Kritik an der Hirnforschung

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung war am Wochenende ein aufschlussreicher Text von Andreas Bernhard zu lesen, der die Methoden und Ansprüche der Hirnforschung treffend kritisiert. Er bezieht sich auf die Arbeiten des Wissenschaftsphilosophen Michael Hagner.

Ich fasse hier die beiden Schlüsselgedanken aus dem Text Bernhards zusammen, empfehle die Lektüre seines Textes aber nachdrücklich.

Wichtig ist zunächst zu verstehen, wie bildgebende Verfahren funktionieren. Hirnforscher machen Bilder aus Daten. Dabei treffen sie willkürliche Entscheidungen, glätten Übergänge, vereinfachen die Datenlage. Die Bilder zeigen uns nicht, was im Hirn tatsächlich vor sich geht, sondern sie zeigen uns eine von den Forschern gewählte Darstellung von Daten.

Zudem basiert der Anspruch der Hirnforschung auf einem Modell des Menschens und des menschlichen Denkens. Dieses Modell ist einerseits sehr einfach und zweitens nicht unumstritten, es basiert beispielsweise auf der Annahme, Erhöhung des Sauerstoffgehalts im Hirnblut zeige gesteigerte neuronale Aktivität – und diese Steigerung sei konkrete äußere Anreize zurückzuführen. Diese Annahmen basieren nicht auf sicheren Erkenntnissen.

Diese beiden methodischen Probleme lassen erkennen, dass der Anspruch von Hirnforschern wie Manfred Spitzer oder Gerald Hüther, ausgehend von Erkenntnissen der Hirnforschung, weitreichende pädagogische oder philosophische Aussagen zu machen, zumindest fragwürdig ist. Bernhard spricht von einer »Theologie des Hirns«: Hirnforscher behandeln das Hirn, als sei es unhintergehbar wie ein Gott.

2 thoughts on “Kritik an der Hirnforschung

  1. Ich finde den Artikel eher ärgerlich. Man muss sich doch nur mal etwas genauer umsehen und etwas seriösere Leute befragen, und schauen wie sie arbeiten, was sie denken.
    Es ist wie schon bei der Gentechnik: das meiste wird von Journalisten und Wellenreitern hineingelesen, die Leute, die auch tatsächlich forschen (und nicht nur Thesenpapiere verbreiten), sind viel vorsichtiger und pragmatischer (häufig auch bescheidener).
    Warum nicht mal zu einem Einführungslehrbuch greifen?, die sind durchaus zugänglich, gerade auf diesem Gebiet gibt es zB Hervorragendes von E. Kandel.
    Man liest ja auch in der Literatur nicht nur Sekundärliteratur…
    Oder auch das Buch vom französischen Hirn-Forscher Stanislas Dehane über das Lesen(schon eher populärwiss., aber in dem Fall ausgezeichnet), weit entfernt von solcherart unterstelltem Reduktionismus.

    Es gibt keinen „Anspruch der Hirnforschung“, solches Palaver findet meistens nur an der Oberfläche statt.

    • Ich verstehe die Kritik. Aber dieser »Anspruch der Hirnforschung« wird gerade in Lernfragen oft von Experten vertreten – er ist nicht eine Projektion von außen. Selbstverständlich betrifft er nicht die Forscher, die an einer Universität recht enge Fragestellungen methodisch fundiert untersuchen – aber diejenigen, die öffentlich als Hirnforscher auftreten und sich so inszenieren.

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