Wie Rassismus entsteht

Rassismus lässt sich, folgt man der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, wie folgt definieren: »Diskriminierende Praktiken gegen Minderheitengruppen«.

Im Interview mit dem Sonntagsblick benutzt Natalie Rickli heute im Kontext ihrer Äußerungen über in der Schweiz lebende Deutsche eine Argumentation, die sich in rechts-nationalistischen Kreisen in der Schweiz etabliert hat:

Fremdenfeindlichkeit schüren jene, die diese Debatte nicht führen wollen und Journalisten wie Sie, die mir Fremdenfeindlichkeit vorwerfen.

So schreibt zum Beispiel Roger Köppel im Weltwoche-Editorial nach der Ausgabe mit dem Roma-Cover:

Es heisst, die Darstellung solcher Miss­stände sei «rassistisch». Diesen Vorwurf ­weisen wir mit aller Entschiedenheit zurück. Rassismus entsteht dort, wo die negativen Begleiterscheinungen von Migration tabuisiert und verschwiegen werden. Es muss gestattet sein, die Abgründe des freien Personenverkehrs in Europa auszuleuchten.

Zunächst sind diese Aussagen natürlich Abwehrstrategien, was völlig offensichtlich ist. Bemerkenswert sind zwei Aspekte:

  1. Die Aussage Ricklis, der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit selbst schüre diese Fremdenfeindlichkeit. Konsequent weitergedacht hieße das, dass dieser Vorwurf möglichst nicht geäußert werden sollte, es also konkreter ein Tabu geben sollte: Das Tabu der Fremdenfeindlichkeit.
  2. Die Unterscheidung zwischen dem »Entstehen« oder dem »Schüren« von Rassismus und Rassismus selbst. Diskriminierend ist es, wenn Rickli davon spricht, sie störe sich nur an der »Masse« der Deutschen, nicht an einzelnen. Konkret heißt das, die Physiotherapeutin oder der Chef von Frau Rickli sind von ihrer Kritik betroffen, weil sie zu dieser Masse beitragen, ohne allerdings selbst etwas getan zu haben, was sich kritisieren ließe. Alleine ihre Zugehörigkeit zur »Masse« der Deutschen wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Ebenso titelt Köppels Weltwoche, »Die Roma kommen« und impliziert dadurch, das »Volk« der Roma sei gleichbedeutend mit den kriminellen Roma, um die es im Artikel geht.

Paradoxerweise hat Rickli in einer Hinsicht Recht: »diskriminierende Praktiken gegen Minderheitengruppen« gibt es erst, wenn sie als solche erkennbar sind. Sowohl »Praktiken« als auch »Minderheitengruppen« sind nicht direkt als solche sichtbar, sondern müssen im Gespräch markiert werden. Sobald also die Presse »die Deutschen« zum Thema macht, macht sie Rassismus erst möglich – erst dann sind sie nicht mehr Einzelpersonen, sondern eine Gruppe, die man als solche auch »diskriminierenden Praktiken« aussetzen kann.

Zu fragen wäre, ob Rickli und Köppel auch in einem weiteren Punkt Recht haben: Dass nämlich die Virulenz, mit der dieses Thema plötzlich die Presse beherrscht, einem Mangel an öffentlicher Diskussion darüber geschuldet ist. Gäbe es also weniger Fremdenfeindlichkeit, wenn am Fernsehen oder auf der politischen Bühne immer mal wieder gesagt würde, einige, viele oder alle dieser Fremden täten Dinge, die den Nicht-Fremden nicht gefallen?

Ich denke, hier liegen sie falsch. Einverstanden bin ich damit, dass hohe Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalität rassistischen Tendenzen Vorschub leisten können. Aber zunächst einmal gibt es in der Schweiz weder ein Problem mit Arbeitslosigkeit noch eines mit Kriminalität. Zudem haben diese Probleme nichts mit Nationalitäten oder »Volkszugehörigkeit« zu tun, sondern mit den Lebensumständen von Menschen. Und zuletzt gibt es die beschworenen Tabus nicht. Weder Arbeitslosigkeit noch Zuwanderung noch Kriminalität sind in irgend einer Form Tabus. Das zeigt sich alleine daran, dass Köppel wie Rickli offizielle Stellen und Statistiken zitieren.

David Sieber schreibt in einem Kommentar in der Südostschweiz:

Plötzlich nennt man «Aufdecken von Missständen», was nichts anderes als die Bekräftigung von Vorurteilen und Klischees ist. Plötzlich nennt man Tabubruch, was nichts anderes als Rassismus ist.

* * * 

Um diesem Post noch eine etwas weiter gehende Überlegung anzuhängen, verweise ich auf einen Blogpost von Klaus Kusanowsky, der zunächst einen Tweet zitiert:

In einem Kommentar erläutert Kusanowsky seine Position, dass ein moralisches Argument (wie z.B. die Rechtfertigungen von Rickli und Köppel) leicht zu formulieren sei und sich die Argumente durchsetzten, welche mehr Aufmerksamkeit absorbieren können. Interessant wären die Argumente, die nicht einmal geäußert werden, weil sie in diesem Wettkampf um Aufmerksamkeit nicht bestehen können – ein Paradox:

Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder wundert ist, dass es kaum einem auffällt, wie leicht es geworden ist, einen moralischen Standpunkt zu begründen. Diese Einfachheit könnte auf den Umstand zurück zu führen sein, dass moralische Begründungen, weil sie auch jedem Anfänger, jedem zurückgebliebenen, jedem renitenten, ja sogar kriminellen Menschen zugestanden werden, ein unglaubliches Dickicht an Überzeugungen erzeugen, was dazu führt, dass jedem, der sich darin etwas mehr Mühe geben wollte, der etwas gründlicher und besonnener nach Maßgabe dessen, was ehedem unter Sophrosyne verstanden wurde, nachdenken möchte, keinerlei besondere Aufmerksamkeit mehr gegeben wird. Und zwar deshalb, weil alle Aufmerksamkeit von schnelleren, affektiveren und weniger besonnenen Begründungen schon absorbiert ist. Das Wettrennen um einen besonderen, aufmerksamkeitsgenerierenden moralischen Standpunkt kann von niemandem gewonnen werden, der sich der Geschwindigkeit dieses Wettrennens entzieht. Was nicht zufällig dazu führt, dass man häufig den Eindruck hat, dass, je primitiver und idiotischer eine Moral begründet wird, es dann umso einfacher wird, eine anderslautende, aber genauso primitive Moral zu begründen. Der tweet von @b_thaler macht darauf aufmerksam, dass man, wenn man noch nach einer ernstzunehmenden Moral Ausschau halten will, man möglicherweise eher erfolgreich ist, wenn man den einen oder anderen Beobachter beim Schweigen erwischt; eine Überlegung, die zwar selten ist, aber intelligent. Aber, und das wäre mein Einwand gegen seinen Einwand: wie könnte ich lernen, wollte ich mich um einen solchen ausgesuchten und differenzten Begründungsstandpunkt bemühen, mich beim Schweigen beobachten zu lassen? Wer bemerkt mich, wenn ich durch Schweigen versuche, bemerkbar zu machen, dass diese chaotische Virulenz zu gar nichts führt?

8 thoughts on “Wie Rassismus entsteht

  1. Müsste der Titel nicht eher „Wie gehe ich als in der Öffentlichkeit stehender Blogger (oder Journalist) im Internet intelligent auf (politische) moralische Argumente ein?“ heissen?
    Die Frage, wie solche Argumente eine Masse an Menschen anziehen (die sich dann gegenseitig die Köpfe einschlagen…), ist sehr treffend beantwortet, ich habe es gerne gelesen. Die Frage jedoch, wie Rassismus entsteht, würde ich etwas anders beantworten. Etwas simpler, ohne auf die aktuellen Ereignisse einzugehen: ich denke, bevor Rassismus überhaupt entstehen kann, ist das Vorhandensein von Angst obligatorisch. Angst um die eigene Sicherheit, Angst vor einer Chancenungleichheit. Angst vor dem Fremden, dem Anderen.
    Rassismus ist für mich nichts anderes als ein ungenügendes Befassen mit der Fremden Person/Sache, da eine Ablehnung weniger Überwindung und Energie kostet, als eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema. Rassismus ist für mich – plump ausgedrückt – nichts anderes als angsterfüllte Zickerei. Ich finde es eine kleine Schande, in welcher angsterfüllten Gesellschaft wir leben. Beweisen muss sich nun mal auch ein Schweizer. Mir kommt es so vor, als müssten wir Schweizer uns erst daran gewöhnen – was uns ganz und gar nicht gefällt.(P.s.: „Achtung, die Deutschen kommen“. – die WeWo freut sich bestimmt über Frau Ricklis Aussage. Ich kann nicht dort schweigen, wo es erst beginnt, amüsant zu werden.:)

    • Danke für den Titelvorschlag – es stimmt, der ist nicht glücklich gewählt. Aber mir ist nichts Besseres eingefallen, was einigermassen prägnant wäre.
      Der Hinweis auf die Angst ist sehr treffend – vielleicht könnte man sogar etwas allgemeiner sagen, dass es um Unsicherheit geht.

  2. Diskriminierend ist es wohlweislich auch, affektive Stellungnahmen in generalverdächtige Verbindung zu primitiver oder minderwertiger Moral zu bringen. Folglich lohnt es sich m.E. eher der Frage nachzugehen, was Rassismus ist, denn wie er entsteht. Oft sind es die vielfältigen Ängste des „kleinen Mannes“, die dahinter verborgen liegen und auf deren Klaviatur unsere auflagen- oder quoteninteressierten Medien hervorragend zu spielen verstehen.
    Marcus Balzereit hat in einem Aufsatz für die Polar Zeitschrift treffend bemerkt: „Wer also in Konkurrenz zu anderen Anbietern erfolgreich zu lehren versteht, was genau ‚die Angst‘ sei, der nimmt Einfluss auf das Handeln derer, die an sein Wissen glauben. Ohne, und das ist der praktische Witz, dass er dies von ihnen zuvor hätte verlangen müssen.“ Verlangt haben das die Konsumenten, implizit indem sie dem Verlangen nachgehen, in dieser Angst vor Fremdem geeint zu werden.

    • Danke für diesen weiterführenden Kommentar. Meine Absicht war nicht, eine Moral als minderwertig zu bezeichnen.
      Allgemein ging es um zwei Dinge: Zu zeigen, dass das Argument nicht gültig ist, das verwendet wird. Und festzuhalten, dass solche moralische Aussagen dazu dienen, um Aufmerksamkeit zu generieren – und gerade solche Ängste ansprechen, um dieses Ziel zu erreichen… 

  3. Unter Rassismus verstehe ich die Abwertung und Diskriminierung einer anderen ethnischen Bevölkerungsgruppe – verbal, rechtlich, wirtschaftlich, ein betontes Auf-Distanz-gehen und meist eine chauvinistische Überlegenheitshaltung. Das passt nicht zur Angst der Schweizer vor dynamischeren Konkurrenten aus Deutschland – das ist eher ein Minderwertigkeitskomplex, Panikmache und daraus resultierend abfällige Bemerkungen und Diskriminierung, aber sie werden nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als gefährlich oder dumm oder kriminell bezeichnet. Den Deutschen werden in der Schweiz oft Dinge vorgeworfen, die für Inländer auch erstrebenswert sind, die wir aber vielleicht gerade nicht haben: Ehrgeiz, Authorität, gut reden können, immer flotte Sprüche auf Lager haben, gut drauf sein, gute Arbeit leisten.

    • Am Kantonsspital Baden in der Notaufnahmen wurden wir letztes Mal rundum von aufgestellten deutschen, österreichischen und indischen Ärztinnen, PflegerInnen, Röntgenassistenten, Orthopäden betreut. Die einzige Person, die uns in gehässigem Ton zurechtwies, war eine Schweizerin in der Aufnahme! Ich hoffe, ‚die Deutschen‘ und alle anderen freundlichen und qualifizierten Gesundheitsleute bleiben hier.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s