Der Feminismus ist ein Humanismus

In letzter Zeit habe ich einige Diskussionen über Feminismus geführt. Aus diesen Gründen möchte ich hier meine Haltung kurz darlegen, nicht ohne drei Vorbemerkungen:

  • Selbstverständlich gibt es »den Feminismus« nicht. Es gibt verschiedene feministische Bewegungen mit ganz unterschiedlichen Programmen. Im Folgenden werde ich meine persönliche Definition des Begriffs benutzen – denke aber, dass sie durchaus zentrale Elemente des feministischen Diskurses enthält.
  • Feminismus ist heute ein Schlagwort, mit dem ein übertriebener Kampf bezeichnet wird, den verbitterte Frauen führen, die Männer für alles Unglück in ihrem Leben verantwortlich machen und nicht bemerkt haben, dass Gleichstellung längst erreicht ist. – Diese Umdeutung eines Begriffs zu einem Schlagwort ist eine effiziente Strategie, um wichtige feministische Argumente unhörbar zu machen. Sie führt dazu, dass sich heute kaum mehr jemand als Feministin bezeichnet.
  • Es ist nicht selbstverständlich, dass Männer erklären können oder sollten, was Feminismus bedeutet. Frauen brauchen keine Männer, die für sie sagen, was sie meinen. So ist mein Post nicht gemeint, wie man erkennen wird. Alleine die Tatsache, dass ich mich frei äußern kann, eine moderate Leserschaft finde und keine Angst haben muss, sozial oder beruflich unter Druck zu geraten, wenn ich meine Meinung sage, zeigt, dass ich als weißer Mann 2012 enorme Privilegien genieße, die ich mir immer wieder zwanghaft bewusst machen muss, weil sie so selbstverständlich sind.

Der Feminismus entstand tatsächlich als eine Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung von Frauen wehrte. Argumentativ orientierte sich diese Bewegung aber schnell an der Begründung, weshalb Frauen weniger Rechte hatten als Männer. Die Begründung war eine Verknüpfung von sozialer Rolle mit der Biologie: Weil da eine Person in einem Frauenkörper steckte, konnte man von ihr erwarten, dass sie auf berufliche Verwirklichung, politische Anteilnahme und Äußerung einer ernst genommenen Meinung verzichtete.

Die Einsicht, dass die Biologie nicht dazu taugt, soziale Normen zu begründen, ist weit reichend: Sie betrifft jede Art von Norm und jede Art von biologischen Gegebenheiten oder Eigenschaften (sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Rasse, Alter etc.). Das Fazit ist recht einfach: Menschen sollen als Menschen behandelt werden und nicht als Element einer Gruppe oder Klasse.

Damit ist der Rahmen erweitert: Es geht nicht mehr nur um die Rechte von Frauen oder das Rollenbild der Frau, sondern um Rechte, Normen und menschliche Eigenschaften. Ideal wäre eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Wünsche äußern und ihre Identität formen können und von Gesetzen oder Normen in der Verwirklichung dieser Wünsche und dieser Identität nicht behindert werden. D.h. es wäre ein Gesetz zu fordern, das auf Eigenschaften von Menschen keinen Bezug nimmt, in Gesetzestexten soll z.B. die Eigenschaft, eine »Frau« oder ein »Mann« zu sein, keine Rolle spielen.

Dieses Ideal ist aber utopisch, weil Menschen keine Gemeinschaften ohne Normen bilden können. Die Erfüllung dieser Normen ist mit dem Erhalt von Privilegien und Legitimität verbunden, die Nichterfüllung mit dem Entzug von Rechten und sozialem Ausschluss. Mit »Rechten« und »Privilegien« ist hier nicht mehr nur ein juristischer Bereich gemeint, es geht allgemeiner um menschliche Interaktionen und Status; um die Erfüllung ihrer Wünsche. Es geht zunächst also darum, sich überhaupt bewusst zu machen, wie Status erlangt wird und Privilegien vergeben werden; diese Praxis gilt es dann zu kritisieren.

Präziser äußert sich dazu Nadine Lantzsch:

Ein sexistisches System zeichnet sich dadurch aus, dass zunächst die Kategorie Geschlecht strukturgebend für dieses System ist. Dieses System wird nicht dadurch konterkariert, die strukturgebende Kategorie von vornherein abzuschaffen oder aufzulösen (nein, auch das haben dekonstruktivistische Perspektiven nie gefordert), sondern zu verstehen, wie Geschlecht strukturiert. Momentan ist ein System, in dem Geschlecht keine Rolle spielt, unvorstellbar. Ich gehe davon aus, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Die Kategorie Geschlecht zu verwerfen, würde bedeuten, eine Utopie zu wollen. An dem Wollen ist an sich nichts auszusetzen, allerdings bringt der Fokus auf die Utopie fast zwangsweise mit sich, große Schritte machen zu wollen, ungeduldig zu sein, viele Dinge zu vernachlässigen und sich wieder in Postgender-Haltung oder Revolutionsromantik zu verlieren, was unter’m Strich auch bedeuten würde: Sexismus nicht vollends zu begreifen, die strukturierende und performative Wirkung von Geschlecht aus den Augen zu verlieren und ja – ein sexistisches System aufrecht zu erhalten.

Abbildung aus Simone de Beauvoir: Brigitte Bardot and the Lolita Syndrome. 1959.

Diese Einsicht wird, so meine schon mehrfach geäußerte Kritik, von der Männerrechts- oder Maskulinistenbewegung ignoriert. Sie fokussiert einige Rechtsungleichheiten, die Männer benachteiligen, ohne umfassend über Rollenbilder und Privilegien nachzudenken. Zudem ignoriert sie bei einigen Fragen den politischen Kontext und die Sympathie des Feminismus. Hier zwei Beispiele:

  1. Sorgerecht für Kinder und Alimentzahlung.
    Die heutige rechtliche Praxis orientiert sich, so meine Behauptung, nicht mehrheitlich am Geschlecht der Eltern, sondern an der Aufteilung der Kinderbetreuung. Wer Kinder betreut, erhält das Sorgerecht. Ignoriert wird dabei, dass damit auch eine Sorgepflicht verbunden ist, die Mütter ungefragt automatisch erhalten, Männer jedoch nicht. Männer können vor, nach und während einer Geburt nach Südafrika aufbrechen und sich weder bei der Mutter noch beim Kind je wieder melden – Mütter nicht.
    Eine feministische Position beleuchtet alle Facetten dieses Problems und fragt allgemein, ob die Kinderbetreuung ans Geschlecht (oder an die biologische Tatsache der Geburt) gekoppelt sein müsse und wie Gesellschaften dieses Problem ohne Diskriminierung lösen können.
  2. Wehrpflicht.
    Wehrpflicht betrifft in der Schweiz nur Männer. Anstatt dies einfach als Diskriminierung zu geißeln, die der Feminismus ignoriert, könnte man die Bestrebungen, die Wehpflicht generell aufzuheben, in Betracht ziehen. Diese Bestrebungen würden jede Form von Diskriminierung aufheben.

* * *

Nach dieser Skizze eine Position möchte ich ein Problem ansprechen: Wenn die Kategorien »Mann« und »Frau« in der sozialen Praxis hinterfragt und kritisiert werden, ist es schwierig, diese Kategorien überhaupt zu definieren. Es ist schon rein biologisch nicht einfach, zu sagen, was genau die Zugehörigkeit zu einer der Kategorien ausmacht, viele Merkmale sind nicht polar, sondern graduell strukturiert.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Lösungen:

  1. Selbstzuschreibung. Wer sagt, sie sei eine Frau oder er sei ein Mann ist das auch. Man kann sich selber auch als homo- oder heterosexuell, cis- oder transgender bezeichnen oder als Eichhörnchen oder Einhorn. Wenn man sagt, man sei ein Einhorn, ist man eins. Punkt.
  2. Orientierung an Privilegien: Wer das Privileg genießt, nicht durch Normen beschränkt zu werden, ist ein in Bezug auf die Kategorie Geschlecht ein Mann.

Diese zweite Definition scheint zunächst etwas lächerlich zu sein, enthält aber genau den entscheidenden Punkt: Männer, die Kinder betreuen oder über Sexismus nachdenken, erhalten heute eine Art Ansehen oder Status, ohne dies verdient zu haben. Darin manifestiert sich der soziale Geschlechterunterschied: Dass Männer Anerkennung für Handlungen erhalten, für die Frauen keine Anerkennung erhalten. Warum sie nicht darüber definieren?

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