Sozialisation durch Adventskalender

Genießen muss erlernt werden – wie der Umgang mit Wünschen, ihrer Erfüllung, mit Bedürfnissen und Begierde. In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es einen grundsätzlichen Widerspruch, der durch die Sozialisation überwunden werden muss: Menschen werden durch ihr Streben nach Wunscherfüllung motiviert und getrieben, sie dürfen sich aber darin nicht verlieren, um produktiv zu bleiben. Sie müssen lernen, ihre Wünsche diszipliniert zu erfüllen, ihre Befriedigung aufzuschieben, ihre Begierde zu zähmen. Begierde muss konstruktiv sein, nie destruktiv. Faust, dem Mephisto zur Seite steht, wird zum Junkie, für den nach jedem High die Suche nach dem nächsten Schuss kommt:

So tauml‘ ich von Begierde zu Genuß,
und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.
— Faust I, Wald und Höhle

Idee Tom Bulmer, Society6

Idee Tom Bulmer, Society6

Adventskalender sind ein schönes Beispiel für die kapitalistische Sozialisation. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine partielle Erfüllung einer Begierde, die aber immer eine Leere hinterlässt, die nur die nächsten Türen stopfen könnten, wenn nicht schon klar wäre, dass sie alle nur die Zeit bis zum absoluten Genussfest, Weihnachten, überbrücken. Immer wieder liest man lustige Kolumnen, die sich um die Fantasie drehen, den ganzen Adventskalender auf ein Mal zu öffnen. Die Fantasie zeigt, wie schwer die Disziplinierung fällt, das Erlernen des ewigen Aufschubs und das Portionieren des Genusses.

Um genießen zu können, braucht es immer ein Opfer, das Opfer des Verzichts, des Aufschubs. Nicht umsonst sind die Kinder die erfolgreichsten in unser Gesellschaft, die Genuss am längsten aufschieben können, gezeigt hat das ein Experiment, in dem Genussverzicht zu mehr Genuss führen könnte: Man präsentiert Kindern wenig Schokolade oder Marshmallows und verspricht ihnen viel mehr, wenn sie nur mit dem Verzehr warten. Dann misst man, wie lange sie das aushalten.

Natürlich darf man fragen, ob das nicht die Natur des Genusses ist, ob menschliche Begierde nur so und nicht anders funktionieren kann. Oder ob das überhaupt schlimm ist. Ich weiß es nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass Menschen einfach tun, wozu sie Lust haben. Ihre Begierden nicht zähmen, ihre Lusterfüllung nicht disziplinieren. Aber natürlich bin ich gerade im Adventskalenderstress und sollte nicht übergeneralisieren…

4 thoughts on “Sozialisation durch Adventskalender

  1. Warum nicht beides lernen? Richtigen Hunger verspüren und nicht permanent etwas nachschieben, aber auch mal ganz unvernünftig 6 Fasnachtschüechli aufs Mal vertilgen. Yin und Yan :)
    Natürlich deckt das Essen nur einen Teil der Problematik ab. Wir versagen uns einiges und suchen unsere Ersatzbefriedigung im Haben, statt im Sein.

  2. „Um geniessen zu können, braucht es immer ein Opfer, das Opfer des Verzichts“ –

    das erscheint mir zu generalisiert. Bei der Fähigkeit des Bedürfnisaufschubs geht es darum, von einer kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung abzusehen, weil es unter bestimmten Umständen mehr Sinn macht zu warten resp. die längerfristigen Konsequenzen attraktiver sind. Es geht nicht generell darum, dass Verzicht zu Erfolg führt, sondern um die Fähigkeit, in einer ganz bestimmten Konstellation von möglichen kurzfristigen versus langfristigen Konsequenzen ein Bedürfnis aufzuschieben bzw. nicht unmittelbar zu befriedigen. Ist auch nicht mit Vernunft sondern eher mit einer Wahrnehmung der Gesamtkonstellation der kurz- und langfristigen Konsequenzen sowie einer daraus resultierenden Handlungskontrolle gleichzusetzen. Und das Geniessen ist trotzdem möglich…

  3. Vorsicht beim Gleichsetzen von Wünschen und Bedürfnissen!
    Indem Bedürfnisse nur unvollständig erfüllt werden, und uns weisgemacht wird, man könne die Lücke, das psychische Hungergefühl, mit Objekten füllen, entstehen überhaupt erst Wünsche und halten dadurch den Kapitalismus am Laufen. Gier entsteht, weil die Ersatzbefriedigung echte Befriedigung in keinem Fall ersetzen kann, sondern das Bedürfnis nur ein Bisschen aufschiebt.

  4. ist eigentlich das Aufhängen von Adenventskalendern ein Ausdruck des Bedürfnisses seine Gier zu kontrollieren oder wirklich nur so ein Überbrücken der Zeit bis das große Fressen kommt? (ich verstehe dieses Konzept einfach nicht ;) )

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