Warum ich kein »Linker« bin

Wie wohl bekannt ist, bin ich ein eifriger Diskussionsteilnehmer. Am intensivsten tausche ich mich momentan auf Twitter aus – weil das dort unabhängig von Zeit und Ort möglich ist, viele interessante und oder pointierte Meinungen vertreten werden und man lernt, in 140 Zeichen zu sagen, was man sagen will (das Argument »für diese Diskussion ist Twitter nicht geeignet« ist für mich immer ein Eingeständnis, dass man das Medium (noch) nicht ganz versteht – die 140 Zeichen erlauben durchaus auch das Einfügen von Links…). Mich stören an diesen Diskussionen zwei Aspekte, die oft zusammenhängen. Es handelt sich meiner Meinung nach um Trugschlüsse, die ich kurz skizziere. Daraus sollte klar werden, warum sie mich stören.

»wie deine linken Freunde von der XY…«

Oft muss ich mir anhören, zu einer Gruppe zu gehören, die man »die Linken« nennt. Dort sind auch »meine linken Freunde« offenbar Mitglied. Ich kenne weder diese Gruppe noch solche Freunde. Ich habe Freunde und ich habe Meinungen. Gewisse dieser Meinungen mögen links sein, sogar einige. Andere sind es nicht. Hinter meinen Meinungen stehen Begründungen, Tatsachen und Annahmen über die Welt. Diese können kritisiert oder widerlegt werden. Ich ändere meine Meinung gerne. Aber wenn die Kritik eine Gruppe betrifft, der ich nicht angehöre, oder »Freunde« meint, die ich nicht habe, dann kann ich darauf nichts antworten. Nur weil ich dieselben Meinungen wie andere Menschen habe, teile ich nicht alle Meinungen dieser Menschen und muss nicht für ihre Fehler gerade stehen.

»Du bist frustriert/humorlos/verkrampft etc.« 

Manchmal bin ich frustriert. Z.B., wenn der Kaffee zu fein oder zu grob gemahlen ist für meine Maschine und entweder kein Kaffee rauskommt oder er sich in der ganzen Küche verteilt. Das frustriert mich ungemein. Zuweilen bin ich auch humorlos, z.B. wenn mir bewusst wird, wie viele Kinder Gewalt und sexuelle Übergriffe erleiden müssen. Und wenn ich zum entscheidenden Volley ansetze in einem Tennisspiel, bin ich verkrampft. Und dann frustriert. Und humorlos.

Wenn ich twittere, dann höre ich mir nebenbei oft gute Musik an, lese ein Buch, schaue eine Serie oder erledige Haushaltsarbeiten. Ich habe meist gute Laune und bin sowas von locker drauf. Aber dennoch denke ich gerne nach. Möchte, dass man Aussagen begründet, fair diskutiert. Meine Argumente dann mit psychologischen Aussagen über mich zu ersetzen, ärgert mich. Wer sich für mich als Person interessiert, muss nicht auf Twitter mit mir über Politik oder Wirtschaft diskutieren, sondern mit mir einen Kaffee trinken.

So, das wars. Im nächsten Post gehts dann wieder um Interessanteres. Wer das alles gelesen hat, darf gerne einen Kommentar hinterlassen. Auf Twitter möchte ich das nicht diskutieren.

Ich, total locker, unverkrampft und humorvoll am Grillen. Portrait einer Schülerin.

11 thoughts on “Warum ich kein »Linker« bin

  1. Mich erstaunt das etwas, habe ich Deine Positionen bisher doch fast als durchgehend so wahrgenommen als die von einem, der den Staat lieber ausbauen statt zurückbauen will. Ob das die einzige Frage ist, wie man „links“ erkennt, sei mal dahingestellt. Die links/rechts-Frage ist ja nicht nur sehr unscharf, sondern auch recht unwichtig.

    Diskussionen auf Twitter finde ich persönlich meist ermüdend, weil sich in 140 Zeichen Länge einfach nur bruchstückhaft argumentieren lässt. Besonders ermüdend finde ich ergebnislose Schlagabtausche mit politischen Gegnern, bei denen jeder seine unverrückbaren Positionen und Vorurteile präsentiert. Das kann wohl aufschlussreich sein, aber nur, wenn diese Positionen nicht schon sattsam bekannt sind.

    • Ich stimme dir zu. Die Diskussionen auf Twitter sind unglaublich ermüdend. Meine Utopie: Darauf hinweisen zu können, dass man auch mit harten Positionen nachdenken kann und sauber argumentieren soll.

      Im Artikel steht ja: Einige meiner Haltungen sind links. Wenn du das Label in Bezug auf die Größe oder Funktion des Staates definierst: Dann tendenziell ja. Aber auch da gibt es andere Haltungen: Ich finde z.B. generell, der Staat sollte Menschen eigene Entscheidungen (z.B. über ihre Gesundheit) ermöglichen und sie nicht verhindern. Er sollte ihnen möglichst oft die Wahl lassen (auch bei Kinderbetreuung etc.). Ich bin auch deutlich gegen die Rassismusstrafnorm. Will sagen: Ich habe nicht per default die Haltung, die man als typisch »links« definieren würde.

      • @Philippe natürlich kann man auch mit harten Positionen nachdenken und argumentieren. Twitter hilft dabei. Allerdings ist m.E. von der Darstellung her twitter hier eben auch nicht wirklich geeignet, ausser man beschränkt sich auf ein zweier Pingpong.
        Wer professionell kommunizieren muss, kann Twitter auch als Trainingsplatz nutzen. Core Message auf Twitterlänge kürzen. Dann merkt man, was man im Kern sagen will.

  2. Ich finde es auch schade, dass anstelle der Argumente zu inhaltlichen Fragen oft Vorstellungen und Vermutungen über die sozialen oder psychologischen Aspekte der Debattenteilnehmer im Vordergrund stehen. Auf der anderen Seite bin ich selbst auch immer sehr stark an der Persönlichkeit interessiert, die etwas äussert. Ich denke wir brauchen diesen Kontext um Aussagen einordnen zu können. Und mit dem Einordnen sind wir halt sofort bei den Kategorien oder Schubladen angelangt. Das Problem ist, dass einige Kategorien unscharf sind, wie Ronnie Grob in seinem Kommentar erwähnt. Unwichtig, finde ich sie allerdings nicht, vor allem weil sie manchmal ein falsches Licht auf ein Argument werfen. Genau darum ist es oft nötig, eine Aussage von mehreren Seiten zu beleuchten und genau darum denke ich, ist Twitter problematisch um komplexe Sachverhalte zu diskutieren. Ich bin weiss Gott kein Twitter-Verachter, aber ich halte Blogs, Blogkommentaren oder die neueren Ansätzen wie branch.com für viel geeigneter um als Plattformen für substantielle Debatten zu dienen. Twitter ist cool, aber für mich persönlich ist Twitter in erster Linie ein News- und Serendipity-Medium, und erst in zweiter Linie und eher beschränkt ein Dialog-Medium.

    • Ich verstehe beide Argumente. Natürlich spielt die Persönlichkeit eine Rolle – aber wir entwickeln ja sowas wie «digitale Persönlichkeiten«. Auf der Trollcon habe ich gestern wieder einige, mir bisher nur über Twitter bekannte Leute getroffen, an TEDx wird das wohl wieder der Fall sein. Das finde ich immer sehr interessant, aber für gewisse Debatten reicht ja die digitale Persönlichkeit aus.
      Ich bin immer wieder erstaunt, wie substantiell die Debatten auf Google+ z.B. sind. Ich verfolge da Diskussionen v.a. im Feed von Martin Lindner, die Tiefe haben, differenziert sind und immer wieder neue Aspekte beleuchten. Der Nachteil ist dabei aber, dass man sich intensiv einlesen muss, Argumente vielleicht versteckt sind. Twitter ist vielleicht ein Stammtisch: Man mus schnell sein, pointiert sein und verknappen können. Andere Netzwerke sind eher wie Tagungen oder Workshops, wo man sich einlesen muss und längere Vorträge anhört. Beides braucht es wohl.

      • Ja, jedes Netzwerk hat wohl seinen Stil. Und in dem Sinne ist für mich twitter eher ein Medium, in dem eine Diskussion die Form „ich sage x“ – „ich sage y“ annimmt. Jeder prononciert seine Position auf den Punkt bringt. Währenddem Medien mit mehr Platz eher auch den Raum lassen für Statements der Form „Du sagst y, ich teile y.2 aber y.1 nicht, weil…“ Also Debatten, welche auf einzelne Punkte der gegnerischen Argumentation eingehen, sie zu widerlegen suchen etc. – Letzterem sage ich „Debatte“ – und drum ist für mich twitter kein „Debattenmedium“

  3. Grundsätzlich bin ich bei modernen Medienformen dagegen, dass man deklariert, was sie sind, was sie können und dadurch ex negativo gleich mit definiert, was sie auf keinen Fall können oder sollen. Das nur am Rande.
    Niemand wird bestreiten wollen, dass Twitter für tiefe, spezifische und technische Debatten (à la ‚Was ist der Unterschied zwischen Metapher und Gleichsetzung oder Analogie?) nicht das optimale Medium ist. Für Vertiefungen, Begriffsklärungen (die immer auch mit Autoritätenzitaten etc. verbunden sind) bedient man sich des Blogs oder bei mittlerer Länge eines Twitlonger Services.

    Dass Twitter allerdings bereits als Debatten Medium genutzt wird, lässt sich ebenso wenig bestreiten. Denn das wird es. Auch zwischen Profis der Debatte. Dass das dann auf andere Weise stattfindet, als sich das ästethische Auge oder der Debattenpurist vorstellt, ist klar.
    Dennoch: eine Debatte kann stattfinden, und die Limitierung auf 140 Zeichen wirkt nicht hinderlich. Auch Zustimmung und Contra kann formuliert werden. Ich erlebe das mindestens wöchentlich auf einer der Philosophen Listen.

    Also muss ich mich anderes fragen: liegt es an der Sprache? Realisiert sich die Ablehnung von Twitter als Debattenmedium auf dem Hintergrund des Deutschen? Oder: ist eine Debatte einfacher auf Englisch…?

    Noch eine kleine Notiz am Rande: bin nun schon seit ein paar Wochen mit Branch.com am sondieren und bald wird das, was hier als hindernd bezeichnet wird, durch dieses neue System, das auf Twitter basiert, weniger hindernd und diskussionsfördernd. Ohne, dass Twitter ersetzt wird, sondern mit Twitter als ‚Diskussionslostreter‘ und ignition point sozusagen.

  4. Pingback: Ein kleiner Jahresrückblick | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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