Warum Widerstand gegen Sprachwandel sinnlos ist

Die Sprache ändert sich permanent. Ein Phänomen, das wir kaum fassen können, weil sich unsere Sprache nicht zu verändern scheint. Wir wissen, ohne es gelernt zu haben, was in unserer Sprache richtig und was falsch ist. Und dann lernen wir einige Dinge in der Schule, die wir unser Leben lang behalten. Z.B. dass »schlussendlich« ein stilistisch unschönes Wort ist, Schluss und Ende bedeuten ja dasselbe, und deshalb nie verwendet werden soll. Nie. Genau so verhält es sich mit »Sinn machen«. Etwas kann auf Deutsch einen Sinn ergeben, nicht aber einen Sinn machen. So ist das.

Wenn es so wäre, dann könnte sich Sprache nicht verändern. Irgendwann gibt es eine Generation, die den Deutschlehrer, der unter jedes »schlussendlich« Wellenlinien setzt nicht als eine sie ein Leben lang begleitende sprachliche Wahrheitsinstanz erleben, sondern einfach als altbacken und ahnungslos. (Die Generation gibt es wohl schon, merke ich gerade.) Und irgendwann wird jemand nicht mehr verstehen, was die Pointe an »Sinn ergeben, nicht Sinn machen« ist – weil das einfach keinen Sinn mehr macht.

Sprachwandel ist deshalb ein schönes Phänomen, weil er weder direkt beeinflussbar noch aufhaltbar ist. Er passiert – durch uns alle, und doch scheinbar unkontrolliert. Widerstand bringt nichts. Das zeigt sich an all den vielen Anglizismen, die wir täglich verwenden, ohne sie noch wahrzunehmen. So scheint z.B. Keks ein urdeutsches Wort zu sein, ist aber nichts anderes als der importierte Plurale »cakes« (engl.), wie dieser großartige Blogpost detailliert zeigt.

Eine Wertung, also z.B. die Rede von Sprachzerfall, geht von einer Wertung aus: Eine bestimmte Sprachverwendung ist besser, richtiger als eine andere. »Richtig« meint aber im Bezug auf die Sprache, was kompetente (nicht gebildete oder verbildete) Sprecherinnen und Sprecher verwenden. Und die sagen »es macht Sinn« und sie sagen auch »schlussendlich«.

Mein Lieblingsbeispiel für Sprachwandel ist die Adjektivisierung vieler Wörter. Man schreibt z.B. nach »etwas« Adjektive groß, d.h. sie verwandeln sich in Nomen: »etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues«. Diese Regel bereitet Kindern, die schriftliches Deutsch lernen, unglaubliche Mühe – weshalb wir annehmen können, die Regel werde dem Sprachwandel zum Opfer fallen. Dasselbe zeigt sich auch bei zusammengesetzten Nomen: eine »Riesenaufregung« wird zu einer »riesen Aufregung«, »Megaparty« wird zu einer »mega Party« und eine »Superpaket« zu einem »super Paket«.

6 thoughts on “Warum Widerstand gegen Sprachwandel sinnlos ist

  1. Weit schlimmer empfinde ich, wenn in der Mundart gebräuchliche Ausdrücke durch solche aus der Schriftsprache ersetzt werden. Wenn das „Ross“ zum „Pferd“ wird, wenn man „angeln“ statt „fischen“ geht oder statt mit dem „Velo“ mit dem „Fahrrad“ einen Ausflug macht oder wenn man ins „Krankenhaus“ statt ins „Spital“ fährt.

    • Ja, das empfinde ich auch als störend. Da bin ich mir jeweils nicht sicher, ob es sich um Sprachwandel handelt. Sicher z.B. bei Wörtern wie »Butter«, wo z.B. das mir geläufigere »Anke« verdrängt wird, das Wort (»Butter«) aber in vielen schweizerdeutschen Dialekten gebräuchlich ist. Bei deinen Beispielen denke ich nicht, dass sich die hochdeutsche Variante längerfristig wird durchsetzen können.

      • Die Sprachgrenze ist genauso dynamisch wie der Sprachwandel, daher ist es fragwürdig z.B. „Pferd“ per se als Schriftsprache zu bezeichnen. Dialekt macht ja nicht an der Grenze halt und mir ist nicht klar ob ein Basler, Schaffhausner oder Lichtensteiner „Ross“ oder „Anke“ kennt ;-)

      • Ich sage „Ross“ und „Butter“, aber ich würde mich davor hüten, pauschal für alle Schaffhauser zu sprechen…

        Die Verflachung der Mundarten, v.a. im Bereich des Wortschatzes, der wohl am besten wahrgenommen wird, ist augenscheinlich. Dem kann man mit Bedauern oder Gleichgültigkeit begegnen (Aber wer tut das schon? Sprache ist schliesslich Teil der Identität…). An dieser Stelle würde ich jedoch zu bedenken geben, dass Sprachwandel erst dazu geführt hat, dass wir nicht gleich wie die Menschen in Deutschland, England oder auch Indien sprechen. Sprachwandel hat lange Zeit dazu geführt, dass Sprachen sich auseinenander entwickelten. Mit grösserer Mobilität gibt es bei Mundarten diesen Effekt des Ausgleichs.

        Das sieht man auch bei Anke/Butter: Laut dem „Kleinen Sprachatlas der Deutschen Schweiz“ (2010, basierend auf Daten des Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) aus den 50er-Jahren) hat man früher in der Ostschweiz v.a. „Schmalz“ gesagt – ich nehme an, dass dies weitestgehend vom Butter verdrängt wurde.

        Man sollte jedoch auch bedenken, dass der innerschweizerische Einfluss oft ebenso ins Gewicht fällt wie der hochdeutsche, z.B. wird der deutschfreiburger Dialekt vom Berndeutsch beeinflusst, z.B. „Brägel“ durch „Rösti“ verdrängt (in Zürich hat man laut denselben Daten früher übrigens „pröötlet Herdöpfel“ gesagt).

        Ein sprechendes Beispiel in diesem Zusammenhang finde ich die Ausbreitung der l-Vokalisierung, also „Sauz“ für „Salz“, „Cheue“ für „Chelle“ etc. (vgl. http://schplock.wordpress.com/2010/08/13/uber-die-vokauisierung/) Diese wird unterdessen schon in Nidwalden als bodenständig wahrgenommen, obwohl sie sich vom Kanton Bern aus ausgebreitet hat und damit ebenso „fremd“ wie hochdeutsche Lautungen ist. – Wie gesagt: Sprache hat viel mit Identiät zu tun. Deshalb wäre ich mir auch nicht so sicher, ob Anke vom Butter verdrängt werden wird.

        Jetzt bin ich etwas ins Plaudern gekommen, tschuldigung ;)

  2. Und noch eine Anmerkung zu was anderem:

    Bei den Beispielen im letzten Abschnitt geht es ja um Orthografie. Gross-/Kleinschreibung und Zusammen-/Auseinanderschreibung sind Konventionen. Natürlich reflektiert die Orthografie die gesprochene Sprache, jedoch durch eine Art „Filter“ (wie man schön an der z.T. sehr historischen Orthografie des Englischen oder Französischen sieht). Bei den Zusammensetzungen könnte man natürlich argumentieren, dass diese anders analysiert werden und deshalb anders geschrieben. Aber das muss dann zuerst noch durch eine Institution, welche die Rechtschreib-Konventionen festlegt…

    „Widerstand bringt nichts“ finde ich übrigens schön gesagt :)

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