Zwei Wochen mehr Ferien, anyone?

Wer zwischen zwei gleichwertigen Jobangeboten wählen kann, von denen das eine sechs Wochen bezahlte Ferien und das andere vier Wochen ermöglicht, dürfte die Wahl nicht schwer fallen. Gleichwohl scheint es höchst unsicher, dass die stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer einer Volksinitiative zustimmen, die sechs Wochen Ferien für alle Arbeitnehmenden ermöglichen würde.

Das erstaunt zunächst, da sich so viele Menschen Gedanken über ihre work-life-balance machen, sich damit beschäftigen, dass Arbeitszeit und Freizeit immer mehr verschmelzen und neue Technologien häufig eingesetzt werden, damit man mehr arbeitet anstatt weniger. Man würde erwarten, dass das Bewusstsein über Burnout-Prozesse [pdf] und die Bedeutung von Freundschaften und familiären Beziehungen zu einer klaren Annahme der Initiative führen würden.

Warum ist dem nicht so? Der naheliegende Grund sind die Kosten. Der Bundesrat schreibt in seiner Botschaft zur Initiative, mit der er sie zur Ablehnung empfiehlt [pdf]:

Es ist nicht einfach, die Kosten längerer Ferien zu ermitteln. Zu berücksichtigen sind nicht nur die Lohnkosten, sondern auch die zusätzlichen administrativen Kosten, die mit mehr Personal verbunden sind. Im Gegenzug ist damit zu rechnen, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dank längerer Ferien ausgeruht und somit motivierter und konzentrierter sind und dass daraus wiederum eine höhere Arbeitsproduktivität resultiert. Aufgrund früherer Untersuchungen ist der Bundesrat davon ausgegangen, dass eine Woche mehr Ferien die Lohnkosten um 2 % erhöht. […] Daraus folgt, dass eine Erhöhung des Ferienanspruchs von vier auf sechs Wochen zu um 4 % höheren Lohnkosten führt.
Wie die Unternehmen auf die Verpflichtung reagieren, mehr Ferien gewähren zu müssen, dürfte wesentlich vom wirtschaftlichen Umfeld abhängen. Einige Unternehmen werden in der Lage sein, die höheren Personalkosten mit Produktivitätsfortschritten zu finanzieren. Andere Unternehmen werden nicht umhin kommen, Änderungskündigungen auszusprechen, mit dem Ziel, mehr Personal weniger Lohn zu zahlen. Ist dies nicht möglich, bleibt den Unternehmen nur noch die Möglichkeit, Stellen abzubauen oder die Geschäftstätigkeit ganz einzustellen.

Das ist letztlich auch der Grund für die Ablehnung des Bundesrates: Die Kosten wären zu hoch, die Konsequenzen ein Stellenabbau oder eine Lohneinbusse bei den Arbeitsnehmenden.

Die Erhöhung der Lohnsumme um 4% muss jedoch im Kontext betrachtet werden. Dieser Kontext ist zunächst die Produktivität. Sie ist in der Schweiz zwischen 1991 und 2006 um jährlich 1.2% gewachsen (neuere Zahlen kenne ich nicht, die Zahlen basieren auf einer Publikation des BfS), der Index stieg von 100 auf 120, also um rund 20%.

Dieser Produktivitätssteigerung steht eine Reallohnerhöhung von einem Indexwert von 277 (1991) auf 289 (2006) gegenüber (Zahlen ebenfalls vom BfS), also eine Erhöhung um 4.3% (nominal 24.4%).

Diese Zahlen kann man nun nicht so einfach in einen Bezug setzen. In der hier diskutierten Periode wurde in der Schweiz mehr und viel produktiver gearbeitet. Diese Produktivität hat sich jedoch für die Arbeitnehmenden kaum gelohnt: Sie verdienen zwar leicht besser, ihr Ferienanspruch hat sich aber sei 1983 nicht verändert.

Andererseits lässt sich für Arbeitgebende eine Produktivitätssteigerung nicht einfach monetarisieren, wohl aus zwei Gründen: Erstens verschafft diese Steigerung nur dann einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie größer ist als die der Konkurrenz, zweitens ist sie wohl zu einem großen Teil auch Investitionen in Technologie geschuldet, die nicht direkt mit dem Faktor Arbeit zusammenhängen.

Gleichwohl sprechen die Zahlen dafür, dass sich die Schweiz sechs Wochen Ferien leisten kann. Wenn Teile der damit verbundenen Steigerung der Lohnkosten auf die Arbeitnehmenden überwälzt werden, erhalten sie dafür einen Gegenwert. Sechs Wochen ermöglichen einen Abstand von der Arbeit, sie ermöglichen längere Reisen, spontane Ausflüge, echtes Abschalten, kurz: Mehr Lebensqualität. Die darf etwas kosten.

8 thoughts on “Zwei Wochen mehr Ferien, anyone?

  1. Lieber Philipp, ich weiss du bist Lehrer und somit Beamter, doch versetze dich doch einmal in die Lage eines Unternehmers.

    Würdest du einem Angestellten, der mehr Ferien bezieht und weniger arbeitet einen gleichhohen Monatslohn bezahlen wie einem Angestellten, der weniger Ferien bezieht und mehr arbeitet? (Vorausgesetzt Tätigkeit und Qualifikation sind gleichwertig). Da würde ja derjenige, der mehr arbeitet letzlich weniger verdienen, wenn man den gleichen Lohn durch die Anzahl Stunden, die er arbeitet, teilen würde. Verstehst du was ich meine?

    Ich bin für ein flexibleres System, welches es den Sozialpartnern erlaubt die Lohn und Ferien je nach Marktgebenheiten auszuhandeln. Wer trotz weniger Leistung konkurrenzfähig bleiben kann, der kann von mir aus seinen Angestellten mehr Ferien erlauben. Wobei ich generell für weniger Ferien bei Staatsangestellten und Beamten bin. Staatsangestellte haben keine Konkurrenz. Viele Staatsangestellte leisten sich auf Kosten der Steuerzahler ein süsses Leben. Das ist inakzeptabel.

  2. PS: Das Problem ist meistens nicht die Arbeitsbelastung. Wer rastet, der rostet. Das Problem ist eher, dass viele Leute einen Job machen, der ihnen nicht gefällt bzw. der monoton und teilweise langweilig ist. Dort müsste man ansetzen wenn man die Produktivität steigern möchte. Wer bei der Arbeit zurfrieden ist, der leistet mehr.

    • Das finde ich auch. Man weiss heute, dass das Ausmass an Fremdbestimmung bei Burnout oder anderen stressbedingten Beschwerden wie Tennis-/Mausarm bei der Arbeit eine grosse Rolle spielt. Wer sich fremdbestimmt, gedrängt und nicht wertgeschätzt fühlt, leistet innerlich zum Teil erheblichen Widerstand, mit all den bekannten Symptomen. Wer sich dagegen wohl fühlt und geschätzt in seinem Job, leistet mehr, engagiert sich mehr und ist zufriedener. Und je zufriedener man ist bei der Arbeit, desto weniger ist man darauf angewiesen, durch Freizeitaktivitäten all das zu kompensieren, das einem die Arbeit nicht bietet. Da helfen auch zwei zusätzliche Ferienwochen nicht wirklich.

  3. Ja zur Eidg. Volksinitiative „6 Wochen Ferien für alle“!

    Der Bundesrat pocht in seiner Botschaft zur Initiative auf den Vorrang der vertraglichen vor der gesetzlichen Regelung des Ferienanspruchs der Arbeitnehmenden. Er verkennt dabei die Tatsache, dass sich die Arbeitgeber mit ihren Branchenverbänden besser absprechen und ihre restriktive Haltung gegenüber mehr Ferien wirksamer durchsetzen können als die heute relativ schwachen Gewerkschaften mit ihren wenigen Mitgliedern. Zudem ist ein Streik für mehr Ferien öffentlich weniger vermittelbar als die geheimen Absprachen der Arbeitgeber, nach denen mehr Ferien ja immer wirtschaftlich schädlich sein sollen. Das stimmt aber nicht. Im Gegensatz zu manchen Befürchtungen trat bei Freizeitverlängerungen bisher keine Sozialproduktsverminderung ein. Arbeitszeitverkürzungen können ein Mittel zur Überwindung von konjunkturellen Schwächen sein, da die Unternehmungen gezwungen werden, den technischen Fortschritt auszunützen, d.h. zu investieren. Zum Konsum gehobener Bedarfsgüter benötigt man zudem in hohem Masse Zeit – der gehobene Bedarf ist weitgehend zeitintensiv (z. B. Tourismus, Sport, Kultur). Deshalb kann der nachfrageinduzierte Effekt der Freizeitverlängerung den kostensteigernden Effekt der Verkürzung der Arbeitszeit gesamtwirtschaftlich mildern.

    Die Arbeitszeit sollte möglichst langsam in kleinen Schritten und Etappen verkürzt werden, um die Anpassungsprozesse zu erleichtern. Die Berufstätigen sprechen sich eindeutig für eine Verlängerung des Urlaubs aus, statt Kürzung des Arbeitstags oder der Arbeitswoche. Mehr Ferien sind auch als Kompensation für die langen Pendelzeiten und den Stress der Pendlerei zu sehen.

    Ein hohes Niveau an Arbeitsleistung an sich ist noch kein Anzeichen für ein hohes Wohlfahrtsniveau. Das richtige Mass der Wohlfahrt muss sowohl die Freizeit als auch die Güter berücksichtigen. Das Wohlfahrtsniveau einer Gesellschaft setzt sich aus der Güterversorgung und dem Freizeitausmass zusammen. Freizeit kann auch ohne jeglichen Konsum irgendwelcher Güter und Leistungen genutzt werden.

  4. Ich bin der Idee von sechs Wochen Ferien grundsätzlich nicht abgeneigt. Allerdings stellt sich mir immer noch eine Frage, die mich zweifeln lässt:

    Wenn ich mehr Ferien habe, trotzdem aber gleich viel erledigen muss wie vorher, werden dann die restlichen Arbeitswochen nicht (noch) stressiger? Ist das dann vielleicht nicht sogar kontraproduktiv?

  5. Ruben…diese Frage habe ich mir auch während des lesen von diesem Artikel gestellt. Doch leider ist es mittlerweile so, dass die fällige Arbeit immer weniger wird – und das Personal dadurch auch immer fauler. So läuft das leider in der heutigen Zeit.

  6. Auf welche Branchen oder Betriebe beziehst du dich da? Ich seh kaum einen Rückgang an Arbeit, im Gegenteil. Die Arbeit wird oft auf weniger Schultern aufgeteilt (weshalb ich die sechs Wochen Ferien zum Ausgleich an sich gut fände, aber eben mit den bereits geäusserten Bedenken).

  7. Sechs Wochen – bravo! Ich werde die Initiative sicher annehmen, ob sie scheitert, ist mir eigentlich egal. Mein Leben ist dank minimierter Erwerbsarbeit schon jetzt ein sinnvolles und erfülltes. Aber während die Betonköpfe glauben, jeder müsse ihren Idealen folgen und ebenso sehr an den «Markt» glauben wie sie selbst, würde es mir nie einfallen, von anderen den Lebensstil zu verlangen, den ich persönlich richtig finde. Ich bin froh um jeden, der Karriere macht, dann muss ich nicht. Ich bin froh um jede, die an Überstunden und «Vertrauen der Geschäftsleitung» glaubt, dann kann ich um fünf gehen. Jeder ist für sein Leben selber verantwortlich – und zwar nicht in diesem FDP-SVP-Neocon-Kurzschnäbi-Sinn von «mehr Eigenverantwortung, mehr Markt, weniger Staat», sondern im ganz klassischen Tragödien-Sinn. Wenn wir von einem Offroader weggeputzt werden oder unverhofft in die Gletscherspalte stürzen, werden wir wissen, ob sich unser Leben gelohnt hat. Und das in diesem ganz primitiven Wie-wars-für-mich Sinn, der ohne Wertschriftenverzeichnis, Visitenkärtchen und Anzahl der Chanel-Kostüme funktioniert. Wer dann lächeln kann, hat gewonnen.

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