Die Unschuld ablegen

Menschen kennen viele Strategien, um sich und andere von ihrer Unschuld zu überzeugen:

  1. Sie nehmen klare Haltungen ein, die sie mit Argumenten rechtfertigen. 
  2. Sie handeln nach klaren Prinzipien, die sie ebenfalls argumentativ untermauern.

Oft schließen sie sich dabei zu Werte- und Praxisgemeinschaften zusammen, die sich gegenseitig bekräftigen und miteinander von anderen, Schuldigen abgrenzen.

Dieses Vorgehen führt schnell zu Widersprüchen und Aporien, die jedoch rhetorisch durch den Verweis auf die Schuldigen überdeckt und abgewehrt werden können: Auch die Kritikerinnen und Kritiker der fernöstlichen Produktion von technischen Hilfsmitteln müssen solche benutzen (lassen), wenn sie nicht als Eremiten im Wald leben. Die engagierten Veganerinnen und Veganer halten Haustiere. Wer sich gegen die Wirkung von Macht und Geld wehrt, kann sich dieser Wirkung dennoch nicht entziehen. Feministische Kritik an Sexismus kommt nicht ohne Geschlechterdifferenzen aus. Und und und.

Erste Erkenntnis: Wir sind alle schuldig. (Deshalb ist die katholische Erbsünde auch so ein cleveres Konstrukt.) 

Innocence Lost. Skizze von Marc Taro.

Innocence Lost. Skizze von Marc Taro.

Warum, so fragte mich Klaus Kusanowsky unlängst, also nicht die Unschuld aufgeben?

Sein Vorschlag einer Alternative zeigt, dass Beobachtung letztlich der relevante Punkt ist: Nur, wenn wir uns der Beobachtung der anderen aussetzen, die uns als »schuldig/unschuldig« erscheinen lässt, sind diese Fragen relevant.

Zweite Erkenntnis: Wer sich nicht beobachten lässt, muss sich mit der Frage von Schuld und Unschuld nicht auseinandersetzen. 

Wie wäre das zu verstehen? Tiere und Maschinen lassen sich nicht beobachten, d.h. sie nehmen Kommunikation über sie nicht wahr und lassen ihre Handlungen dadurch nicht beeinflussen oder sich zu Rechtfertigungen provozieren.

Die Frage, ob das verwerflich sein könnte, stellt sich gar nicht mehr. Vielmehr stellt sich eine Entlastung ein: Es gibt kein Leben ohne Schuld. Das ständig zu maskieren und so zu tun, als ob man selber ein Problem gelöst hätte, das nicht zu lösen ist (oder es »besser« gelöst hätte als alle anderen), ist enorm aufwändig.

Dennoch kann man festhalten, dass Kusanowskys Vorschlag darüber hinaus geht, sich immun zu machen gegenüber Beobachtungen anderer (ich habe einer beeindruckenden Demonstration beigewohnt, mit der er gezeigt hat, dass jemand nur gestört werden kann, wenn er/sie sich stören lässt): Er beobachtet nämlich wiederum andere, verschiebt seine Kommunikation auf eine zweite Ebene.

So kommt er zu verblüffenden, aber naheliegenden Einsichten:

Warum darf der Leser a posteriori unschuldiger zurück bleiben als der Schreiber?

Diese Frage stellt sich in Bezug auf viel Verwerfliches, was gerade im Internet geschrieben und gelesen wird. Warum gibt es eine Täter-Konstruktion, die einseitig das Schreiben verurteilt und verantwortlich macht, obwohl erst das Lesen die Wirkung des Geschriebenen zur Entfaltung bringt?

Künstlerisch bringt diesen Zusammenhang Lana del Rey immer wieder zum Ausdruck, am besten wohl in »Gods & Monsters«:

8 thoughts on “Die Unschuld ablegen

  1. ich muss widersprechen. es ist ein überlebensvorteil, sich gedanken darüber zu machen, ob und wie man von seiner umwelt wahrgenommen wird. tiere tun das, weil sie nicht gefressen werden wollen. menschen tun das, weil sie nicht benachteiligt werden wollen. maschinen machen das nicht, weil sie das sensorium dazu nicht haben und nicht dazu programmiert sind, situationsspezifische wege zu finden, ihr system am leben zu erhalten. ein schachcomputer „überlegt“ sich aber sehr wohl, was der gegner in seinen zügen zu lesen vermag. alle der evolution unterworfenen organismen haben gemein, dass sie nach ihren mitteln versuchen, ihr fortbestehen zu sichern. der mensch kann sich nur leider viel mehr abstrakte gedanken darüber machen.

  2. Ich verstehe den Anlass nicht, im gegebenen Kontext mit Konstrukten wie Schuld und Unschuld hantieren zu müssen. „Si tacuisses, philosophus mansisses“ – mit seiner Meinungsäusserung exponiert man sich und ist letztendlich fremder Wahrnehmung ausgesetzt. Ich sehe es weder als ratsam, noch als hilfreich, dieses überschaubare aber komplexe Phänomen in der beschriebenen Weise mit Schuldkategorien in Verbindung zu bringen.

    • Es geht für mich über Meinungsäußerungen hinaus, sondern um solche, die spezifisch dazu dienen, den eigenen Standpunkt als moralisch, den anderen als verwerflich zu charakterisieren; die nicht sagen: »Ich habe eine Meinung«, sondern: »Ich bin weniger schuldig als andere.« 

      • Ist nicht genau das zurückzuführen auf eine Meinungsäusserung? Wenn ich Absender einer solchen Selbstoffenbarung bin, dann habe ich schlimmstenfalls ein Kommunikationsproblem.

  3. Vielleicht kann ich einen Kommentar dazu beisteuern:

    Die Frage nach Schuld oder Unschuld ist für uns kein herausforderndes Problem, wenn wir Schuld als etwas betrachten, das nachgewiesen werden muss. Als solches nehme ich die Schuldfrage: wenn du der Meinung bist, dass ich an etwas schuld sei, dann liefere Beweise dafür.
    Was wäre aber, wenn man die Unterscheidung von Schuld/Unschuld auf ihre Kontingenz hin beobachtbar macht, indem man also von sich selbst zur Auskunft gibt, ungefragt und unaufgefordert, generell und allgemein nicht unschuldig zu sein. Wenn dich diese Auskunft etwas angeht und du daraus den Schluss ziehst, ich sei an irgendetwas Schuld, dann würde ich im Gegenzug um entsprechende Auskünfte und Beweise bitten.
    Da aber niemand irgend einen Fall benennen und schon gar nicht irgendwelche Beweise liefern kann, so frage ich mich nach dem Grund für diese hier aufkommenden Irritationen. Ich jedenfalls wäre daran nicht unschuldig. Und was noch?

    Also was wollt ihr denn? Wollt ihr eure Unschuld verteidigen? Und wenn nicht, wenn sogar das Thema allgemein am Thema vorbei führen sollte … na bitte, dann ist es doch auch gut.
    Was soll das denn werden?

    Vielleicht käme man weiter, wenn man das Argument von Philipp ernst nimmt:

    „Warum gibt es eine Täter-Konstruktion, die einseitig das Schreiben verurteilt und verantwortlich macht, obwohl erst das Lesen die Wirkung des Geschriebenen zur Entfaltung bringt?“

    • Im Fall von Lesen/Schreiben ist das Lesen die als passiv wahrgenommene Tätigkeit.
      Ich glaube dem Diskurs wäre gedient, wenn du/ihr dir/euch ein oder zwei praktischere Beispiele sucht um die These zu verdeutlichen. Bisher bleibt die Idee (gewollt?) abstrakt.
      Mir gefällt sie in jedem Fall.

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