Moralische Überlegenheit – und eine kleine Theorie der »Meinung«

»Moralische Überlegenheit« ist ein Schlagwort, dass ich je länger je weniger verstehe. Es wird verwendet, um jemandem einen Vorwurf zu machen: Wer sich »moralisch überlegen« fühlt – oder wem man das unterstellen kann -, hat etwas falsch gemacht. Was eigentlich? Weil ich mir unsicher bin, zeichne ich einige Möglichkeiten nach.

  1. Wer moralische Aussagen macht, fühlt sich automatisch »moralisch überlegen«. Moralische Aussagen haben die Form »X ist (nicht) richtig«; z.B. Tiere zu töten, um sie zu essen. Wer das jetzt sagt, fühlt sich denjenigen moralisch überlegen, die durch ihre Handlungen oder Aussagen zu verstehen geben, Tiere dürfe man essen. Das scheint mir aber das Wesen von Moral zu sein: Wenn ich moralische Aussagen mache, dann akzeptiere ich andere, mir widersprechende, damit automatisch nicht.
  2. Es könnte aber auch um eine Gewichtung gehen: Diejenigen Aspekte, bei denen die (Wahrnehmung der) Realität meine moralischen Aussagen besonders zu rechtfertigen scheinen – »ha, Pferdefleisch in der Lasagne, dabei wissen wir ja, Tiere essen moralisch völlig daneben« -, betone ich bei jeder Gelegenheit, andere ignoriere ich. Ich demonstriere damit den Wert meiner Moral und setze meine Position als die überlegene.
  3. Andere moralische Aussagen oder Haltungen werden nicht einfach als falsch bezeichnet – dass andere Menschen sich nicht an meine moralischen Vorstellungen halten, ist keine besonders überraschende Einsicht -, sondern eifrig bekämpft; um eben die eigene Überlegenheit herauszustreichen.
  4. Katrin Rönicke schreibt in ihrem Vergleich von Twitter mit der DDR: »Eine andere Meinung ist dann nicht nur eine andere Meinung, sondern eine verwerfliche.« (Gilt wohl für Twitter wie es für die DDR gegolten hat.) Damit ist wohl gemeint, dass Meinungen in einen moralischen Kontext gestellt werden. »Tiere kann man essen oder nicht, man muss ja daraus nicht gleich eine Frage der Moral machen!« Hier bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich so einfach ist: Legen Menschen den moralischen Gehalt von Meinungen fest, indem sie sie in den Kontext von moralischen Überlegungen stellen, oder sind Meinungen nicht automatisch moralisch aufgeladen?
J. Victtor, society6

J. Victtor, society6

Um hier eine kleine Theorie der Meinung einzuschieben: Das, was landläufig als Meinung bezeichnet wird, gehört zu einer von drei Kategorien:

  1. Geschmacksurteile: »Pferdefleisch schmeckt besser als das von Hühnern.« 
  2. Moralische Aussagen: »Tiere soll man nicht essen!«
  3. Prognosen: »Milan wird die Champions League dieses Jahr gewinnen.«
  4. Vermutungen: »Aus einem Pferd kann man mehr Lasagne machen als aus einem Rind!«

Zu sagen, jede und jeder sei zu einer Meinung berechtigt, trifft streng sicher auf die Fälle 1. und 3. zu: Über Geschmack lässt sich nicht streiten und Prognosen dürfen alle Fällen, auch grundlos. In diesen Fällen ist Toleranz angebracht. Vermutung dürfen durchaus durch Tatsachen widerlegt werden, sobald wir berechnet haben, wie das mit der Lasagneproduktion so ist, müssen wir nicht mehr spekulieren.

Es bleibt das Feld der Moral: Entscheidend ist hier wohl, dass Indifferenz keine Lösung ist. Wer die Champions League interessiert, kann mir komplett egal sein, ich kann mir hierzu keine Meinung bilden. Aber moralische Fragen stellen sich, wenn wir handeln – und wir nehmen damit Haltungen an, die anderen widersprechen.

Die Interpretation der moralischen Überlegenheit als eine Wertung von eigentlich nicht moralisch gemeinten Meinungen scheint mir nicht schlüssig zu sein. Von meinen abweichende moralische Aussagen sind per Definition für mich verwerflich (es ist nicht verwerflich, sie zu äußern, aber ihr Inhalt ist verwerflich). Das betrifft auch die erste der möglichen Lesarten. Bleiben also zwei Arten, die Rede von »moralischer Überlegenheit« zu verstehen: Jemand spricht zu oft über die Vorzüge der eigenen Haltung oder jemand spricht zu oft über die Nachteile der Haltungen anderer.

Letztlich könnte »moralische Überlegenheit« aber einfach auch nur ein Kampfbegriff sein, um diejenigen auf einer Meta-Ebene abzuwerten, denen man keine Argumente entgegenhalten kann. Wie gesagt: Ich blicke nicht durch und freue mich über Hinweise.

9 thoughts on “Moralische Überlegenheit – und eine kleine Theorie der »Meinung«

  1. Ich denke der Vorwurf der „moralischen Überlegenheit“ ist in etwa derselbe wir der Vorwurf der „Selbstgerechtigkeit“. Das Problem auf welches sie hinweisen ist nicht, dass jemand eine andere moralische Haltung vertritt, als der der sie kritisiert, sondern, dass er dies aus der Überzeugung heraus tut, dass seine normativen Vorstellungen die einzig richtigen seien und nicht begründet werden müssen, und dass die des Anderen so falsch sind, dass sie nicht einmal geäussert werden sollten.

    Es ist richtig, dass das Wesen der eigenen moralischen Haltung die ist, dass sie aus dem eigenen Blickwinkel richtig ist. Trotzdem bleibt dem Menschen in Gesellschaft die Aufgabe seine eigenen moralischen Vorstellungen immer wieder zu hinterfragen und zu begründen. Selbst wenn er sie für richtig hält, genügt es nicht, sich im moralischen Recht zu wissen. Die Debatte geht immer weiter, nie ist der Punkt der absoluten Wahrheit erreicht und nie darf man aufhören, zu erklären und begründen versuchen, warum man so denkt, wie man denkt. Denn nur so, kann der Andere lernen, sofern er keine besseren Argumente hat, und gleichzeitig müssen auch wir die Möglichkeit im Auge behalten, dass wir falsch liegen könnten. Insbesondere, wenn es darum geht den Einzelfall zu beurteilen. Und was ist das Leben schon anderes, als eine Serie von Einzelfällen. Der „moralisch Überlegene“ interessiert sich nicht für den Einzelfall und nicht für die Debatte, sondern für die Macht seine Wahrheit allgemeingültig zu erklären.

      • Zitat Andreas:

        aus der Überzeugung heraus tut, dass seine normativen Vorstellungen die einzig richtigen seien und nicht begründet werden müssen

        erinnerst du dich an unsere diskussion? in einem satz formuliert was ich sagen wollte =)

      • Die Eigenschaft von moralischen Urteilen ist es, subjektiv zu sein, aber Allgemeingültigkeit zu beanspruchen. Von Moral eine »Begründung« zu erwarten, die intersubjektiv Akzeptanz findet, oder von Urteilenden zu verlangen, sie müssten mit der Äußerung moralischer Sätze auch gleichzeitig anderen zugestehen, gleich gültig zu sein, halte ich für eine seltsame Vorstellung von Moral.
        Wer sagt, es sei nicht richtig, Tiere zu töten, um sie zu essen, sagt damit nicht, dass andere nicht auch eine moralische Meinung zum Thema vertreten dürfen. Aber er muss diese Meinung selbst nicht vertreten und er muss auch nicht eine Begründung anführen, die für alle einleuchtend ist – weil eben Moral eine Wertung beinhaltet und nicht aus einer Beschreibung der Realität abgeleitet werden kann.

  2. ich foodTRAILER habe zwischen Deinen Zeilen was von lekecr Keksen geschnuppert bin schon unterwe4e4e4e4e4e4e4e4e4gens Frauchen hat sich mit den Worten boah, es stfcrmt draussen noch ne Runde unter die Bettdecke verzogen

  3. Dein Text ist sehr interessant. Natürlich können wir als Menschen die moralische Ansicht Anderer, welche unserer abweicht, nicht mit unserer vereinbaren. Es kann viele Gründe einer anderen moralischen Ansicht haben, beispielsweise emotionale osder persönliche Gründe. Deshalb ist auch das Urteilen über eine moralische Aussage eine Frage der Tolleranz. Manche moralische Aussagen lassen sich aber nicht mit unserer Moral vereinbaren. Dadurch entstehen Konflikte und sie machen uns menschlich.

  4. Ich habs noch nicht gelesen, aber gestern ein Buchvorstellung gehört, da scheint mir das eventuell zu passen: James Aarons gerade auf Deutsch erschienenes „Arschlöcher – eine Theorie“, der diese wohl gerade dadurch charakterisiert, dass sie für sich moralische Bewertungen als unpassend beanspruch o.ä.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s