Der Wert von Erfahrung

Als ich während des Studiums größere Arbeiten geschrieben habe, wachte ich oft in der Nacht auf und hatte einen genialen Gedanken, der die Arbeit entscheidend weiterbringen würde, wie mir völlig klar war. Also nahm ich ein neben meinem Bett liegendes Buch und schrieb hektisch ein paar Seitenränder voll, mit Begriffen, die mir am Morgen im besseren Fall wirr, im schlechteren irr vorkamen. Nie war einer dieser Traumgedanken brauchbar.

Wenn die forcierte Metapher erlaubt ist und man Ferien als Träume im Jahresverlauf betrachtet, dann sind Urlaubsgedanken vielleicht auch Traumgedanken. Der langen Einleitung Schluss: Ich schreib jetzt hier mal was auf, was vielleicht Nonsense ist, und klebe ein Urlaubsbild dran.

Man spricht mit digital natives von einer Generation, die mit Computertechnologie aufgewachsen ist und sie nicht während des Erwachsenenlebens kennen und nutzen lernte. Der Begriff ist mir etwas polar: Als ob allein die Zeit der Geburt darüber entscheidet, welche Kompetenzen eine Person erlernen kann. Aber er zeigt, dass es eine Lücke gibt: Die Erfahrung der Generation meiner Eltern im kunstvollen Verfassen von längeren Arbeiten auf einer Schreibmaschine (komplizierte Korrekturverfahren, perfekte Tipptechnik etc.) ist wertlos. Ebenso die Erfahrung im Vervielfältigen von Dokumenten mit primitiven Methoden, im Ausleihen von Büchern, Kopieren von Schallplatten etc.

Nun arbeiten wir in Westeuropa heute eigentlich nur noch mit Medien – fast alle Berufe sind Dienstleistungsberufe und Arbeitserfahrung ist Erfahrung im Umgang mit digitaler Technologie. Heißt kurz und völlig überspitzt: Erfahrung ist heute wertlos.

Die Gegenthese (ich arbeite hier mal ausnahmsweise ohne Links) ist schnell aufgestellt: Unsere Lebenswelt ändert sich nicht so schnell, wie die Ankunft neuer Geräte suggerieren könnte: Wir führen immer noch ähnliche Beziehungen wie die Generation unserer Großeltern, wir müssen lernen mit Geld umzugehen, mit fremden Menschen und fremden Gegenständen, herausfinden wer wir sind, was wir wollen, wobei wir uns nützlich und glücklich fühlen. Das haben ältere Menschen schon getan und wir können deshalb von ihrer Erfahrung lernen.

Diese existenzielle Betrachtung würde ich aber zurückweisen: Solche Bereiche sind ja weit gehend unberührt von Erfahrung. Auf Eltern, die ihren Kindern abraten, eine offensichtlich schädliche Beziehung einzugehen, hat noch nie jemand gehört. Erfahrung beschränkt sich auf die Arbeitswelt: Wie zerlegt man ein Rind, wie überzeugt man einen potentiellen Kunden, wie sortiert man 150’000 Bücher in einer Bibliothek so, dass man jedes wieder findet.

Meine Überlegung ist nun die: Wir können zwar erahnen, dass Erfahrung in vielen Bereichen wertlos geworden ist, verhalten uns aber gerade so, als sei dies nicht so. (Ähnlich geht es uns ja mit dem Geld, das ebenso wertlos ist, was wir zwar wissen könnten, aber nicht daran glauben. Oder – Achtung, jetzt wird’s ganz pessimistisch -: Mit dem Leben. Bringt nicht sonderlich viel, so ein Leben – und trotzdem reden wir uns immer wieder ein, wir könnten etwas bewirken.)

So, nächstes Mal wirds dann wieder konkreter und es gibt Quellen, Theorien und und und.

One thought on “Der Wert von Erfahrung

  1. Wertlos find ich spannend – also was ist denn das überhaupt? Das was als wertlos bezeichnet wird? Das was für uns keinen Nutzen mehr zu haben scheint?
    Ich denke Entwicklung ist aufbauend und was früher mal nützlich war, hat zum heute verholfen – oder war ein Fehlversuch, um schlussendlich was Besseres zu finden. Ist es nur ein Glaube, dass die Entwicklung eines Individuums mit der Entwicklung der Gesellschaft verglichen werden kann?
    Ich denke Erfahrung ist nicht wertlos. Auf Gefahr hin als hinter dem Mond lebend erkannt zu werden, würde ich mal in Frage stellen, ob wir nur noch mit Medien arbeiten hier in Westeuropa. Dass uns die Erfahrung von Älteren nichts bringt, weil wir nicht darauf hören – find ich eher pessimistisch als realistisch. Welche (Art von) Erfahrung wertvoll ist? Und unter welchen Umständen wir von Erfahrung lernen können? – so würde ich diesen Feriengedanken noch weiter in die Irre führen.

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