Der normale Körper – ein Nachtrag zur Beschneidungsdebatte

In der Diskussion rund um das deutsche Urteil, wonach religiöse Beschneidungen den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen, ist schnell die Rede vom »natürlichen Zustand« des Körpers. Den natürlichen menschlichen Körper gibt es so lange, wie niemand davon spricht oder in diesen Kategorien darüber denkt. Sobald das »Natürliche« als Kategorie aufscheint, gibt es dieses »Natürliche« nicht mehr, es wird zu einer Konstruktion, einer Projektion, einem Ideal. Wer sagt, behaarte Beine oder ein behaarter Intimbereich seien »natürlich«, gibt vor, hinter die Möglichkeit zurückzukönnen, mittels einfacher Methoden diese Behaarung zu entfernen. Kurz: Gerade weil diese Behaarung auf einer Entscheidung beruht, sie nicht wegzumachen, ist sie nicht mehr dieselbe Behaarung, wie sie ein Mädchen oder eine Wilde hat, welche diese Entscheidung nicht mal denken können.

An die Stelle des »natürlichen« Körpers tritt der normale Körper. Normal meint hier, dass er der Norm entspricht. Die Körpernormen sind sehr streng und sehr genau bekannt: Einen normalen Körper besitzen die Personen, die ihn in der Umkleide oder in der Badeanstalt hemmungslos rumzeigen.

Zu sagen, dass der Normierungsprozess den Körper aber nicht wesentlich verändern könne, ignoriert nicht nur die Bilder aus dem Geographiebuch (siehe unten), sondern auch die vielen Praktiken, die der Herstellung eines normalen Körpers dienen: Ernährung, Bewegung, Zahnpflege, Körperhygiene, Haarpflege, Maniküre, Pediküre etc.

Erziehung heißt gewissermassen, Kindern dabei helfen, einen »normalen« Körper zu bekommen. Man darf den Kindern die Zähne putzen, auch wenn sie sich wehren, darf sie zum Zahnarzt schicken, auch wenn sie das nicht mögen, und ihre Zahnstellung korrigieren, auch wenn das medizinisch nicht einmal angezeigt ist: Schließlich haben sie dann schöne Zähne und entsprechen der Norm.

Man darf aber nicht mehr ihren Penis beschneiden, weil ein beschnittener Penis nicht zum normalen Körper gehört. Damit sehen wir die Problematik aus einer anderen Perspektive: Juden und Moslems sagen, unser normaler Männerkörper kommt mit beschnittenem Penis. Christen sagen, unser nicht (vgl. z.B. den Galaterbrief von Paulus: »Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.«).

Mein Unbehagen mit dem Urteil – dessen Vorzüge ich durchaus anerkenne – liegt darin begründet, dass es gerade darum geht, eine Norm zu etablieren und nicht darum, Normierungsprozesse auszuhebeln. Dann wären nämlich sämtliche körperlichen Eingriffe, die nicht hinreichend medizinisch begründet werden können, bis zur Entscheidungsfähigkeit des Kindes verboten worden; also alle ästhetischen Eingriffe, Ernährungsvorschriften etc. Eine Vorgabe, die kaum umsetzbar ist. Oder aber man hätte die Grenze dort angesetzt, wo es Eltern darum geht, Kindern Schaden zuzufügen.

21 thoughts on “Der normale Körper – ein Nachtrag zur Beschneidungsdebatte

  1. Hab die Diskussion nur am Rande verfolgt: Wurde im Bezug auf dieses Gerichtsurteil auch mal die Situation von Kindern beleuchtet, die mit nicht eindeutigen Geschlechtsorganen geboren werden?
    Da wird ja dann auch oft „zugunsten“ der Normalität operiert, ohne das Kind zu fragen. Die „Norm“ wird dann zum „Wohl“ (?) des Kindes über dessen Unversehrtheit gestellt.

    • sagt:Ein Kaladkfcl beginnt noradmaadleradweise mit der Annahme bmsitemadter Art: Zahadlen, Menadgen oder Grf6addfen und den Relaadtioadnen bzw. Gesetzadme4addfigadkeiadten zwiadschen ihnen. Diese weradden als gegeadben angeadnomadmen und hier und dort gerechtadferadtigt. Ohne Annahadmen kann gar nichts getan weradden. In dieadsem Sinne haben wir interadesadsanadteradweise beide Recht und Unrecht: Durch Stiadpuadlaadtion gehf6adren die Annahadmen zum Kaladkfcl, bzw. der Kaladkfcl beginnt mit Annahadmen. Das hat nichts mit Objekt– oder Metaspraadche zu tun: Klar, dass ein stimadmiadger Kaladkfcl (volladste4naddig und wideradspruchsadfrei) die Annahadmen dann rekuradsiv rechtadferadtigt. Ohne Anfang le4sst sich bekanntadlich nicht anfanadgen. Mein Punkt ist aber folgender:Eine klasadsiadsche Annahme zu Beginn eines Kaladkfcls lauadtet etwa „Es sei…“. DAS ist die erste Unteradscheiaddung, die aber durch Foradmaladspraadche („Metaspraadche“?) veradschleiadert wird. Annahadmen sind Unteradsteladlunadgen von Tatadse4chadlichadkeit — dabei sind doch eigentadlich die Matheadmaadtik und Logik Musadteradbeiadspiele ffcr die Tatadsaadche, dass Erkenntadnis immer aktive Konadstrukadtion ist! Wir gehen immer von unseadren Entadscheiaddunadgen aus, legen mit Defiadniadtioadnen und Axioadmen den Rahadmen fest, foladgen uns selbst aufaderadlegadten Regeln und Gesetadzen. Hier bieadtet sich eine dcberadleiadtung zum Wisadsensadbeadgriff ff6rm(!)lich an… [Nachadtrag: Vgl. den Artiadkel ].

  2. Meine unmittelbare Reaktion auf die Lektüre: Das ist doch nur Sophisterei!

    Dann muss ich aber sagen, dass mir die Heranführung mit der Behaarung doch die Augen etwas geöffnet hat: Die bewusste Entscheidung die Behaarung zu belassen entzieht ihr eben gerade die Natürlichkeit. Verdutzt schau ich aus der Wäsche und stimme zu.

    Man könnte hier noch mit dem naturalistischen Fehlschluss nachdoppeln: Auch wenn etwas natürlich ist, ist’s noch lange nicht einfach gut. Ist eine natürliche Geburt mit Todesfolge für Mutter oder Kind besser als ein lebensrettender künstlicher Kaiserschnitt? Ebenso könnte es auch mit dem unbeschnittenen Penis sein – wenn die Beschneidung echte Vorteile hätte (hat oder hatte sie vermutlich auch: In feucht-warmen unterentwickelten Regionen).

    Trotzdem: Die ganze Normengeschichte ist doch nur eine Spitzfindigkeit und geht an der eignentlichen Argumentation der Beschneidungsgegner völlig vorbei. Die Rechte des Kindes stehen doch im Zentrum – und die wiegen OFFENSICHTLICH und hoffentlich tonnenschwer im Verhältnis zu den hier gesäten – sophistischen – Zweifel.

    Auch merkwürdig, dass mit diesem Artikel implizit der nicht-konsensualen Verstümmelung oder „Modifikation“ von wehrlosen Menschen das Wort geredet wird. Mit genau den gleichen Worten liessen sich alle Grausamkeiten verteidigen: Schon tragisch, dass die Frauen nun die Möglichkeit haben selbst zwischen der Norm „abgeschnittene Labien & Klitoris und vernähte Vagina“ und der Variation „unbeschnitten“ zu wählen.
    —-

    Nur weil es so schön ist: Die Lippen- und Ohren-Zerschlitzte Kultur (Bild) kenne ich nicht. Also ein anderes Beispiel: Bei den Apa-Tani werden die Frauen mit Nasenscheiben absichtlich für Aussenstehende verunstaltet (Bild: Apa-Tani Frau), um dem Frauenraub Einhalt zu gebieten – für die Apa-Tani hat es sich natürlich zum Schönheitsideal gewandelt.
    —-

    @Mia
    1. „Da wird ja dann auch oft […]“ da schwingt (unausgesprochen) der Vorwurf an die „bösen Ärzte“
    mit. Es waren aber meist die verzweifelten Eltern, welche die Ärzte um eine „Normalisierung“ und
    eindeutige Geschlechtszuweisung gebeten/erfleht haben.
    2. Du klagst einen Zustand vor ca. 20 Jahren an. Heute wird meistens versucht eine endgültige
    Entscheidung herauszuzögern – bis sich das Kind wenigstens halbwegs selbst dazu äussern kann.
    3. Nicht vergessen werden darf auch das eine Drittel der „Zwangsnormierten“ (ähnlich zu den Beschnittenen) das angibt ein normales, zufriedenes Leben zu führen.

    • Nein – es ist keine sophistische Argumentation. Du gehst davon aus, dass der richtige Körper der unbeschnittene ist und aus dieser Perspektive beklagst du eine Verstümmelung. Aus einer anderen ist die Vorhaut ein Anhängsel, das weggemacht gehört.
      Die Genitalverstümmelung der Frau ist ein völlig anderes Beispiel, weil es hier explizit darum geht, den Mädchen einen Schaden zuzufügen. Die Genitalverstümmelung ist kein Bund mit Gott, sie hat keinen symbolischen Wert, sondern dient der Unterwerfung, dem Leiden und verhindert sexuelles Vergnügen. Das ist nichts von außen Hinzugetragenes, sondern allen Beteiligten bekannt.

      • Mir ist noch ein anderes Beispiel eingefallen, das die Normengeschichte vielleicht etwas anschaulicher macht (für nicht so feinsinnige Leute wie mich): Spricht man mit (beschnittenen aber nicht-jüdischen) US-Amerikanern über dieses Thema, dann wird (meist) schnell klar, dass sie umgekehrt von der Norm des beschnittenen Penis ausgehen. Es ist dann fast unmöglich miteinander zu sprechen – obwohl man kulturell so nahe ist, versteht man den anderen Standpunkt kaum: Die Norm ist einfach in den Köpfen.

      • Der Differenzierung bei der weiblichen Beschneidung kann ich nicht folgen – es scheint mir du widersprichst hier deiner eigenen Argumentation. Nur um es deutlich zu sagen: Ja, auch ich finde man kann die beiden Arten nicht vergleichen – aber um das geht es hier nicht.

        Wenn in einer Kultur (also in Ägypten oder im Sudan) eine überwältigende Mehrheit der Frauen beschnitten ist, wenn es in einer Kultur dermassen normal ist die Mädchen zu beschneiden, dass es sogar die (selbst verstümmelten) Mütter bei ihren Töchtern veranlassen(!), dann kann man doch eindeutig von einer gegebenen Norm der weibliche Beschneidung sprechen. Die Motive sind dabei völlig unerheblich! Eine Norm hat sich etabliert und dieser sprichst du doch hier das Wort?

      • Weil es in verschiedenen (guten) Artikeln (SZ: http://is.gd/s22LvD) auch genannt wurde, melde ich mich nochmals:

        „Die Genitalverstümmelung ist kein Bund mit Gott, sie hat keinen symbolischen Wert, sondern dient der Unterwerfung, dem Leiden und verhindert sexuelles Vergnügen.“

        Die weibliche Beschneidung hat einen ganz konkreten Sinn: Sicherstellung der Vaterschaft. Gesellschaften die diesen Weg eingeschlagen haben, haben einen sehr drastischen Weg gewählt – aber einen konsequenten. Dass die Sorge um die Vaterschaft sehr begründet ist dürfte bekannt sein. Es irritiert mich doch sehr, dass dieser eigentliche Zweck nie Erwähnung findet – auch wenn Unterwerfung etc. als Folge- und Nebeneffekte eintreten. Es ist wohl die Furcht oder das Missverständnis, dass mit Erklärungen auch Rechtfertigungen geliefert werden.

        Was mich auch erstaunt ist, dass man zwar bei der weiblichen Beschneidung (einhellig – auch ich) den Aspekt der Unterwerfung erkennt und nennt. Andererseits geht man über den selben Aspekt grosszügig hinweg, wenn es sich um die männliche Beschneidung handelt (Arslibertatis weisst auch darfauf hin http://arslibertatis.com/beschneidung-oder-die-rechte-des-individuums/).

      • Weil es in verschiedenen (guten) Artikeln (SZ: http://is.gd/s22LvD) auch genannt wurde, melde ich mich nochmals:

        „Die Genitalverstümmelung ist kein Bund mit Gott, sie hat keinen symbolischen Wert, sondern dient der Unterwerfung, dem Leiden und verhindert sexuelles Vergnügen.“

        Die weibliche Beschneidung hat einen ganz konkreten Sinn: Sicherstellung der Vaterschaft. Gesellschaften die diesen Weg eingeschlagen haben, haben einen sehr drastischen Weg gewählt – aber einen konsequenten. Dass die Sorge um die Vaterschaft sehr begründet ist dürfte bekannt sein. Es irritiert mich doch sehr, dass dieser eigentliche Zweck nie Erwähnung findet – auch wenn Unterwerfung etc. als Folge- und Nebeneffekte eintreten. Es ist wohl die Furcht oder das Missverständnis, dass mit Erklärungen auch Rechtfertigungen geliefert werden.

        Was mich auch erstaunt ist, dass man zwar bei der weiblichen Beschneidung (einhellig – auch ich) den Aspekt der Unterwerfung erkennt und nennt. Andererseits geht man über den selben Aspekt grosszügig hinweg, wenn es sich um die männliche Beschneidung handelt (Arslibertatis weisst auch darfauf hin http://arslibertatis.com/beschneidung-oder-die-rechte-des-individuums/).

      • Ich sehe nicht, was hier der Vergleich zwischen der weiblichen Genitalverstümmelung und der männlichen Beschneidung besagen soll. Beide haben »Gründe«, einen symbolischen Gehalt und »Auswirkungen«.
        Mein Punkt ist der: Die Auswirkungen der männlichen Beschneidung entsprechen denen von völlig akzeptierten Erziehungspraktiken, die ebenfalls »Gründe« und symbolischen Gehalt haben. Bei der weiblichen Genitalverstümmelung ist das offensichtlich nicht der Fall.

      • Akzeptiert von wem? Aus einem aktuellen hpd-Artikel:

        In Osteuropa ist nur eine „sehr kleine Minderheit unter den jüdischen Männern“ beschnitten. Die Ursache soll das kommunistische Regime vor 1989 sein. Allerdings scheint sich kaum jemand in den letzten 20 Jahren dafür entschieden zu haben, die eigene Beschneidung freiwillig nachzuholen. Wenn sich aber kaum ein Erwachsener aus religiösen Gründen freiwillig für die Beschneidung entscheidet, erscheint es umso fragwürdiger, sie nicht einwilligungsfähigen Kindern aufzuzwingen.

  3. mir fehlt in der argumentation die berücksichtigung des faktors, dass genitalverstümmelungen quasi irreversibel sind.

  4. Typisch staatliche Kompetenz-Anmassung:
    Das Verfügungsrecht über den eigenen Körper steht allein dem Betroffenen und bei dessen Rechtsunmündigkeit dem gesetzlichen Stellvertreter (also den Eltern) zu – Beschneidung oder nicht Beschneidung geht also den Staat und dessen Gerichtsbarkeit einen nassen Dreck an !
    Da offenbar die staatliche Administration – und mit ihr auch die Gerichtsbarkeit – keine Lust mehr hat, ihre eigentlichen Aufgaben zu erfüllen, (oder dazu schlicht unfähig ist) und sich stattdessen selber Aufgaben gibt, die keinem Bürger einen Nutzen bringen, ist wohl wieder einmal eine Säuberungsaktion unter den staatlichen Angestellten fällig, in dem Sinn, dass sämtliche Beamte, die keinen Nutzen ihrer effektiven Tätigkeit für die steuerzahlenden Bürger nachweisen können, zu entlassen sind !

      • Sorry, in dieser Form ist die Aussage Quatsch – bzw. ein Nachplappern dessen, was diejenigen von sich geben, die von sich behaupten, im Namen einer ganzen Religionsgemeinschaft zu sprechen. Das kann aber niemand, die «Konfliktlinie» läuft durch die Glaubensgemeinschaften durch. Das Reformjudentum lehnt die Beschneidung teilweise seit zwei Jahrhunderten ab. Und es gibt längst blutlose Willkommensrituale, die von jüdischen Gemeinschaften zelebriert werden.

  5. Pingback: Andreas Kyriacou über Manches » Beschneidung: Nein, Ohrlochstechen, Zahnspangen, Taufe und Beichte taugen nicht zum Vergleich!

  6. Man schaue sich einmal dieses Video an und frage sich, ob das mit Kinderschutz und Kinderrecht zu vereinbaren ist: http://video.google.com/videoplay?docid=8212662920114237112&hl=en#

    Im Unterschied zum Rasieren von Haaren kann eine skalpierte Vorhaut nicht nachwachsen. Zahnkorrekturen und andere ästhetische Körperkorrekturen sind keine so einschneidenden Eingriffe wie eine Beschneidung, die eben nicht rückgängig gemacht werden kann und mit der man dem Kind eine wesensverändernde Entscheidungsgfähigkeit über seinen eigenen Körper vorsätzlich entzieht. Wir sollten wirklich endlich die längst überflüssigen alten Zöpfe autoritärer, von Menschen verdrehten Gottesworte abschneiden und nicht die Vorhäute wehrloser Kinder…

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