»now: coolness« – zu TEDxZurich

Heute fand TEDxZurich in den Fernsehstudios in Leutschenbach statt. Ich durfte dabei sein – »durfte«, weil man sich bewerben und ausgewählt werden muss (Teilnehmendenliste gibts hier). Wer noch nie von TED gehört hat, hier die Basics: In 18-minütigen Reden werden »ideas worth spreading« vorgeführt. Angestrebt wird der kalifornische Stil: Komplexe Zusammenhänge sollen vereinfacht und locker präsentiert werden, unterlegt mit einigen guten designten Slides. Dazwischen werden Videos von anderen TED-Talks angeschaut und Musik gehört. Die Konferenzsprache ist Englisch, was mich kaum störte (vgl. anderen Eindruck vom letzten Jahr). (Das x in TEDx steht für einen Event, der unabhängig von TED – aber mit Lizenz – organisiert wird.)

Hier ein Beispiel für einen TED-Talk (der wurde heute auch abgespielt):

Ich bin ein kritischer Mensch. Um mich etwas zu disziplinieren, werde ich den heutigen Tag in vier Schritten Revue passieren lassen: Ich bedanke mich. Ich halte fest, was ich gelernt habe. Ich notiere Fragen, die ich mir gestellt habe. Und ich kritisiere einen Aspekt.

* * *

Beim Organisationsteam möchte ich mich für einen »intellektuellen Ferientag« bedanken: Der Alltag blieb draussen, in kurzer Zeit erlebte man viel und intensiv, ass fein und machte nette Bekanntschaften mit gut gelaunten Menschen. Es gab keine Hektik, keinen Stress – und doch funktionierte alles reibungslos. Ich war noch nie an einem so gut organisierten Anlass in der Schweiz.

* * *

Was ich gelernt habe – immer mit Link zum jeweiligen Referat:

  1. Als die Deepwater Horizon Plattform explodierte, wurde gleichzeitig auf der Plattform ihre Sicherheit gefeiert (Istvan Gorgenyi).
  2. Bakterien bewegen sich aufgrund ihres rotierenden »Schwanzes« – es gibt in der Natur Rotationsmotoren (Bradley Nelson – IMO bester Vortrag).
  3. Das Rentenalter war bei der Einführung identisch mit der Lebenserwartung; erzwungene oder freiwillige Arbeitslosigkeit von Pensionierten könnte sie psychisch und physisch krank machen (Charles Eugster).
  4. Innerhalb weniger Jahre ist der Preis für HIV-Behandlung von 12’000 Dollar auf 60 Dollar gesunken – weil indische Pharmafirmen Patente ignoriert haben. Vgl. dazu diesen NZZ-Artikel von heute. (Ellen ‚t Hoen)
  5. 70% des Trinkwassers ist in Form von Eis konserviert. Da das Eis schmilzt, geht das Wasser verloren, da es sich mit Salzwasser mischt. (Jorge Vinuales)

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Folgende Fragen habe ich mir hauptsächlich gestellt – ebenfalls Link zu den Referaten:

  1. Wenn ein ETH-Team fliegende Roboter entwickelt und dafür mit Rüstungsgeldern finanziert wird – haben die Ingenieure dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie Kriegsroboter produzieren (vgl. dieses FAZ-Gespräch mit Daniel Suarez)? (Davide Scaramuzza)
  2. Warum sind Menschen eher bereit, Geld für Notleidende zu spenden, wenn die Spende mit einer sportlichen Leistung gekoppelt ist? Warum werden mit Spendengeldern immer wieder kurzfristige, improvisierte Hilfsaktionen unterstützt anstatt langfristige, nachhaltige Projekte? (Christoph von Toggenburg)

* * *

Eleanor Tabi Haller-Jorden erklärt zum Schluss, dass die gleichen Handlungen von Frauen anders bewertet werden als bei Männern.

Und nun die Kritik: Das Publikum sei »talented, optimistic and open-minded«, sagte Roger de Weck in seiner kurzen Ansprache. Man könnte ergänzen: Es ist auch reich, gut vernetzt, gut gebildet, weiß. Es handelt sich um eine Elite, die in einer Filterblase Ideen austauscht. Dass die Ideen sich verbreiten sollen, ist so ein frommer Wunsch: Es scheint eher, als würden sie zirkulieren. Auf der Bühne sind 21 Menschen zu sehen: Davon sind zwei Frauen. Sexistische Scherze und heteronormative Klischees werden gutmütig aufgenommen. Es fehlt, knapp gesagt, ein kritisches Bewusstsein. Die Welt der Anwesenden ist in Ordnung: Sie sind stark, gesund, energetisch und intelligent. Es braucht Leute wie sie, so die Botschaft, um die Welt zu verbessern. Ohne die tollen Roboter, innovative Ideen über Wasserkonsum, Fahrradtouren im Himalaya, Schweizer Tugenden in Europa und Einsichten über Body-Building im Alter ginge es der Welt schlechter – das die Botschaft.
Aber wie gesagt: Es ist ein Tag Ferien. In den Ferien überlegt man nicht, ob man noch ein Bier trinken soll oder ob man die Zeit nicht produktiver anders einsetzen können. Und bei einem TED-Talk lässt man Optimismus und Begeisterung den Vorrang vor allzu kritischer Reflexion.

5 thoughts on “»now: coolness« – zu TEDxZurich

  1. Sachlich, präzis und prägnant formulierter Beitrag zu TEDxZürich. Danke für den Einblick. Deine Schlussfolgerung teile ich übrigens, nach allem, was ich darüber gehört, gelesen habe. Die Erkenntnisse all der Vortragenden scheinen fundiert, sie kommen informativ daher, hören sich interessant an. Welt verändernd oder gar -verbessernd scheinen sie nicht zu sein.

  2. Pingback: TEDxZurich 2012 live per Internet-Streaming | Steiger Legal

  3. Auf Twitlonger hat @yseult einen längeren Kommentar geschrieben, auf den ich hier reagieren möchte:

    Vorausgegangen waren diese Tweets:

    In etwa so zynisch, wie die implizierte Annahme, dass ‘weiss, reich und privilegiert’ sich nicht um globale Probleme oder 3. Weltprobleme kümmern darf, da ‚weiss, reich und privilegiert‘?
    Oder die angehängte Extension dieser implizierten Annahme, nämlich, dass themenübergreifender Dialog und Austausch hier im Westen weder eine adäquate globale Weitsicht hervorbringen kann, noch wirkliche Probleme löst?

    Unter dem Gesichtspunkt kann man sich als Westeuropäer nun wirklich auf der Geschichte ausruhen und die da unten ihre eigene Probleme lösen lassen. Ich glaube kaum, dass Du das wirklich meinst.

    Und doch: zuerst vermischst Du TEDxZürich mit TED, dann mit TEDx und auf kritische Rückmeldung reagierst Du pikiert, und dann mit dem Argument des Kolonial-Zynismus. Warum die Abwehrhaltung?

    Tatsache ist, dass ‚weiss, reich & privilegiert‘ interdisziplinär bei TED in Formen austauscht, die so anders nicht existieren und dadurch Themen/Ideen/Technologie etc.-Permeanz erreichen, die anders so nur schwer zu erreichen ist und dadurch ein problemorientiertes Networking erreicht wird.
    Das kann man nun zynisch finden, das kann man chic and abgeklärt als elitären Bullshit und Selbstbeweihräucherung deklarieren, klar.

    Von besonders grosser Kreativität zeugt es wiederum gar nicht. Sorry.

    Auch die Tatsache, dass Du auf Hinweise von Inside Informationen mit Beurteilung anderer Leute reagierst, die Du nicht kennst und nur um Recht zu behalten, enttäuscht mich umso mehr. Nochmal Sorry.

    Aber wie versprochen: ich gebs jetzt auf. Von mir lässt Du Dir nicht am Zeug flicken, das hast Du klar gemacht.
    Und damit verkommt Dein Beitrag zum chic-abgeklärten Plädoyer alles was ‚innovativ‘ und ‚Inspiration‘ als Leitsatz hat, als zynisch, doof und irrelevant abzutun.

    Mir sagen Inspiration, thinking out of the box und unerwartetes Kategorienüberspringen was. Soviel Idealismus und Optimismus leiste ich mir.

    Die »Vermischung« von TED und TEDx sehe ich meinem Blogpost im letzten Satz: »Und bei einem TED-Talk lässt man Optimismus und Begeisterung den Vorrang vor allzu kritischer Reflexion.« Dabei meine ich mit TED einen Stil und ein Format. Natürlich war ich noch nie an einem TED-Event, nur an TEDxZurich. Und ich bin gern bereit – wie oben erwähnt – mehr über TED zu lesen und das werde ich auch tun.

    Ich habe nichts gegen »problemorientiertes Networking«. Ich habe etwas dagegen, dass dieses Networking Ausschlusseffekte erzeugt und dass die Probleme nicht die des Networks sind, sondern die von anderen. Und dass die eigene Privilegiertheit und der eigene elitäre Status nicht reflektiert wird.

    Mir gefallen innovative Menschen, die inspiriert sind. Mir gefällt es aber nicht, wenn sie dafür Dritte benötigen, die nicht zu Wort kommen (z.B. eben Leprakranke in Indien, Aidskranke in Kenia, Menschen ohne Trinkwasserversorgung; aber einfach auch: »my wife«, eine Figur, die in vielen Vorträgen als eine dümmlich-niedliche Figur vorkommt, die zwar selber nicht innovativ und inspiriert ist, aber einen Mann, dem die Ideen nie auszugehen scheinen, unterstützt). Und mir gefällt es auch nicht, wenn sie dafür sorgen, dass nur die Menschen von ihrem Network profitieren, die ähnlich privilegiert sind wie sie.

    Und um ganz konkret zu werden: Warum werden nicht an alle TED- und TEDx-Veranstaltung zur Hälfte Menschen eingeladen, die nicht privilegiert sind: Sowohl als Vortragende als auch als Zuhörende? Warum kommen Frauen nicht gleich häufig zu Wort wie Männer?

     

     

  4. Pingback: TEDxZurich 2012: Die Natur als Inspirationsquelle und wieso Inaktivität tötet › IM Strategies Blog

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