Warum ist Geld etwas wert?

Mich treibt eine Frage um: Warum glauben wir daran, unser Geld habe einen Wert?

Nun gibt es auf diese Frage natürlich ein paar klassische Antworten, die ich anhand eines Beispiels nur kurz antönen möchte. Grundsätzlich ist die naheliegendste Antwort wohl eine sozialpsychologische: Wir glauben daran, dass Geld einen Wert hat. Geld ist, mit anderen Worten, ein soziales Konstrukt.

In The Construction of Social Reality (1995) geht John Searle auf die Bedingungen der Möglichkeit ein, dass Geld eine soziale Tatsache wird:

  1. Geld ist selbstreferentiell definiert: Geld ist das, wovon alle glauben, dass es Geld ist.
    Anders gesagt: Dafür, ob Geld existiert, spielt es eine Rolle, was wir über Geld denken.
  2. Geld muss in eine physischen Form vorliegen.
  3. Die Funktionsweise von Geld hängt mit dem Funktionieren verschiedener anderer Vorgänge und Konzepte zu tun: Z.B. Eigentum, Tauschvorgänge, Kredit etc.
  4. Entscheidend sind Prozesse, nicht Objekte: Geld ist nicht anderes, als die Möglichkeit, etwas zu kaufen.
  5. Geld funktioniert nach dem Schema »X gilt als als Y in der Situation C«, nach dem alle sozialen Fakten funktionieren, also z.B.: »Ein so und so bedruckter Geldschein hat den Gegenwert Y in allen Geschäften eines Landes«.
  6. Dieses Schema basiert auf einer Konvention aller Teilnehmenden, ohne dass diese Konvention uns bewusst sein muss und ohne dass alle sich daran halten müssen (z.B. könnten einige Menschen nicht an Geld glauben, weder etwas kaufen damit noch etwas verkaufen). Aus dieser Konvention wird eine Regel, eine Norm, gegen die man auch verstossen kann: Man kann z.B. Geld fälschen oder es als rein physisches Objekt betrachten (z.B. mit einer Münze einen Tisch flicken, mit Geldnoten ein Feuer entfachen etc.).

Problematisch erscheinen mir nun zwei Punkte in Searles Argumentation:

  • Geld ist heute nicht mehr an physische Objekte gebunden, sondern letztlich nur noch ein Datensatz (oder mehrere Datensätze).
  • Searle geht davon aus, dass Geld seine Funktion nur erfüllen kann, wenn die Geldmenge kontrolliert wird. Das ist aber heute auch nicht mehr der Fall.

Zur Erklärung der beiden Punkte folgende Bemerkungen:

Die Geschichte des Geldes sieht kurz so aus (etwas genauer in diesem aufschlussreichen Blogpost dargestellt):

  1. Geld einen eigenen Wert, z.B. Gold, Muscheln etc. (Tauschgeld)
  2. Schuldverschreibung: Tauschgeld kann in einer Art Banken deponiert werden und man erhält eine Bestätigung für die Gutschrift. Mit diesen Bestätigungen – aus Papier – kann nun ebenfalls bezahlt werden.
  3. Papiergeld: Das System wird von Staaten übernommen, die Geld drucken, das man gegen Gold tauschen kann. Dabei wird entdeckt, dass man den Deckungsgrad reduzieren kann: Weil nicht alle Leute Geld in Gold tauschen wollen (oder nur sehr selten), muss man gar nicht so viel Gold haben, wie es Geld gibt.
  4. »fiat money«: In einem weiteren Schritt wird die Golddeckung ganz aufgehoben, weil sie nicht mehr benötigt wird – das System basiert auf Vertrauen. Geld wird also geschaffen (»fiat« – es werde, »Es werde Geld«.)
  5. Durch die Digitalisierung wird das Verhältnis von Geld zu Gold zu einem Verhältnis zwischen Datengeld und Bargeld: Mein Geld ist eine Zahl auf meinem Kontoauszug, das ich mir auszahlen lassen könnte. Tatsächlich gibt es aber viel weniger Bargeld als Datengeld. In der Schweiz gibt es ca. 54 Milliarden Franken in Banknoten, aber ca. 750 Milliarden an Datengeld. (Nationalbank, pdf).

Das führt zu folgender Situation: Das Geld wird heute nicht mehr nur durch die Nationalbank, sondern vielmehr durch alle Banken geschaffen, die einen Kredit vergeben. Wenn mir die Bank einen Kredit von 10’000 Franken gibt, dann wird Geld geschaffen, die Geldmenge vergrößert sich, weil die Bank mir dieses Geld nicht von irgendwo vorhandenem Geld geben muss, sondern einfach eine Zahl in ihre Bilanz und auf mein Konto schreiben kann.

Noch einmal:

  1. Geld ist nur eine Zahl.
  2. Jede Bank kann Geld schaffen.

* * *

Diese Ausgangslage führt nun auch zu politischen Vorstössen. Nationalrat Lukas Reimann (SVP) reichte zwei Interpellationen ein, mit denen er u.a. folgende Fragen stellte:

Trotz des exklusiv dem Bund zugeschriebenen Geldmonopols in Art.99 BV und in der Botschaft zum WZG überlässt dieser die Geldschöpfung weitgehend den Banken und nötigt damit sich selber, sich bei ihnen zu verschulden und dafür auch noch Zinsen zu zahlen. Was rechtfertigt die Verschuldung und den Zinsendienst des Staates bei den Geschäftsbanken, welche er im Krisenfall rettet (Too big to fail)?

Die Notenbankgeldmenge hat sich zwischen 2008 und 2011 innerhalb von drei Jahren mehr als vervierfacht, (von 49,5 auf 231,9 Mia Franken) – ohne sichtbaren Nutzen für die Realwirtschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung ihr täglich Brot verdient.

a.) Wofür wurden diese Mittel verwendet?
b.) Wie kann der Bundesrat sicherstellen, dass die Geldpolitik der Nationalbank allen BürgerInnen dient?
[…]
d.) Wodurch ist – abgesehen von der gesetzlichen Mindestreserve – das Bankenbuchgeld abgesichert?

Schulden und Guthaben müssen im Kreditsystem (z.Bsp. im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum und den Zinszahlungen) ständig wachsen, begrenzt nur durch die Einschätzung der Kreditfähigkeit. Wie beurteilt der Bundesrat das Problem, dass mit der Geldmengenausweitung nicht nur die Guthaben, sondern immer auch die Schulden wachsen müssen?

Würden alle Schulden zurückbezahlt, gäbe es (bis auf Noten und Münzen) kein M1-Geld mehr. Wie beurteilt der Bundesrat in Hinblick auf die Schuldenbremse den Effekt unseres heutigen Systems, dass es ohne Schulden keine Guthaben geben kann?

Diese Fragen scheinen mir sehr bedeutsam zu sein – ich kenne kaum Leute, welche sie sicher beantworten könnten, viele Expertinnen und Experten sind verunsichert.

Reimann selbst (und die SVP) scheint aber den Blick zurückzuwenden und sich auf die Suche nach Goldreserven zu machen, so fordert Reimann, man müsse das Gold physisch suchen gehen. Die Rückkehr zum Goldstandard scheint mir eine recht abstruse Forderung zu sein, zumal der Goldpreis selbst ebenso variabel ist wie der Wert einer Währung.

9 thoughts on “Warum ist Geld etwas wert?

  1. wer sich nach gold zurücksehnt, übernimmt einfach das programm von ultrarechten amis, die keine ahnung von makroökonomischen systemen haben. das ist der grösste bullshit, blödsinn für die dummen.

    unlängst wurden 40 unabhängige ökonomen von der university of chicago nach dem goldstandard befragt. die resultate sind eindeutig.
    http://www.igmchicago.org/igm-economic-experts-panel/poll-results?SurveyID=SV_cw1nNUYOXSAKwrq

    und: geld ist viel komplexer als „nur eine zahl“. und nein, nicht jede bank kann geld „machen“.

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  4. Ich bin kein Experte. Trotzdem will ich mich zu einer deiner Aussagen äussern:

    „Wenn mir die Bank einen Kredit von 10’000 Franken gibt, dann wird Geld geschaffen, die Geldmenge vergrößert sich, weil die Bank mir dieses Geld nicht von irgendwo vorhandenem Geld geben muss, sondern einfach eine Zahl in ihre Bilanz und auf mein Konto schreiben kann.“

    Ich dachte bis anhin, dass eine Geschäftsbank (GB) nur das Geld als Kredite vergibt, welches sie vorher irgendwo erhalten hat. Aber nehmen wir an, dass ich mich täusche und es eine GB gibt, die dir einen Kredit in Höhe von CHF 10’000 gibt, wobei sie diese CHF 10’000 nicht bar in ihren Bunkern von einem anderen Kunden hat. Hier aber noch einige Einschränkungen, die meiner Meinung aufzeigen, dass die Bank nicht so „einfach“ einen Kredit vergibt:
    Wenn die GB dir also nun CHF 10’000 gutgeschrieben hat, dann muss sie zwingend davon noch einen gewissen Prozentsatz, den Mindestreservesatz, bei der Zentralbank, der SNB, hinterlegt haben. Wenn man dem Blogpost von Reimann vertrauen kann, dann liegt dieser bei 2.5% oder in unserem Beispiel wären dann dies CHF 250. Bei diesen 2.5% oder CHF 250 handelt es sich aber um Zentralbankgeld, also um Bargeld und nicht Giralgeld. Nunja, diese 2.5% oder CHF 250 bar sollten jedoch für den Banker kein Problem aufzutreiben sein. Was eher die Kreditvergabe auch nicht so easy macht: Du wirst ja wahrscheinlich diese CHF 10’000 nicht auf deinem Bankkonto ruhen lassen, sondern wirst dieses Geld verwenden wollen. Nehmen wir an, du möchtest diesen Betrag bar haben, dann muss die GB von irgendwo Bargeld auftreiben, dies könnte sie bei der Zentralbank oder auf dem Interbankenmarkt zu einem Zins erhalten. Oder vielleicht willst du das Geld auf das Konto einer anderen GB überweisen, dann klafft bei deiner kreditvergebenden GB eine Lücke in der Bilanz, sodass sie sich bei der Zentralbank oder auf dem Interbankenmarkt „refinanzieren“ muss. Dieses Auftreiben von Bargeld oder die Refinanzierung verursachen bei der GB Kosten und würde im Übrigen entfallen, wenn die GB vorher die CHF 10’000 schon in ihren Bunkern gehabt hätte. Und weiter besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass du die CHF 10’000 nicht zurückzahlen kannst und dann müsste die GB den nicht zurückbezahlten Betrag als einen (gewinnvermindernden) Aufwand buchen.

    Wie schon gesagt: Ich bin kein Experte und somit kein Gewähr auf meine obigen Aussagen, die das Zusammenspiel zwischen GBs, Zentralbanken und Geld eh viel zu vereinfachend wiedergeben. Klarheit bei Fragen könnte beispielsweise eine Antwort an das „Department of Economics“ der Uni Zürich geben; bei einer klaren und netten Fragestellung findet sich vielleicht jemand, der antwortet. :)

    Und wenn ich noch was anmerken darf: Nimmt mich wunder, was der BR auf die zweite Frage der zweiten Interpellation von Reimann antwortet. Was hat die Kreditgeldschöpfung mit der Schuldenbremse zu tun? Keine Ahnung.

      • Wenn du schreibst, dass eine „Bank Geld kreieren kann, das es vorher nicht gab“, dann kann diese Vereinfachung zu Irreleitungen führen. Aber ich habe ja oben die Restriktionen, Einschränkungen, oder wie du schreibst „Kosten“, bei der Kreditgeldschöpfung beschrieben.

  5. Pingback: Lektürenotizen: Murray Rothbard – What Has The Government Done to Our Money? | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  6. Unser Geldsystem, was aus der Zeit des Mittelalters entstanden ist, beruht bei genauer Betrachtung auf eine dauerhafte Verschuldung und gleichzeitiger Versklavung. Gnadenlos muss der Mensch für seine Grundbedürfnisse, um zu überleben, ständig Geld ranschaffen, egal wie, um es dann aber an fremde Dritte für Wohnen, Energie, Nahrung und Kleidung weiterzugeben. Kompromisslos müssen wir für fremde Dritte arbeiten gehen. Also, Frondienste leisten, um nicht betteln gehen zu müssen. Damit wir nicht in sozialen Abstieg, Armut und Wohnungsnot geraten, müssen wir unsere Arbeitskraft wie ein Leibeigner auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Für die Grundbedürfnisse, für ein einfaches Leben, müssen wir jeden Monat eine bestimmt Geldsumme zur Verfügung haben, egal wie, die dann sofort für Wohnen, Energie, Kleidung und Nahrung abzugeben ist. Diese Abhängigkeit, Unfreiheit und Unterdrückung können wir nicht entkommen. Erst mit der Begleichung der ständigen Schulden, die uns auch zu unerwünschter Arbeit und Arbeitgebern gnadenlos zwingt, können wir uns selbst erst entfalten, etwas persönliches gönnen, ausprobieren oder realisieren. Unter diesem ständigen Druck und Zwang, sind wir ständig auch furchtbaren Repressionen ausgesetzt, die aus Angst nur noch den Menschen zu Befehlsempfängern macht. Die finanziellen ewigen Schulden erzeugen lebenslängliche Bedürftigkeit, Ängste und Sorgen. Sie verhindert damit das eigene Potenzial nicht zu heben und die vollendete Freiheit nicht zu erfahren. Wir leben in einer ewigen Unterwerfung durch aufgezwungene Schulden.
    Die Grundlage dafür bildet die Geld-Herstellung (Geldschöpfung), die nur über den Kredit, also Aufnahme von Schulden benötigt wird. Dabei wird nur die Summe, die für einen Kredit erzeugt wird freigegeben, niemals aber das Geld für die Zinsen! Die Geldmenge, die zum bedienen der Zinsen benötigt wird, muss durch immer neue Kredite zugeführt werden oder durch die Wegnahme oder Übernahme von anderen Marktteilnehmern, was als „gesunder Wettbewerb“ und mit mehr Wachstum hofiert wird. Geschieht das nicht, geht der Marktteilnehmer unweigerlich bankrott.
    Fazit: Gäbe es keine Schulden, gäbe es auch kein Geld! Das System erfordert, wenn es nicht zusammenbrächen soll, immer neue Schulden und Wachstum, auch wenn Umwelt und Klima zerstört wird.Geld entsteht nicht durch Arbeit, was viele glauben, sondern immer nur durch Schulden!
    Aus diesem Schuld-Geld-System gibt es auch kein entrinnen, es ist eine systemisch bedingte Geiselhaft. Diese Versklavung ist nicht zu korrigieren, da das Geld für die Zinsen nie durch Banken erschaffen wird, sondern nur durch neue weitere Schulden mit neuen Zinsen! Und dieses Geld-System ist immer noch gang und gebe. Ohne selbst also eine Leistung zu erbringen, kann der Gelderzeuger bzw. Geldschöpfer (die Bank), problemlos für Schulden ständig abkassieren. Überdies muss ein Kredit der Bank zusätzlich dann vom Kreditnehmer und nicht der Bank abgesichert werden, für die Bank! Das erfolgt immer, indem vorhandenes Vermögen und Einkommen (Gehalt/Lohn) des Kreditnehmers an die Bank verpfändet wird.
    Aus unerklärlichen Gründen ist der gesunde Menschenverstand hier ausgeschaltet. Ein nachdenken und sich dagegen wehren, ist tabu! Warum?

    Wir bemerken zudem nicht einmal, dass das Geldsystem sogar die Sicherheit eines Landes tiefgreifend belastet und nachhaltig aushöhlt. Ständige Geldsorgen, Mittellosigkeit und einen sozialen Abstieg, führen in einer Hoffnungslosigkeit oder auch Gier zu Korruption, kriminelle Handlungen, Erpressungen und skrupellose Verbrechen. Dieses Geldsystem befördert somit eindeutig Kriminalität, Verbrechen, Mord und Straffälligkeit. Es steht ferner für Inflation, Deflation,Elend und Krieg. Es bringt uns gnadenlos die Zerstörung. Die Geschichte hat es reichlich und deutlich gezeigt. Jedes mal stehen wir am Abgrund und geraten nach einer gewissen Zeit chronisch in den Verfall. Dieses Geldsystem vernichtet garantiert erworbenen Wohlstand und Fortschritt.
    Warum also wollen wir diesen katastrophalen Fehler für die Menschheit vom verzinsten Schuldgeld nicht endlich im 21.Jahrhundert korrigieren und reformieren? Endlich auch vom Feudalismus befreien? Nur mit schuld-und zinsfreies Geld (Vollgeld) sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen, wird diese Versklavung beendet. Und die Wirtschaft kann dabei problemlos leistungsorientiert weiter funktionieren.

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