisst es einmal, in der Zeit schäme man sich nicht einmal mehr für Verbrechen. Wir leben in einer Zeit, in der man sich nicht mal mehr für Dummheit schämt. Das unten stehende Bild ist wohl Beweis genug, der Hintergrund, dass 99 Nationalräte dafür sind, dass in der Schweiz Formel 1 – Rennen durchgeführt werden, noch etwas bedenklicher. Das können keine ignoranten Rechtsbürgerliche sein, deren Lobbyismus eine klare Sicht auf die Welt verunmöglicht, sondern einige vernünftig denkende Parlamentarier. Wie können sie auf die Idee kommen, ein Werbefenster für die Automobilindustrie in die Schweiz holen zu wollen, das für Veranstalter ein Verlustgeschäft ist? Auch hier – Antworten werden gesucht.

Feiertage abschaffen

Nach einer kurzen Diskussion muss das auch hier gesagt werden: Alle Feiertage, deren Sinn nicht mehr transparent ist, gehören abgeschafft.
Also:
– erster August (da ist nie irgendwas passiert und ein Nationalfeiertag ist ein inhaltsloser Feiertag, weil eine Nation ein Konstrukt und dazu ein schädliches ist)
– alle religiösen Feiertage (betreffen eine Minderheit, die an diesen Tagen von der Arbeit dispensiert werden kann; wie auch alle anderen Anhänger einer Religion von mir aus ihre Feste feiern können)
– erster Mai (es will sich niemand mehr Gedanken über die Arbeit machen).

Es bleibt noch Silvester und Neujahr, da wissen alle, was passiert und können auch entsprechend feiern. Die so angehäuften Feiertage könnten erstens besser verteilt und mit neuem Sinn gefüllt werden, z.B.
Talk Like a Pirate Day
– Cross-Dressing-Day (würde viel für Geschlechterbewusstsein bewirken)
– stromfreier Tag (Energiebewusstsein)
– konsumfreier Tag (alle Restaurants, Läden, Kinos etc. wären geschlossen)
– Familientag (alle Väter und Mütter müssen/dürfen/können einen Tag mit der Familie verbringen)
– usw.

Da könnte man Vorschläge machen und darüber abstimmen und schon hätte man neue nationale Feiertage.

(Letzthin hat mir jemand gesagt, meine Ideen seien zu radikal. Wie er wohl darauf gekommen ist?)

Erster Mai

Der Tag beginnt damit, dass ich mich aufrege, dass kein Bus fährt. Die ZVV stellt während Stunden den Betrieb ein. Und ich – ich muss arbeiten gehen. Die Aufregung legt sich dann irgendwie, mit dem Fahrrad ist’s nicht weit. Und dann kommt sie wieder hoch, ich ärgere mich über den ersten Mai; was soll das eigentlich? Rumliegen, Bier trinken, faulenzen – es ist Tag der Arbeit. Macht euch mal Gedanken, protestiert, wehrt euch. Aber nichts dergleichen, mal abgesehen von den Randalierern und den Organisierten um Frau Stauffacher, deren Motive so ehrenwert sind wie ihre Aktionen wirkungslos.
Aber tammi, es gäbe was zu sagen: Arbeiten ist keine Gegebenheit wie essen, schlafen und sich fortpflanzen. Tiere arbeiten nicht. Arbeit ist eine Sucht. Immer passendere, im mehr Arbeit wollen wir leisten, „ich kann nicht, muss noch arbeiten“, auch am Samstag, auch am Sonntag, auch am ersten Mai. Wann kommt wieder einmal ein Tag, ein Abend, eine Stunde, an der ich nichts machen kann; wo ich das Gefühl habe, fertig gearbeitet zu haben? Seit meiner Kindheit gibt es diese Momente nicht mehr. Arbeit strukturiert unser Leben, gibt ihm einen Sinn.
Und ich sprech jetzt von Arbeit, als obs was völlig Abstraktes wär. Wer bestimmt über meine Arbeit? Mein Chef setzt lediglich Weisungen um, die Politiker entworfen haben, die gewählt worden sind, vom Volk. Niemand verantwortet, was ich zu tun habe, niemand steht hin und sagt: „Ich befehle dir, heute um 8 Uhr hier zu sein, an diese Sitzung zu gehen etc.“, sondern es gibt ein Pflichtenheft, das x geschrieben hat, von y diktiert, abgesegnet vom Parlament. Ums auf den Punkt zu bringen: Wenn ich meine Arbeit und ihre Bedingungen Scheisse finde, dann muss es irgendwo jemand geben, dem ich das sagen kann (btw. finde ich meine Arbeit und ihre Bedingungen klasse). Aber meist denkt man da an den CEO, aber der ist nur eingesetzt vom Verwaltungsrat und der verantwortet sich gegenüber den Aktionären und das sind Hedge Funds oder Pensionskassen, also die zweite Säule von Herr Meier und das Vermögen des reichen Schweden Malström. Und die wissen gar nicht, dass es da diesen Arbeiter gibt und sie ihn zwingen, unentgeltlich Überstunden zu machen, weil sie ja nur Aktien haben usw.
Eine Lösung habe ich nicht. Aber eine Message: Runterbrechen, Verantwortungen übernehmen und zusprechen, kleinere Strukturen.

Demokratie im Test

Churchills Bonmot, wonach die Demokratie unter den schlechten Regierungsformen die am wenigsten schlechte sei, wird von verschiedenen Tests immer wieder infrage gestellt.
Gewisse Abstimmungen sind grundsätzlich nur Überprüfungen, ob die Stimmberechtigten mit ihren Rechten zurecht kommen. Das ist nicht immer der Fall. Ein weiteres Beispiel wird die Abstimmung über das sog. Offroader-Gesetzt bieten. Welcher vernünftige Mensch kann wollen, dass solche Gefährte auf unseren Strassen verkehren? Gewiss, man kann eine gewisse Grundfreiheit (ich darf alles besitzen, was ich will, brauchen, was ich will) ins Feld führen, doch scheint eine Form der Freiheit, die in der Bodenfreiheit und im Hubraum meines motorisierten Gefährts begründet liegt, etwas leer zu sein. Gesucht wäre also ein vernünftiges Argument gegen ein solches Gesetz. Wie z.B. (das ist einer meiner Klassiker) ein vernünftiges Argument dagegen, dass alle Autos, die in der Schweiz verkauft werden, bei 120 km/h abgeriegelt werden – oder gegen eine Einheitskrankenkasse (ganz grundsätzlich) – oder gegen den Abzug der Steuern direkt vom Lohn – oder gegen, ein grundsätzliches Verbot von Haustierhaltung aus Tierschutzgründen, oder einer obligatorischen CO2-Abgabe auf Flugtickets… Ich wage gar nicht an all die Verbesserungen zu denken, die ich der Schweiz in einem politischen Amt bringen könnte.