Ignoranz stabilisiert Demokratie

Bei Misswahlen politische Fakten abzufragen und die Kandidatinnen als ignorant hinzustellen, ist ein erprobtes Format. Offenbar mögen es Menschen, geschlechtsbezogene Stereotypen bestätigt zu sehen und über die Schwächen erfolgreicher Prominenter zu lachen.
Dabei ließe sich dieses Spiel mit fast allen Gruppen von Menschen wiederholen. In Demokratien gibt es erstaunlich viele Stimmberechtigte, die von relevanten Prozessen und Fakten keine Ahnung haben. Winston Churchill hat gesagt:

The best argument against democracy is a five-minute conversation with the average voter.

Man könnte also annehmen, die Ignoranz könnte ein Ausmass annehmen, welches das Funktionieren demokratischer Mechanismen verhindere – wenn das nicht schon passiert sei.
Die Forschung von Iain Couzin und seiner Mitarbeitenden weist aber in eine andere Richtung: Ignorante Menschen stabilisieren eine Demokratie.
Couzin leitet diese These aus seiner Untersuchung von kollektivem Verhalten bei Tieren ab (pdf), genauer: Bei einer Fischart. Eine große Gruppe Fische wird daraufhin trainiert, Futter mit der Farbe blau zu verbinden. Sie schwimmen sofort zu einem blauen Ziel, um Futter zu suchen.
Nun wird eine viel kleinere Gruppe Fische analog in Bezug auf gelb trainiert – die Fische haben eine natürliche Präferenz für gelb. Lässt man nun beide Gruppen zusammen Futter suchen, so beeinflusst die kleinere Gruppe die größere: Fast alle schwimmen zuerst zum gelben Ziel.
Nun fügen die Forschenden aber auch untrainierte Fische hinzu. Je mehr untrainierte Fische es gibt, desto eher schwimmt die ganze Gruppe zum blauen Ziel, das ja das Ziel der größten Gruppe ist.
Natürlich – das merkt auch Lehrer an, über den ich auf diese Studie gestoßen bin – sind Fische nicht Menschen und politisch ignorante Menschen nicht „untrainiert“. Ihre Ignoranz kann verschiedene Gründe haben. Dennoch halte ich es durchaus für plausibel, dass es einer Gemeinschaft leichter fällt Entscheide zu fällen, wenn nicht alle eine Meinung haben, die sie intensiv vertreten.

20120108-101625.jpg

One thought on “Ignoranz stabilisiert Demokratie

  1. Die Ignoraten spielen wohl eine sehr untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist doch die Vielfalt unter den Nicht-Ignoranten. Ich finde unser Kollegialitätssystem bisweilen zum Schiessen, aber dennoch bleibt es ohne Alternative will man möglichst demokratisch bleiben und es gewährleistet eine gewisse Vielfältigkeit.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s