»löchrig wie Emmentaler Käse« – was die Verlage vom »Newsmän« @Kuedder lernen können

Nacht für Nacht macht es sich @KueddeR zur Aufgabe, als «kostenpflichtig» deklarierte Artikel aus allen grösseren Schweizer Zeitungen über Twitter frei zu verlinken. Damit tut er zwar nichts Verbotenes, zeigt aber die Grenzen der Bemühungen auf, die Leser online zum Zahlen zu bringen.

So beginnt ein Artikel von Ronnie Grob, mit dem er beschreibt, vor welchem Problem die Verlage stehen: »Das Problem der Verlage in der jetzigen Situation ist der teilbare Link, der das Netz zur wunderbaren Kommunikationsmaschine gemacht hat, wie wir sie alle lieben.«

Die Medienbranche versteht noch nicht genau, was der anonyme Twitter-User @KueddeR genau tut. Hier eine kurze Beschreibung: Es handelt sich, so meine Vermutung, um einen Zürcher mit recht viel frei verfügbarer Zeit, die er früher in die Pflege und den Aufbau von Wikipedia-Seiten gesteckt hat, heute teilweise in seinen Twitter-Account. Er hat viele Zeitungen und Zeitschriften abonniert und informiert sich auch online – seine Schwerpunktthemen sind Schweizer und Zürcher Politik, aber auch gesellschaftliche Themen bedient er oft. Seine politische Haltung kann man als liberal bezeichnen, aber nicht als pointiert links oder rechts. Viele interessante Artikel verbreitet er auf Twitter – dabei hat er nicht alle gelesen. Er verschickt Links, welche die Verlage selbst anbieten, nutzt also einfach ein Feature, und zwar genau so, wie es gedacht ist: Zum Teilen von Inhalten. (Eine Ausnahme sind Titelbilder o.Ä., von denen er teilweise auch Bilder macht, aber ohne je ganze Artikel zu präsentieren, es geht dabei immer nur um Themen und oder Schlagzeilen (z.B. Cover der Weltwoche)).

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Der Chefredaktor der Südostschweiz, David Sieber, hat in einem Blogpost mit dem Titel »Geklaut oder geshared – Hauptsache gratis« seine Irritation über den »Newsmän« kundgetan. Er schreibt unter anderem:

Er kann das tun, weil die Paywalls offenbar löchrig sind wie Emmentaler Käse und er wie ein Mäuschen überall durchschlüpft. […] Beim Schlagabtausch in der Blogosphäre und auf Twitter geht es im Grundsatz einerseits um das Selbstverständnis der «Digital Natives», die es gewohnt sind, sich ihre (Gratis-)Informationen im Internet zu beschaffen und zu sharen, also zu teilen. Sie bewegen sich gewandt durchs Netz, kennen und nützen Grauzonen und denken sich (meist) nichts Böses dabei (auch wenn manche von ihnen ihr Verhalten zu einem Menschenrecht erklären). Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der etablierten Medien, die zusehen müssen, wie ihre Felle davonschwimmen oder jedenfalls genutzt werden, ohne einen Obolus zu entrichten. Die Journalisten in dieser Kategorie sorgen sich nicht nur um das Wohlergehen ihres Arbeitgebers (und damit ihres Arbeitsplatzes), sondern haben vor allem das Gefühl, dass ihre Arbeit nichts mehr wert ist. Daher auch die teils gehässigen Posts und Kommentare.

Siebers Perspektive, dass nämlich ein etabliertes System der Wissensproduktion auf neuartige Netzwerke trifft, ist nur teilweise richtig. Es gibt im Journalismus schon länger eine »Ökonomie der Aufmerksamkeit« (Georg Franck): Beim Primeur der Sonntagszeitungen interessiert die Journalistinnen und Journalisten hauptsächlich, wie oft sie in anderen Zeitungen zitiert werden. Selten sind diese Primeurs ökonomisch relevant, vielmehr dienen sie dazu, Aufmerksamkeit auf einen Titel, eine Autorin/einen Autor oder eine Publikation zu lenken.

Das Netz löst nun die Ökonomie der Aufmerksamkeit vollständig von der Ökonomie des Geldes. Auch ohne »Newsmän«: Egal ob Artikel auf Print oder digital verfügbar sind, mit Smartphones lassen sich ohne Aufwand Kopien anfertigen, die sich mit Social Media publizieren lassen. Der Journalist David Bauer hat eben erst ein Tool entwickelt, mit dem sich alle Links von einem bestimmten Twitter-Profil als eine Art Zeitschrift lesen lassen. Solche Möglichkeiten ergeben sich aus mit verschiedenen Accounts, es wird bald möglich sein, alle getwitterten Links zu Artikeln aus der Sonntagszeitung auf einer Webseite, gebündelt nach Ressorts, zu lesen. Texte und Bilder lassen sich heute nicht mehr vor digitalen Kopien schützen. Jedes EBook ist im Netz verfügbar, jeder Text kann zur Verfügung gestellt werden, anonym und ohne Möglichkeit, das rechtlich zu unterbinden.

Das ist die Ausgangslage. Nun kann man zwei Dinge tun: Entweder fordern, das Netz und seine Möglichkeiten müsse komplett zerstört werden, oder die Tatsache akzeptieren und Hürden abbauen. Wenn es nämlich für Leserinnen und Leser einfacher ist, eine Sonntagszeitung auf dem iPad zu lesen als sich die Links auf Twitter zusammenzusuchen, dann bezahlen sie dafür. Es wird immer solche geben, die das nicht tun. Aber die haben früher einfach die Zeitung in der Beiz gelesen. »Der «Newsmän» ist dabei das kleinste Problem.« – Damit hatte David Sieber Recht.

3 thoughts on “»löchrig wie Emmentaler Käse« – was die Verlage vom »Newsmän« @Kuedder lernen können

    • Klar – aber in Ihrer Vorstellung von zwei Kulturen, einer digitalen und einer traditionellen des Printjournalismus, schlägt sich das nicht nieder. Auch Journalistinnen und Journalisten messen den Wert ihrer Texte über die Verbreitung, nicht nur die Bezahlung… 

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