Das Urheberrecht und die Windhose über dem Zürichsee

Stefan Weber-Aich ist Werber. Vorgestern hat er dieses eindrückliche Video der Windhose über dem Zürichsee aufgenommen, die aussah, wie ein Tornado:

Das Video wurde in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens gezeigt – ohne Angabe einer Quelle. Wie auch Ronnie Grob beim Zürcher Presseverein festhält, hat SF damit gegen die Vorgaben von Youtube verstossen:

Erwähne den Content-Eigentümer. Obwohl YouTube eine Lizenz zur Verbreitung des Contents [hat?], ist der YouTube-Nutzer der Eigentümer des Contents. Wenn du ein Video verwenden möchtest, empfehlen wir, den Nutzer direkt zu kontaktieren und einen entsprechenden Hinweis anzugeben, indem der Nutzername oder der echte Name des Nutzers angezeigt wird.

Weber-Aich reagierte heftig: Auf seiner Facebook-Seite publizierte er zwei Briefe an die Redaktion. Im ersten schreibt er:

Dies stellt eine grobe Urheber- und Verlegerrechtsverletzung durch SRF dar. Ausserdem ist es ganz klar auch eine Vernachlässigung der journalistischen Pflichten, sowohl punkto Recherche als auch bezüglich der Angabe der Quelle.

Die verantwortliche Produzentin schreibt am Schluss ihrer Reaktion:

Im zweiten wird der Ton Weber-Aichs schärfer:

Ich fühle mich keineswegs geschmeichelt sondern schlicht bestohlen. Selbst wenn Sie oder Ihre eilfertigen Mitarbeitenden als Quelle „Youtube“ angegeben hätten, wäre es immer noch Verwendung von fremdem Eigentum. […] Nur weil etwas auf Youtube aufgeschaltet ist, ist es noch lange kein Freiwild und die Urheber davon auch keine Idioten. Sie merken: Allmählich werde ich wütend. Ich schlage daher vor, dass Sie nochmals über die Bücher gehen. Nur weil Sie Fernsehen machen und ich Fernsehen konsumiere, bedeutet es nicht, dass ich alles zu schlucken habe. Im weiteren weise ich Sie darauf hin, dass dies – ganz Ihrem Sendungsbewusstsein entsprechend – in einer breiteren Öffentlichkeit stattfindet.

Dazu drei Bemerkungen:

  1. Der Unmut von Weber-Aich ist zunächst verständlich. Der nachlässige Umgang von wichtigen Medienkanälen mit Material aus dem Internet ist seit längerem stossend – nur weil Bilder auf Facebook publiziert sind oder sich Video auf Youtube finden, darf eine saubere Quellenangabe nicht weggelassen werden. Zudem ist allenfalls eine Autorisierung nötig.
  2. Dann fragt man sich aber doch: Worum geht es Weber-Aich genau? In einem moralischen oder logischen Sinne ist es nicht nachvollziehbar, dass man der Öffentlichkeit ein Youtube-Video vorenthalten will oder es nur dann publizieren will, wenn es mit dem eigenen Namen verbunden wird. Die Windhose interessiert die Öffentlichkeit und es ist wichtig und richtig, dass die besten Bilder ausgestrahlt werden.
  3. Das kann man dann natürlich rechtlich betrachten: Ein Recht an Fotografien hat eine Fotografin beispielsweise nur unter einer von drei Bedingungen: Sie setzt spezielle fototechnische Mittel ein, Gestaltet ihr Objekt oder fängt ein Bild mit einer besonderen Spannung ein, die dem Bild individuellen Charakter gibt. Im Pressevereinspost werden mehrere ähnliche Videos verlinkt, auch die verantwortliche Produzentin spricht von mehreren Quellen. Also – so muss man schliessen – kann Weber-Aich bei seinen Aufnahmen keinen urheberrechtlichen Schutz in Anspruch nehmen, wenn man dieser Argumentation folgt.

Fazit: Die Quelle des Videos müsste angegeben werden – ein grober urheberrechtlicher Verstoss liegt allerdings nicht vor.

(Vgl. auch meine Ausführungen zur Verwendung von Inhalten aus Social Media.)

Zusatz 24. Juli: Martin Steiger weist mich auf URG 28 hin. Absatz 2 lautet:

Zum Zweck der Information über aktuelle Fragen dürfen kurze Ausschnitte aus Presseartikeln sowie aus Radio- und Fernsehberichten vervielfältigt, verbreitet und gesendet oder weitergesendet werden; der Ausschnitt und die Quelle müssen bezeichnet werden. Wird in der Quelle auf die Urheberschaft hingewiesen, so ist diese ebenfalls anzugeben.

7 thoughts on “Das Urheberrecht und die Windhose über dem Zürichsee

  1. Meine Einschätzung ist auch, dass dies nach Schweizer Rechtssprechung eher nicht urheberrechtlich geschützt ist, aber ein eindeutiger Fall ist es nicht. Daher wäre es nichts als anständig, den Urheber zu kontaktieren und mit ihm die Quellenangabe und eine allfällige Entschädigung abzusprechen.
    Generell bedienen sich Medien im Internet häufig auf unprofessionelle und unzulässige Weise, auch z.B. bei Wikipedia. Sie scheinen beratungsresistent zu sein.

  2. Der Öffentlichkeit vorenthalten? Davon kann keine Rede sein. Ich habe das Video ja veröffentlicht. Lassen wir das mit dem Urheberrecht mal beiseite. Mein Video wurde auch verlegt/publiziert. Und die Rechte dazu liegen ebenfalls bei mir. Ich habe eine Leistung erbracht und wurde nicht dafür entschädigt. Immerhin erhebt SRF Gebühren und schaltet Werbung, verdient also Geld mit der Ausstrahlung von Beiträgen. Wie steht es denn damit?

    Möglicherweise ärgere ich mich auch deshalb, weil Ideenklau wie ein Kavaliersdelikt und geistiges Eigentum wie Allgemeingut behandelt wird. Für jemanden, der sein Brot mit Ideen verdient, ist dies in doppelter Hinsicht inakzeptabel: Ich gehe leer aus und muss auch noch die Geringschätzung meiner Arbeit hinnehmen.

    LG

    • „Mein Video wurde auch verlegt/publiziert. Und die Rechte dazu liegen ebenfalls bei mir.“
      Wenn das Video nicht genügend Schöpfungshöhe hat, hast du auch dieses Recht nicht. Es gibt kein absolutes geistiges Eigentum. Einen Prozess würdest du wahrscheinlich verlieren, nach meiner Einschätzung. Ja, es gibt eben auch Allgemeingut. Ein Wetterphänomen und ein „Schnappschuss“ davon gehören dazu.
      Aber wie gesagt, eine Anfrage von Seiten SRF wäre anständig gewesen.

  3. die juristischen einschränkungen in ehren, und ja: auf die windhose besteht kaum ein urheberrechtlicher anspruch. trotzdem liegt weber-aich völlig richtig, wenn er hier nicht nachlässt.
    1. gehören quellen überprüft und erwähnt. das lernt jede redaktionsvolontärin und jeder pr-assi in der ersten woche.
    2. ist die antwort der produzentin an hohn und schludrigkeit kaum zu übertreffen. hoffe bloss, dass die dame ganz alleine und unbeholfen geschrieben hat. wenn da ein/e chef/fin dahinter steckt…
    3. ist kaum ein CH medienhaus so sensibel, wie die SRG, wenn’s um die weiterverwendung eigener sequenzen geht. ein selbstversuch lohnt sich alleweil ;)

    also: weber-aich, dranbleiben!

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