Forderungen für eine nicht-sexistische Gesellschaft

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In einem abenteuerlichen Essay darf Ralf Bönt in der FAZ darlegen, wie stark Männer unter dem Patriarchat leiden, obwohl sie unglaublich viel leisten.

Er zitiert interessante Studien wie die von Debbi Stainstreet et al. (2005, pdf), die ergeben hat, dass Männer in Ländern, in denen Frauen stärker unterdrückt werden, weniger lang leben; und fordert Maßnahmen, die sicher stellen, dass Frauen und Männer gleich lang leben (auch hier ist die Argumentation leicht abenteuerlich):

Wissenschaftlich gesichert ist nur, dass die Differenz in Klöstern oder im Kibbuz sehr gering ist. Um 1920 betrug sie in den Vereinigten Staaten ein Jahr, in Deutschland lag sie bis Ende des Zweiten Weltkrieges bei drei Jahren. Danach stieg sie, obwohl keine Kriege mehr zu führen waren, auf sieben Jahre. Die Lebenserwartung ist eine erstklassige sozioökonomische Variable, denn reiche Menschen lebten schon immer länger, weil besser als arme.

So erfreulich es ist, wenn auch Männer, die nicht einsehen, wie privilegiert Männer sind, die Abschaffung des Machtgefälles zwischen den Geschlechtern fordern, so einseitig sind die Forderungen, mit denen er seinen Essay abschließt:

Wir benötigen in jedem Fall Gegenmaßnahmen, die sich nicht nur auf die Forderung nach gleicher Lebenserwartung für alle in den Vereinten Nationen lebenden Menschen beschränken, sondern auch:

  1. eine Quote bei den Ausgaben der Krankenkassen: Binnen zehn Jahren sollen maximal vierzig Prozent eines Jahresbudgets an ein Geschlecht allein gehen;
  2. gleichberechtigte Elternschaft: Binnen zehn Jahren Sorgerecht für jeden leiblichen Vater, eine Mitwirkungspflicht der Mutter bei der Feststellung einer Vaterschaft;
  3. eine Quote in den Erziehungsberufen: Binnen zehn Jahren muss die Verdrängung von Männern gestoppt und umgekehrt werden. Vierzig Prozent männliche Erzieher und Lehrer!

Das können wir doch noch etwas allgemeiner angehen:

  1. eine Quote bei den Ausgaben aller staatlichen oder halb-staatlichen Organisationen: Binnen zehn Jahren sollen maximal vierzig Prozent eines Jahresbudgets an ein Geschlecht alleine gehen;
  2. gleichberechtigte Elternschaft: Binnen zehn Jahren Sorgerecht und Sorgepflicht für jeden leiblichen Vater, eine Mitwirkungspflicht der Mutter bei der Feststellung einer Vaterschaft, Männer sollen gleich viel Care-Arbeit in der Familie leisten wie Frauen;
  3. eine Quote in allen Berufen und öffentlichen Ämtern: Mindestens vierzig Prozent jedes Berufes sollen auf jeder Karrierestufe von jeweils weniger beteiligten Geschlecht ausgeübt werden.

Aber – und das ist der entscheidende Punkt – damit werden immer noch sinnlose Kategorien aufrecht erhalten. Die biologische Elternschaft z.B. ist weit gehend irrelevant für die soziale Verantwortung und Pflege von Beziehungen (bei Punkt 2. spielt es eigentlich keine Rolle, wer der biologische Vater ist), Geschlecht ist keine Kategorie, die polar strukturiert ist, sondern wird in verschiedenen Inszenierungen geschaffen und ist Objekt und Subjekt von vielfältigen Machtbeziehungen. Eine nicht-sexistische Gesellschaft muss nicht auf diese Kategorien rekurrieren, um Menschen Rechte zu geben: Unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Körper haben Menschen umfassende Rechte und Freiheiten. Das ist mit solchen Maßnahmen, wie sie Herr Bönt vorschlägt, nicht zu leisten. Dafür braucht es ein Bewusstsein und eine Reflexion dessen, was Privilegien sind und bewirken.

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2 thoughts on “Forderungen für eine nicht-sexistische Gesellschaft

  1. Die Daten lasen sich eigentlich ganz gut erklären, wenn man davon ausgeht, dass patriarischere Gesellschaften meist mehr intrasexuelle Konkurrenz unter Männern bedeutet.
    Bei uns wurde diese in zivilere Bahnen gelenkt und in die Arbeitswelt verlagert, weswegen die angenommenen Privilegien teilweise eher Produkt dieses dortigen Konkurrenzkampfes sind, auf den die meisten Frauen weniger Lust als die Männer haben.

  2. Hier die Kurzversion: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich (steht in der Bundesverfassung). Als Gemeinwesen können wir nicht einzelne Menschen oder ein Gruppe von Menschen noch gleicher stellen, als so gleich wie sie sowieso schon gleich sind.

    Aber: Im Alltag, in unserem Privatleben, wie beim Geschäften, müssen wir wählen. Wir können gar nicht alle gleich behandeln. Warum sollten wir auch?

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