Die Schweiz – ein rassistisches Land?

3.56 Asylgesuche pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, 23 Prozent ausländische Wohnbevölkerung – mit diesen Werte, so die Politreporter der Schweiz am Sonntag, seien »rekordverdächtig«. Sie sind erstaunt darüber, dass in der Schweiz ein Badi-Verbot und ein Zwischenfall mit einer prominenten Amerikanerin für internationale Resonanz sorgt, die der Schweiz ein rassistisches Image gibt.

Zu diesen Vorfällen wurde schon viel gesagt. Ich möchte nur vier eigentlich selbstverständliche Bemerkungen festhalten:

  1. In der Schweiz gibt es rassistisch denkende und handelnde Menschen. Das ist so selbstverständlich, dass ich mich frage, warum ich das überhaupt aufschreibe. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Kommentarspalten der Zeitungen oder im Internet liest und hört, was Menschen von sich geben, weiß das.
  2. Bei rassistischen Vorfällen (generell: bei jeder Art von psychischem oder physischem Übergriff) ist komplett irrelevant, was Nicht-Betroffene davon halten. Ob die Handtasche aus Krokodilleder war, die Verkäuferin mässig gut Englisch kann, die Boutiquebesitzerin mit Tina Turner befreundet ist oder das Badi-Verbot ein Verbot oder keines ist:  Relevant ist, wie sich die Menschen fühlen, die von diesen Übergriffen betroffen sind. Zur Struktur dieser Übergriffe gehört es, dass die Betroffenen über die Vorfälle nicht reden (können/dürfen) oder nicht gehört werden. Ihnen muss Raum gegeben werden. Deshalb hier die Worte von Oprah Winfrey:

    I go into a store and I say to the woman, ‚Excuse me, could I see the bag right above your head?‘ and she says to me, ‚No. It’s too expensive.‘ And I said, ‚No, no, no, the black one, the one that’s folded over‘, and she said, ‚No, no, no, you don’t want to see that one, you want to see this one because that one will cost too much. You won’t be able to afford that one‘.
    There’s two different ways to handle it. I could’ve had the whole blow-up thing, but it still exists, of course it does. True racism is being able to have power over somebody else. So that doesn’t happen to me that way.
    It shows up for me this way, it shows up that sometimes I’m in a board room or I’m in certain situations where I’m the only woman, or I’m the only African American person within a 100 mile radius, and I can see in the energy of the people there, they don’t sense that I should be holding one of those seats. I can sense that. I can never tell is it racism or is it sexism, because often it’s both. The sexism thing is huge. The higher the ladder you climb, it gets huge.

  3. Das Argument, es gäbe viel stärker Betroffene oder viel größeres Leid in der Welt als eine Frau, die statt einer enorm teuren nur eine sehr teure Handtasche anfassen darf, dient dazu, Rassismus unsichtbar zu machen. Der Vorfall um Winfrey macht Rassismus sichtbar – Rassismus, der sich oft in Vorfällen äußert, die für die Nicht-Betroffenen »Missverständnisse« oder Kleinigkeiten sein mögen: Es aber für die Betroffenen nicht sind. Ein Beispiel: Tibetischstämmige Jugendliche erzählen mir oft, dass Menschen ihnen im Alltag nicht zutrauen, Schweizerdeutsch zu verstehen oder zu sprechen, obwohl sie hier aufgewachsen sind und Schweizerdeutsch ihre Muttersprache ist. Ihre äußere Erscheinung wirkt so stark, dass selbst wenn sie Schweizerdeutsch sprechen, die Annahme aufrecht erhalten wird, sie könnten es nicht.
  4. Aber natürlich gibt es gewichtigere rassistische Probleme als die, die in Boutiquen an der Bahnhofstrasse stattfinden. Wie ein anderer Prominenter, Edward Snowden, bei seinem Zuzug bemerkte, werden in der Schweiz die schlecht bezahlten Arbeiten von Immigrantinnen und Immigranten verrichtet, die kaum ausgebildet werden und kaum Chancen haben, ihre Situation zu verbessern. Snowden schrieb im Chat von Ars Technica:

    [a large immigrant population does the lower-class work], lots of unidentifiable southeast asian people and eastern europeans who don’t speak french or english […] everybody hates gypsies apparently […] immediately „those goddamned gypsies!“ – „it wasn’t a gypsy“ – „oh, it must be those fucking muslims!“ „no? then those goddamned africans!“ – i have never, EVER seen a people more racist than the swiss jesus god they look down on EVERYONE. even each other.

Die Statistiken, die in der Schweiz am Sonntag angeführt werden, zeigen nicht etwa die große Toleranz der Schweizerinnen und Schweizer, sondern reflektieren schlicht und ergreifend ein System, das strukturell rassistisch ist: Arbeiten, die Schweizerinnen und Schweizer nicht selbst erledigen und nicht anständig bezahlen wollen, lassen sie von Ausländerinnen und Ausländern verrichten.

31 thoughts on “Die Schweiz – ein rassistisches Land?

    • Kennst du Arbeitslose, die in einem Kühlraum Sandwiches streichen, um 22 Uhr den Coop putzen oder am Bahnhof Kaffee verkaufen? Ich bin ziemlich sicher, dass die einen solchen Job finden würden, wenn sie wollten.

      • das ist sehr dünnes eis, auf dem du dich mit deiner behauptung bewegst. einem selektionsprozess, welcher vornehmlich leistungsabhängigen prämissen folgt, ist schwer rassismus vorzuhalten. sollte dem in cachierter form doch so sein, wäre der vorwurf auf die gesamte wirtschaftspraxis auszuweiten.

      • Ich bezweifle sehr stark, dass der Selektionsprozess leistungsabhängigen Prämissen folgt.
        – Natürlich kann man sich fragen, ob jemand für systeminhärenten Rassismus verantwortlich gemacht werden kann. Fakt ist: Alle Räume, die ich benutze, werden von ausländischem Reinigungspersonal geputzt.

      • und weswegen ist das nochmal rassistisch? ich stimme mit dir überein, dass selektionsprozesse diskriminierende anteile aufweisen. dass es aber um rassismus gehen soll, wenn eine stelle wahlweise mit schweizer oder ausländischem personal besetzt werden kann, das erschliesst sich mir nicht. das allein macht mir das system nicht verdächtig – höchstens das stellensuchende subjekt, welches mit dem einschlägigen grund die stelle ablehnt, es gehe dabei um minderwertige arbeit.

      • Weil die Menschen, die putzen, alle gern meine Arbeit zu meinem Lohn machen würden – und ich nicht gerne ihre zu ihrem Lohn. Und der Grund, warum ich meine Arbeit machen kann, allein meine Herkunft ist.

  1. 1. Das wäre ein Argument, die Zahlungen an Arbeitslose zu kürzen.
    2. Der Fakt, dass die ausländischen Arbeitnehmer generell besser ausgebildet sind als die Schweizer, deckt sich nicht ganz mit deiner Darstellung der Situation.

    • Lieber Lukas,

      dass die Ausbildung zum Sandwichstreichen in Kühlräumen im Ausland so viel besser ist, ist sicher ein Grund für die Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Das hast du gut durchgedacht, bravo!

      Best, David

    • Ausländische Arbeitnehmer sind generell besser ausgebildet als schweizerische – worauf beziehst du dich da? Gilt das für alle Branchen und Einkommensklassen? (Und müssten sie dann nicht auch besser entlöhnt sein?)

    • Beim „besser ausgebildet“ würde ich grosse Vorbehalte anbringen. Wenn schon, dann mit Anführungszeichen: Ausländische Arbeitnehmer sind generell „besser“ ausgebildet – d.h. haben öfters einen Hochschulabschluss. Da ein Hochschulabschluss „generell“ nur zur Arbeit in der akademischen Forschung DIREKT qualifiziert, ist dieser „Fakt“ – wenn auch nicht direkt falsch – ziemlich wertlos, da die Ausbildungsrealität (Lehre – bei uns wird/wurde man per KV Rohstoffhändler, im Ausland NUR mit Uniabschluss…) in der Schweiz ignoriert wird.

  2. Ich finde Ihren Beitrag grundsätzlich richtig, Herr Wampfler, obwohl man über einige Punkte sicher streiten könnte.
    Persönlich fände ich einen zusätzlichen Aspekt interessant. Ich denke an die Art, wie „die Schweiz“ mit Kritik aus dem Ausland umgeht und, daraus abgeleitet, an ihr Selbstverständnis. Für mich ist beides immer wieder befremdlich.
    Der Zwischenfall mit Winfrey ist symptomatisch. Statt einzugestehen, dass diese Verkäuferin einen offensichtlich rassistisch motivierten (bewusst oder unbewusst) Fehler gemacht hat, versucht man sich als Nation zu rechtfertigen (sic!). Man zieht dafür ein ganzes Arsenal an absurden Statistiken, Vergleichen und Betrachtungsweisen heran (Tierschutz, etc.).
    Die Schweiz kommt mir in solchen Fällen vor wie ein kleines Kind. Ständig schielt man ins Ausland, zu Mama und Papa, und hofft auf eine Reaktion auf das, was man tut. Kommt etwas Positives wird das tagelang in den Medien breitgetreten (Der Schweizer X in der New York Times!!! CNN berichtet in einer Sondersendung über Y!! Der Spiegel schreibt Z!!). Kommt etwas Negatives, verlegt man sich auf kollektive Empörung, aufs Abstreiten, aufs Herausreden.
    Ehrlich gesagt, es ist ein bisschen peinlich.
    Was mir aber wirklich Sorgen bereitet ist, dass man hierzulande nicht mit Kritik umgehen kann und, noch schlimmer, dass wir, genährt durch ein offensichtlich verzerrtes Selbstverständnis (ein Teufelskreis), zu keiner grundlegenden Selbstkritik fähig sind. Ich glaube das hängt u.a. damit zusammen, dass die großen Medienhäuser, allen voran SRF, derart bemüht sind, uns einzutrichtern, wie gut wir alles machen. Schlagzeilen vom Typ „Die Schweiz steht auf Platz 1 der … Länder“, „Schweizer … der beste der Welt“, etc. hören wir täglich im Dutzend.
    Nehmen wir als Beispiel den Beitrag von Hermann im Tagi (http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Beliebtes-Zerrbild-einer-rassistischen-Schweiz/story/14469820), der gerade ein riesiges Echo erhält. Der Autor verwandelt darin offensichtliche Schwächen unseres Landes/Systems in Stärken. Er schreibt beispielsweise: „Ausserhalb der Schweiz gibt es natürlich keine Volksmehrheiten für Minarettverbote oder für die Wegweisung krimineller Ausländer – weil über solche Sachfragen dort gar nicht abgestimmt werden kann. Die direkte Demokratie bringt Unbehagen auf den Tisch, das andernorts unter dem Deckel bleibt.“
    Hermann verkehrt also ein gravierendes rechtsstaatliches Problem, nämlich, dass (1) es hierzulande immer wieder zu völkerrechtswidrigen Initiativen kommt und (2), dass gewisse, eigentlich unbedeutende Themen (die Gefahr eines Minarettes in jedem Dorf hat es faktisch nie gegeben) politisch instrumentalisiert werden in etwas Positives: „Wir haben den anderen etwas voraus, wir tollen Schweizer haben die direkte Demokratie.“

  3. Obwohl dies die Situation in der Schweiz keine Spur verbessert, stört mich jeweils, dass mit dem Finger auf die Schweiz gezeigt wird, als wäre dies ein nationales Problem. Ich denke die Diskussion kann sehr gut auch weltweit oder mindestens in den westlichen Staaten geführt werden. Obwohl ich mir keine näheren Gedanken über den Umgang von z.B. Japanern mit dem Thema Rassismus gemacht habe.

  4. Hi Philippe,
    ich werde mich versuchen wirklich kurz zu halten:
    Grundsätzlich bin ich mit Deiner ‚Kurz-Analyse‘ einverstanden. Nur in einem Punkt muss ich vehement widersprechen: Snowden irrt, wenn er die Schweiz als das ‚rassistischte Land‘ bezeichnet. Dein Begriff ’struktureller Rassismus‘ trifft die Realität schon bei weitem besser. Und dieser strukturelle Rassismus ist in jeder Gesellschaft / Staat (oder schlimmer – denn basierend auf der In- und Exklusion von Gruppen) ‚Nation‘ vorhanden.
    Es ist nicht bloss in der Schweiz so, dass die Niedriglohnjobs an schlecht integrierte Immigranten bevorzugt vergeben werden, die sich leicht ausbeuten lassen – die generelle Richtung der von der SVP-Agenda diktierten Ausländerpolitik (so könnte man argumentieren) begünstigt diese Entwicklung. Die SVP hat jedoch mittlerweile in beinahe jedem europäischen Land (die USA sollten wir dabei auch nicht ausser Acht lassen) ein Pendant.
    In diesem Sinne gebe ich Matthias recht: es ist ein strukturelles und damit internationales, ich würde sogar sagen mensch-inhärentes Problem, das bestenfalls bewusster gemacht werden kann, aber nie verschwinden wird – leider!

    p.s. Ich bin gebürtiger Ungare… Rassismus insbesondere gegenüber Juden und Roma (und damit schlicht und mal wieder ‚Minderheiten‘) ist ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen dort… und dank der gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr schwierigen Lage viel stärker erfahrbar!

    • p.s. zum Zweiten: Das ewige bekannte Spiel mit der Angst vor dem Fremden/Unbekannten/’Exotischen‘ halt… (um es in einem Satz nochmals auf den Punkt zu bringen…)

    • Snowdens Abqualifizierung der Schweiz als das ‚rassistischte Land‘ zeugt nur von seiner (und offenbar auch vieler sonstiger Zeitgenossen) Ignoranz.

      Wirklich echten, harten, mörderischen Rassismus habe ich nur im südlichen Afrika (Zimbabwe, Südafrika, Namibia) erlebt – und zwar nicht gegenüber mir als Weissen, sondern Schwarze gegen Schwarze. Während dem es bei uns vielleicht noch den einen oder anderen Nazi-Ideologen oder ähnliches gibt, so spielt sich dieser („unser“) Rassismus doch eher auf einer metaphern-artigen Ebene ab (z.B. wir Schweizer haben schon oft so einen unterschwelligen Überlegenheits-zug). Wenn Zulu über Nama, Shona, etc. sprechen, dann hört sich das GANZ anders an! Diese „minderwertigen“ Menschen sind eben KEINE Menschen – für sie sind es NUR Kakerlaken, Exkremente, … und wenns mal Tote gibt, so what? Wo es bei uns Tendenzen oder Versuche zur Entmenschlichung gibt, so ist dieser Zustand dort – seit Jahrzehnten! – komplett und real (fairer Weise muss ich aber auch sagen, total ist er nicht).

      Ebenfalls hoch in der Liste der WIRKLICH rassistischsten Länder sind sicher auch asiatische Vertreter zu verorten. Schon mal einen Koreaner über „die Chinesen“ lästern hören? Als – sogar nur halbwegs! – politisch-korrekter Mitteleuropäer ist das kaum auszuhalten, besonders wenn das Gespräch bis zu dem Punkt eigentlich ganz nett war… Und dass es in Japan noch immer viele Etablissements gibt zu denen man als „Langnase“ keinen Zutritt hat dürfte schon Allgemeinwissen sein.

      So das hört sich nun wieder nach „bei uns gibt es keinen Rassismus, anderswo ist’s noch viel schlimmer“ an. Das war nicht meine Absicht – die war viel mehr etwas Perspektive zu geben. Besonders das Snowden-Zitat regt mich schon auf, aber auch unten bei @Delgado (dem ich aber in vielem zustimme) sehe ich eine gewisse Verwirrung. Was mich im Vergleich D vs. CH auch aufregt: Der Vergleich hinkt einfach tausendfach… in D hat man wegen ~6% Ausländer GEWALTIGE Probleme (Seggregation!), in CH läufts auch mit >20% Ausländer eigentlich nahezu Reibungslos (klar, en detail happerts auch an einigen Stellen) – und der Einwanderungsdruck in die CH ist – proportional – immer noch x-Fach grösser! Und dann kommt so ein @Delgado (/Snowden) und statuiert „D ist viel weniger rassistisch“. Da darf man ruhig einmal nachfragen, wo denn die NSU-Türkenmorde stattfanden. 6% Ausländer in D und sie haben MORDENDE GEHEIMDIENST VERTUSCHENDE AKTIONEN. >20% Ausländer in CH und es wird etwas öfters nicht auf alle Gefühle Rücksicht genommen (nicht das das löblich wäre).

      Perspektive.

  5. hat die verkäuferin so reagiert, weil die kundin schwarz war oder weil sie das gefühl hatte, ob der kleidung und dem gebahren hätte die kundin nicht so viel geld?

    • Ich glaube, diese Frage ist nicht entscheidend. Interessant sind doch viel eher die Reaktionen auf diesen Vorfall. Davon schreibt Herr Wampfler ja auch.
      Natürlich ist es auch möglich, dass die Verkäuferin der Kundin eine andere Tasche empfahl, weil ihr eine geheimnisvolle innere Stimme nahelegte, sie solle das tun, oder weil die Kundin ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hatte, das ihr nicht gefiel, oder weil sie einfach nur gemein sein wollte, nachdem sie sich mit ihrem Freund gestritten hatte, oder… [ad infinitum].
      Es ist aber spannend zu beobachten, dass sich die Öffentlichkeit auf solche nationalen Selbstrechtfertigungen oder Abwehrreaktionen verlegt, ohne sich zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich kritisch zu hinterfragen; dass stattdessen krampfhaft alternative Erklärungen gesucht werden, so absurd sie auch sein mögen, dass angestrengt darauf hingewiesen wird, wie ausländerfreundlich doch die Schweiz im Vergleich zum europäischen Ausland sei (obwohl die ganze Sacher außer die Schweizer Medien wohl kein Schwein in der Welt interessiert, man weiß doch noch nicht einmal, wo die Schweiz liegt!).
      All diese Prozesse sind, so denke ich, viel spannender, als der eigentliche Vorfall.
      -Meine Meinung ist, dass der Rassismus hierzulande weit verbreitet ist, nicht nur im SVP-nahen Lager. Ob mehr oder weniger als in anderen Ländern, interessiert mich dabei ehrlich gesagt nicht besonders, obwohl mir meine nicht-repräsentative, jahrelange Auslanderfahrung deutlich zeigt, dass es so ist, die Schweiz ist rassistischer als beispielsweise Deutschland.
      Der Rassismus hierzulande hat zwei Komponenten: einerseits ein Abwerten oder Stereotypisieren anderer ethnischer un/oder rassischer Gruppen, andererseits ein völlig überhöhtes Selbstbild, das perfiderweise, nicht offen arrogant daherkommt, sondern als versteckte Überheblichkeit.
      Beispiele gibt es wie Heu auf der Alp. Man muss nur die Augen und Ohren öffnen.
      Beim Fußballspiel Schweiz-Brasilien ergab sich der Moderator laufend solchen rassischen Stereotypen. „Die Techniker vom Zuckerhut haben gegen die disziplinierten Schweizer verloren“. In der Zeitung stand etwa, die Brasilianer hätten endlich auch noch Taktik und Strategie gelernt (vor dem Spiel). Als könnten sie das nicht schon lange.
      Kürzlich hat mit mir jemand über spanische Gastarbeiter geredet. Dieser jemand war alles andere als ein fremdenfeindlicher Mensch. Trotzdem kam aus seinem Mund der Satz, dass es sich diese Gastarbeiter vielleicht nicht gewöhnt seien, so viel zu arbeiten, wie das in der Schweiz üblich sei, obwohl er erstens keinen Schimmer von der erbrachten Arbeitsleistung der Spanier hatte und zweitens genau dieser Punkt von Statistiken widerlegt ist (Spanien ist eines der europäischen Ländern, in denen am meisten gearbeitet wird).
      Wenn ich den öffentlichen Verkehr benutze, höre ich, wenn auch nicht täglich, dann doch beinahe wöchentlich, irgendwelche abschätzigen Bemerkungen über Ausländer und insbesondere Asylbewerber.
      […]

  6. „Relevant ist, wie sich die Menschen fühlen, die von Übergriffen betroffen sind.“
    Und dann ist es bereits ein Übergriff?

    – Ein kosovarischer Schüler hat schlechte Noten. Ich empfehle ihn in die Real. Der Vater wirft mir Rassismus vor. Er fühlt das, also ist es Rassismus?
    – Ein betrunkener Schwarzer belästigt in Guadeloupe eine weisse Schweizerin auf der Strasse. Sie will nichts von ihm wissen. Er ruft ihr nach: Racist! Er fühlt das, also ist es Rassismus?
    – Günter Grass schreibt eine israelkritische Gedichtzeile. Israelische Politiker und Journalisten nennen ihn einen Antisemiten. Sie fühlen das, also ist er ein Antisemit?

    • Fühlen die das wirklich oder setzen sie den Begriff Rassismus als Kampfbegriff ein? Wenn der Vater ernsthaft diesen Eindruck hat, der betrunkene Schwarze und die israelischen Politiker: Dann müsste man sich die Frage stellen, wie sich das verhindern ließe und wer das beurteilen kann. Warum sollten die, von denen der Rassismus möglicherweise ausgeht, das besser können, als die, die sich davon betroffen fühlen?

  7. Pingback: Rassismus in der Schweiz: Mein Senf dazu

  8. Die Aussage „Bei rassistischen Vorfällen (generell: bei jeder Art von psychischem oder physischem Übergriff) ist komplett irrelevant, was Nicht-Betroffene davon halten.“ ist gelinde gesagt gewagt ((um jetzt mal nicht direkt kreuzfalsch zu sagen):

    – Eine Schwarze wird nicht wunschgemäss bedient und führt dies auf Rassismus zurück. Es kann aber auch sein, dass die Verkäuferin alle Kundinnen so bedient und insofern ohne Einschränkungen alle gleich behandelt
    – Bei der alljährlichen Leistungsbeurteilung wird der ägyptische Mitarbeiter als „unterdurchschnittlich“ beurteilt, Er beschwert sich bei der internen Ombusstelle wegen Rassismus in der Bewertung. Anschliessend stellt sich heraus, dass er die Anfang Jahr im Team gemeinsam definierten Ziele bei weitem verfehlt hat und sein Vorgesetzter das ganze Jahr über eines unternommen hat, um den Mann zu unterstützen. Der Rassismus-Vorwurf wird zwar offiziell widerlegt, bleibt aber trotzdem hängen
    – Zwei junge Männer sprechen über ein Computer-Spiel, einer ruft laut „“so geil“. Eine Passantin bezieht diese Aussage auf sich und fühlt sich sexistisch belästigt

    Ich denke es gibt noch zig weitere Alltagssituationen, bei denen der Vorwurf des Rassismus/Sexismus zwar schnell mal in den Raum gestellt wird, er sich bei einen genaueren Prüfung der Situation als falsch herausstellt. Es sagt dann allerdings einiges über die Selbstwahrnehmung des Vorwerfenden aus, dem im Prinzip nur zu wünschen ist, sich eine dickere Haut zuzulegen und nicht sämtliche unangenehmen Verhaltensweisen seines Umfelds persönlich zu nehmen.

    Das soll jetzt nicht bedeuten, dass sämtliche Rassismusvorwürfe unberechtigt sind. Ich gehe sogar aus, dass dieser viel alltäglicher ist als uns lieb sein kann und oft im verborgenen abläuft. Die Aussage, dass nur die Sicht des Betroffenen relevant ist, ist nichtsdestotrotz falsch.

    • Du nimmst an, Rassismus bestehe aus einem objektiven Tatbestand, den alle Menschen identisch beurteilen. Ich bin anderer Meinung: Rassismus und andere Formen von Diskriminierung erfolgen zu einem großen Teil über Handlungen, die objektiv weder gegen Normen verstoßen noch gegen Gesetze, aber von den Betroffenen als herabsetzend wahrgenommen und empfunden werden.
      Und mich erstaunt, weshalb man darauf keine Rücksicht nimmt. Wenn ich über ein Computerspiel »so geil« sagen würde und eine Frau das als eine sexistische Bemerkung interpretierte, dann täte mir das Leid und ich würde mich bemühen, das Problem zu lösen – und keinesfalls der Frau eine verschobene Perspektive unterstellen. Wir haben alle einen eigenen Blick auf die Welt – und Menschen, die täglich Rassismus und Sexismus erleben, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts systematisch ausgegrenzt werden, nehmen unsere Handlungen anders wahr als wir selbst. Und darauf sollten wir mehr hören.

  9. Kennen Sie Frau Winfrey persönlich, dass Sie Ihrer Darstellung einen absoluten Wahrheitsgehalt zugestehen, und alle anderen Äusserungen zur Sache als beschönigend qualifizieren? Schon gehört, dass sich Frau Winfrey auch bei anderer Gelegenheit wie eine Diva verhält? Kennen Sie die Version der Verkäuferin?
    Wer sich rassistisch angegriffen fühlt soll nach Ihrer Meinung besser wissen als das Subjekt, von dem der angebliche Angriff ausgeht, ob es sich dabei um Rassismus handelt. Das selbsternannte Opfer kennt also die Gedanken des beschuldigten Täters besser als der selbst. Verkehrte Welt?
    Den Rassismusvorwurf von der Erfordernis einer objektiven Grundlage zu entheben gibt ihn der Beliebigkeit preis und entzieht ihm damit jede Glaubwürdigkeit.
    Was die Aussage Snowdens betrifft, dass unattraktive und schlecht bezahlte Arbeiten von schlecht ausgebildeten Ausländern ausgeführt werden: Das ist auf der ganzen Welt so und hat nichts damit zu tun, dass es Ausländer sind, sondern damit dass fehlende Bildung oder Sprachkenntnis eine andere Tätigkeit ausschliessen. Würden Sie Ihre Stelle an jemanden abtreten wollen, der die Aufgabe nicht im Ansatz so gut lösen kann wie Sie? Oder gar behaupten, die ausländischen Ärzte, Ingenieure und Banker in der Schweiz würden schlecht entlöhnt und verrichteten eine unattraktive Arbeit?

    • Rassismus ist kein rein objektives Phänomen – in meinem Artikel vertrete ich die These, dass die Absichten der Verkäuferin irrelevant sind, wenn sich die Betroffene – Frau Winfrey – diskriminiert vorkommt. Daher finde ich Ihre Worte wichtiger als die der Verkäuferin.
      Mich erstaunt, dass alle, die sonst von »Täterschutz« sprechen, in diesem Fall dafür plädieren, alles zu glauben, was verhindern könnte, dass der Vorfall als rassistisch zu interpretieren wäre. Selbst wenn ich meine Blumen gießen würde und meine Nachbarin das als Übergriff taxieren würde, ginge es mir vor allem darum, dass das nicht mehr passiert. Ihr zu erklären, dass sie das nicht als Übergriff zu empfinden hat, fände ich höchst selbstgerecht und irritierend. Alle Menschen sind berechtigt, sich nicht verletzt vorzukommen. Rassismus spielt sich oft in einem unbewussten oder versteckten Bereich ab.

      • das ist doch ein sehr emotional geführter rundumschlag unter anderem gegen freiheitliche rechte jedes einzelnen. die übergriffssituation lässt sich in dem fall nicht durch eine gegenüberstellung subjektiver empfindungen auflösen – zeitweilig bestenfalls durch kompromisse, welche aber an den zuständen an sich nichts ändern. dafür gibt es in der konfliktforschung genügend beispiele. so rückt die frage ins zentrum, wer oder was die situation erst so herstellt, dass sie von subjekten als übergriffig taxiert werden kann.

  10. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich finde ihn gelungen und anregend.
    Dabei frag ich mich, ob es Sinn macht, verstehen zu wollen, wieso wir rassistisch handeln. Dabei kommen wohl nur einige psychologisch hergeholte Thesen raus.
    Auch interessant find ich, dass ich mich selbst indirekt beim rassistisch Handeln entdecke – obwohl ich mich nicht als rassistisch denkende Person bezeichnen würde. Zum Beispiel stelle ich eine Hemmschwelle für Gespräche mit andersfarbigen oder eine andere Sprache sprechenden Menschen fest – ich begegne ihnen anders – gehemmter, distanzierter. Aber ich begegne mir „strukturell vorgesetzten“ Menschen oder kranken Menschen auch generell anders als anderen.
    Nun ja, die Frage ist vielleicht eher wie das zu ändern ist, als weshalb. Ich glaube Erfahrungen können helfen Unsicherheit, Vorurteile und Missverständnisse abzubauen. Das braucht wohl etwas Mut, etwas Zeit, Bewusstsein und Bereitschaft?

    Gerade beobachte ich die Wirkung einer religiösen Zugehörigkeit auf den Prozess der Integration. Die jüdische Beta Israel Gemeinde aus Äthiopien wurde in der Ausreise nach Israel unterstützt und die Integration verläuft im Vergleich mit anderen Migrantengruppen schnell – trotz der Hautfarbe. Es scheint mir beinahe so, als seinen Menschen auf Gruppenbildungen angewiesen (Hautfarbe, Sozialstatus, Religionszugehörigkeit, usw.) um eine Art Selektion vorzunehmen, wer nun das Recht hat, in eine protektive, wirtschaftlich besser gestellte Gruppe aufgenommen zu werden. Ob Gruppenbildungen in diesem Zusammenhang sinnvoll sind – sei das nun die soziale Stellung, die Ausbildung, die Religionszugehörigkeit. das Herkunftsland oder xy – frage ich mich gerade selbst.

  11. Dem kann ich leider nur beipflichten.
    Vor 6 Jahren begann diese Odyssee…

    Es ist tatsächlich so!
    Wenn es darum geht „zusammen zu halten“
    Dann ist in der Schweiz dieser verdammte Patriotismus das Maß aller Dinge!

    Dann spielt es absolut keine Rolle, ob Unrecht geschieht!
    Dass wird brutal ausgeblendet!
    Glaube und Patriotismus führen zu geistiger Armut! – DASS haben die Schweizer mir bewiesen!
    Bis hin zu gemeinschaftlich organisiertem Diebstahl meines im Hotel Spitzhorn deponiertem Werkzeug und Maschinen!
    Bzw.: wegschauen kommt aufs Gleiche raus
    Dreck von Saanenland!

    Ich könnte kotzen!
    Ca. 10000 Euro zum Teufel

    Dreckiges Rassistenpack!

    Saanen hurra!

    Gruß

    Lothar Peters

  12. Es gibt sehr selten Chance für die Ausländer gruppe!!! Die Struktur ist klar….putzen/ servieren/Abend arbeiten…. Das sind die Möglichkeiten….kein Zukunft oder Karriere… Logisch wenn die Ausländer viel Geld haben die konnen schon etwas mehr als normal machen…. aber das ist die krankwelt momentan….ich finde dass die Schweiz so viel Geld von Ausländer Land gesteckt hat die eingentlich sollte schon mehr Freunde mit Leute sein …und nur Chance für die Zukunft giben….normalerweise ich sage immer das ich nur weck gehen wann das Geld von meiner land die hier gesteckt ist auch gehen…..ich denke dass ist schon eine gut Antwort.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s