Zu (einem Text über) Hochbegabung

Ich muss vorausschicken, dass ich es als Lehrer oft mit Jugendlichen zu tun haben, welche hochbegabt sind. Während ich bei einigen Kollegen (meist Männern) erlebe, dass sie an diese Jugendlichen höhere Erwartungen an ihre schulischen Leistungen stellen (schließlich sind sie ja »hochbegabt«), frage ich bei Eltern und Jugendlichen immer nach, wie sich das konkret auswirke, welche Bedürfnisse sich daraus ergeben. Mir ist völlig klar, dass es sich hier um eine psychologische Diagnose handelt, die erstens auf einer unklaren Begrifflichkeit fusst (man lese nur die Definition im Wikipedia-Artikel), zweitens auf einen Kontext Bezug nimmt: Fragen und Unsicherheit von Eltern, von Jugendlichen, von Lehrpersonen; soziale Schwierigkeiten, schulische, emotionale.

Eine Definition von Hochbegabung: Zu den 2,2% mit höchstem IQ gehören, d.h. heute >130.

Eine Definition von Hochbegabung: Zu den 2,2% mit höchstem IQ gehören, d.h. heute >130.

Der Begriff »hochbegabt« bedeutet dann zunächst etwas, was für mich als Pädagogen selbstverständlich ist: Verhaltensweisen, die nicht der Norm entsprechen, können den betroffenen Jugendlichen nicht im Sinne einer persönlichen Verantwortung angelastet werden, sondern lassen sich mit biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren erklären. Für vieles, was wir tun, können wir nicht verantwortlich gemacht werden.

Ich denke, ich bin selber hochbegabt. In meiner Kindheit und Jugend fühlte ich mich oft unverstanden und alleine; in der Schule war ich konstant unterfordert. Aber ich hatte Glück: Mir gelang es, meine Interessen immer wieder produktiv zu machen, ich konnte belastbare Beziehungen knüpfen und litt nie überaus stark an den Auswirkungen der – nicht durch Fachleute diagnostizierten – Hochbegabung.

Aber ich würde nie von mir auf andere schließen: Genau so wenig, wie ich aus der Erfahrung, depressive Phasen überwinden zu können, darauf schließen würde, depressive Menschen könnten ihre Krankheit aus eigenem Antrieb überwinden, würde ich argumentieren, dass Hochbegabte soziale und psychische Probleme aus eigener Kraft vermeiden könnten. Es ist wichtig, dass sie unterstützt und begleitet werden und die Gesellschaft und Bildung für die Auswirkungen von Hochbegabung sensibilisiert werden.

* * *

Gleichwohl habe ich mich gestern über Meike Lobos Text »Alien Nation« geärgert. Weshalb, war mir zunächst nicht klar. Nun habe ich darüber nachgedacht und versuche es zu formulieren.

Der erste Grund sind wohl diese Fragen:

Warum darf jeder Spaten an der Schwachsinnsgrenze glücklich werden und ich nicht? Warum hat jedes hohle Tittenmäuschen 7 beste Freundinnen und ich nicht eine? Warum finden die seichten Idioten 20 Gesprächspartner und ich ernte nur verständnislose Blicke, wenn ich aufzähle, was mich interessiert?

Wer darüber schreibt, dass es in der Diskussion über Intelligenz an Präzision und Respekt fehle und dass Hochbegabung nicht bedeute, Menschen seien »toller« als andere, dann dürfte man wohl nicht von »Spaten«, »Tittenmäuschen« und »Idioten« sprechen. Respekt verdienen alle.

Der zweite Grund wäre dann dem Text zugrundeliegende Hoffnung, durch eine Theorie der Hochbegabung eine Reihe von Störungen erklären zu können:

Hochbegabung bringt außerdem oft unangenehme Freunde mit, wie z.B. ADHS, Hypersensibilität, bipolare Störungen und einen fatalen Hang zu Selbstmorden.

Natürlich stimmt das: Das Auftreten von Hochbegabung steht in einer Korrelation zu diesen Krankheitsbildern oder Störungen. Aber das hilft den Menschen nicht weiter, die beispielsweise an bipolaren Störungen leiden. Zu sagen: Einige davon sind hochbegabt – was macht das mit den anderen? Die sind genau so wenig dafür verantwortlich, dass sie an einer Störung leiden. Und während das eine wissenschaftlich weiterführende Erkenntnis sein mag, dass Intelligenz mit bipolaren Störungen zusammenhängt, scheint mir die Wirkung entsprechender Diagnosen – Meike Lobo fordert, dass Psychologinnen und Psychologen bei diesen Störungsbildern routinemäßig auf Hochbegabung testen müssten – trügerisch: Das Ziel muss sein, dass Menschen sich nicht schuldig fühlen, wenn sie krank sind; und ihnen nicht suggeriert wird, sie könnten für Störungen die Verantwortung übernehmen.

Deshalb irritiert mich drittens die Forderung nach einem Label, das so verwendet werden kann, wie »Ich bin aus Deutschland«. Gerade dieses Beispiel zeigt ja, wie Label funktionieren: Sie sind gekoppelt mit falschen Vorstellungen, Vorurteilen und Wertungen. Wer auf der Welt sagt, »Ich bin aus Deutschland«, wird anders wahrgenommen, wie jemand, die sagt: »Ich bin aus der Schweiz«. Und dafür gibt es keinen vernünftigen Grund.

Label führen dazu, dass Unterschiede negiert werden. Nicht alle Hochbegabten sind gleich. Nicht alle Autistinnen und Autisten sind gleich. Und nicht alle Deutschen sind gleich.

Ich bin mit Meike Lobo einverstanden: Betroffene sollen sich nicht alleine fühlen. Sie müssen präzise beschreiben und verstehen, was ihnen zu schaffen macht. Sie müssen sich in der Gesellschaft sicher und wohl fühlen.

Aber meiner Meinung hilft ein Label nicht weiter. Entscheidend ist, dass Menschen als Individuen wahrgenommen werden und nicht als Vertreterinnen und Vertreter abstrakter Gruppen. »Ah, hochbegabt! In diesem Fall bipolar und suizidal, oder?« Andere Hochbegabte, so heißt es im Text, seien »kleingeistige Pisser, zerfressen von eitlen Befindlichkeiten«. Gehören diese Verhaltensweisen vielleicht auch zum Spektrum dessen, was mit Hochbegabung gemeint ist, und verdienen entsprechende Rücksicht und Respekt?

9 thoughts on “Zu (einem Text über) Hochbegabung

  1. Ehrlich gesagt ist es nicht die größte Überraschung, dass jemand, der so abwertend über andere menschen spricht kein großes soziales Umfeld hat. Die Hochbegabung wirkt eher wie ein Vorgeschobenes „Ach so, ich bin hochbegabt, deshalb werde ich ausgegrenzt“ um sich bloß nicht damit zu befassen warum andere keine Freundschaft aufbauen wollen.

  2. Mich ärgerte der Text auch. Die von dir sehr treffend problematisierten Argumente scheinen mir – davon ausgehend, dass Hochbegabung trotz möglicher Schattenseiten in erster Linie ein Privileg und die Bezeichnung ‚hochbegabt‘ mitnichten positiv konnotiert ist- Derailingfunktion zu haben („Intelligente/Schöne/Dünne/Weisse/Reiche/Männliche Leute haben’s auch schwer!!!!!!1“). Das abschätzige Mitmenschenbashing und der Labelwunsch tragen zu dieser Annahme weiter bei..

  3. Danke für Deinen Blogpost. Hier mein Kommentar zu einer interessanten und zentral wichtigen Aussage in Deinem Beitrag: „Verhaltensweisen, die nicht der Norm entsprechen, können den betroffenen Jugendlichen nicht im Sinne einer persönlichen Verantwortung angelastet werden, sondern lassen sich mit biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren erklären. Für vieles, was wir tun, können wir nicht verantwortlich gemacht werden.“ Ich kann diese Aussage zu einem Teil unterschreiben, aber nicht ganz. Auf der einen Seite hast Du natürlich Recht: HB ist mehr als bloss ein IQ über 130. Die grosse und breite Palette an möglichen „HB“-Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften gehören mit dazu. Dies erkennen viele Lehrpersonen, mangels Wissen, nicht. Leider.

    Auf der anderen Seite kann und muss man auch als „Alien“ lernen mit gewissen inneren und äusseren Mechanismen umzugehen. Ohne dieses „muss“, dieser Verantwortung, die jeder zurechnungsfähige Mensch für seine Handlungen übernehmen muss, landen wir wieder beim HB-ler als Spezialfall. Ich weiss, dass Du diese Textstelle nicht so gemeint hast, ich spitze lediglich zu. Ja, man wird als HB-ler oft nicht verstanden…und Smalltalk ist wirklich tödlich langweilig und manchmal nur dann zu ertragen, wenn man innerlich eine Studie über menschliches Kommunikationsverhalten startet…und zerbreche kann man auch daran, klar. Ich sage nicht, dass es leicht ist, seinen Weg zu finden. Ich plädiere für: Verständnis ja, Verantwortung übernehmen, auch ja.

    Auf der Suche nach sich selbst, nach der geeigneten und schwierig zu findenden Passform, zeichnen hochbegabte Menschen oft ungewöhnliche Lebenslinien. Dass die Lebensphasen heute nicht mehr nur 3-teilig eingeteilt sind (Kindheit, Lehre oder Schule, Erwerbsleben) sondern fragmentierter und das Bildungssystem durchlässiger, eröffnet neue Chancen, auch für hochbegabte Menschen.- Die zunehmende IT-fizierung, (zum Teil) auch in der Schule, eröffnet hochbegabten SchülerInnen neue Möglichkeiten. Modular aufgebaute E-Learning Kurse, MOOCs etc. könnten eine riesige Chance sein für einen stufen- und gabenorientierten Unterricht. Hoffen wir, dass es mit dem Lehrplan 21 einen guten Schritt vorangeht.

    Zurück zum „Spaten“ und „Idioten“. Das Problem ist, dass sich viele HB-ler immer noch für ihre, zugegebenermassen auch, schwierig empfundenen Seiten schämen und sich nicht mit sich selbst versöhnen können. Selbstannahme ist für die meisten Menschen mit einer HB der einzige Weg aus Depression und Selbstmitleid. Dieses sich selber runtermachen und das nicht erfüllen können der eigenen, hohen Ansprüche kann dann auch zu Arroganz führen. Wer sich selbst nicht achtet, achtet dann auch andere nicht. Aber auch das kann und soll keine Entschuldigung sein. Also: Keine Etiketten, für niemanden.

    JDR, Vater, ehem. Vorstand EHK, Lehrer, Head Communications Didacta Schweiz, Singer Songwriter, etwas Astronaut, Blogger (www.socialtank.ch, http://www.charity007.ch)

  4. Generell hochbegabt – weiss nicht, ob es das wirklich gibt. Ich bin froh, dass verschiedene Lehrer in meiner Schulzeit mein Flair für zB Mathematik festgestellt haben und in verschiedenen Weisen gefördert haben. In meinen Augen ist das auch eine Aufgabe der Lehrpersonen – genauso, wie sie auch Schwächere unterstützen.

    Leider stelle ich in unserer Kultur fest, dass viel lieber (teilweise erfolglos) an Schwächen experimentiert wird – als auch wirkliche Talente gefördert werden. Dazu kommt, dass die antrainierte Bescheidenheit oft dazu führt, dass gerade Kinder sich nicht getrauen von „bin schon besser“ sich zu „noch viel besser“ zu verbessern. Insbesondere was intellektuelle Fähigkeiten anbelangt.
    Niemand hat ein Problem, wenn jemand im Beruf, Handwerk, in der Musik, im Sport usw gefördert und unterstützt wird. Aber wenn jemand seine sehr guten intellektuellen Fähigkeiten (oder die seines Kindes) noch mehr trainieren wird, dann haftet dem leider immernoch was „streberhaftes“ an und wird kaum verstanden oder mit unterstützt.

    >> nur nochmals, damit es klar ist (aufgrund obiger Kommentare): Ich finde es absolut wichtig, dass Schwache unterstützt werden! Und ich Begrüsse jegliche Förderung eines Talents, solange es aus freien Stücken geschieht.

  5. Es stimmt schon, dass der Text sehr bissig ist, was ich allerdings eher schätze als verachte, weil dadurch ihre Sprache an Kraft gewinnt. Man sollte dazu ästhetische Distanz wahren. Außerdem sollte man sich vielleicht klar machen, dass sie nicht aus einer objektiven, überlegenden Perspektive heraus schreibt, sondern einfach nur die Kognitionen wiedergibt, die man als verzweifelter Hochbegabter so hat. Ich denke schon, dass sie differenzieren kann zwischen den Gefühlen, die einen eben durchlaufen, verbunden mit üblen Ausdrücken, und einer vernünftigen, respektierenden Haltung, zu der man sich immer wieder ermahnen muss. Ich denke, im Menschen kann es beides geben: Verzweiflung und intuitive Abneigung, aber auch Respekt.

  6. Pingback: Denken, man sei “ewas Besseres” / Outings | Ja gut, aber …

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