Die »Zürcher Prozesse« – ein paar Fragen und Gedanken

Milos Rau lade »uns dazu ein, unsere Wirklichkeit als Theateraufführung zu betrachten«, schreibt Hansjörg Betschart. Das hat er letzte Woche in Zürich getan, wo die Weltwoche vor Gericht stand – einem fiktionalen Gericht, das aber aus echten Menschen bestand, die zwar eine Rolle spielten, diese aber selbst bestimmen konnten, genau so wie die Anklagenden und die Verteidigenden.

Ich verstehe, was Rau beabsichtigt. Es ist eine Brechtsche Idee, Menschen zu ermöglichen, im Theater ihre Wirklichkeit zu erkennen. Aber: Die Weltwoche? Haben wir darüber nicht schon 200 Zeitungsartikel gelesen und 50 Blogposts geschrieben? Gibt es zum Roma-Cover noch etwas Neues zu sagen oder zu denken? Und warum echte Gesetzesartikel? Warum werden nicht grundsätzlichere Fragen diskutiert?

Screenshot SRF.

Screenshot SRF.

Hilft ein inszenierte Prozess beim Verständnis dessen, was der Rechtsstaat ist oder sein könnte? Was Medienfreiheit für Probleme mit sich bringen kann und wie sie zu lösen sind? Wie mit den Mechanismen der Provokation, der politischen Inkorrektheit, persönlicher Diffamierung und unsauberer journalistischer Arbeitsweise umgegangen werden sollte? Ich bezweifle es – ohne allerdings viel vom Prozess gesehen zu haben. Gelesen habe ich dafür einiges darüber, z.B. in der NZZ.

Es braucht nicht viel Schlitzohrigkeit, einen Brejvik-Prozess zu verhökern. Eher schon bräuchte es Chuzbe sich der Dokumentation des Nicole-Prozeßes zu stellen, der gegen den Genfer Arbeiterführer geführt wurde, und der samt der Dokumentation der Schießerei von Genf vom 9. Nov. 1932, durchaus etwas über die schweizerische rechte Mythenbildung sagen könnte.

Die Frage bleibt, wieviel Wirklichkeit braucht die Wirklichkeit, damit wir ihr beikommen können? Und die Wirklichkeit gibt auch gerne Antwort: Sie ist unendlich interessanter als jede ihrer Theoriebildungen!

Das alles schreibt ebenfalls Betschart. Ich tendiere dazu, ihm beizupflichten: Die Weltwoche vor Gericht zu stellen ist nicht originell. Die Form des Gerichtsprozesses auf dem Theater ermöglicht zwar, die Inszenierung der Weltwoche, der SVP und ihrer Kritikerinnen und Kritiker zur Darstellung zu bringen – aber denkende Menschen haben das schon vor Jahren durchschaut. So werden Argumente wiederholt, die ihre Kraft längst verloren haben. Das Ziel Raus, so heißt es im Beitrag von SRF Kulturplatz, sei der »gesellschaftliche Diskurs«. Nur: Den gibt’s ohnehin schon, mit oder ohne Rau.

Die Realität auf die Bühne bringen: Gerne. Aber so, dass Form und Inhalt einander voranbringen und nicht schon bestehende Muster verfestigen.

7 thoughts on “Die »Zürcher Prozesse« – ein paar Fragen und Gedanken

  1. Alex Baur fragte (in der Pause des Stücks) Derya Özonar (Muslimin mit Kopftuch, geladen als Expertin) ob sie seine Artikel überhaupt gelesen hätte. Sie anwortete (laut Baur), «Sowas» lese sie gar nicht erst. Deine «Kritik» eines Theaterstücks, dass du nicht (od. kaum) gesehen hast, ist etwa das selbe.

    Ohne es mir näher anzuschauen, weiss ich schon, warum es geht und dass es nicht gut ist.

    Aber gleichzeitig den Vertetern der Weltwoche «Pauschalisierung» und «Vorurteile» vorwerfen? Hm…

    • Falls meine Kritik den tatsächlichen Prozess verfehlt, kann ich deinen Vorwurf nachvollziehen. Aber wenn sich die Kritik nur daran entzündet, dass ich den Prozess nicht integral verfolgt habe, dann könnte man doch leicht darauf hinweisen, was ich verpasst habe und worin der Wert dieser Inszenierung liegt.

      Anders gefragt: Findest du, wenn man im Jahre 2013 in Zürich einen Prozess auf die Bühne bringt, es sollte um die Weltwoche und das Roma-Cover gehen?

      • Solche Produktionen haben zweifelsohne ihre Berechtigung. Weil der Gegensatz von (Presse-/Meinungs-)Freiheiten vs. moralische Pflichten (Stil, Instrumentalisierung) gerade heiss debatiert wird. Es ging aber um viel mehr als nur das Cover.

        Übrigens, ja, man sollte einen Prozess mitverfolgt haben, will man darüber urteilen. Schliesslich schreibt man auch keine Spielerkritik von einem Fussballspiel, das man nur vom Hörensagen mitbekommen hat.

        Die Zürcher Prozesse haben nicht in erster Linie bestehende Muster gefestigt, sondern die Möglichkeit des Theaters genutzt, etwas zu „spielen“, das in Wirklichkeit todernst ist. Da wurden sehr grundsätzliche Fragen an die richtigen Personen gestellt (Intention des Islams, Verhältnis zu Steinigung, an Blancho. Islamkritik, Religionsfreiheit, etc.). Die Masken sind – paradoxerweise im Theater – bei einigen Personen gefallen.

        Da die Folgen (z.B. das Urteil) im Theater weniger schwer wiegen, die Lerneffekte aber dennoch gross sind, sind solche Projekte zu begrüssen.

        Ich versteh deine Kritik überhaupt nicht.

  2. Das klingt ein bisschen wie: «Ich habe diese Musiker schon ein paar Mal im Radio gehört, ich weiss also wie die klingen. Ist deswegen völlig unnötig, dass die ein Livekonzert geben.»

    Ich war auch skeptisch (Naja, wird man da was Neues hören?) aber ich fand’s (soweit mitverfolgt) eben doch ganz interessant.

    Es ging ja auch nicht (nur) ums Roma-Cover, sondern generell um Berichterstattung der Weltwoche und unterstrichen durch die strenge Form v.a darum, beiden Parteien bei der Entwicklung ihrer Argumentation zuhören zu können (und auch zu müssen). Dieser Schlagabtausch der «Ideologien» der sonst eigentlich immer anhand eines bestimmten Themas (Roma, Islam ect) stattfindet, wurde sozuagen aus den Themen «extrahiert». Und diese beiden Ideologien in dieser Form aufeinadertreffen zu lassen, fand ich doch erhellend. Von daher: Ja, ich finde das hat Ganze hat so durchaus Berechtigung.

    • Der Vergleich ist eigentlich gut: Tatsächlich könnte es ja schon Musikerinnen und Musiker geben, bei denen man aus der Art der Musik darauf schließen könnte, dass ein Konzert keinen großen Wert haben könnte. Und natürlich kann man sich dann täuschen, wenn man sich das Konzert nicht anhört.

      Ein Punkt geht vielleicht etwas unter in meiner Kritik, aber ich störe mich am strengen juristischen Rahmen. Die Weltwoche operiert ja nicht außerhalb des Gesetzes, wir müssen nicht – wie andere Prozesse, die Rau aufnimmt – den Rechtsstaat simulieren, weil es ihn gibt. Und wenn wir ihn simulieren wollten, dann müssten wir das wohl auch strenger und demokratischer tun. Interessant wäre es ja dann, wenn wir Zweifel daran hätten, welches denn nun das gerechtere Urteil wäre, ob denn unsere Gerichte die Gesetze noch durchsetzten etc. Und diese Frage dürfen auch Menschen beantworten, die sich zwar informieren, aber nicht Zeuginnen und Zeugen der Verhandlung gewesen sind – weil das ja bei einem Gerichtsprozess auch so abläuft. Wir bilden uns ein Urteil, ohne dabei gewesen zu sein.

      (Ich will mich nicht rausreden: Natürlich hast du Recht, was ausgelöst wird, kann man nur beurteilen, wenn man sich ein umfassendes Bild gemacht hat, und das habe ich nicht.)

  3. Mich hätte in erste Linie interessiert, ob das Roma-Cover einer juristischen Prüfung wegen Verstosses gegen die Antirassismus-Strafnorm tatsächlich standhält. Damals wurden die Anzeigen von der Zürcher Staatsanwaltschaft, die mehr oder weniger 1:1 das Argumentationsmuster der „Weltwoche“ übernahm, abgeblockt, worauf die Weltwoche-Verteidiger, soviel ich von den Zürcher Prozessen mitgekriegt habe, immer wieder genüsslich hinwies. Mir scheint der Fall allerdings bis heute nicht geklärt. Es wäre ein Punkt gewesen, wie man die Debatte ein Stück hätte weiter bringen können – anstatt nur zu Theäterlen.

  4. lieber philippe
    nach längerem suchen eine forumsform zur wutbürgerlichen nachbesprechung der zür(i)cher prozesse bin ich nun auf deinen blog gestossen. danke für dein engagement! ;)

    zum thema gehe ich teils mit meinen vorschreiber einig: die auseinandersetzung wie weit das (eidgenössische straf-)recht greifen kann, was strafmasse bedeuten können und welche verantwortung unseren gerichten als politische institution zukommen müssen/können in heutigen gesellschaftsform, sind im theater untergegangen. ganz im sinne der populisten und marktschreier wurden diese wichtigen thematiken durch einen stetigen selbstbezug der anklage verwässert – die ersthaft geführte diskussion somit verumöglicht und drehte sich im kreis um mögliche corpora delicti. angeführt von einen clownio zanetti. der kantonrat war meines erachtens neben dem väterlichen landmann ein zuviel des guten, ebenso der nachbarliche robert misik. jeder anflug von vertiefter betrachtung der sachverhalte, im bezug auf den gesetztestext, wurde jäh gekröpft.
    dabei wären die staatspolitischen fragen der jurisprudenz und rechtsprechung wichtig und vorallem dringend zu erörtern. wie weit meinungen (und was meinungen und meinungsdarstellungen dürfen) in das recht der freiheit und herkunft anderer eingreifen dürfen, wurde eben nicht behandelt. schlussendlich unspannend und der eigentlichen fragestellung war die klischierte auflösung von schuld oder unschuld. den eines sollte allen einigermassen klar sein: eine schuld haben die redaktionsleitung der weltwoche und deren einzelne autoren bewusst auf sich genommen. doch wieviel wiegt diese nun auf in unserem rechtssystem? eine parkbusse für 40.-? bei rot über die ampel für 250.-? oder etwas doch 40km/h zuschnell unterwegs? ein freispruch kann nicht gegeben sein, jedoch straffreiheit im sinne der anklage stattgegeben werden, würde ich imho meinen.

    […ansonsten: (ganz abgesehen mal davon, dass die verteidigung den kurtsch’en dreisatz weiterverfolgt hat. despektierlich und bar jeden anstandes personen zu diskreditieren – deutlich schon im anfangplädoyer wurde die persönliche kritik an kurt imhof postwendend erneuert.) richterin barbara salesch lässt grüssen…]

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