Taxifahren – Oder die grosse Metapher unserer Zeit

Die wirklichkeitsgenerierende Bedeutung von Metaphern ist hinreichen bekannt; neuestes Beispiel: Die Schweinegrippe. Während schon nur der Name suggeriert, es handle sich um etwas Schweinisches, um ein so üble Krankheit, dass sie nur von Schweinen kommen könne oder einem zum Schwein werden lasse – so ist das nichts im Vergleich zu den jüdischen und muslimischen Opfern der Krankheit, die tunlichst den Schweinekontakt meiden und nun trotzdem diese Krankheit bekommen haben. Also besser »mexican flu«, was nun wieder die Mexikaner nicht mögen. (Dabei müsste die Grippe Citroën-Grippe heißen.) Davon abgesehen: Es handelt sich um eine stinknormale Grippe. Bitte lockerbleiben.
Die zentrale Metapher unserer Zeit ist das Taxifahren. Nicht unbedingt, ein Taxi zu besteigen, was ich, seit ich kein Auto mehr habe, ab und zu mache (subjektive Logik: So viel, wie ich für Bussen ausgegeben habe, darf ich in Taxifahrten investieren) und dabei die grausigen Zustände in den Taxis Zürichs kennen gelernt habe: Orts- und landesspracheunkundige Fahrer, welche nicht nicht freundlich, sondern dezidiert unfreundlich sind, während der Fahrt, die notabene mit 85 über unübersichtliche Strassen führt, auf ihrem iPhone spielen und ein Gefährt fahren, das aussieht, als sei es einem polnischen Autodieb in Mazedonien entwendet worden, wo es seit drei Jahren von Hühnern bewohnt worden ist. Aber eben: Ums Mitfahren geht es nicht, sondern ums Selberfahren.

Das haben nämlich eine Autorin und ein Autor getan, und diese Erfahrungen in ihren teilweise autobiographischen Büchern verarbeitet.

Bei beiden steht der Lebensabschnitt Taxifahren für eine Periode der Desorientierung: Man wird zwar – lausig – bezahlt, scheint sich auszukennen in der Großstadt Wien (Glavinic) bzw. Hamburg (Duve), fährt aber genau dort hin, wo die grösstenteils degenerierten Fahrgäste hinwollen. Und die Protagonisten warten, dass irgendwann etwas passiert, und das geschieht dann auch, und dann fahren sie nicht mehr Taxi: Doch dass sie von A nach B führen oder B ihr Ziel ist oder es überhaupt ein Ziel gibt, bei dem, was sie danach tun, da kann man nicht sicher sein. Glavinics an Wie man leben soll (der bessere der beiden Romane) irgendwie anschließender Roman, Das bin doch ich, lässt erahnen, dass auch eine Schriftellerexistenz einen nicht von den Problemen befreien kann, welche einen in die Taxifahrerexistenz geführt haben. Und daran schließt dann die These an, dass wir, diese Generation (Krisenkinder), alle irgendwie Taxifahrende sind.
Und Taxifahren als exemplarisches Beispiel zeigt ein weiteres Problem sehr schön auf: Das Problem des Kapitalismus und seiner Ausgangslage. Dass Menschen keine homo oeconimicus (Pl.; natürlich kann ich sowohl homo als auch oeconomicus lateinisch deklinieren, finde das aber etwas angeberisch, zudem ist das ja ein Modell, es muss also nur einen geben, nicht mehrere) sind, ist hinlänglich bekannt, dass aber auch der freie Markt nicht dazu führt, dass man ein Produkt zu dem Preis anbieten kann, den man gerne hätte, und dann vielleicht einen Kunden findet, der bereit ist, diesen Preis zu zahlen – und zwar ganz einfach deshalb, weil der Markt nicht ein Markt ist, wo Zitronen feilgeboten werden, sondern ein Teil eines komplexen Wirtschaftssystems.
Auf der einen Seite gäbe es wohl Kunden, die zu gewissen Zeiten für einen gewissen Taxiservice viel mehr zahlen würden, als die Taxis kosten – auf der anderen Seite verdienen Taxifahrer offenbar miserabel und schreien nach noch mehr staatlicher Reglementierung des Taxibetriebs (Vergabe von weniger Lizenzen). Grundsätzlich müsste man davon ausgehen, dass der Markt sich selber reguliert und teurere Taxis vielleicht mehr Leistung bringen, günstigere weniger – aber tatsächlich kostet eine Taxifahrt, egal von welchem Anbieter, gleich viel. Eine Tendenz, die sich in vielen Bereichen unsere Wirtschaftssystems zeigt: Handytarife, Medikamentenpreise und viele weitere Produkte funktionieren nach anderen Gesetzmässigkeiten, als man es erwarten würde.