Confirmation Bias

Ein Bias ist eine Verzerrung der Wahrnehmung oder des Denkens (bzw. des Urteilens), die unter bestimmten Bedingungen systematisch auftaucht.  Bekannte Beispiele sind:

  • das Verwechseln von Korrelation und Kausalität: was zusammen auftritt, muss in einem kausalen Verhältnis stehen
  • das Zuschreiben von Verantwortung an Personen anstatt an Umstände und Situationen: der Kellner wird für unfähig und unfreundlich gehalten, wenn er unter Migräne leidet
  • die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes auf Kosten der Warhnehmung der Realität: niemand denkt von sich selber, er/sie sei bösartig oder inkompetent
  • der Gender Bias, die verstärkte Wahrnehmung von als weiblich bezeichneten Eigenschaften bei Frauen und männlichen bei Männern.

Der Wikipedia definiert Bias wie folgt:

Kognitive Verzerrung (im englischen Original cognitive bias) ist ein kognitionspsychologischer Sammelbegriff für systematische (nicht zufällige) Tendenzen oder Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen, die meist richtig, gelegentlich aber falsch sind. Sie bleiben meist unbewusst.

Der Confirmation Bias ist nun eine spezielle Spielart dieser Verzerrung. Sie kann mit zwei Experimenten von Peter Wason demonstriert werden:

Jede Karte hat eine geometrische Figur auf der Vorderseite und ist auf der Rückseitig farbig.

Welche der Karten muss man umdrehen, um folgende Behauptung überprüfen zu können:
»Eine Karte, die ein Quadrat auf der Vorderseite hat, ist auf der Rückseite gelb.«

Hier geht es im engen Sinne um »Confirmation«, um Bestätigung. Viele Menschen tendieren dazu, die Behauptung zu bestätigen, indem sie z.B. die gelbe Karte umdrehen. Tatsächlich wäre es sinnvoll, die Karten umzudrehen, welche die Behauptung falsifizieren könnten: Die mit dem Quadrat auf der Vorderseite (muss auf der Rückseite gelb sein) und die rote (darf auf der Vorderseite kein Quadrat haben). Die anderen beiden Karten sind völlig bedeutungslos in Bezug auf die Wahrheit der Aussage.

Bei Wasons zweitem Experiment werden drei Zahlen vorgegeben, die nach einer bestimmten Regel angeordnet sind, z.B. 2 – 4 – 6. Nun sollen die Versuchsteilnehmer selber Zahlenfolgen vorschlagen und die Versuchsleiterin gibt an, ob sie die Regeln erfüllen oder nicht, also z.B. 4 – 8 – 12 (ja), 8 – 12 – 14 (ja), 7 – 11 – 5 (nein) etc. Die meisten Versuchsteilnehmer schlagen viel zu viele Folgen vor, die eine Regel erfüllen. Die beste Strategie wäre wiederum, eine Hypothese zu widerlegen, sie kann nicht bestätigt werden.

Verallgemeinert man die Auswirkungen des Confirmation Bias, erhält man im wesentlichen vier Konsequenzen:

  1. Menschen suchen nach Informationen, die ihre Haltungen oder ihren Glauben bestätigen.
  2. Menschen halten Aussagen, die ihre Haltungen infrage stellen, für unglaubwürdig.
  3. Menschen interpretieren Fakten entsprechend ihren Haltungen, Grundsätzen und Vorlieben.
  4. Menschen erinnern sich besser an Fakten, die ihre Sicht der Welt stützen.

Ein schönes Beispiel für den Confirmation Bias ist eine Studie der Universität Stanford aus den 1970er-Jahren, in denen Leute in einen Versuch einbezogen wurden, die entweder klar für oder klar gegen die Todesstrafe waren. Ihnen wurden fiktionale Studien präsentiert, die ihre Haltung infrage stellen sollten. Während die Lektüre der wesentlichen Ergebnisse sie leicht an ihrer Meinung zweifeln ließ, fanden sie die Studien, je mehr sie sich damit auseinandersetzten, völlig unglaubwürdig – und zwar jeweils immer die Studien, die nicht ihrer Haltung entsprachen. Um eine Haltung aufzugeben, brauchen Menschen viel stärkere Evidenz, als um sie zu behalten.

Der Confirmation Bias bedeutet generalisiert, dass wir das, was wir glauben, immer wieder wissenschaftlich oder medial bestätigt finden, die dagegen sprechenden Informationen aber immer für unseriös oder unwissenschaftlich halten. Zudem erinnern wir uns an das, was unsere Haltungen belegt, viel besser und vergessen Einwände dagegen. Das spielt gerade in politischen Diskussionen eine große Rolle, es ist auch eine Erklärung dafür, weshalb u.a. rechts-konservative PolitikerInnen Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen und ignorieren, wie z.B. Chris Mooney in seinen Forschungen gezeigt hat.

12 thoughts on “Confirmation Bias

  1. Fragt sich, wie diese „Kognitionseinbusse“ zu werten ist? Du stellst das zunächst als menschliches Phänomen dar, während Mooney dem konservativen Geist Realitätsverweigerung und Ignoranz vorhält. Dogmatiker und Ideologen dieser Welt vereinen wohl alle diese Eigenschaft auf sich. Was macht es für einen Unterschied, wenn nun auch noch die Unwissenheit der Sturen ins Spiel kommt? Um Inhalte geht’s dabei gleichermassen nur als Randerscheinung. Bald möchte man meinen, das ist der Punkt, an dem du eine Kausalität feststellst, wenn mangelndes Reflexionsvermögen der konservativen Einstellung zugeordnet wird.

    • Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe. Mein Ansatz wäre allgemeiner als der von Mooney – ich würde den Confirmation Bias nicht auf bestimmte Gruppen beschränken. Die rechts-konservative Ideologie hat es aber an sich, dass viele Haltungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen kollidieren, was den Confirmation Bias deutlich hervortreten lässt, zumindest bei Tea Party-Republikanern.
      Die interessantere Frage ist ja dann, wie man überhaupt zu Haltungen kommt, auf die der Confirmation Bias dann aufsetzen kann… 

  2. ich war kürzlich an einer „Lesung“ von Rolf Döbeli, der von sogenannten Denkfehlern spricht. Aus diesen Denkfehlern entstehen auch Haltungen, welche wir wiederum selber immer wieder bestätigen. Ich beobachte an mir selber, dass ich offener bin für Artikel, Studien etc., die meiner persönlichen Gesinnung mehr entsprechen als andere. Und ich glaube, das geht vermutlich den meisten so. Der Punkt ist nicht mal, dass man andere Studien für nicht wissenschaftlich hält, sondern, dass man meist nur die Sachen liest, die einem interessieren und oft noch bestätigen.

  3. Diese Kollisionen mit wissenschaftl. Erkenntnissen geben allenfalls Aufschluss darüber, dass in gewissen Teilen unserer Gesellschaft Wissenschaft als absolute Argumentationsgrösse nicht zugelassen wird oder werden kann. Die Unmittelbarkeit persönlicher Erfahrung (od. das, was dafür gehalten wird) sticht alles andere. Argumentatives Widerlegen dieser wissenschaftl. Erkenntnisse bleibt ja oft aus. Was m.E. darauf hinweist, dass nicht die Resultate als solche angezweifelt werden, sondern mit der Missachtung ein Unverständnis gegenüber der Argumentation als solche beteuert wird. Ich glaube es lohnt sich, da zu differenzieren. Die Belehrung über Hard Facts ist kein politisches Argument.

    • Aber in vielen politischen Kontexten basieren Entscheidungen doch gerade auf Fakten – oder dem, was man dafür hält. Natürlich orientiert sich nicht jede Argumentation daran, aber zumindest wird so getan als ob. Die persönliche Erfahrung spielt ja z.B. bei wirtschaftlichen Fragen oft keine Rolle, ist also wohl nicht Ausgangspunkt der Entscheidungsfindung.

      • Die Überlegenheit wissenschaftlicher Fakten erzeugt im Politdiskurs eine Gegenreaktion. Und zwar nicht auf der Ebene des Arguments. Die Wertung des Arguments, resp. dessen Wahrheits- od. Wirklichkeitsgehalt spielt dabei keine Rolle. Ulrich Beck hat das in seiner Weltrisikogesellschaft so beschrieben: „In den vergangenen zwei Jahrhunderten ist in den westlichen Gesellschaften an die Stelle der Tradition das Urteil der Wissenschaftler getreten. Je mehr Wissenschaft und Technologie jedoch im globalen Massstab das Leben durchdringen und umgestalten, desto weniger gilt paradoxerweise diese Expertenautorität als selbstverständlich.“ Der Reflex, welcher auf der konservativen Seite bei einer Feststellung von weniger Tradition entsteht, ist uns wohlbekannt. Diese Dynamik zu durchbrechen hiesse mitunter, in der CH endlich einen besseren Nährboden für konstruktive politische Diskussionen zu bereiten.

  4. Hängt die Einseitigkeit zur Suche nach Bestätigungen und weniger nach Widerlegungen mit unserem konstruktivistischem Lernen/Denken zusammen? Wenn wir alle die Welt für uns selbst „bauen“ müssen, dann scheint es mir nachvollziehbar, dass man für jede kleine aufgebaute Struktur möglichst nach Bestätigungen sucht – jede Widerlegung bedeutet im Gegenzug einen Verlust, eine Wunde die in unserer „gebauten“ Welt klafft.
    Vielleicht kann man auch nur ein gewisses Mass an Widerlegungen verkraften/verarbeiten – das sieht man in der Wissenschaftsgeschichte bei den berühmten Leuten, welche zwar EINEN Paradigmenwechsel auslösen (bzw. mitmachen), die Folgenden aber nur noch kritisch beäugen – aber nicht mehr vollziehen konnten (Einstein ist sicher das Paradebeispiel: Relativität – ja; Quantenmechanik – nein).

    Ganz spannend finde ich auch folgenden Punkt aus der Einleitung: „die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes auf Kosten der Warhnehmung der Realität: niemand denkt von sich selber, er/sie sei bösartig oder inkompetent“
    Ich behaupte mal, dass wer das „Abwenden“ vom eigenen Selbst auf äussere Gründe, nicht geistig gesund bleiben kann. Wer jedes kleine Scheitern auf seine Persönlichkeit bezieht, der lässt sein Selbstwert/Selbstbewusstsein völlig verkümmern (das Gegenteil wird wohl auch zutreffen: Überbordendes Selbstbewusstsein und man ist niemals selbst an etwas Schuld…)

    • Zum zweiten Abschnitt: Wer alles auf sich selbst bezieht, unterliegt wohl ebenfalls einem Bias. Hier gäbe es ja durchaus einen gesunden Mittelweg, der die Minderung des Selbstwertgefühls zulässt – letztlich sind wir wohl alle einfach durchschnittliche Menschen, die viel Hässliches tun, denken und an uns haben… 

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