Rechte für Roboter

Die Frage mutet zunächst absurd an: »Sollen Roboter mit Rechten ausgestattet oder geschützt werden?« Wenn man dann aber auf die Rechtsgeschichte zurückblickt, erkennt man, wie Paradigmenwechsel in der Zuteilung von Rechten immer wieder stattgefunden haben und zur Zeit undenkbar gewesen sind: Das Geschlecht, die Hautfarbe, die Abstammung und andere Gründe wurden vorgebracht, um Menschen Rechte zu verweigern, die ihnen nach heutigem Verständnis zustehen. Dasselbe gilt für Tiere: Tierrechte sind heute zwar weit gehend akzeptiert, gerade aber die Diskussion um Pferdefleisch zeigt, wie unklar die Vorstellungen in Bezug auf Tierrechte sind: In den USA dürfen Pferde nicht geschlachtet und gegessen werden, Rinder aber schon.

Das Roboter-Robbenbaby Paro.

Das Roboter-Robbenbaby Paro.

Diese Überlegung zeigt, dass man sich zumindest fragen kann, weshalb Robotern Rechte zugestanden werden könnten. Die Rede ist dabei von sozialen Robotern, also solchen mit physischer Präsenz und autonomer Handlungskompetenz, die in der Lage sind, auf einer emotionalen Ebene mit Menschen zu kommunizieren.

Solche Roboter gibt es immer mehr, sie können pädagogische, therapeutische und pflegerische Funktionen übernehmen. Beobachtet man die Reaktion von Menschen auf diese Roboter – ich beziehe mich hier wie im übrigen Beitrag auf ein Paper von Kate Darling – so stellt man Erstaunliches fest (S. 9 u. 14):

  • Kinder können nicht mit Sicherheit sagen, ob Roboter Schmerzen oder Gefühle empfinden. 
  • Ältere Menschen können tierähnliche Roboter nicht von Tieren unterscheiden.
  • Soziale Roboter werden aus Räumen entfernt, wenn sich Menschen ausziehen, sie schämen sich vor ihnen.
  • Werden Roboter weggegeben, empfinden Menschen Verlustgefühle.
  • Das »Misshandeln« von sozialen Robotern wird ähnlich wie das Misshandeln von Menschen oder Tieren von sadistischer Begeisterung und starkem Mitleid der Beobachtenden begleitet.
Anthropomorpher Roboter »Sabor V« von Peter Steuer, 1955. Technisches Museum Wien.

Anthropomorpher Roboter »Sabor V« von Peter Steuer, 1955. Technisches Museum Wien.

Damit wären wir bei den Gründen, warum man über Roboterrechte nachdenken könnte oder sollte:

  1. Schutz von menschlichen Gefühlen.
    »Nurturing a machine that presents itself as dependent creates significant social attachment«, stellte Sherry Turkle fest. Ähnlich wie bei Tieren schützen wir nicht die Roboter selbst, sondern die mit ihnen verbundenen menschlichen Gefühle. 
  2. Rechte als pädagogische Formulierung von Normen
    Darling stellt fest, dass Eltern Kinder dazu anhalten, Roboter nicht zu beschädigen. Nicht nur, weil die Geräte teuer sind, sondern weil sie ihnen auch Verhaltensweisen beibringen wollen, die im Umgang mit anderen Menschen wichtig sind. Das gilt auch für die Sexualmoral: Mit Robotern lassen sich sämtliche sexuellen Fantasien befriedigen. Werden hier Grenzen etabliert, so könnten diese dabei helfen, auch Menschen zu schützen. Rechte würden dann einfach festlegen, was Menschen mit anderen Lebewesen oder Objekten, mit denen sie emotional verbunden sind, nicht tun sollen.
  3. Roboter könnten Gefühle und Schmerz empfinden. 
    Wir verstehen außerhalb unserer Wahrnehmung kaum, was es bedeutet, Gefühle oder Schmerz zu empfinden. Wir vollziehen diese Regungen bei anderen nur durch äußerliche Zeichen nach. Woher wissen wir, dass intelligente Roboter nicht auch Gefühle entwickeln oder etwas empfinden können, was dem menschlichen Schmerzempfinden gleichkommt?
    Diese Frage stammt aus der Science Fiction, sie ist Gegenstand auch der Turing Tests, der besagt, dass Roboter dann denken können, wenn wir sie im Gespräch nicht von Menschen unterscheiden können. Etwas abstrahiert hieße das, wenn wir mit Robotern interagieren wie mit Menschen (oder Tieren), dann sollten sie auch entsprechende Rechte haben.
  4. Menschliche Entwicklung. 
    Als die Tierrechtbewegung an Schwung aufnahm, wurde in der Zeit folgendes Argument entwickelt:

    Vor gerade einmal zwei Millionen Jahren turnten die unseligen Vorgänger der Menschengestalt noch als affenähnliche Wesen durch die Wälder. Zu welcher Form wird die Evolution den Menschen in den nächsten zwei Millionen Jahren bringen?

    Menschen grenzen sich nicht klar von Tieren ab. Sie entwickeln sich. Dasselbe gilt auch für Roboter: Bald werden wir Google Glasses tragen, viele ältere Menschen tragen intelligente Hörgeräte, wir werden unsere Gelenke mit Automaten verbessern etc. Teile von unser werden Teile von Robotern sein. Hat ein künstliches Herz ein »Recht auf Leben« oder nur ein natürliches? Solche Fragen sind sehr schwierig und könnten durch Roboterrechte recht einfach gelöst werden.

Versucht man, ethisch zu argumentieren, kann man sich – wie Darling das tut – auf Kant beziehen: Kant sagte in einer Vorlesung, wenn ein Mann einen Hund erschieße, dann füge er nicht dem Hund Schaden zu, weil der Hund zu einem Urteil nicht in der Lage sei, sondern sich selbst, er verletze »die Menschlichkeit in sich«. Alternativ kann aber auch utilitaristisch argumentiert werden, insbesondere, sobald Roboter erkennbar Präferenzen angeben können.

* * *

Zur Auflockerung zwei Science-Fiction-Ausschnitte; zuerst der Turing-Test in Blade Runner (Ridley Scott, 1982), dann der Moment, in dem HAL 9000, der Computer in 2001 – A Space Odyssey (Stanley Kubrick, 1968) abgeschaltet wird und ein Lied aus seiner »Kindheit« singt:

3 thoughts on “Rechte für Roboter

  1. Unsere kurze Unterhaltung zu diesem Thema auf Twitter hat mich zum Nachdenken gebracht und so habe ich mich ebenfalls ein bisschen in das Thema eingelesen. Meine erste Erkenntnis ist, dass meine intuitive Abneigung gegen die Idee, dass Roboter Rechte haben könnten, sachlich nicht zu begründen ist, insbesondere angesichts der wahrscheinlichen zukünftigen Entwicklungen in dieser Technologie.

    Ich kann der heutigen Gewährung von Rechten an Robotern trotzdem nicht zustimmen. Ich verstehe Rechte als intrinsisch, sie können nicht von Dritten gegeben oder weggenommen werden. Sie ergeben sich aus den Eigenschaften des Subjekts. Ich meine hier das eigentliche Vorhandensein der Rechte, nicht deren rechtlichen und praktischen Aspekte, d.h. ob diese Rechte rechtlich anerkannt oder ob sie verletzt werden. Meiner Meinung nach hängt die Frage, ob wir Robotern gesetzlich Rechte gewähren sollen, von der Frage ab, ob sie überhaupt welche haben. Unter welchen Umständen ein Subjekt Rechte besitzt ist, wie du weisst, alles andere als einfach zu definieren. Je nach ethischem Ansatz wird anders argumentiert. Ich finde eine Mischung aus deontologischem Ansatz und Utilitarismus am geeignetsten: Ein Subjekt hat Rechte, wenn es 1) ein Bewusstsein hat und 2) Gefühle und Empfindungen hat. Hierzu finde ich noch wichtig, dass diese Bedingungen nicht ganz oder gar nicht erfüllt werden, sondern in allen möglichen graduellen Variationen, was auch die daraus resultierenden Rechte beeinflusst.

    Die von dir genannten Gründe 1. und 2. gehen vom Mensch aus und sind auf sein Nutzen ausgerichtet. Somit sind sie zwar gute Gründen, für den Umgang mit Robotern Regeln aufzustellen, begründen aber, so wie ich das sehe, keine Rechte für Roboter.

    Gründe 3. und 4. werden meiner Meinung nach in Zukunft geeigneter sein, eigentliche Rechte für Robotern zu begründen. Ich sage in Zukunft, weil ich davon ausgehe, dass es heute noch keine Roboter gibt, welche die von mir oben genannten Bedingungen für Rechte erfüllen. Auch Mark Coeckelbergh, Managing Director des 3TU.Centre for Ethics and Technology, schreibt: „Today robots are neither conscious nor sentient. It is even questionable if any of them really are (artificially) intelligent.“ (Coeckelbergh, M. ETHICS AND INFORMATION TECHNOLOGY; SEP, 2010; 12; 3; p209-p221).

    Nichtsdestotrotz finde ich es richtig und wichtig, dass wir uns heute schon Gedanken über diese Frage machen, damit wir für das Fortschreiten der Technologie vorbereitet sind.

    • Danke für diesen Kommentar – ein Grund, weshalb mir Twitter gefällt: Gedanken nehmen Form an und es zeigt sich, wo man weiterdenken und formulieren soll.
      Ich bin mit deiner Beurteilung einverstanden. Dass Bewusstsein und Gefühle nur graduell vorhanden sind, ist wohl hier ein Schlüsselargument. Mit Wittgenstein könnte man argumentieren, dass wir das nicht einmal von anderen Menschen wissen, ob sie Bewusstsein und Gefühle haben. Das klingt sehr spitzfindig, aber wir werden es halt bei Robotern einmal nicht mehr wissen (reicht es Gefühle zu simulieren, um glaubhaft machen zu können, man habe welche – ist es etwas anderes, Gefühle zu haben als Gefühle zu zeigen…).

      Ich fordere nicht, Roboterrechte zu schreiben, aber ich finde es sinnvoll, darüber nachzudenken.

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