Update: Beschwerde beim Presserat (»Petarden«-Kampagne)

Der Presserat hat auf die von mir formulierte Beschwerde reagiert und seine Stellungnahme veröffentlich, sie kann hier abgerufen werden.

Hier die Schlüsselpassage:

Hingegen erscheint die Art und Weise, in der «Blick» systematisch das private Umfeld des Verunfallten durchleuchtet, WG-Kollegen, Arbeitgeber und Eltern kontaktiert hat, in der Summe als unverhältnismässig und übersteigt deshalb nach Auffassung des Presserats das berufsethisch Zulässige. Zumal die Publikation des mageren Rechercheergebnisses wie oben ausgeführt nicht im öffentlichen Interesse lag, sondern bloss die öffentliche Neugier befriedigte und dazu diente, den Verunfallten und seine Angehörigen an den Pranger zu stellen. Entsprechend wäre «Blick» zumindest verpflichtet gewesen, vor der Veröffentlichung der Informationen über das private Umfeld des Verunfallten nochmals sorgfältig zwischen Schutz der Privatsphäre der Betroffenen und dem öffentlichen Interesse an der Berichterstattung abzuwägen.

Die Beschwerde wurde teilweise gut geheißen, d.h. der Presserat sieht beim Vorgehen der Ringier-Publikationen keinen Verstoss gegen Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten (Menschenwürde und Opferschutz), aber eine der Ziffer 7 (Privatsphäre und identifizierende Berichterstattung).

4 thoughts on “Update: Beschwerde beim Presserat (»Petarden«-Kampagne)

  1. Die Stellungnahme des Presserats finde ich teilweise gut:

    Sehr gut finde ich, dass zwischen öffentlichem Interesse und öffentlicher Neugier klar unterschieden wird und also nicht alles, was die öffentliche Neugierde befriedigt auch mit öffentlichem Interesse gleichzusetzen ist (II., 2c).

    Ebenfalls gut ist die Prüfung der Verhältnismässigkeit des Eindringens von „Blick“-Reportern in die Privatsphäre der porträtierten Person sowie von Personen aus ihrem Umfeld in Zusammenhang mit dem journalistischen Wert der Geschichte (II., 2d).

    Unbefriedigend finde ich die Haltung des Presserats zur Verletzung der Würde des Porträtierten (II. 3b u. 3c). Persönlich halte ich die breite öffentliche Herabwürdigung einer verunfallten Person als „Trottel“ für intensiv genug, um ganz klar von einer Entwürdigung bzw. Verletzung der Würde zu sprechen. Im Verhältnis zu anderen möglichen Entwürdigungen eines Menschen mag sie leicht erscheinen. Jedoch publizierte „Blick“ auch ein mit Augenbalken anonymisiertes Foto des Verletzten, auf dem seine linke Hand mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger zu sehen ist, darunter der Bildtext: „Kein aktuelles Bild: Da hatte Jogi B. noch alle Finger. (zvg)“ Der Presserat hingegen hält fest: „Und ebenso wenig hat ‚Blick‘ in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht, welche im Sinne der Richtlinien 8.3 und 8.5 zur ‚Erklärung‘ die Menschenwürde des Opfers und seiner Angehörigen missachten.“ Ich bin der Auffassung, dass vor allem durch die Bildunterschrift eine Verletzung der Menschenwürde vorliegt. Es wird buchhalterisch bilanziert, das zur Verfügung gestellte Foto sei kein aktuelles Bild, weil der Betreffende „noch alle Finger“ hat. Jeder Leser sieht das Kontrastbild vor dem inneren Auge. Und damit ist eben doch in sensationalistischer Weise Bildmaterial veröffentlicht. Die durch die trockene Feststellung der nicht mehr gegebenen Aktualität des Bildes manifestierende Empathielosigkeit dieser Bildunterschrift verletzt die Menschenwürde an sich, weil sie nicht als menschlich hingenommen werden kann und darf sondern als unmenschlich zu bezeichnen ist. Zumindest sehe ich es so.

  2. Pingback: Wieder sorgt “Blick” für Unruhe | Feldstechers Blog

  3. Pingback: …trotz Ausschöpfung aller polizeilichen Mittel… « tatortnetz

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