Klischees, Geschlechter und Gewalt

Heute hat sich um einen Blogpost von Meret Steiger auf Clack.ch eine längere Diskussion auf Facebook ergeben, in der es um Geschlechterrollen, Klischees und die Einstellung der heutigen Jugend zu diesen Themen ging.

Im Text verfolgt die Ich-Erzählerin die Fantasie, wie es wäre, heute ein Mann zu sein:

Als Mann würde ich schon gut eine halbe Stunde später aufstehen. Meine Outfits würden sich immer auf Jeans & T-Shirt beschränken, die Haare hätte ich so kurz, dass es kein Frisieren braucht, und das Make-Up erübrigt sich sowieso. Nicht, dass ich jetzt als Frau nicht ohne Make-Up aus dem Haus gehen würde. Nein, ich finde mich ja auch ungeschminkt ganz nett, aber ich fühle mich einfach sicherer. Und sexier. Und überhaupt.

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Damit geht die Autorin implizit davon aus, das Leben sei für Männer generell anders als für Frauen. Die Frage, warum das so ist, umgeht der Text aber. Er ruft zahlreiche Klischees auf, die er aber einfach zu bestätigen scheint: Wäre das Ich ein Mann, dann wäre es so, wie Männer in bestimmten Klischees halt sind. Die Bemerkung, dass nicht alle Männer diesem Klischee entsprechen, darf dann nicht fehlen.

Die Kritik am Text wurde mit einer Reihe von Argumenten zurückgewiesen: Der Text sei »ironisch«, »humorvoll«, er spiele mit Klischees. Wer ihn kritisiere, verlange einen philosophischen Gehalt von einer witzigen Fantasie; wiederholte überholte Gender-Argumente aus den 90er-Jahren. Diese Bemerkungen stammen alle von Reda El Arbi, dem »Lektor« von Meret Steiger. Er schreibt auch:

ich hab keine schwierigkeiten, mich selbst zu definieren und meine persönlichkeit an den clischées vorbei zu entwickeln. vielleicht kann ichs drum lustig finden. aber vielleicht verträgt der möchtegern emanzipierte mann [gemeint: phw] ja keine ironie.

Wer sich also an Klischees störe, so das Argument, stehe nicht über ihnen und sei von ihnen stärker beeinflusst als die, die sie humorvoll aufrufen.

Ich bin anderer Meinung. Klischees ermöglichen – da bin ich einverstanden – Identität. Wer ihnen entspricht, gewinnt an Sicherheit. Sie sind überzeichnet formulierte Normen und haben eine ganz ähnliche Funktion: Nämlich die zu bestätigen, die der Norm genügen, und die auszugrenzen, die das nicht tun.

Zu denken, es gäbe heute eine Generation junger Menschen, in denen Geschlechter-Klischees nur noch lustig sind, nicht aber die Lebenswelt von Jugendlichen prägen, scheint mir reichlich naiv. Junge Frauen und junge Männer könnten alles tun, was sie sollten, kann man nur so lange behaupten, wie man nicht mit denen von ihnen spricht, die den Klischees nicht genügen. Den lauten Frauen, die sagen was sie wollen, sich durchsetzen und sich in Szene setzen. Die anderen ins Wort fallen, fluchen; Kleider und Frisuren tragen, die sie bequem finden und essen, worauf sie Lust haben. Oder Männern, die sich gerne in Fremdsprachen unterhalten, Gedichte verfassen und sich die Augenbrauen zupfen. Homosexuellen Jugendlichen, bisexuellen, transsexuellen. Solchen, die sich mit der Norm eine monogamen Beziehung nicht anfreunden können. Oder solche, die weder die Vorstellung eines produktiven Arbeitslebens noch die einer eigenen Familie für erstrebenswert halten. Die werden sagen können, wie ärgerlich die Klischees sind und wie stark sie sich auswirken.

Meret Steiger schreibt:

Wenn ich in den Ausgang gehen würde, dann wäre ich endlos dreist. Ich würde allen Mädchen an den Hintern fassen und so charmante Sprüche wie «Du, ich, auf meinem Teppich?» und «Waren deine Eltern Diebe? Die haben die Sterne für deine Augen geklaut. Äh. Baby, wart!» loslassen. Ich würde alles anbaggern, was Brüste hat. Ganz ehrlich, wäre ich ein Mann, ich würde mich nicht daten wollen. Ich wäre eine wandelnde Testosteronschleuder. Mit One-Night-Stands und so, ohne jede Reue. Ich wäre wohl der Typ Mann, der nach einem Blowjob fragt, ob er gut war. Kein Scherz.

Um zu erkennen, dass das Klischee, Männer seien sexuell übergriffig, gewalttätig und erniedrigten Frauen beim Sex, eine Auswirkung auf die Realität hat und dazu führt, dass gewisse Männer sich tatsächlich so verhalten und junge Menschen sexuelle Gewalt gegen Frauen als einen normalen Teil ihres Alltags betrachten, muss man nicht Anhängerin oder Anhänger feministischer Theorien sein.

Also nein, ich kritisiere Klischees nicht, weil ich mir »der Einzigartigkeit meiner Persönlichkeit nicht sicher genug« bin. Ich kritisiere sie, weil sie vielen Menschen das Leben zur Hölle machen. Ich kann es wegstecken, deswegen humorlos, unlocker und ewiggestern genannt zu werden. Auch das ist ja schließlich ein Klischee: Dass die Kritischen einfach keine Freude am Leben haben.

* * *

Hier noch, wie man mit Klischees großartig umgehen kann – ein Blog, in dem Zitate von Slavoj Žižek mit gifs von Ke$ha verknüpft werden:

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7 thoughts on “Klischees, Geschlechter und Gewalt

  1. Eigentlich war mit deinem ersten Kommentar auf Facebook schon alles gesagt: «Das sind doch alles lahme Klischees, die weder unterhaltsam noch informativ sind, weil sie alle kennen und sie in jedem mäßigen Hollywoodfilm eine Hauptrolle haben.» Das einzige, was mich noch am Rande interessieren würde: Wie kommt Meret Steiger auf die Idee, dass ausgerechnet sie so ein «Schnäbiprotz» wäre, wenn sie ein Mann wäre, wo doch die meisten Männer ihrer Meinung nach gar nicht so sind?

    • liebe claudia. genau die selbe frage habe ich in einem kommentar auf clack.ch formuliert. es hätte sich dabei m.e. um den einzig aussichtsreichen ansatz gehandelt, welcher dem aufsatz anderen gehalt verschafft hätte.

  2. Ironie ist eine scharfe Waffe und ich finde wenig unterhaltsamer als einen Text von einer Autorin/ einem Autor, der sie zu führen weiss. Zumindest aus den hier zitierten Passagen zu schliessen, handelt es sich bei diesem Stück eher um einen Fall, in dem Ironie ein grosser Misthaufen ist, hinter dem man sich versteckt.

    Wenn das tatsächlich „ironisch“ und „humorvoll“ gemeint war, dann ist es einfach schlecht gemacht. Und das soll eine Verteidigung sein? Swift dreht sich im Grabe.

  3. halbdurchdacht: (werd mal noch was durchdachtes verfassen)

    minderheiten identifizieren sich stärker mit klischees, rollenbildern etc. und entwickeln ein ausgeprägteres gruppenzugehörigkeitsgefühl.
    dies widerspiegelt der text wunderbar.

    und ja. klischees sind schlecht. aber sind sie nicht mehr ein auswuchs, eine konsequenz aus den vorhandenen strukturen, als eine bekämpfenswerte ursache von othering?

  4. Wieso wird bei dem Text eigentlich von Ironie gesprochen und nicht von Dummheit?
    Ich bin ihrer Meinung, dass um Ironie zu verwenden- auch und vielleicht gerade?- bei Themen wie diesem eigentlich keine Klischees oder schiefe Kategorien verwendet werden müssen.
    Die Frau schreibt, sie wäre ein furchtbarer Mann… hm, wenn ich das so lese denke ich, dass sie auch nicht gerade eine obertolle Frau zu sein scheint… ;)

    Kategorien und Klischees sind Versuche des ewig janusköpfigen Menschen der sowohl Individualist als auch Separatist als auch soziales Wesen ist. (http://vieleineinemblog.wordpress.com/2012/11/13/von-freiheit-und-kategorie/)

    Soziale Identität ist uns wichtig und deshalb brauchen wir auch Klischees- doch wir sollten sie nicht über alles stellen. Schon gar nicht, wenn es darum sich einfach nur zu überlegen wie wir als Angehöriger einer anderen Kategorie handeln würden…

  5. Mir fällt dazu noch das beliebte Besipiel ein, wenn Männer mal krank sind, dass sie dann immer sehr klein mit Hut sind, wenn sie mal einen Schnupfen bekommen. Wir Frauen müssen stark sein und trotzdem noch viele andere Dinge nebenher erledigen. Zum Dank leben wir länger und müssen höhere Beiträge zahlen bei Krankenversicherungen. Gott sei dank hat das mal jemand erkannt (wo möglich sogar eine Frau) und ab 21. Dezember werden Unisextarife eingeführt. http://www.finanzen.de/news/13667/neue-gesetze-aenderungen-ab-1-dezember-2012

  6. Eine kritische Auseinandersetzung mit besagten Texten und Autor/innen ist bedauerlicherweise kaum möglich. Bei Nachfragen kommt in fast pawlow’scher Weise das „Argument“, die Gegenseite würde keinen Humor verstehen, sich Denkverboten unterwerfen oder krankhafter Political Correctness. Diskussion geht nur auf Augenhöhe und momentan herrscht in der genannten Publikation eine andere Kultur. Dies einmal erkannt, kommt man zum Schluss, dass es im Netz zahlreiche interessantere und philosophisch herausforderndere Orte gibt, an denen man seine Zeit fruchtbarer verbringen kann. Diese Seite hier ist einer davon.

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