Entscheiden – Eine lohnenswerte Ausstellung

Who knows what I want to do? Who knows what anyone wants to do? How can you be sure about something like that? Isn’t it all a question of brain chemistry, signals going back and forth, electricalenergy in the cortex? How do you know whether something is really what you want to do or just some kind of nerve impulse in the brain? Some minor little activity takes place somewhere in this unimportant place in one of the brain hemispheres and suddenly I want to go to Montana or I don’t want to go to Montana. – Don DeLillo, White Noise

Das oben stehende Zitat ist das Motto zu Jonathan Lehreres Sachbuch »How We Decide«. Der inzwischen in Verruf geratene Wissenschaftsjournalist Lehrer – er hatte Zitate von Dylan gefälscht und von sich selbst abgeschrieben – geht darin der Frage nach, wie Menschen Entscheidungen treffen. Seine Antwort ist, kurz und unpräzise: Da passieren Dinge in unserem Hirn, die man untersuchen kann. Sein Kürzestfazit oder -ratschlag:

Whenever you make a  decision, be aware of the kind of decision you are making and the kind of thought process it requires. […]  The best way to make sure that you are using your brain properly is to study your brain at work, to listen to the ar­gument inside your head.  (249f.)

Eine Möglichkeit, wie man Lehrers Ratschlag folgen könnte, ist ein Besuch im Stapferhaus in Lenzburg. Dort ist bis Mitte 2013 die Ausstellung »Entscheiden« zu sehen. Inszeniert wird diese Ausstellung als ein Supermarkt, in dem man über eine Tonbildschau eintritt. Danach erfolgt im Erdgeschoss ein Rundgang durch thematisch geordnete Entscheidungsfelder: Liebe, Karriere, Politik, Glück oder Wille, neue Entscheidungsmöglichkeiten, Entscheidungsträger.

Räumlich sind die einzelnen Teile sehr dicht arrangiert, gehen aber durch den Einbezug von verschiedenen Medien in die Tiefe: So kann man sich anhören, was Paare über ihre Beziehung sagen, in einem Wohnzimmer am Fernsehen EntscheidungsträgerInnen sehen, die über ihren Beruf berichten, politische Statistiken studieren und an interaktiven Stationen eigene Fragen zum Entscheidungsverhalten beantworten.

Im Zwischenstock gibt es Beratung zur Entscheidungsfindung, Tricks und Tipps, wie man sein Entscheidungsverhalten verbessern, beschleunigen, erleichtern könnte.

Am emotionalsten ist der obere Stock, auf dem das Thema »Zufall/Schicksal« sehr schlicht und ohne Effekthascherei, aber auch sehr eindringlich präsentiert wird: Die entscheidenden Schritte erledigt der Zuschauer selber. Entlassen wird er schließlich an die Kasse des Supermarkts: Dort zahlt er für den Besuch und erhält als Quittung die Resultate der interaktiven Stationen, eine Art Entscheidungstyp-Einschätzung sowie ausgedruckte Tipps.

Diese interaktiven Elemente können als Spielerei bezeichnet werden, die Konzeption der Ausstellung ist aber hervorragend. Sie spricht ein breites Zielpublikum an – ausser Kindern unter 14 Jahren wohl die ganze Schweizer Bevölkerung. Die Elemente sind auf verschiedenen Niveaus zugänglich, die Ausstellung ist dicht und braucht genügend Zeit für einen Besuch, kann aber auch in 90 Minuten gewinnbringend angeschaut werden. Es empfiehlt sich, in einer Gruppe hinzugehen und immer wieder miteinander zu diskutieren – gerade der erste Teil über Beziehungen lädt sehr dazu ein, aber auch das Thema Politik oder Entscheidungsfindung im Beruf.

Wünschen würde ich mir von der philosophischen Seite her einen etwas intensiveren Zugang: Angesprochen wird das Thema Ethik im Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei der Entscheidungsfindung, aber z.B. das Kierkegaard’sche Moment des »Entweder-Oder« fehlt. Auch der Zugang über systematische Fehlentscheidungen oder Bias wäre eine sinnvolle Ergänzung gewesen.

Dennoch: Die Ausstellung lohnt sich auf jeden Fall, sie zeigt Wissenswertes, Tiefgründiges und involviert die ZuschauerInnen direkt. Vertiefen können Sie Ihre Eindrücke mit dem lesenswerten Heft, in dem Essays, Kunst und Hintergründe abgedruckt sind – das hochwertig produziert ist und nur 10 Franken kostet.

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