Altruismus, Wohlstand und Marktwirtschaft

Für Cicero haben Edith und Rolf Puster die These vertreten, Altruismus »würge den Wohlstand ab«. Ihre Argumentation lohnt einen genaueren Blick, weil sie aufzeigt, wie zirkulär einige Annahmen sind, auf denen die Konzeption freier Marktwirtschaft beruht.

Zuerst die Argumentation der Pusters in Kurzform:

  1. Allokation von Ressourcen
    Ressourcen werden optimal eingesetzt, wenn Handelnde damit ihre dringendsten Wünsche erfüllen.
  2. Funktion der Marktes
    Preise bündeln Informationen über Bedürfnisse und Wünsche und ermöglichen so Allokation von Ressourcen auch in komplexen sozialen Situationen (z.B. in einer arbeitsteiligen Gesellschaft).
  3. Unsichtbare Hand
    Indem Ressourcen von individuell Handelnden zur Bedürfnisbefriedigung eingesetzt werden, entsteht global ein optimaler Zustand: »Indem er seine eigenen Interessen verfolgt, fördert er oft diejenigen der Gesellschaft auf wirksamere Weise, als wenn er tatsächlich beabsichtigt, sie zu fördern.« (Adam Smith)

Edith und Rolf Puster sind sicher, dass die drei Prinzipien funktionieren:

Dort nämlich, wo freie Märkte existieren, sorgt die durch An­ge­bot und Nachfrage bewirkte Preisbildung dafür, dass für gewinnorientierte Markt­teil­neh­mer der Anreiz entsteht, ihre Ressourcen gerade für die Bereitstellung des tem­porär am dringlichsten Gewünschten einzusetzen. […]
Adam Smith’s unsichtbare Hand ist also ungeachtet ihrer Un­sicht­barkeit kei­ne Chi­märe; sei­ne Metapher steht nicht für ein Glaubensdogma, son­dern für ein Theo­rie­stück, das Verständige verstehen können.

Das ist nun die Basis für eine Kritik des Altruismus:

In einer Welt durchgängigen moral-induzierten Gewinnverzichts gibt es keine Garantie dafür, dass sich ein anfänglich gegebenes Wohlstandsniveau auch nur aufrechterhalten lässt. Knappheitsverbergende Preise legen nämlich die Axt an die Wurzel des Wohlstands – den freiwilligen Tausch: Nichts stellt dann mehr si­cher, dass auch nur einer der beiden moralgetriebenen Partner mittels des Tauschs ei­ne ihn min­der befriedigende Situation durch eine ihn mehr befriedigende er­setzen kann.

Der Homo Oeconomicus, der Mensch, der seinen Nutzen bzw. Gewinn optimiert, wird nun von einer theoretischen Annahme oder einem Modell zunächst zu einer deskriptiven Kategorie (Menschen handeln so) – und dann zu einer normativen (Menschen sollten so handeln). Viel unsauberer lässt sich nicht über Wirtschaft nachdenken. Wenn Menschen Ressourcen frei verteilen sollen – warum nicht auch nach moralischen Kriterien? Die Wirtschaftswissenschaften wissen längst, dass in der Realität eine naive Annahme einer Gewinnmaximierung nicht haltbar ist. Menschliches Handeln ist durch eine Vielzahl verschiedener Faktoren bestimmt.

Ein einfaches Beispiel: Bittet man Menschen auf der Strasse um einen kleinen Gefallen (z.B. ein Sofa in ein Haus zu tragen), dann tun sie das öfter, wenn man ihnen keine Entschädigung anbietet, als wenn man ihnen einen kleinen Lohn in Aussicht stellt, weil sie eben nicht ihren Gewinn maximieren wollen, sondern ihr Ansehen (sie wollen als guter Mensch erscheinen und jemandem helfen, nicht arbeiten).

Aber die Pauers übersehen ein ganz anderes Problem: Mir stehen enorm viele Ressourcen zur Verfügung, weil ich das Glück habe, als Schweizer geboren worden zu sein und in der Schweiz arbeiten darf. Warum sollten meine Bedürfnisse nun für eine global optimale Ressourcenallokation wichtiger sein als die von weniger gut gestellten Menschen? Wenn es nun mein Bedürfnis ist, bei Give What We Can 10% meines Gehalts effektiv einzusetzen: Wie gefährde ich dadurch – logisch gesehen – eine optimale Befriedigung von Bedürfnissen?

altruism

 

5 thoughts on “Altruismus, Wohlstand und Marktwirtschaft

  1. Die Argumentation der Pusters wird so ungefähr auch von der dt. Bundesregierung vertreten in einem jüngst ergangenen Ablehnungsbescheid zu einer Petition bezüglich eines Bedingungslosen Grundeinkommens: http://www.archiv-grundeinkommen.de/wiest/20130712-petitio-ende.pdf

    Amüsant finde ich die Behauptung: „Adam Smith’s unsichtbare Hand ist also ungeachtet ihrer Un­sicht­barkeit kei­ne Chi­märe“. Wer hat wohl jemals behauptet, die „unsichtbare Hand“ sei ein Mischwesen? Tatsächlich handelt es sich aufgrund der Unsichtbarkeit und des Existenzglaubens einiger Eingeweihter um ein Phantasma.

      • Ja, genau. Entweder eine Theorie kann prinzipiell jeder verstehen, weil sie den Regeln menschlicher Logik entspricht. Oder nur Eingeweihte, „Verständige“ können eine Theorie verstehen, dann spricht man von Esoterik.

  2. Altruismus kann eben auch ein dringender Wunsch sein. Und diesen zu befriedigen setze doch Ressourcen optimal ein. Da Widersprechen sich die Pusters tatsächlich selber.

  3. Die moderne Ökonomie sieht Altruismus lediglich als Spezialfall der Nutzenmaximierung. Die sogenannte Nutzenfunktion des Altruisten enthält bspw. neben dem eigenen Konsum auch den Konsum anderer. Das ist völlig normal. Ganz normale Marktwirtschaft. Und schadet der „Wirtschaft“ überhaupt nicht.

    Schädlich ist (meist) erzwungene Soldidarität. Aber sicher nicht freiwillige Solidarität.

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