Warum Vegetarier/innen eigentlich vegan leben müssten

Ums vorwegzunehmen: Nein, ich ernähre mich weder vegetarisch noch vegan. Nicht, weil ich irgendein Argument für diese Art der Ernährung hätte, sondern weil ich (noch) zu schwach bin, der Gewohnheit zu entsagen und der sinnlichen Verlockung zu widerstehen.

Dies gesagt hier meine These: Wer aus Überzeugung kein Fleisch ist, müsste ebenfalls auf alle anderen tierischen Produkte verzichten.

Der Grund, warum das Töten von Tieren falsch ist, lieht nämlich nicht im Übergang vom Leben zum Tod. Der Tod an sich hat keine moralische Qualität. Problematisch beim Töten ist – das haben Sinnott-Armostrong und Miller hinsichtlich der Tötung von Menschen gezeigt (pdf) – dass mit dem Tod eine komplette Handlungseinschränkung einhergeht.

Sie schlagen ein einfaches Gedankenexperiment vor: Nehmen wir an, A erschösse zwar B, würde sie dabei aber nicht töten, sondern nur in ein permanentes Koma versetzen, in dem sie komplett handlungsunfähig wäre:

Her experiences and thoughts just continue chaotically and uncontrollably but neither painfully nor pleasantly. In this situation, Betty has mental states, at least intermittently and temporarily, so she is not dead by any standard or plausible criterion. Still, she is universally disabled because she has no control over anything that goes on in her body or mind. Like death, her state is irreversible. It is not permanent, because one day her mental states will cease and then she will die. But for now she is alive but totally disabled.

Dieser Zustand wäre gleich schlimm wie der Tod.

Zurück zu den Tieren: Problematisch ist also am Tod, dass sie daran gehindert werden, zu handeln. Problematisch daran ist auch, dass niemand die Verantwortung dafür übernimmt, sondern den Tod durch eine industrielle Maschinerie erfolgt. Niemand blickt dem Tier in die Augen und rechtfertigt seinen Tod mit dem eigenen Willen oder den eigenen Bedürfnissen, sondern wir lassen uns perfekt verarbeitetes Fleisch einpacken.

Beide Argumente treffen aber auch auf andere tierische Produkte zu, für die der Tod von Tieren nicht nötig ist: Auch die Milchproduktion schränkt die Tiere massiv ein in ihren Handlungsmöglichkeiten – und zwar permanent, bis zu ihrem Tod. Auch hier erfolgt die Entnahme der Milch in einem industriellen Prozess, in dem niemand die Verantwortung für die Stallhaltung oder das Melken übernehmen muss oder übernehmen kann.

Damit wäre auch skizziert, wie Fleisch- oder Milchkonsum möglich wäre: Wenn Menschen mit Tieren zusammen leben, ihre Bedürfnisse wahrnehmen, sie pflegen und eine Beziehung mit ihnen unterhalten – und dabei entweder ihre Milch konsumieren oder sie töten, um sie zu essen, dann ist das zwar immer noch moralisch schwierig zu rechtfertigen, aber verhindert das Problem der industriellen Tierhaltung, die wesentlich dazu beiträgt, dass das Tier in seinen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt ist.

Dieser Hinweis berechtigt aber niemanden, mit gutem Gewissen Biomilch und Biofleisch zu kaufen, weil ein Gütesiegel suggerieren könnte, der Prozess sei etwas tierfreundlicher. Das ganze Problem entsteht durch die Delegation, dass Menschen die Tiere, deren Produkte sie nutzen, nicht selbst halten und für diese Nutzung nicht selbst die Verantwortung übernehmen.

* * *

Hier noch die humoristische Seite der Diskussion:

Gentechnikern an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tokio ist es erstmals gelungen, Hühner mit Tofugeschmack zu züchten. Die Fleischindustrie hofft nun darauf, endlich auch den als äußerst kompliziert geltenden Vegetariermarkt erobern zu können.

8 thoughts on “Warum Vegetarier/innen eigentlich vegan leben müssten

  1. Hier hat es meiner Meinung nach doch einige gewagte Gedankensprünge drin:
    1. Ja, die Handlungseinschränkung ist der wesentliche Punkt. Aber es gibt trotzdem einen entscheidenden Unterschied zwischen Tod und Koma: die unwiederbringliche Handlungseinschränkung gegenüber der (möglicherweise) vorläufigen.
    2. Ich bin einverstanden, dass die Milchproduktion die Handlung der Tiere wesentlich einschränkt, aber lange nicht so sehr wie ein Koma oder der Tod. Bei guter Tierhaltung – wage ich zu behaupten – kann die Einschränkung auch neue Freiheiten bringen: die Freiheit, vor natürlichen Fressfeinden geschützt zu sein, und die Freiheit, von der Futtersuche entbunden zu sein. Viele Tiere leben in Gefangenschaft länger, ob besser, sei dahingestellt.
    3. Auch die abgeschobene Verantwortung mag ein richtiges Argument sein. Aber konsequenterweise dürften wir dann gar nichts abschieben und müssten die Arbeitsteilung abschaffen. Denn auch Fabrikarbeiter (ebenso wie alle anderen arbeitenden Menschen) sind in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt, nur damit sie uns Produkte und Dienstleistungen liefern.

    • 1. Ja – aber das ist nur ein graduelles Problem, kein absolutes oder qualitativ anderes, oder?
      2. Etwas unklar, ob die erzwungenen Freiheiten wirklich die verlorenen aufwiegen können – geht meiner Meinung nach nicht ganz auf, zumal ja auch die Kälber in Betracht zu ziehen sind, das Sexualleben etc.
      3. Das stimmt – auch die Auslagerung unserer industriellen Produktion betrachte ich als ein moralisches Problem. Sehr spannender Hinweis, danke!

      • 1. Ich bin mir da nicht so sicher. Der Tod ist absolut (soweit wir es abschätzen können), alles andere ist ein graduelles Problem. Oder gibt es etwa die absolute Handlungsfreiheit?
        2. Ich möchte das nicht aufwiegen und habe es auch offen gelassen, ob die Tiere so besser leben. Die korrekte Antwort könnten uns nur die Tiere geben. Die Aussage beziehe ich zudem nur auf möglichst gute, naturnahe Tierhaltung (z. B. Mutterkuhhaltung). Alles andere ist tatsächlich eine Gewissensfrage.
        Grundsätzlich bin ich einverstanden, die rein gewinnoptimierte Industrieproduktion zu hinterfragen und auch nicht jedem Gütesiegel blind zu vertrauen, doch ich schliesse nicht aus, dass es eine tierfreundliche Lebensmittelproduktion geben könnte. Zu einem entsprechend hohen Preis, allerdings.

  2. Du hast absolut recht: Wer aus Überzeugung kein Fleisch ist, sollte konsequenterweise auch auf andere tierische Produkte verzichten. Ich bin überzeugt, dass viel, viel weniger Fleisch gegessen würde, wenn die Leute sich ihr Steak selbst beschaffen müssten, sprich das Tier töten, ausnehmen, zubereiten, komplett mit Blut und allem. Das Delegieren der Verantwortung für das Töten von Tieren (an den Schlachter) hat mit Separation zu tun: Wir trennen Dinge voneinander, die eigentlich zusammen gehören und bilden uns dann ein, das Abgetrennte hätte nichts mehr mit uns zu tun. Nur so ist es zu erklären, dass es Menschen gibt, die zwar sehr gerne Fleisch essen, aber kein Blut sehen können.
    Ähnliches gilt für Milchprodukte: Die Milchwirtschaft ist eng mit der Fleischwirtschaft verknüpft, und seit ich weiss, wie dort der Karren läuft, kann ich auch Milch & Co. nicht mehr wirklich ohne schlechtes Gewissen konsumieren, aber am kompletten Verzicht arbeite ich noch.
    Zu dem Thema gibt es übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch von Karin Duve, über das ich hier mal gebloggt habe: http://inspirationsblog.ch/2011/10/19/anstandig-essen/

  3. Jemand, der keinerlei Produkte von getöteten Tieren essen will (was ich unter dem Begriff „aus Überzeugung“ verstehe, wie Du ihn verwendest), der müsste als äußerste Konsequenz vegan leben, da stimme ich Dir zu. Das Problem bei der Argumentation von „überzeugten“ Ovo-Lacto-Vegetariern, wozu sich die Mehrheit der Vegetarier zuordnet, ist die Tatsache, dass bei jeglichem Konsum von tierischen Produkten ein Tier nicht einfach nur in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird, sondern dass es dafür sein Leben gibt. Für jedes Hühnerei, das ich esse, nehme ich sogar den Tod von zwei Lebewesen in Kauf: Das Huhn, welches nur für die Eierproduktion existiert und dann getötet wird (nach 2-3 Jahren), sowie das männliche Küken, das gleich nach der Geburt aussortiert wird. Ich stimme Dir aber nicht darin zu, dass für das Töten der Tiere niemand die Verantwortung übernimmt. Die übernimmt nämlich schlussendlich der Konsument, der mit seinem Verhalten über Kurz oder Lang bestimmt, ob Tiere getötet werden oder nicht. Meiner Meinung nach geht es schlussendlich um die größtmögliche Maximierung ethisch korrekten Verhaltens. Ich kann als verantwortungsbewusster Konsument oder als ethisch handelndes Subjekt darüber entscheiden, welche Art und wie viel Macht über andere Individuen (in diesem Fall die Tiere) ausgeübt wird, und wie dessen Leben und Tod gestaltet ist.
    Das Buch von Karen Duve kann ich ebenfalls sehr empfehlen. Duves „Selbstversuch“ ist ein Jahr später erschienen, nachdem Jonathan Safran Foer mit seinem Buch „Eating Animals“ 2009 die Debatte um den Fleischkonsum in unserer heutigen Gesellschaft erneut ins Rollen gebracht hat.

  4. Also wenn man das zu Ende denkt müsste der konsequente Veganer seine Lebensmittel nur aus eigener Produktion / Sammlung beziehen alles andere entspricht mehr oder weniger der industriellen Lebensmittelherstellung und wäre somit moralisch verwerflich. Ergo ist der konsequente Veganer in weiten Teilen genauso utopisch wie der Tierhaltungsfreundliche Kadaververwerter. Das Delegieren zählt also nicht als Argument. Von mir aus gesehen ist der Ressourcenaufwand für die Produktion von tierischen Produkten das weitaus grössere Problem als die moralische Betrachtung. Zudem lobe ich mir meine Lebenserwartung trotz weltweit ungerechter Verteilung, man darf nicht vergessen das dafür dieselben Delegationsmechanismen, sprich industriellen Prozesse mitverantwortlich sind.

  5. ich finds ja immer wieder toll, wenn leute die GAR NICHTS machen (was ja in ordnung ist), den Leuten DIE WAS MACHEN vorschreiben, wie sie die Welt zu retten haben. „Nee, du machst das nicht richtig, du musst die Welt so retten wie ich das sage, sonst wird das nix!“.

    es geht doch nicht darum, alles perfekt zu machen. jedes stück tierprodukt, was weniger gegessen wird, und daher nicht produziert werden muss, vermeidet tierleid, denn dann muss eine kuh einen tag weniger im stall stehen, ein hähnchen nicht gemästet werden usw.

    wenn leute, die etwas gutes tun, dafür kritisiert werden, geht mir das echt gegen den strich.

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