Meine Liebe zur Schweiz

Kürzlich habe ich auf Twitter gesagt, ich wüsste auch ohne öffentlich finanzierte Weihnachtsbäume, wer ich sei und wofür ich einstehe. Der Aufforderung, das auszuformulieren, komme ich hiermit nach.

Meine Liebe zur Schweiz ist die Liebe zu meinen Großvätern. (Ich liebe auch meine Großmütter, aber für (noch) wichtigere Dinge.) Mein Großvater mütterlicherseits lebt noch. Er pflegt seine Frau in einer Alterswohnung, hat während ihrer depressiven Phasen mit 70 gelernt zu kochen, zu waschen und zu putzen. Mittlerweile ist er 94. Er liest jeden Tag die Zeitung und mag es, aus seinem Leben zu erzählen. Dazu gehört sein Aktivdienst, den im Aargau am Rhein gleistet hat. Als er noch etwas jünger war, habe ich mir ein Auto geliehen um mit ihm Fahrten durchs Fricktal zu machen, auf denen er erzählt hat, wo er stationiert war, was für Märsche anstanden und – das ist in meiner Familie wichtig – was es zu essen gab. Am meisten Eindruck machten mir die Erzählungen, in denen er zum Ausdruck brachte, wie groß die Angst war während dem Aktivdienst. Meinem Großvater war immer klar, dass er und seine Dienstkameraden die Schweiz nicht vor der Nazi-Invasion gerettet haben. Gleichwohl war er auf seinen Dienst stolz, er verhalf ihm auch dazu, vom Schriftsetzer zum Polizisten zu werden. Diese Aufgabe führte er sein restliches Leben lang aus, er leitete zudem ehrenamtlich eine Krankenkasse und war im Vorstand des Turnvereins aktiv.

Mein Großvater erzählte mir, als ich noch ein kleiner Junge war, auf ausgedehnten Zugreisen durch die symbolischen Gegenden der Schweiz von der Schweizer Geschichte und der Schweizer Politik. Er hat ein sehr positivistisches Geschichtsbild und erzählte eine offizielle Version der Geschichte des Landes, die mit Mythen und Verzerrungen durchzogen war. Sie präsentierte aber nie ein Land als Einheit: Für ihn, der im Schenkenbergertal aufgewachsen war, wäre es nicht in Frage gekommen, eine Frau aus dem Fricktal zu heiraten (die wäre nämlich katholisch gewesen). Die Schweiz war in seinen Erzählungen durchzogen von Gräben sprachlicher, religiöser, sozialer Natur, die immer wieder überbrückt werden konnten. Es war in der Schweiz möglich, den eigenen Horizont zu erweitern, vom Dorf übers Tal in die Stadt zu gelangen. Es war möglich, in die Mittelschicht vorzustossen und dafür zu sorgen, dass die eigenen Kinder besser gebildet waren und ein besseres Einkommen hatten als man selber.

Mein Großvater sah das aber nicht als Eigenschaft der Schweiz an – es gab nichts im Wesen des Landes, das dazu führte, das dies möglich war. Vielmehr ging das immer auf den Willen von Menschen zurück, gemeinsam nach Lösungen zu suchen – und um eine Einzelne oder ein Einzelner das Glück hatte, im richtigen Moment am richtigen Ort die richtige Entscheidung zu treffen, war eben immer genau das: Glücksache.

Als Mitarbeiter und Chef des polizeilichen Erkennungsdienstes erlebte mein Großvater häufig genug, wie Menschen einander Leid zufügten. Von diesem Leid wurde auch er nicht verschont: 1963 verbrachte er über 50 Stunden ohne Schlaf an der Absturzstelle der Caravelle HB-ICV in Dürrenäsch, wo 80 Menschen starben. Er sammelte Leichenteile ein und versuchte sie zu identifizieren: Ein ungeheures Trauma, das dazu führte, dass er mehrmals auch mit mir Dürrenäsch aufsuchte und detailliert erzählte, woran er sich erinnern konnte.

Flugzeugabsturz in Dürrenäsch, 1963. Bildarchiv der ETH Zürich, CC-BY-NC-ND.

Jetzt habe ich viel von meinem Großvater erzählt. Er hat mir eine Schweiz näher gebracht, die Möglichkeiten bietet. Nicht allen, nicht immer, nie selbstverständlich. Die wichtigste Möglichkeit ist die, Ereignissen, Erlebnissen, Ortschaften und Beziehungen selber eine Bedeutung zu geben. Diese Bedeutungen können sich wandeln: Meine Großmutter wurde in Wochen von einer souveränen Matriarchin zu einem Wesen, das kaum mehr unter der Bettdecke hervorzubringen war – um einige Jahre später wieder fröhlich Witze zu erzählen und das Leben rücksichtslos zu genießen. Sie rieb sich ständig an den Erwartungen »der anderen Leute«, drangsalierte sie aber ebenso mit ihren eigenen Erwartungen. Alles kann sich ändern. Wir sind nicht, wer unsere Eltern waren; wir sind nicht, wo wir aufgewachsen sind; wir sind nicht, wofür wir gehalten werden. Wir können selber Bedeutungen schaffen, oder es versuchen.

Das liebe ich an meinem Großvater, und das führt dazu, dass ich an meine eigenen Möglichkeiten zur Schaffung von Bedeutung glaube. Ich möchte keine Bedeutungen vorgegeben bekommen, nicht von Autoritäten, nicht von einer Mehrheit, nicht von der Religion und nicht vom Staat. Aber ich weiß, dass andere auch das Recht haben, das zu leben, was ihnen wichtig ist. Gerade weil ich nicht isoliert über Bedeutungen nachdenke, sondern mit Menschen, zu denen ich immer einige der vielen Gräben in der Schweiz überschreiten muss.

Mein anderer Großvater hat sich das Leben genommen, bevor ich auf die Welt gekommen bin. Er zeigt mir, dass meine Liebe zur Schweiz, die mir in vielem entgegenkommt – ich mag eine gewisse Harmonie, Stabilität, sichere Verhältnisse – vielleicht nicht gerechtfertigt ist. Die Schweiz ist ein Suizidland, jedes Jahr bringen sich 1000 Menschen um, 30’000 versuchen es. So lange viele unserer Mitmenschen das Bedürfnis haben, sich das Leben zu nehmen, sollten wir mit unserer Liebe zu einer Idee oder einem Symbol zurückhaltend sein.

Wer bin ich also? Jemand, der gerne Bedeutungen schafft, Gelegenheiten nutzt – ohne zu vergessen, dass das ein ungeheures Privileg ist, das in der Schweiz zwar viele Menschen haben, aber fast immer auf Kosten anderer Menschen. (Privilegiert ist, wer nicht auffällt: Dass ich lebe, wie ich lebe, hat noch nie jemand gestört – bis auf eine Phase in der Primarschule, wo ich wohl für ein Dorf im Aargau etwas zu vergeistigt und zu wenig beweglich war – war ich immer akzeptiert, gehörte dazu, hatte alle Rechte, ohne schief angesehen zu werden. Viel Schweizerischer als der Sohn eines Wampflers und einer Roth kann man wohl nicht sein…)

Wofür stehe ich ein? Dass alle Menschen den Raum haben sollen, eigene Bedeutungen zu schaffen oder andere Bedeutungen anzunehmen, wenn sie ihnen wichtig sind. Damit sie diesen Raum haben, muss ihnen unsere Gemeinschaft manchmal helfen und manchmal andere zurückbinden, die ihnen den Raum nehmen wollen. Das wäre Politik.

5 thoughts on “Meine Liebe zur Schweiz

  1. Pingback: Liebe zur Schweiz… | abhijit bossotto

  2. Ein schöner Text. Wir müssen allerdings im politischen Prozess akzeptieren, dass nicht alle dieselbe Vorstellung dieses Raumes haben. Und dort sollte die Politik, bzw. sollten die politischen Akteure ihren Ausgangspunkt nehmen. Die Deutung der Realität ist individuel und eine absolute oder „wahre“ Antwort auf einen Interessenkonflikt gibt es in den wenigsten Fällen, geschweige denn eine allgemein gültige. Darum ist Deliberation ein äusserst sinnvolles Instrument um Zusammenleben zwischen Menschen zu unterstützen. Ich habe den Eindruck, dass die wichtigsten politischen Strukturelemente der Schweiz, das Subsidiaritätsprinzip, die direkte Demokratie, stark von diesem Gedanken geprägt sind, doch auch, dass wir nicht davon ausgehen dürfen, dass dieses Grundkonzept des Austausches und der Konsenssuche unter Berücksichtigung aller beteiligten Interessen, ohne unser eigenes Zutun überlebt. Ich will damit sagen, dass sowohl das Helfen wie auch das Zurückbinden, jeweils der Diskussion bedarf und wir bereit sein müssen, allen Stimmen, die davon betroffen sind, zuzuhören, und dass wir dazu verpflichtet sind, uns mit diesen auseinanderzusetzen.

    • Danke für diesen Kommentar. Ich denke, durch die Formulierung »Bedeutung schaffen« wird klar, wie individuell hier die Bedürfnisse sind – und damit auch die Bedürfnisse nach Gestaltungsraum. Dass er nur erhalten bleibt, wenn man sich aktiv einbringt, ihn nutzt und über ihn verhandelt – das ist eine wichtige Erkenntnis.

  3. Pingback: Ein kleiner Jahresrückblick | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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