Prüderie – eine Auslegeordnung

Eine These, die beim Apéro eigentlich immer gut ankommt, lautet: Heute sei die Gesellschaft/die Jugend total prüde, während die Scheinwelt der Werbung und der Medien das Gegenteil suggeriere. Zudem glaube die Gesellschaft/die Jugend, früher seien alle viel prüder gewesen, obwohl das nicht stimmt.

Kurt Imhof formulierte kürzlich in der Diskussion über den Umgang der Medien mit #Aufschrei die These etwas akademischer:

Faszinierend ist doch das Faktum, dass wir uns alle – inmitten einer hochsexualisierten Informations- und Unterhaltungsindustrie – immer mehr in eine neue innerweltliche Askese einkerkern, die bereits Blicke auf die hergezeigten Primärmerkmale – moralisch sanktioniert. Geschweige denn die Thematisierung dieser Merkmale.
Die PuritanerInnen, würde Max Weber sagen, wussten wenigsten noch wieso sie sich in ihrem Erdental des Leidens jeglicher Körperlichkeit (bis auf die Reproduktionspflicht) enthalten mussten. Es ging immerhin um ihren Gnadenstand, also um die Zutrittsgewissheit zum ersehnten Paradies entgrenzter Sinnlichkeit. Bei uns geht es bloss um politische Korrektheit im medienwirksamen, weil moralgesättigten Täter-Opfer-Gesellschaftsspiel beim Preis unserer Skandalisierung. Die PuritanerInnen hatten es besser.

Dieser Kommentar hat mich verärgert, weil er auch bekannte Derailing-Strategien setzt: Diskussionen über Sexismus werden häufig über den Verweis auf politische Korrektheit, Moral und eben Prüderie ausgehebelt. Die Begriffe sind eigentliche Kampf- und Machtbegriffe: Wer anderen politische Korrektheit, Moral oder Prüderie vorwerfen kann, bewegt sich auf einer Metaebene, die es erlaubt, die vorgebrachten Argumente zu ignorieren und als etwas Sekundäres zu bezeichnen: »Eigentlich geht es dir nur darum,  korrekt/moralisch überlegen/prüde zu sein, deshalb argumentierst du so.«

Nun, mein Ärger hat sich gelegt und ich möchte etwas genauer darüber nachdenken, was Prüderie eigentlich meint. Hier einige Ansatzpunkte:

  1. Askese: Prüde ist, wer die eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht wahrnimmt, nicht ausdrückt oder nicht auslebt, weil er oder sie sich diese nicht zugestehen will. 
  2. Moral/Anstand: Der Ausdruck und das Ausleben von Sexualität wird als unanständig und oder unmoralisch markiert und so tabuisiert.
  3. Hemmungen/Unsicherheit: Menschen werden psychisch daran gehindert, ihren Körper und ihre Sexualität zu zeigen.
  4. Rücksichtnahme: Menschen halten sich in sexueller oder körperlicher Hinsicht an Normen, um andere nicht zu belästigen.

Diese vier Aspekte sind oft miteinander verbunden, wenn von Prüderie der Rede ist.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Entscheidend schient mir aber, dass die im Phänomen der Prüderie aufscheinenden Normen auch mit Machtstrukturen gekoppelt sind. Sexualität lässt sich, wie viele andere Bereiche des menschlichen Lebens, ohne Normen nicht denken: Es gibt immer Praktiken, Lebensweisen, Darstellungen und Erscheinungen, die allgemein akzeptiert werden, um solche, die radikal tabuisiert werden (und natürlich solche dazwischen).

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Das Zeigen des eigenen, nackten Körpers in Zürich, 2013. Entspricht der Körper Normvorstellungen, ist es denkbar, ihn z.B. in Badeanstalten zu zeigen, so lange Po, Vulva, Penis und weibliche Brüste verhüllt sind. Das gilt auch schon für Säuglinge, wobei die Brust von Mädchen erst im Kindergartenalter verhüllt werden soll, oft aber schon früher bedeckt gehalten wird. In nicht gemischt-geschlechtlichen Garderoben, Duschen und Saunen ist es möglich, gänzlich unbekleidet zu sein, so lange niemand von außen reinsehen kann.

Das ist die Norm. Radikal tabuisiert ist es nun zum Beispiel, sich Kindern nackt zu präsentieren; sanktioniert wird z.B. das Zeigen von nicht der Norm entsprechenden Körperteilen (z.B. mit bauchfreien Oberteilen, Leggins, Schambehaarung, Gesichtsbehaarung), besonders bei Frauen.

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Dass es Normen gibt, erstaunt niemanden. Normen ändern sich, in den 80er-Jahren sonnten Frauen sich oft oben ohne, Kinder badeten nackt. Kann man damit sagen, die oben geäußerte These sei langweilig, weil sich Menschen immer an Normen ausrichten und sie beachten? Wenn Prüderie die Orientierung an akzeptierten Mustern meint, dann schon.

Aber wahrscheinlich steckt noch mehr dahinter, z.B.

  • die Frage, ob Normen denkbar sind, die den Bedürfnissen der Menschen besser entsprechen (die dann als weniger »prüde« bezeichnet werden). 
  • die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, in der Sexualität einfacher war (was wahrscheinlich gar nicht stimmt).
  • der Widerspruch zwischen der von der Werbung benutzen Vorstellung, Sexualität und permanente Lust seien Bedingungen für ein glückliches Leben, es sei möglich, unsere intimsten Bedürfnisse zu befriedigen – und der Realität.
  • der individuelle Widerspruch zwischen dem Anspruch, keine Hemmungen und Unsicherheiten zu kennen und Moral nicht zu benötigen – und der Realität.
  • das Problem der Rücksichtnahme, also die Erkenntnis, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer gehen darf; dass andere im eigenen Begehren zwar als Objekte erscheinen mögen, aber nicht zu Objekten gemacht werden dürfen, wenn man selber nicht auch objektifiziert werden möchten.
  • die Kritik an der Gesellschaft und der Jugend, die immer auch zeigt, dass man selber anders ist, lockerer, sicherer, gelöst von Normen und Konventionen.

Für weitere Interpretationen gibt es Raum in den Kommentaren, ich freue mich.

 

2 thoughts on “Prüderie – eine Auslegeordnung

  1. Ich persönlich bin schon der Meinung, dass unsere heutige Gesellschaft ähnlich rigide (prüde?) Normen setzt wie z.B. auch schon in den viel gescholtenen 1950ern – allerdings aus anderen Gründen. Damals trennte man noch relativ strikt zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, d.h. man verhielt sich im öffentlichen Raum anders, angepasster, um nicht „das Gesicht zu verlieren“. Seither hat aber ein „Verfall des öffentlichen Lebens“ (Sennett) stattgefunden, der dazu geführt hat, dass das Private in den öffentlichen Raum ausgegriffen hat. Da man nun möglichst „authentisch“ zu sein hat, führt man keine „zwei Leben“ mehr, was wiederum dazu führt, dass sich nun gefälligst alle auch in der Öffentlichkeit so aufzuführen haben, wie ich es subjektiv für richtig halte und es bei mir zuhause auch so halte. Psychologisch gesprochen kann man diese „Authentizität“ auch als Narzissmus bezeichnen, da alles, was nicht Ich-konform ist, nicht geduldet wird. Harmlose Ausprägung davon ist z.B. der Umstand, dass sehr viele Menschen im Privaten wie im Öffentlichen immer die selbe Art von Kleidung tragen und im Extremfall also im Trainingsanzug zur Arbeit kommen. Gepaart mit den „No-Isms“ (Žižek) wird daraus jedoch eine lustfeindliche Gesellschaft, die wiederum Exzesse (Komatrinken, Dschungelcamp etc.) einzelner provoziert, die dann ihrerseits als Projektion der eigenen Lustbefriedigung dienen. Die Medien tun alles, um diese Projektion zu befeuern und zerren alles mögliche aus dem Privaten in die Öffentlichkeit, was – am Rande bemerkt – heute dank dem Internet auch viel einfacher zu bewerkstelligen ist. Man kann also sagen, dass heute die Grenze dessen, was an den Rändern des „moralisch Akzeptierten“ noch toleriert wird, immer enger gesteckt werden, als es früher der Fall war, da man damals noch im Schutz des Privaten agieren konnte.

  2. Da finden sich interessante Gedanken, insbesondere derjenige, ob Normen denkbar sind, die den Bedürfnissen der Menschen besser entsprechen. Allerdings bezieht sich mein Text nicht auf Prüderie sondern auf Puritanismus. Ersteres bezieht sich auf das viktorianische Zeitalter, letzteres auf den Calvinismus. Und: Ich verfolge keine Strategie, ich weiss nicht mal, was eine „Derailing-Strategie“ ist, aber ich kann es mir denken.
    Mich interessiert die moralische Aufladung privaten Handelns unter dem Druck öffentlicher Skandalisierung und die Privatisierung des Öffentlichen. Dadurch schwinden die Freiheitspotentiale und die erweiterten Toleranzbandbreiten der Sphäre des Privaten und das Öffentliche wird mit Themen gefüllt, die nicht alle etwas angehen. Eben das also, was Michael Gisiger oben auch interessiert. Dadurch werden wir gewissermassen alle zu ‚Opfer‘.
    Sie sind in diese Debatte hingegen über die machtheoretisch fixierte Täter-Opfer-Dichotomie aus dem Genderdiskurs der 70er und 80er Jahre eingestiegen, die mich in ihrer Einseitigkeit nie zu überzeugen vermochte, allein schon weil sie Mittel und Produkt erstrebter neuer Rollenverhältnisse war, während die einst erstrebten Rollen abgewertet wurden. Mir leuchtet auch keineswegs ein, wieso etwa ältere ‚machhaltige‘ Männer besonders kritikresistent sein sollen. In der Perspektive der Machtheorie ist das Gegenteil mindestens so wahrscheinlich: Wer die Pfründe schon hat, kann sich locker ‚fortschrittlich‘ geben.

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