Wenn etwas »zu viel« kostet.

Andreas Von Gunten schreibt auf seinem Blog:

Noch vor ein paar Jahren war es für mich völlig normal für […] für eine Audio CD 25 CHF aufwärts hinzublättern, ohne mit der Wimper zu zucken. Online „fühlen“ sich solche Preise für Inhalte, die nur noch elektronisch „geliefert“ werden, aber deutlich zu hoch an.

Von Gunten bezieht sich insbesondere auf den Preis von Songs, die teilweise 2.20 kosten. Auch hier könnte man angeben, dass man in den vordigitalen Zeiten für eine Single wegen eines Songs 5 Franken und mehr bezahlt hat, sich der Preis also mehr als halbiert hat (ein Album kostet bei iTunes meist um die 14 Franken, also auch hier sind die Preise deutlich gesunken).

Bildquelle: Flickr-User roadsidepictures, CC BY-NC 2.0

Mich interessiert aber stärker die Frage, was wir damit meinen, wenn wir etwas »zu teuer« finden. Von Gunten gibt dafür selber Argumente an, die ich in meine Aufstellung einbeziehe:

  1. Etwas kostet mehr, als wir dafür bezahlen wollen. Theoretisch haben wir ein bestimmtes Bedürfnis, bei dem wir den Wert seiner Deckung mit einem Geldbetrag beziffern können. Ich will nicht in der Kantine essen, sondern ein Menu in einem Restaurant: Das Bedürfnis ist mir wahrscheinlich 15 Franken wert (Preis Kantine + 20 Franken = Preis Restaurant), aber nicht 20 Franken. Kostet ein Menu ohne Getränk 25 Franken, so würde ich den Preis wohl »zu teuer« finden.
  2. Etwas kostet an einem Ort mehr, als an einem anderen. Beispiel: Die Preise für Getränke und Snacks in einer Zug- oder Hotel-Minibar sind »zu teuer«, weil ich dieselben Produkte in einem Supermarkt für weniger als die Hälfte kaufen kann.
  3. Dieses Argument funktioniert aber meistens nur in eine Richtung: Nach unten. Wir denken kaum je, etwas sei zu günstig. Wir vergleichen die Preise für Musikalben nicht mit denen im Musik-Geschäft (man kann tatsächlich noch CDs kaufen), sondern mit denen bei der Tauschbörse, die gratis sind.
  4. Wir sind in dieser Beziehung völlig irrational: Menschen fahren oft Kilometer und wenden viel Zeit auf, um günstiger zu tanken und maximal fünf Franken zu sparen.  Kaufen sie aber einen sehr teuren Gegenstand (z.B. ein Sofa), sind sie oft bereit, nicht ganz den günstigsten Preis zu zahlen.
  5. Ein entscheidender Punkt: Nicht alle Kunden möchten gleich viel für etwas zahlen. Ich bin z.B. in Bezug auf Musik und Lebensmittel preisinsensitiv: Ich kaufe bei Coop alle Lebensmittel, die ich haben möchte. Ich klicke auf »kaufen«, wenn mir ein Song oder ein Album gefällt – unabhängig vom Preis. Für mich müsste iTunes und Coop die Preise anheben. Würden Bio-Äpfel 25 Franken pro Kilo kosten, wäre ich nicht mehr preisinsensitiv. Andere würden bei iTunes kaufen, wenn ein Song maximal .50 Franken kostete – z.B. Von Gunten.
    Was heißt das? Idealerweise könnte iTunes und der Coop dasselbe Produkt zu verschiedenen Preisen anbieten. Beide tun das auch: iTunes verkauft von Alben Deluxe-Versionen mit Videos und interaktiven Booklets, die ein paar Franken teurer sind. Coop verkauft dasselbe Produkt einmal als Billig-Variante, einmal als Standards-Ausführung und einmal als Bio- und oder Deluxe-Ausgabe.

Fazit: Was »zu teuer« ist, hängt einerseits von subjektiven Vorgaben, aber auch vom Kontext (insbesondere von Vergleichsmöglichkeiten) ab. Menschen, die etwas »zu teuer« finden, drücken damit wohl eine kombinierte Aussage aus:

  • Ich möchte das betreffende Gut zu diesem Preis nicht kaufen.
  • Aber: Ich möchte das betreffende Gut kaufen.
  • Ich habe eine andere Preisberechnungsmethode, als die Anbieter dieses Gutes.

Preise sind grundsätzlich etwas sehr Komplexes. Wir gehen naiv davon aus, dass es bestimmte Kosten gibt, um etwas herzustellen – sagen wir, für ein Kilo Mailänderli brauchen wir 400g Mehl, 400g Zucker und 200g Butter (das ist kein Rezept). Das alles kostet 4.50, dann brauchen wir einen Backofen und Strom, eine Küche, Geräte etc. – insgesamt amortisieren wir das mit .50, also kosten die Mailänderli 5 Franken. Unsere Arbeit rechnen wir in den Gewinn ein – also sind alle einverstanden, dass wir die Mailänderli für 10 Franken verkaufen, beispielsweise.

Eine andere Sicht: Ich verkaufe Mailänderli von exzellenter Qualität. Sie werden mir immer im Nu alle weggekauft. Also erhöhe ich die Preise.

Eine weitere Sicht: Egal ob ich viele Mailänderli backe und sie günstig verkaufe oder wenige teuer, mir bleibt gleich viel Gewinn.

Oder: Meine Konkurrenz verkauft schlechtere Mailänderli zu einem teureren Preis. Also kann ich den Preis anheben.

Zudem: Ich verkaufe nicht nur Mailänderli, sondern auch Punsch. Den übrig gebliebenen Punsch muss ich immer wegwerfen – ein Risiko, das ich mit meinem Mailänderliprofit decken will.

Wie auch immer: Die einfache Aussage, etwas sei »zu teuer« scheint mir ungenau zu sein. Man könnte darauf immer entgegnen: Dann kaufe es einfach nicht. Vielmehr drückt man damit ein recht genaues Konzept in Bezug auf den Wert eines Gutes aus.

9 thoughts on “Wenn etwas »zu viel« kostet.

  1. Du hast natürlich recht mit Deinen Ausführungen. Ich habe mich auch schon oft darüber ausgelassen, wenn mal wieder die Rede von „fairen Preisen“ ist. Mit besagtem Blogpost habe ich aber keine philosophische Abhandlung über „den Preis“ geschrieben, sondern vielmehr mein subjektives Empfinden ausgedrückt und festgestellt, dass ich offenbar in letzter Zeit etwas sensitiver geworden bin, was die Preise für digitale Inhalte betrifft. Und dies, wie ich im Post auch dargestellt habe, auch deshalb, weil ich weiss, dass der grösste Teil der Einnahmen nicht an die Künstler gehen.

    • Ich wollte dich gar nicht kritisieren – ich kann das völlig nachvollziehen. Mir geht es eher bei EBooks so, dass ich sie oft reflexartig »zu teuer« finde – mich interessiert vor allem, worauf dieses Gefühl basiert.
      Mit der Preiskritik im Hinblick auf die KünstlerInnen bin ich völlig einverstanden – gerade das könnte in Bezug auf kulturelle Produkte ein Maßstab für einen »fairen« Preis sein. Meinen SchülerInnen rate ich generell, alle Musik gratis runterzuladen und die KünstlerInnen, die sie unterstützen wollen, an Konzerten zu sehen – weil KünstlerInnen an Konzerteinnahmen viel stärker beteiligt sind.

  2. Ich habe nichts zu nörgeln und beziehe mich auch nicht auf die Kernaussage. Fühlte mich einfach inspiriert auch Gedanken zu „zu“ aufzuschreiben:

    Ich glaube, dass Menschen generell, wenn sie den Begriff „zu“ mit einem Adjektiv, das eine grosse Menge angibt (viel, gross, teuer, schwer), verwenden, dies auf ihre Unfähigkeit, ihrer selbst ,mit allen Reizen, die auf sie einströmen, umgehen zu können, hindeutet – eine Entscheidungsschwierigkeit:
    Man hat zu viel gegessen – „eigentlich war mein Bauch voll, aber die Geschmacksnerven und der Serotoninspiegel wollten noch Nachschub. Erst im Nachhinein habe ich die vollen Konsequenzen zu spüren bekommen.“
    Man hat zu schwere Kisten getragen – „eigentlich hätte ich gar nicht so viel aufs Mal tragen müssen, wollte aber so schnell wie möglich fertig werden, habe deshalb zwei aufs Mal genommen. Nun einen Tag später (oder spätestens im Alter) schmerzt dafür der Rücken.“
    Man hat zu teuer eingekauft (empfindet es zumindest so) – eine Reizüberflutung hat eine überlegte, vergleichende Handlung verunmöglicht, da man beispielsweise im Coop nicht gleichzeitig Kinder beruhigen, Einkaufsliste abhacken, ökologische Vertretbarkeit, Qualität, vergleichbare Produkte, Aktionen, Verkaufspsychologie, Haltbarkeit usw. einberechnen kann.

    Das die Wertung „zu …“ bereits vor dem Erstehen eines Gutes fallen kann (oder auch vor einer Handlung die „zu …“ sein könnte), kann meiner Meinung nach nur auf Erfahrung basieren, die wir mit einem ähnlichen Gut oder einem ähnlich reizüberfluteten Ort gemacht haben. So ist es denkbar, dass wir eine Kiste zu schwer empfinden, wenn wir uns alleine in einem Raum befinden als mit einer bewundernswerten Person. Wir essen eher „zu viel“ oder „zu wenig“ wenn wir an einem fremden Ort, fremdartiges Essen bekommen. Viele und/oder starke Reize überfordern uns und sie verunmöglichen uns alle alltäglichen Entscheidungen in all ihren Konsequenzen „richtig“ zu fällen (was nicht heissen soll, dass man nicht danach streben soll).

    Und zu 3. – ich glaube, dass die Menschen, besonders in der heutigen Gesellschaft, selten Adjektive, die eine kleine Menge angeben, als negativ werten. Erst in sozialen Vergleichssituationen kann es aufgrund von Ungerechtigkeitsempfindungen zu „zu“ leicht, wenig, arm, bescheiden, stolz, billig kommen. Eine zu leichte Kiste zu tragen – eine solche Aussage ist an sich unsinnig, da die Menschen nicht auf eine Kiste in der Hand angewiesen sind. Erst bei einem Vergleich mit Anderen, wird die Kiste „zu leicht“. Für viele gilt es als erstrebenswert, „zu wenig“ zu essen.
    „Zu Günstig“ finde ich, beispielsweise Bananen bei uns. Wenn ich daran denke, dass sie hier in der Schweiz, nach Ernte, Lagerung, Transport, Handel usw., im Coop nebenan, nur ein Bruchteil mehr kosten, als in Benin auf dem Markt. Doch das kann ich auch erst sagen, seit ich diese Erfahrung habe machen können – eine soziale Vergleichssituation.

  3. Ich hatte letztens die Situation, dass ich eine CD kaufen wollte, von der ich bereits auf YouTube schon Lieder angehört habe. Jedoch wusste ich von den restlichen Liedern nichts und habe mir die CD dann einfach mal für 16.90 Franken gekauft, obwohl ich sie für meine Unwissenheit trotzdem zu teuer fand… Ich weiss ich hätte auch auf iTunes gehen können und mir die Tracks teilweise anhören oder anhand der Titellisten auf iTunes auch den Song-titel auf YouTube eingeben können, aber ich wollte die CD einfach besitzen. Wo würden Sie diese Situation mit diesem „zu teuer“ in ihre Auflistung einsetzen..?
    Unwissenheit?

  4. Pingback: Ist »Raubkopie« ein guter Begriff? | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  5. Our walmart is sold out of it so I can’t get more! If you can find some at Burlington (I won’t be up that way for some time) I can make you one, email me with her size & I can tell you how much it would take & how much it would cost. There is atohner brown/blue fabric that I think would look great with her hair though it’s florals & not butterflies.

  6. …While I appreciate the photo ID truck cruising the poor neighborhoods, I like the purple dyed finger solution* the best — surely a diligent fraudster could collect three or four photo IDs, but you'd need a virgin finger to be able to vote.*Each US citizen would be implanted with a transponder chip at birth — hey it works for dogs.9/29/09 1:39 PMNext:several defendants – while admitting they forged the forms – insisted they had been told ACORN would close their office in Tacoma if they did not improve their numbersMessage from ACORN: be more productive or lose their jobs: Instead of registering more voters they chose to cheat. ACORN's goal was more registered voters, not fake registrations.Like any lie, fake registrations just lead to more trouble later on. Where do the fake voters come to vote under the fake registrations? THe workers too lazy to go out and get signatures are hardly going to cover up their lie in perpetuity. You need the genius and cashflow of a Bernie Madoff for that.ACORN workers are not the only people tempted to cheat to keep their numbers up. There was a disk drive company in Silicon Valley years ago that was not as successful as they wanted to be. So, first they counted as revenue all the product they shipped — whether they had customers for it or not. And then because they couldn't make disk drives fast enough, they put bricks in the boxes. They kept their numbers up but cheated their investors.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s