»Abzockerei« als Marktversagen

Am 3. März wird in der Schweiz über die so genannte »Abzocker-Initiative« abgestimmt: Sie verlangt,

dass Eigentümer (Aktionär/-in) an der Generalversammlung über die Gesamtsumme aller Entschädigungen des Verwaltungsrates, der Geschäftsleitung und des Beirates abstimmen kann. Nicht mehr Kollegen und Freunde sollen den individuellen Lohn bestimmen, sondern die Generalversammlung wählt unabhängige Mitglieder in den so genannten Vergütungsausschuss.

Mit dem Verbot von Abgangsentschädigungen, Begrüssungsmillionen und Prämien bei Firmenkäufen und -verkäufen wird auch diesen Untugenden ein Riegel geschoben.

Wird die Initiative abgelehnt, wird automatisch ein weniger starker Gegenvorschlag angenommen, gegen den dann wiederum das Referendum ergriffen werden kann.

Ist im Text des Initiativkomitees von »Untugenden« die Rede, die durch einen staatlichen Eingriff korrigiert werden müssen, so könnte man sich ganz gelassen fragen: Warum eigentlich? Worin besteht eigentlich das Problem der so genannten »Abzockerei«?

Das Problem hat wohl mehrere Ebenen:

  1. Das Gefühl einer Ungerechtigkeit durch hohe Löhne für das Management (und tiefe Löhne für andere Angestellte). 
  2. Die fehlende Verantwortung von Entscheidungsträgern (und wenigen -trägerinnen), die auch für schlechte Leistungen von Abgangsentschädigungen und hohen Löhnen profitieren, also persönlich die Konsequenzen nicht tragen müssen.
  3. Die Gefahr eines staatlichen Eingriffs, die besonders bei der Finanzbranche real ist – und der dann diese Praktiken mit Steuergeldern weiterführen oder ausgleichen könnte.
  4. Es ist wirtschaftlich ungünstig, zu hohe Löhne und Entschädigungen zu zahlen.

Die Lösung (von Initiative und Gegenvorschlag) ist die Schaffung von bürokratischen Abläufen, die letztlich wohl nicht verhindern können, dass »Kollegen und Freunde« den Lohn des Managements bestimmen.

abzocker

Meine Traumlösung wäre eine klare Trennung von staatlichen Aufgaben und privaten. Private Unternehmen können, so finde ich, Löhne und Entschädigungen in allen Formen und Höhen zahlen, so lange sie sich an die Gesetze (insbesondere auch die Steuergesetze) halten. Zahlen sie zu hohe Löhne, Entschädigungen oder Boni, so schadet ihnen das letztlich selbst und damit auch den Eigentümerinnen und Eigentümern. Nur muss dann sicher gestellt sein, dass der Staat nicht korrigieren eingreifen muss.

Für mich ist leicht überraschend, dass 2013 so viele Firmen weiterhin daran glauben, dass Lohnanreize wirkungsvoll sind, obwohl man seit 40 Jahren weiß, dass sich finanzielle Anreize nicht auf die Leistung auswirken. Bonussysteme führen – verkürzt gesagt – dazu, dass Mitarbeitende ihren Bonus optimieren und nicht ihre Leistung. Ich frage mich seit längerem, warum in der Privatwirtschaft Firmen nicht das staatliche Modell von transparenten Löhnen übernehmen. Es würde enorm viele Energien frei machen, die in den Arbeitsprozess fließen.

Bei der Frage der Löhne scheint der Markt zu versagen. Ein Eingriff, der weiterhin auf Marktmechanismen vertraut, die aber mit bürokratischen Abläufen auflädt, scheint mir nicht optimal zu sein. Nur: Eine optimale Variante steht nicht zur Abstimmung. Ein Ja zur Initiative ist für mich ein Nein an die Kräfte, die im politischen Prozess Ressourcen verschleißen, die an anderen Orten zur Lösung von dringenden Problemen eingesetzt werden könnten.

One thought on “»Abzockerei« als Marktversagen

  1. Bonussysteme führen – verkürzt gesagt – dazu, dass Mitarbeitende ihren Bonus optimieren und nicht ihre Leistung.
    Reine Gedankenspinnerei: Ich frage mich, ob da ein Zusammenhang besteht mit den Entwicklungen in der Erziehung, wo weit den 1970er Jahren vermehrt Belohnungssysteme anstelle von Strafe getreten sind. Das müsste man mal zuende denken.

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