Das Verbot religiöser Beschneidungen

Die NZZ berichtet wie folgt über ein Urteil des Landgerichts in Köln:

In Deutschland hat das Landgericht Köln die Beschneidung eines Knaben aus religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung bewertet. Das Gericht fällte damit womöglich ein wegweisendes Urteil.

In der am Dienstag veröffentlichten Entscheidung verwiesen die Richter unter anderem darauf, dass «der Körper des Kindes durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert» werde. «Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit zu entscheiden, zuwider.»

Die Argumentation ist einleuchtend: Die Religionsfreiheit der Eltern sowie ihr Recht, die Erziehung ihres Kindes bestimmen zu dürfen, werden nicht massgeblich durch das Recht des Kindes tangiert, mit einem unversehrten Körper aufzuwachsen und selbst über die Entfernung der Vorhaut bestimmen zu dürfen.

Gleichwohl scheint es mir nicht unsinnig, den Kontext etwas zu erweitern. Juristisch stützt sich das Landesgericht auf das deutsche Grundgesetz, in dem so genannte Grundrechte juristisch einen privilegierten Status einnehmen. Dort steht:

Noch vor der Erwähnung der »körperlichen Unversehrtheit« steht die »freie Entfaltung der Persönlichkeit«. Etwas plakativ formuliert: Erziehung verhindert gerade die »freie Entfaltung der Persönlichkeit«. Sie fördert gewisse Züge einer Persönlichkeit und behindert andere. Sie lässt einige Emotionen zu, indem sie dafür ein Vokabular anbietet, einige ächtet sie, unter Umständen auch unter Zuhilfenahme eines geeigneten Vokabulars, andere ignoriert sie und blendet sie komplett aus.

Kinder werden – das ein Beispiel – in der Regel auf ein Leben als heterosexuelle Cisgender-Person in einer heteronormativen Gesellschaft vorbereitet. Diese Form von Erziehung kann ihnen langfristig körperlichen und psychischen Schaden zufügen.

Gleichwohl gibt es in Bezug auf diese Probleme, die rechtlich – so würde ich als Laie sagen – ähnlich gelagert sind, keinen juristischen Handlungsbedarf. Niemand kommt auf die Idee, heteronormative Erziehung zu verbieten oder Eltern vorzuschreiben, welche Ausdrucksweisen für Gefühle Kindern lernen müssen. Zudem sind Eltern darin frei, ihre Kinder so zu ernähren, wie sie es für richtig halten, sie als Passivraucherinnen und -raucher aufwachsen lassen und vieles mehr.

Dieser breitere Kontext zeigt, dass das Recht auf Erziehung – ohne jeden Bezug auf die Frage der Religion – eine Einschränkung der Grundrechte von Kindern beinhaltet. Aus ästhetischen Gründen werden Anomalien bei Kindern routinemässig operiert – auch hier liegt eine Körperverletzung vor, die nicht medizinisch motiviert werden kann, gegen die sich aber kein Gericht wenden würde.

Hilal Sezgin erwähnt einen anderen Kontext, der aufzeigt, aus welcher engen Perspektive das Urteil gefällt worden ist  (Quelle: Radiomanuskript, pdf):

Es gibt eben nicht den einen Weg ins Muslim-Sein, und genauso wenig gibt es die normierte deutsche Kindheit. Es existieren viele unterschiedliche Wege, einen jungen Menschen ins Erwachsenenleben und zur Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft hinzuführen. Manche Praktiken sind grausam und untragbar. Aber die allermeisten sind einfach eine Möglichkeit der Sinnstiftung unter vielen. Sie sind nicht besser oder schlechter, sondern schlicht vielfältig. Und genau das ist in einer modernen pluralistischen Gesellschaft völlig in Ordnung.

Mein Fazit: Ich bin überfordert. Ich weiß, dass es viele Männer gibt, die unter ihrer Beschneidung leiden und gerne eine intakte Vorhaut hätten. Ihnen wurde Unrecht angetan. Andererseits scheint mir das Urteil willkürlich und gegen eine ganz bestimmte Gruppen gläubiger Menschen gerichtet (Juden und Muslime), deren religiöse Traditionen schon seit langem unter der Berufung auf juristische Grundsätze (z.B. Tierschutz) diskriminierenden Verfahren ausgesetzt waren. Wer sich eine Meinung bilden kann, tue das – ich kann es nicht.

Zusatz: Marina Weisband mit ganz ähnlichen Gedanken.

13 thoughts on “Das Verbot religiöser Beschneidungen

  1. Es ist mir unverständlich, warum das Gericht so sehr auf die Beschneidung an und für sich, also auf die „körperliche Veränderung“ abstützt. Diese ist, kann ich bestätigen, zu vernachlässigen und bringt keinerlei Nachteile oder Schäden mit sich. Statt des Verlusts von einem bisschen Haut ist es für mich vielmehr die Vorstellung einer unbetäubten Prozedur, die ich für bedenklich halte.
    Wenn das Gericht verfügte, dass das Prozedere der Beschneidung unter strengen Rahmenbedingungen, die der modernen Medizin Genüge tun, durchzuführen ist, wäre wohl viel mehr gewonnen, als dass Familien, die ihre Söhne beschneiden lassen wollen nun vor dem Anlass kurz beim Doktor vorbeischauen. Denn aus medizinischen Gründen ist die Beschneidung weiterhin erlaubt. Also lässt man diese gescheiter für alle zu – unter medizinischen Bedingungen wie lokale Betäubung, sterile Instrumente, professionelle Wundpflege, etc.
    Dann wird die Diskussion auch vom eklig-willkürlichen religiösen Subtext befreit und auf objektive Kriterien gestellt, die für alle gleich gelten.

  2. Ein paar Anmerkungen:

    1. Es gibt Leute, die Erziehung ablehnen. Trotzdem besteht ein Unterschied, darin, ob man Erziehung und Schulen verbietet oder Körperverletzung. Schon nur deshalb, weil zwischen Erziehung und Körperverletzung ein wichtiger qualitativer Unterschied besteht. (Ein Beispiel: Indoktrination kann man rückgängig machen, das Abschneiden von Körperteilen hingegen nicht.)

    2. Die eine nicht-konsensuale, nicht medizinisch notwendige Körperverletzung kann man nicht mit der andern rechtfertigen. Das gilt fürs Durchstechen von Körperteilen genauso wie fürs Abschneiden von Körperteilen.

    3. Religiöse Traditionen sollten keinen grösseren Schutz erfahren als säkulare Ideen, die einem beim Kiffen eingefallen sind. Will heissen: Der abrahamitischen Beschneidung von Buben sollte man nicht toleranter gegenüber sein als dem Fantasy-Fan, der Elfen mag und deshalb die Ohren seiner Tochter zuspitzen will.

    4. Ob die Beschneidung ein Nachteil oder ein Vorteil ist, haben die Betroffenen zu entscheiden, nicht die Eltern oder die Religionsoberhäupter.

    5. Ein Schaden ist auch dann entstanden, wenn die Beschneidung keine zusätzlichen negativen Folgen, wie etwa eine geschwächte Empfindsamkeit oder die Möglichkeit, einer Religion beizutreten, die eine intakte Vorhaut verlangt. Denn das Entfernen eines Körperteils ist an und für sich eine Körperverletzung und eine Schädigung.

    • Demnach würdest du auch ein striktes Ohrläppchen-Stechverbot durchsetzen? Und kosmetische Korrekturen, die nicht lebensnotwendig sind? Bis in welches Alter, jeweils? 12? 16? 18? Entsprechend müssten auch andere Glaubensbekenntnisse, wie die katholische Firmung, die evangelische Konfirmation, etc. auf das Alter gesetzt werden. Oder nicht? Das müsste dann schon konsequent durchgezogen werden.

    • Ich bin mit vielem nicht einverstanden, aber nehme mal 3. auf. Ich bin anderer Meinung. Der Fantasy-Fan handelt aus komplett egoistischen Motiven, Religionsangehörige schließen mit der Beschneidung einen Bund mit Gott. Man mag noch so zweifeln an der Existenz Gottes oder sogar mit Gewissheit glauben, er existiere nicht – für Juden und Moslems ist das anders. Und sie haben die Tradition der Beschneidung schon durchgeführt, bevor es einen Rechtsstaat gab. Und sie hat in der Meinung der Gläubigen eine entscheidende, existenzielle Bedeutung für das Kind, ob derer der mögliche Nachteil durch die fehlende Vorhaut vollkommen verblasst.

      Der korrekte Vergleich wäre der mit der Impfung. Auch hier wird ein physischer Vorgang vorgenommen, der sich nicht rückgängig machen lässt und der deshalb erlaubt ist, weil er dem Kind angeblich einen Vorteil bringe. Genau so verhält es sich mit der Beschneidung in den Augen von religiösen Menschen.

  3. „Wer sich eine Meinung bilden kann, tue das – ich kann es nicht.“

    Ich habe auch einige Zeit zur Meinungsbildung gebraucht. Das Thema „Beschneidungen“ hatte ich mich vorher nicht beschäftigt. Inzwischen denke ich, dass das Landgericht Köln vollkommen richtig geurteilt hat.

    Beschneidungen greifen in den intimsten Bereich eines Menschen ein und führen zu irreversiblen körperlichen Veränderungen, die später das Sexualleben beeinflussen werden. Wenn auch in der Dimension unterschiedlich, so gilt das sowohl für Mädchen- als auch für Knabenbeschneidungen.

    Jeder Mensch sollte über seine Genitalien selbst entscheiden dürfen. Kein Erwachsener hat das Recht, ohne medizinische Notwendigkeit Veränderungen an den Genitalien von Kindern herbeizuführen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wiegt höher als das Erziehungsrecht oder das Recht auf Religionsaussübung. So einfach, so klar. Da gibt es im Prinzip auch nichts mehr zu diskutieren.

    Eine andere Frage ist, wie man dieses Urteil den betreffenden Religionsgemeinschaften vermitteln soll. Denn die religiöse Tradition lässt sich ja nicht einfach per Gerichtsbeschluss aus der Welt schaffen. Hier ist ein Dialog notwendig. Ich würde zum Beispiel gerne von einem jüdischen/muslimischen Vater wissen, warum er seinen Sohn beschneiden will. Kann es sein, dass diese Tradition vielfach völlig gedankenlos praktiziert wird? Es wird halt gemacht, weil „man es so macht“. Kann es ferner sein, dass das Urteil auch bei vielen Angehörigen dieser Religionsgruppen Nachdenken auslöst? Vielleicht gibt es auch Juden/Muslime, die das Urteil begrüssen, weil sie selbst unter der Tradition gelitten haben und sie ihren Kindern nicht zumuten wollen?

    • Der Schluss ist ungewollt bösartig geraten – und liess mich auflachen:

      „Kann es sein, dass diese Tradition vielfach völlig gedankenlos praktiziert wird? Es wird halt gemacht, weil ‚man es so macht‘ “

      Damit ist das Judentum zu weiten Teilen korrekt umschrieben. Es geht gerade um die Einhaltung der Gebote (und eben auch der Tradition, deshalb trifft sie das Verbot schon recht hart) – jenseits jeden Nutzens oder Einsicht.

      • Damit ist das Judentum zu weiten Teilen korrekt umschrieben. Es geht gerade um die Einhaltung der Gebote (und eben auch der Tradition, deshalb trifft sie das Verbot schon recht hart) – jenseits jeden Nutzens oder Einsicht.
        —-
        Letztlich ja. Wobei innerhalb der Religion schon Begründungen für die Tradition der Beschneidung geliefert werden. Zum Beispiel in der Weise: Du musst deine Söhne beschneiden lassen, weil dies das Zeichen des Bundes mit Gott ist usw. Natürlich machen diese Begründungen nur für den religiösen Menschen Sinn – als rationale Begründungen taugen sie für den nicht-religiösen Menschen nicht.

        Meine Vermutung ist, dass teilweise bei Juden/Muslimen, die Beschneidung praktizieren, selbst das religiöse Wissen über den Hintergrund der Tradition nicht mehr besteht. Also: Wo genau steht denn das in der Thora/im Koran usw.? Das meinte ich missverständlich mit „gedankenlos praktiziert“. Also ähnlich wie bei nicht bibelfesten Christen, die ihre Kinder trotzdem taufen lassen, weil es „irgendwie dazu gehört“.

        Ich denke, dass diese Gruppe der teils säkularisierten Juden/Muslime sich wohl am ehesten von der Tradition der Beschneidung abbringen lässt, wenn diese Tradition durch eine gesellschaftliche Diskussion in Frage gestellt wird. Streng Religiöse werden sich hingegen aufgrund „weltlicher“ Gerichtsurteile selbstverständlich nicht von den überlieferten Bräuchen trennen.

  4. @Sirbumpalot:

    Ja, ich würde ein Verbot von nicht-konsensualen Schönheitsoperationen und anderen nicht-konsensualen, nicht medizinisch notwendigen (das ist nicht dasselbe wie ’nicht lebensnotwendigen‘) Körperverletzungen begrüssen. Eltern sollten ihre Kinder nicht ohne deren Einverständnis Ohrlöcher machen oder sie tätowieren dürfen. Die Altersgrenze sollte dort sein, wo die Minderjährigen fähig sind, Entscheidungen des entsprechenden Ausmasses zu treffen. Ein fünfjähriges Kind wird wohl weder fähig sein, eine Hypothek abzuschliessen, noch einer Beschneidung zustimmen zu können. Aber ein neunjähriges ist vielleicht fähig, über Ohrlöcher zu entscheiden.

    Symbolische Glaubensbekenntisse sind etwas völlig anderes als Handlungen, die Körperverletzung oder vertragliche Bindung beinhalten. Ich halte es nicht für inkonsequent, da verschiedene Altersgrenzen anzusetzen. Firmung und Konfirmation sind lediglich symbolisch und finden eher spät statt, sind aus meiner Sicht also kein Problem.

  5. Philippe, noch ein Hinweis zu Deinem Zitat aus dem deutschen Grundgesetz: Artikel 2 befasst sich mit dem Menschen als Individuum, nicht mit dem Menschen im Rahmen einer religiösen Weltanschauung bzw. Religionsgemeinschaft – Religion wird explizit erst in Artikel 4 abgehandelt. Art. 2 ist implizit laizistisch. (Wie auch Art.1, Schutz der Menschenwürde, den man ebenfalls als Argument kontra Zwangsbeschneidungen aus religiösen Motiven heranführen könnte.)

    „Freie Entfaltung kommt vor der körperlichen Unversehrtheit“ ist hier kein gültiges Argument, da die „freie Entfaltung“ in Art.2 sich aufs „betroffene“ Individuum bezieht – in diesem Fall also die freie Entfaltung des zu beschneidenden Kleinkinds. Der freien Entfaltung der Eltern aus religiösen Gründen wird erst in Art.4 Raum gegeben.

  6. Pingback: Der normale Körper – ein Nachtrag zur Beschneidungsdebatte | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  7. Philippe, auch ich fühle mich überfordert, bestimmten Gruppen gläubiger Menschen so klare Weisungen zu geben, wie Z.B. für oder gegen Beschneidungen bei Knaben aus relgiösen Gründen. Vorschreiben würde ich aber eine Anpassung an modernste hygienische und schmerzlindernde Ausführung derselben.

    Sie vertreten den Standpunkt:
    „Religionsangehörige schließen mit der Beschneidung einen Bund mit Gott. …Und sie haben die Tradition der Beschneidung schon durchgeführt, bevor es einen Rechtsstaat gab. Und sie hat in der Meinung der Gläubigen eine entscheidende, existenzielle Bedeutung für das Kind, ob derer der mögliche Nachteil durch die fehlende Vorhaut vollkommen verblasst. “

    Ich sehe aber keinen korrekten Vergleich in dem mit der Impfung.
    Impfung ist in dem Sinne eine „Glaubenssache“, dass die einen Impfungen empfehlen, andere sie vehement ablehnen und Eltern meist ratlos dazwischen stehen. Sie müssen entscheiden, wem sie glauben wollen und haben entsprechend zu reagieren! Ein physischer Vorgang also, welcher präventive Bedeutung hat. Angenommen, ein nicht geimpftes Kind stirbt an einer Krankheit, gegen welche es nach Wunsch der Eltern nicht geimpft wurde, stehen diese vor einer grossen Gewissensfrage.

    Vor einer solchen stehen bestimmte religiöse Eltern:
    Beschneiden oder warten, bis das Kind später selbst darüber entscheiden kann?
    Oder einfach nach traditioneller Vorschrift handeln? In der zivilisierten Kultur gibt es keine weltlich begründbare Verpflichtung zur Beschneidung, die zwischen Gedeih und Verderb entscheiden könnte. Religiöse Verpflichtungen sind aus schriftlichen Überlieferungen und Traditionen entstanden und sollten genau so jederzeit hinterfragbar bleiben, wie z.B. die Frage einer Impfung und schon gar einer obligatorischen! Da würde für mich ein Vergleich stimmen und meine und Ihre Unsicherheit bleibt bestehen!
    Ich bleibe für mich selbst aber der Überzeugung: Besser alte Zöpfe abschneiden als Vorhäute!

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