Wie offen bin ich?

Gestern habe ich diese Seite auf Twitter gepostet. Sie stellt einfache Fragen zum Verhältnis zu LGBTQ-Menschen, z.B.:

Stört es dich, dass dieser Junge seine beiden Mütter liebt?
a) ja
b) ein wenig
c) gar nicht.

Bildschirmfoto 2013-03-11 um 10.17.41

Es kamen schnell ähnliche Reaktionen auf meinen Link:

Zunächst dachte ich, okay, klar: Wer sich Gedanken über Normen macht, der oder dem ist sofort klar, es geht um Menschen, die ihr Leben so leben, wie sie sich wohlfühlen. Was kann daran falsch sein und warum sollte mich das stören?

Diese rationale Grundeinsicht wird aber von Gefühlen begleitet. Diese Gefühle – die ich vor allem im Bereich der Intersexualität kenne – kann man wohl als Irritation bezeichnen. Diese Irritation bewirkt bei mir eine Verunsicherung: Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, oder ich denke mehr darüber nach.

Ich mag die Irritation nicht. Gerne würde ich ohne sie leben und Menschen ganz »natürlich« als Menschen behandeln. Aber das gelingt mir nicht immer. Grund dafür mag meine Sozialisation sein, ich weiß es nicht. Die Irritation führt bei mir nicht dazu, Begegnungen oder Erfahrungen zu vermeiden, im Gegenteil: Gerne würde ich sie loswerden, etwas gegen sie tun.

Aber ich denke, es ist problematisch, wenn wir vorgeben, wir seien alle tolerant und aufgeschlossen und kennten diese Irritation nicht. Versteckt und verdrängt hat sie meiner Meinung nach mehr Kraft, als wenn man über sie spricht und nachdenkt. Entscheidend scheint mir: Die Irritation geht nicht von den Menschen aus, auf die ich sie projiziere, sondern von mir. Es ist mein Problem, das ich lösen muss.

13 thoughts on “Wie offen bin ich?

  1. Treffend beobachtet – auch ich halte mich eigentlich für eine sehr offene, tolerante Person, die auch einige schwule oder lesbische Freunde hat. Ich komme aber bei bestimmten Situationen trotzdem an meine Grenzen und verspüre gewisse innere Widerstände. Wichtig ist (wie du deutlich machst) die Einsicht, dass wir selber für diese Irritationen verantwortlich sind und mit ihnen umgehen müssen, dass wir also nicht unseren Mitmenschen die Schuld für unsere Gefühle geben können.

  2. Danke für die Ehrlichkeit. Diese ist m.E. immer produktiver als eine hinter der Maske politischer Korrektheit versteckte Scheintoleranz. Rationalität ist nur eine Facette des Menschen, die als Kontrollorgan anderer Facetten wie Gefühle selten einen guten Job macht.
    Auch wenn ich rational völlig zweifellos bin und finde, alle sollen ihr Leben leben können und so glücklich werden, wie es für sie stimmt, und mich insgesamt für einen offenen Menschen halte, kenne auch ich viele Irritationen und stelle immer wieder fest: Am schwierigsten ist die Offenheit sich selbst gegenüber. Während ich bei allen anderen sehr offen bin, irritiert mich meine eigene Offenheit gegenüber beiden Geschlechtern immer wieder sehr.
    Mir scheint es sinnvoller, mit einer Akzeptanz eigener Irritationen zu beginnen, als sich für die Irritationen zu verurteilen. Dann kann man besser hinschauen, was eigentlich dahinter steckt. Vermutlich viel Angst vor dem Nichtdazugehören, vor dem Abseitsstehen, vor mangelnder Anerkennung oder auch davor, dass nicht für alle dasselbe richtig oder falsch ist und dass um uns und in uns die Welt mit unendlichen Widersprüchen ausgestattet ist. Ein interessantes Stichwort in diesem Zusammenhang ist „Ambiguitätstoleranz“.

  3. Als Nachtrag zum Thema Steuerung eigener Gefühle mein Lieblingszitat von Mahatma Gandhi: „I have only three enemies. My favorite enemy, the one most easily influenced for the better, is the British Empire. My second enemy, the Indian people, are far more difficult. But my most formidable opponent is a man named Mohandas K. Gandhi. With him I seem to have very, very little influence.“

  4. Geht mir ebenso – auch in anderen Bereichen (‚Überfremdung‘ zum Beispiel – das ist doch Quatsch, dennoch hab‘ ich machmal ein ungutes Gefühl).

    Beim Test ist mir gerade bei der ersten Frage (der Junge hat zwei Mütter) aufgefallen, dass es verschiedene Gründe für den Zustand geben kann und meine emotionale Reaktion sehr unterschiedlich ausfällt. Rational ist es mir wirklich egal wer Kinder aufzieht (solange liebe- und verantwortungsvoll) – emotional unterscheide ich: 1. Zwei Frauen haben ein Kind aus einer ehemaligen Beziehung – ist mir völlig egal (bzw. ist doch schön!). 2. Zwei Frauen haben ein Kind adoptiert – hm… find‘ ich merkwürdig (aber rational spricht doch nichts dagegen!). 3. Zwei Frauen leben zusammen, eine (beide) zeugt ein Kind mit einem Mann – hm… schwierig aber gefühlsmässig ok. 4. Zwei Frauen leben zusammen, eine (beide) lässt sich künstlich besamen (KB, oder in vitro) – arrgh, find‘ ich voll daneben (obwohl es rational gesehen viel einfacher als die Sache mit dem zusätzlichen Mann [Dreiecksthematik] ist).

  5. Irritation ist in der Lerntheorie ein viel beschriebener Begriff. Er lehnt an an die Perturbationstheorie von Humberto Maturana, in welcher er als wahrgenommene Störung ein etabliertes Wahrnehmungssystem erschüttert. Ich bin überzeugt, dass Irritation unter diesen Vorzeichen eine Chance sein sein kann, Wahrnehmung zu verändern. Frägt sich, wie weit persönliche Dispositionen oder Ressourcen eine Bewältigung der Irritation zulassen. Ich denke daher, mit dem Begriff „offen“ ist sehr vorsichtig umzugehen.

  6. Danke für dieses Thema.

    „Die Irritation geht nicht von den Menschen aus, auf die ich sie projiziere, sondern von mir. Es ist mein Problem, das ich lösen muss.“

    Wenn das einzig und allein so wäre, dann sorge ich beispielsweise mit einer intoleranten Haltung ebenfalls für Irritation, die wiederum der andere lösen muss. Daraus folgt dann der saloppe, eigentlich lieblose Slogan „das ist dein Problem“.

    Aber so einfach ist das doch nicht.

    „Diese rationale Grundeinsicht wird aber von Gefühlen begleitet.“

    Damit kommt man doch schon weiter. Daraus ergeben sich dann Frage und Haltung, wie ich meine Gefühle bewerte. Positiv oder negativ? Nicht tolerant = negativ? Tolerant = positiv? Wer will das bewerten?

    „Diese Irritation bewirkt bei mir eine Verunsicherung: Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, oder ich denke mehr darüber nach.“

    Ja, wer will sich denn nicht richtig verhalten? Vielleicht liegt da auch der Denkfehler. Die Frage war ja „Stört es dich, dass dieser Junge seine beiden Mütter liebt?“ So gefragt stört es mich nicht, denn im Zweifel ist es besser er liebt sie beide. Doch die Frage impliziert doch schon die Irritation: es gibt da etwas, was evlt. nicht richtig sein könnte.

    Eine Frage zieht die nächste nach sich. Mein Ergebnis ist, dass mich der Zwang zur Toleranz stört.

    Ein Junge liebt zwei Mütter. Das ist nicht das Problem. An dieser Stelle erlaube ich mir als Frau und Mutter einer Tochter und eines Sohnes eine vorurteilsfreie Betrachtung: jeder wird von einer Mutter geboren, ganz gleich ob Mädchen oder Jungen und von einem Vater gezeugt, ebenfalls ganz gleich ob Mädchen oder Junge. Und das gilt auch für diesen Jungen.

    Geht es nicht letztendlich um Beziehung? Womit Irritierter und „Irritator“ plötzlich im gleichen Boot sitzen …

    Viktoria Hammon

  7. Je eher man Beispiele kennt, Kinder, die mal von der einen dann von der anderen Mutter oder dem einen oder anderen Vater abgeholt werden (gibt’s ja auch), umso weniger irritiert diese Situation. Mich irritieren ja manchmal auch Hetero-Elternpäärchen ungemein, je nachdem, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten. Und, Victoria, heute werden ja viele Kinder nicht mehr ‚von einem Vater gezeugt‘, sondern oft ‚gespendet‘. Ist der Spender der Vater? Da kommt noch sehr viel Umdenken auf uns zu…

  8. Ich finde diesen Fragebogen ziemlich sinnlos, weil die Frage „Does this bother you“ sehr unterschiedlich stark verstanden werden kann. Das kann von „irritiert Dich das“ bis „stört Dich das aktiv“ alles bedeuten und ist somit keineswegs immer ein Zeichen von Intoleranz. ZB. die Frage zu der Transsexuellen: Grundsätzlich ist es mir wurscht, wer in welchem Körper leben will, aber je nach Erscheinung des jeweiligen Menschen kann er für mich sehr wohl zur Irritation werden. Wenn eine Frau offensichtlich ursprünglich ein Mann war, kann das sehr irritierend wirken, so wie jeder Mensch, dessen Erscheinung ungewohnt wirkt (also nicht den etablierten Normen entspricht) auf den ersten Blick irritierend wirken kann. Das hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern primär etwas damit, dass unsere Wahrnehmung von bekannten Mustern ausgeht.

  9. Ich unterrichte seit über 20 Jahren Deutsch als Fremdsprache, komme so automatisch mit vielen verschiedenen Menschen und Kulturen in Kontakt. Wenn also jemand offen und nicht rassistisch ist, dann bin das wohl ich. Oder?

    Oder?

    An einem meiner letzten Staatskundekurse für Menschen, die sich einbürgern lassen wollen, hat auch ein türkisches Ehepaar teilgenommen. Er sprach Schweizerdeutsch wie ich. Sie kam am ersten Abend 3 Meter hinter ihm ins Zimmer, sprach gebrochen Deutsch und trug ein Kopftuch.

    Ich war gaaaanz nett. Habe seeeehr langsam gesprochen und mir gedacht, dass ihr Mann dann schon helfen wird, wenn sie etwas nicht versteht.
    Kurz gesagt: Die Stereotypen hatten mich trotz aller Erfahrung in Sekundenbruchteilen am Wickel.

    Offen und nicht rassistisch – ich?

    Innerhalb der ersten Minuten wurde mir dann aber bewusst, dass sie zwar ein Kopftuch trug und später ins Zimmer gekommen war. Aber auch nur, weil sie vorher noch auf der Toilette war. Dass sie zwar nicht Schweizerdeutsch sprach wie ich, aber von Konzepten wie Föderalismus eine Ahnung hatte. Dass sie nicht jedes Wort verstand, sich aber jedes in kürzester Zeit dank kompetenter Mediennutzung aneignen konnte. Und so sie ihrem Mann erklärte, worum es ging – und nicht umgekehrt. Und da habe ich mich erst mal geschämt.

    Ich wage zu behaupten, dass das, was mir da passiert ist, gar nicht so aussergewöhnlich ist. Dass ein Teil „Nicht-Offenheit“ in uns allen steckt und uns irgendwo einfängt, wo wir es am wenigsten erwarten. Ich habe beim Test überall „not at all“ geantwortet. Aber würde ich das auch spontan so sagen, wenn es keine Bilder wären, sondern mein Sohn, mein Enkel?
    Ich weiss es nicht. Nicht mit Sicherheit.

    Und so schliesse ich mich vielen VorrederInnen und -Schreiberinnen an. Mir ist es wichtig, meine Irritationen zu erkennen.

  10. Was mich extrem stört an diesem Video, ist, dass er sich ausschliesslich an heterosexuelle, cis-geschlechtliche (sprich: nicht transgeschlechtliche Menschen) richtet. Ich als queer denkende, lebende, fühlende Person mit einer Menge Transgender, Homo- und Bisexueller Freund_innen wollte bei jedem Filmchen ankreuzen: Nein, das stört mich nicht, im Gegenteil: ich freue mich enorm über diese Bilder, weil sie fehlen! Und im zweiten Schritt: Warum müssen queere, bi-, homo-, transgeschlechtliche Menschen schön und erfolgreich sein, um akzeptiert zu werden? Was ein gut gemeinter Film ist, reproduziert schliesslich Heteronormativität.

    • Ich verstehe nicht genau, worauf sich der »zweite Schritt« (schön und erfolgreich sein) genau bezieht – auf das Video?
      Britta hat oben schon angemerkt, wie irritierend für sie das Verhalten heterosexueller Paare sein kann. Damit bin ich einverstanden, das geht mir auch so – und vielleicht käme man so schnell weg von heteronormativem Denken. Aber der Film entlarvt dieses Denken doch auch gewissermassen: Er zeigt, wie sehr Menschen zunächst gerade in diesen Denkschemata wahrgenommen werden und wie Irritationen entstehen, wenn diese Normen nicht zutreffen. Das ist ja, was ich unter Heteronormativität verstehe (eine Freundin spricht konsequent von »Heterosexismus«).
      Kurz: Ich halte der richtige Umgang mit diesem Komplex von Vorurteilen für schwierig. Einerseits halte ich es für sehr wichtig, Geschichten zu erzählen; und zwar Geschichten von echten Menschen, die Normen nicht entsprechen können und nicht entsprechen wollen, von ihrem Leben, ihren Freuden, ihren Leiden. Andererseits müssen die Vorurteile auch adressiert werden; muss daran Kritik geübt werden, wie Medien und Sozialisation ein Bild von Menschen schaffen, die einem sehr schmalen Spektrum entstammen und wie dieses Bild Jahrzehnte in uns weiterwirkt. Ob nun das Adressieren dieser Problemlage eine Reproduktion der Heteronormativität ist, würde ich nicht in jedem Fall bejahen. Auf den Film mag es zutreffen.
      — Und ein letzter Punkt: Ich freue mich auch über diese Bilder. Aber um beim ersten Beispiel mit dem Jungen zu bleiben: Ich freue mich einerseits darüber, und dann tut mir der Junge leid, weil ich weiß, dass sein Leben viel schwerer sein wird, als das eines anderen Jungen, dessen Eltern der Norm entsprechen. Das meine ich mit Irritation (auch). Und dieses Mitleid ärgert mich einerseits, aber ich kann es nicht abschalten.

  11. Ja, meine Kritik bezieht sich hier ausschliesslich auf das Video. Klar funktioniert es genau deswegen, weil „unser“ Vorurteil (wie gesagt: wer ist „wir“…), sexuell/geschlechtlich nicht normativ lebende Menschen stünden auch sonst am Rand der Gesellschaft, damit entlarvt wird. Ich hoffe und glaube, dass es gute Geschichten gibt, die von vielfältigen Lebensweisen erzählen. Ich finde die Geschichten dann am besten, wenn sie eine Brücke bauen von dem/der Protagonist_in zu dem/der Betrachter_in und zeigen: Ach so, wir haben ja viel Gemeinsames. (Und nicht: Ach so, sooo abartig sind die ja gar nicht wie gedacht.) Natürlich geht das manchmal einher, aber hier finde ich überwiegt das Zweite.
    Schade, dass dein Mitleid mit dem Jungen überwiegt. Basiert das Mitleid auf Faktenkenntnis oder Vermutungen bzw. Vorurteilen? Was macht dich so sicher, dass „sein Leben viel schwerer sein wird, als das eines anderen Jungen, dessen Eltern der Norm entsprechen“? Von mir ausgesehen spricht aus diesem Satz mehr ein pauschales Vorurteil als eine Offenheit dafür, dass es der Junge auch ganz anders erleben könnte. Dass es viele Kinder anders erleben und dass Kinder aus Normfamilien ganz vieles als nicht ideal erleben, blendet ein solches Mitleid aus. Leider ist es genau dieses „Mitleid“ (von Menschen, die weniger reflektiert damit umgehen), das Kindern von Lesben, Schwulen und Transgendern Rechte verweigert, indem das Argument „die Gesellschaft ist noch nicht reif, die Kinder leiden unter der Lebensform ihrer Eltern“ das häufigste politische Argument gegen solche Rechte ist.
    Zu diesem Thema gibts übrigens ganz gute Literatur.
    Populär:
    http://www.undwassagendiekinderdazu.de/
    http://www.limmatverlag.ch/Default.htm?/sachbue/caprez.familienbande.htm
    Und fachlich hier eine gute Literaturliste für den Überblick:
    http://www.family.lsvd.de/beratungsfuehrer/fileadmin/downloads/4-Literatur_-_Forschung_ueber_Regenbogenfamilien_01.pdf

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