Glück – eine Kritik

Im Folgenden möchte ich dafür plädieren, das Wort »Glück« nicht oder sehr zurückhaltend zu verwenden – und gebe Gründe für diese Forderung an. Natürlich benutzen Menschen das Wort ständig. Ich will das weder verbieten noch verurteilen; sondern nur fragen: Ist es sinnvoll, von Glück zu sprechen?

Glück ist ein sehr unklarer Begriff: Wir meinen damit einerseits das Eintreten eines unwahrscheinlichen, aber vorteilhaften Ereignisses (»luck«); andererseits einen Zustand des Wohlbefindens, der temporär sein kann oder auch auf das ganze Leben bezogen (»happiness«). Wenn Menschen gefragt werden, was Glück für sie bedeutet, weichen Sie meist ins Exemplarische aus und erzählen von Pulverschnee, Erlebnissen mit Freunden, Nahrungsmitteln oder vom Wetter.

Damit meinen sie einen Zustand des Wohlbefindens. Einige Jahre fuhr ich mit Schülerinnen und Schüler ins Skilager, wir übernachteten in einer Hütte in der Nähe der Bergstation des Sessellifts. Jeden Morgen stapfte ich durch den Schnee zum Sessellift, vielleicht 10 Minuten. Es war absolut still, meist kalt, aber klares Wetter. Die verschneite Landschaft tat sich vor mir auf, die Kälte verursachte ein sanftes Stechen in meinen Lungen, alles schien möglich. Es ging mir gut, ich fühlte mich optimistisch und mir gefiel, was ich sah und erlebte. – Zu sagen, ich sei glücklich gewesen, erscheint mir als eine Verkürzung und eine Ungenauigkeit.

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Ja, das ist eine ironische Illustration.

Kommt hinzu, dass wir auf der Suche nach dem Glück, einem dauerhaften Zustand der Zufriedenheit und Sorglosigkeit, die Orientierung verlieren. Wir befürchten ständig, das »Glück« könnte sich irgendwo verstecken, wir hätten nur die zweit- oder drittbeste Option gewählt. Jede Entscheidung unterliegt dem Druck, glücklich sein zu müssen – dieser Druck ist letztlich das neoliberale Verständnis davon, dass Menschen für ihr Wohlergehen selber verantwortlich sind; obwohl oft Umstände und Umwelteinflüsse stark dazu beitragen, ob es jemandem gut geht oder nicht. Wenn man davon spricht, dass einem etwas gefällt oder guttut, dann wird deutlich, dass man oft nicht die Kontrolle über das hat, was Wohlbefinden verursacht.

Diese Kritik betrifft insbesondere die positive Psychologie, die den Begriff Glück stark gemacht hat. Der Hauptvertreter, Martin Seligman, verzichtet aber mittlerweile zugunsten von »well being« auf die Rede von »happiness«. Hier ein interessantes Video, indem er den aktuellen Forschungsstand umreißt:

22 thoughts on “Glück – eine Kritik

  1. Glück mag ein Wort sein, das sehr oft sehr ungenau verwendet wird. Aber Sprache ist ungenau. Sie nähert sich, wenn wir Glück haben (Verzeihung), unseren Empfindungen wie eine Asymptote.

    Wörter bedürfen eines Kontexts. Meiner Meinung nach zeigen allein schon die Verweise auf die englischen Ausdrücke, dass die Kritik am Wort Glück zu kurz greift und sich möglicherweise in der deutschen Sprache viel einfacher formulieren lässt (um etwas auszuschweifen, eine sehr interessanten Reportage über die Eigenheiten der Sprache kann man sich hier vorlesen lassen: http://reportagen.com/content/goodbye-babylon).

    Die eher knappe Argumentation im vorletzten Abschnitt ist denn auch weniger eine Kritik am Wort Glück, als eine an seinem offenbar neoliberalen Kontext. Ob dieser neoliberale Kontext tatsächlich die öffentliche Diskussion dominiert? Ich bezweifle es.

    • Was meinst du damit, die Kritik greife zu kurz und lasse sich einfacher formulieren? Das verstehe ich nicht.

      Ich denke, der neoliberale Kontext ist sehr präsent. Ohne das Wort gibt es die Frage nicht, ob ich denn glücklich sei. Diese Frage ist für viele Menschen eine Belastung, denke ich, weil sie die Verantwortung für ihr Wohlergehen übernehmen müssen.

      • Was ich meine ist, dass es in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich viele Ausdrücke gibt, die eine Form von Glück beschreiben. Zum Beispiel „happiness“ und „luck“. Je mehr Wörter es gibt, desto präziser kann die Sprache sein. Umgekehrt ist es also einfacher, eine Sprache für ihre Ungenauigkeit anzugreifen. Und deshalb auch der Link zu Reportage von Reportagen. Da wird beschrieben, wie spezifisch gewisse Ausdrücke in verschiedenen Sprachen sein können – auch wenn es Dir bei Deiner Kritik wohl nicht primär darum ging.

  2. «Wenn man davon spricht, dass einem etwas gefällt oder guttut, dann wird deutlich, dass man oft nicht die Kontrolle über das hat, was Wohlbefinden verursacht»: Hier wird ebenso deutlich, dass wir das, was uns passiert, ständig bewerten. Das ist Glück, das ist Unglück; das ist gut, das ist schlecht.
    Leid entsteht immer dann, wenn wir uns von etwas wünschen, es wäre anders, als es ist. Die Tatsachen und damit das äussere Bild können wir nicht verändern, wohl aber das innere Bild, unsere Einstellung dazu. Deshalb ist Glück (oder das Glücklichsein) letztlich eine Frage der Perspektive. Menschen, die weniger bewerten, fühlen sich in der Regel glücklicher (oder zumindest zufriedener) als jene, die alles, was ihnen passiert, danach bewerten, ob es ihrer Vorstellung vom Glücklichsein entspricht. Dazu gibt es eine schöne Geschichte: http://inspirationsblog.ch/2013/03/13/wer-weiss-schon-wozu-es-gut-ist/

      • Für die eigenen Gedanken (= Bewertungen) ist man schon selbst verantwortlich, und so gesehen auch dafür, ob man sich glücklich oder unglücklich fühlt. Und ja: Es ist schwierig, nicht zu bewerten. Wir tun es praktisch ununterbrochen und sehr oft unbewusst; das Ego nährt sich von Bewertungen. Wie so oft geht es wohl auch hier um das richtige Mass.

  3. Du sprichst vom Druck, glücklich zu sein und bringst dies in einen Zusammenhang mit dem Neoliberalismus. Da will ich dir nicht widersprechen, aber dieser Druck ist doch bei den Linken auch ganz gut zu sehen. Etliche wollen ja einen Glücksindex erstellen und die Politik danach ausrichten. Mir scheint, das würde diesen Druck noch verstärken.

    Mir scheint, dieser Fokus auf und Druck zum Glück ist ganz generell eine Erscheinung der Moderne und deshalb in vielen verschiedenen politischen Richtungen zu sehen, wobei natürlich jede dem Thema Glück einen etwas anderen Spin gibt.

    Ich persönlich finde es etwas ‚unglücklich‘ dass eine Emotion derart empor gehoben wird und dabei andere Emotionen ignoriert oder abgewertet werden.

    • Natürlich – auch andere politische Instrumentalisierungen des Begriffs sind problematisch. Der Vorschlag, Glück als Schulfach einzuführen, der von linker Seite her ernst gemeint zu sein scheint, ist so dumm, dass ich ihn gar nicht erst kommentieren wollte. Ich verstehe neo-liberal hier nicht als politischen Kampfbegriff, sondern wollte damit die Vorstellung bezeichnen, dass Individuen sich selbst überlassen den besten Zustand erreichen können, damit aber auch Verantwortung übernehmen müssen. Meiner Meinung nach ist weder der Fokus auf die Fähigkeiten der Individuen noch der Fokus auf eine diffuse »Gesellschaft« dabei hilfreich, Probleme zu analysieren, die gerade durch die Interaktion von Individuen mit sozialen Konstellationen entstehen.

  4. Das mit der neoliberalen Moderne bezweifle ich. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist wohl eher alt (ca 300 v.Chr: „fabrum esse suae quemque fortunae“). Ich habe eine mehrjährige, schwere Depression hinter mir, in der sich gar keine Emotion anfühlen liess, da freu ich mich heute über so’n bisschen Glück ab und an sehr. Es gibt ja auch noch das Unglück, und ich frage mich, was Menschen die darin leben zu dieser Diskussion meinen. „Das Menschen Leben : das heißt vierzig Jahre Haken schlagen. Und wenn es hoch kommt (oft kommt es einem hoch ! !) sind es fünfundvierzig; und wenn es köstlich gewesen ist, dann war nur fünfzehn Jahre Krieg und bloß dreimal Inflation.“ (Arno Schmidt, Schwarze Spiegel). Der Begriff Glück taugt scheint’s mir eben auch zur Auflehnung: https://www.youtube.com/watch?v=s3qc2aMbr88.

    • Eine eher langweilige Polemik, nicht? Seligman hat AFAIK auch an Foltermethoden mitgearbeitet. Ändert nichts daran, dass er eine wichtige Figur für die Glücksforschung ist und sich vom Begriff abgewendet hat.

      • Well-being und flourishing machen’s nicht besser. Alle zynische Spiessigkeit des positive thinking als Herrschaftsmittel bleiben erhalten. Ich hab’s noch nicht ganz erliegt: Was stört dich nun wirklich am Begriff Glück? Die Instrumentalisierung? Der Scharlataneffekt durch falsche Hoffnungen? Also eher der Umgang damit? Oder doch eher der innere Bedeutungsgehalt?

      • Mich stören zwei Dinge: Erstens die Ungenauigkeit des Begriffs (die diffusen Fragen, was den Glück sei etc.) und zweitens die Vorstellung, wir müssten und könnten alle glücklich sein und sonst machten wir etwas falsch.

  5. Wie @xanalysis ist mir nach Lektüre deines Blogposts nicht klar, was dich am „Glück“ stört: Das Wort? Die Bedeutung? Die Suche danach?

    Du sagst erst, es sei das Wort selbst, weil es unklar sei. Es gibt aber durchaus Kontexte, wo das Wort genau genug und dessen Gebrauch angebracht ist (z.B. wenn es um den Ausdruck einer allgemeinen Gefühlslage geht). Und es gibt viele andere Worte, dessen Bedeutung mindestens so unklar ist wie die von „Glück“. Man kann argumentieren, dass die meisten Wörter so viele Bedeutungen haben, wie es Menschen gibt, die sie benutzen.

    Zum Argument der Ungenauigkeit möchte ich sagen, dass manchmal Effizienz wichtiger ist als Genauigkeit. Da wird man eher den Begriff „Glück“ benutzen, statt in mehreren Sätzen zu beschreiben, was zu diesem Zustand geführt hat und wie es sich anfühlt. Gefühle kann man sowieso, auch in vielen Sätzen, nicht wirklich genau beschreiben.

    Dann gehst du von der Kritik am Wort zur Kritik an der Suche nach dem Gefühl. Wobei du, wie mir scheint, von dir auf andere schliesst (z.B. „Sorglosigkeit“: du nimmst an, Sorglosigkeit gehöre für jeden zum Glück; „Orientierung verlieren“ & „Wir befürchten ständig…“: es mag vielen so ergehen, aber allen?). Ich kann die Kritik an dieser Suche und den vielfach dadurch erzeugten Druck zwar nachvollziehen, aber damit gegen den Gebrauch des Begriffs zu argumentieren scheint mir sinnlos.

    Martin Seligman selbst hat im eingebundenen Video mehrmals das Wort „happiness“ gebraucht und braucht es in seinen Büchern immer wieder. Es ist nicht der Meinung, dass Wort solle nicht gebraucht werden. Er sagt „happiness“ sei ein Bestandteil von „flourishing“. Entgegen deiner Meinung ist er auch der Auffassung, dieses „flourishing“ sei ziemlich genau definier- und messbar.

    Aber eben: Ich habe nicht das Gefühl, dass dein Problem beim Wort liegt, sondern bei Assoziationen, die du damit machst.

    • Natürlich ist Sprache notorisch unklar und das muss sie auch sein, um funktionieren zu können. Aber bei Glück ist die Ungenauigkeit so problematisch, weil es von der wissenschaftlichen Diskussion bis zur Vorstellung, Glück sei komplett von individuellen Vorstellungen oder einer inneren Einstellung abhängig, alles gibt. Liest man in philosophischen Anthologien, dann geht es den Texten, die sich mit »Glück« befassen, um komplett unterschiedliche Zusammenhänge. Das Resultat ist – für mich: Wenn jemand von Glück spricht, muss ich nachfragen, was er oder sie damit genau meint. Und das ist nicht befriedigend. Natürlich verstehe ich, wenn mir jemand sagt, er oder sie sei gerade total glücklich, ungefähr was damit gemeint ist. Aber ich sehe nicht, was der Vorteil gegenüber »ich fühle mich wohl«, »mir geht es gut« etc. ist, es gibt für mich keine klare Differenz.

      Die »Suche nach dem Gefühl« ist nicht unabhängig vom Wort zu denken, denke ich. Es reicht vielen Menschen (natürlich spreche ich nicht für alle und natürlich spitze ich zu und natürlich sind das meine Gedanken, die ich hier präsentieren) heute nicht mehr, einen Beruf zu haben, ein Hobby und Beziehungen zu führen. Beruf, Hobby und Beziehung müssen einen so stark erfüllen, dass wir uns ständig dafür rechtfertigen müssen, wenn sie es nicht tun – nicht unbedingt vor anderen, aber vor uns. Das meine ich mit dem Druck – der meiner Meinung nach so stark ist, weil der Begriff so unklar ist und impliziert, das was Menschen in wenigen Momenten erleben, lasse sich dauerhaft machen, und wenn nicht, seien sie daran schuld.

      Seligman ist ein Querverweis – und tatsächlich: Eine Assoziation. Ich habe mich einfach daran erinnert, dass er den Begriff gegenüber anderen abgewertet hat; aber er würde sich meiner Argumentation natürlich nicht anschließen.

  6. Ich denke, ich verstehe, was du meinst. Aber ich denke nicht, dass die von dir angesprochenen Probleme am Wort „Glück“ liegen, bzw. aus der Welt verschwänden, wenn es das Wort nicht gäbe. Dann gäbe es halt den Druck, sich wohl zu fühlen, zu gedeihen, um Seligmans Ausdruck zu nehmen. Und meiner Meinung nach wäre das der genau gleiche Druck. Ich denke, es wäre nur ein Etikettenwechsel.

  7. Glück ist dann, wenn man sich glücklich fühlt. Es ist 100% individuell und das Sezieren und daran Herumdenken zerstört es. Diese Erklärung mag dich nicht befriedigen, aber sie ist nun mal die einzige Weise, auf die du dich dem Begriff nähern kannst. Alles andere mündet in unzureichenden Beschreibungen und hinkenden Vergleichen. Und das macht Glück so besonders und vielleicht für einige auch unerreichbar.

  8. Vielleicht wiederhole ich auch schon Gesagtes, wenn ich nicht alles genau nachlese. Mein Risiko.

    Dass die leise Kritik am Glück, der Appell, das Wort vorsichtig anzuwenden gerade jetzt zum Frühlingsbeginn laut wird, erstaunt mich. Frühlingsgefühle und Glücksgefühle liegen im allgemeinen Empfinden nah beieinander.

    Ich würde zunächst zwischen Glücksversprechen und dem Streben nach Glück unterscheiden. Ersteres kommt von außen und muss sich gar nicht mit den eigenen Bedürfnissen decken. Da ist sicher Vorsicht angebracht.
    Das Streben nach Glück ist ebenfalls nicht zu verwechseln mit der Suche danach.

    „Das Glück ist ein unklarer Begriff“ heißt es, aber seltsamerweise wissen die meisten was damit gemeint ist. Ob man einen erhabenen oder berührenden Zustand als Glück bezeichnet, ist aus meiner Sicht persönlich oder biografisch gefärbt. Aber entzieht sich das nicht einer Beurteilung von außen? Wer will das beurteilen und aufgrund welcher Kriterien?

    PW:“ Kommt hinzu, dass wir auf der Suche nach dem Glück, einem dauerhaften Zustand der Zufriedenheit und Sorglosigkeit, die Orientierung verlieren.“

    Auf der Suche nach Glück, kann das wohl passieren. Beim Streben danach glücklich zu sein, eher nicht. Liegt die Ungenauigkeit nicht vielmehr in der Beschreibung oder Erreichbarkeit von Glück? Für mich ist Glück kein „dauerhafter Zustand der Zufriedenheit und Sorglosigkeit „, sondern mehr als das.

    Ich kenne das Gefühl der Anfechtbarkeit, wenn ich mich glücklich fühle oder es sogar bin. So als hätte ich nicht alles bedacht oder als würde dann nichts mehr kommen. Es scheint vor allem eine diffuse Angst davor zu geben, glücklich zu sein.

  9. Seit ich erkannt habe, dass sowohl ich als auch viele Andere so sehr unter dem Zwang leiden, glücklich sein wollen zu müssen, dass es gar nicht mehr möglich ist, glücklich sein können zu dürfen, sind mir statt Spaß und Glück Genuss und Zufriedenheit die befriedigenderen Werte.

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