Die Fragwürdigkeit des Konzepts »Eigentum«

Christian Heller, der vor kurzem ein Buch über Post-Privacy veröffentlicht hat, findet die Debatten über die gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet nicht mehr besonders interessant:

Ich habe das Gefühl, das Spannende passiert längst anderswo. Klima- und FinanzKrise, der Nahe Osten, die Erschütterung der großen Erzählungen des Westens (Europa, Demokratie), Singularitarianismus vs. RohStoff-Apokalyptik. Keines dieser Themen wird man mehr unabhängig betrachten können von den Gewalten der Digitalisierung oder der Vernetzung; zuende gedacht konvergiert sicherlich alles miteinander. Aber so erschöpft, wie mir der Netz-Diskurs derzeit vorkommt, sehe ich in ihm kein Instrument, um damit diese Themen ergiebig anzugehen.

In diesem Zusammenhang ist wohl auch dieser Tweet von ihm zu lesen:

Daran möchte ich anknüpfen, und kurz darlegen, was denn eigentlich das Problem mit dem Konzept Eigentum ist.

Die ganz grundlegende Frage ist, warum jemand ein Gut (im weitesten Sinne gefasst; also: ein Stück Land, eine Frucht, eine Fabrik, einen Text etc.) exklusiv für sich beanspruchen darf.

Darauf gibt es verschiedene Antworten:

  1. Egal warum, es ist wichtig für das Funktionieren des (gesellschaftlichen, kapitalistischen) Systems, dass Menschen das können. [Funktionstheorie]
  2. Menschen dürfen das, weil sie arbeiten und das Konzept Eigentum sicher stellt, dass sie von ihrer Arbeit profitieren können. [Arbeitstheorie]
  3. Eigentum kann auf juristisch klar definierte Arten übertragen werden (z.B. verschenkt, verkauft, vererbt), der Fall, dass Eigentumsansprüche auf etwas erhoben wird, was noch nicht Eigentum ist, ist meist rein theoretischer Natur. [Transfertheorie]
  4. Kinder entwickeln sehr früh einen Sinn für Eigentum, Menschen haben generell das Bedürfnis nach Privatbesitz. Deshalb ist das ein wichtiges Grundrecht. [psychologische Theorie]

Nehmen wir einen konkreten Fall: Ich finde in meinem Garten einen großen Goldschatz. Dann könnte man (1.) sagen, egal wem der gehört, es wird ein optimales Resultat entstehen, wenn jemand mit dem Eigentum an diesem Goldschatz betraut wird, weil die Person dann damit etwas macht, was produktiv ist; oder (2.), ich hab in meinem Garten gegraben etc., deshalb gehört der Goldschatz mir. (3.) gehört der Goldschatz – juristisch – wohl jemandem, an den das Eigentum daran übergangen ist (je nachdem, wie der Schatz in meinen Garten gekommen ist). Schließlich (4.) ist es verständlich, dass ich zumindest einen Teil des Goldschatzes behalten möchte, wenn ich ihn in meinem Garten finde.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen, dass sie keine philosophische Legitimation für einen umfassenden Besitz beinhalten. Sie müssen all gewisse Aspekte ausklammern oder voraussetzen, nämlich:

  1. Dass Eigentum auch tatsächlich im Sinne des Systems verwendet wird (also z.B. produktiv oder der Gesellschaft nützend).
  2. Dass Eigentum dazu dient, die Früchte meiner Arbeit zu ernten.
  3. Dass es irrelevant ist, wie das Eigentum ursprünglich entstanden ist.
  4. Dass wichtige gesellschaftliche Konzepte aus der Funktionsweise der menschlichen Psyche abgeleitet werden sollen (bei Gewalt denken wir ja beispielsweise ganz anders).

John Locke, der die Arbeitstheorie entwickelt hat, ging davon aus, dass Eigentum nur so weit berechtigt ist, wie man es auch nutzen kann. Sobald Eigentum verdirbt oder zerstört wird, hat man kein Recht mehr daran.

Denken wir nun umgekehrt Eigentum nicht als etwas Selbstverständliches, sondern als etwas Problematisches, so könnte man eine Ethik der Eigentumsreduktion entwickeln:

Handle so, dass du möglichst wenig als Eigentum beanspruchen musst.

Wenn also ein Buch auf Google Books erscheint, wähle immer die Option, die es möglichst vielen Menschen möglich macht, es zu lesen. Wenn du einen Swimming Pool hast, lass möglichst viele Menschen darin schwimmen, wenn das geht. Wenn du viel Geld hast, gib davon so viel weg, wie du nicht brauchen kannst. (Bildquelle: Wikimedia.)

8 thoughts on “Die Fragwürdigkeit des Konzepts »Eigentum«

  1. Ich bin mir bei einer deiner Schlussfolgerung nicht sicher: Wenn einer nämlich seinen Pool für die Nachbarschaft öffnet, dann ist das zwar grosszügig, aber er ist immer noch der Eigentümer. Er verfügt weiter über die Nutzung, d.h unter anderem – dieser Aspekt kommt in deiner Argumentation nicht vor – er hat die Kompetenz, über den Zugang zu entscheiden (Z.B. muss er entscheiden, wie viele möglichst viele Schwimmer sind, und wer zu diesen möglichst vielen gehört). Mir scheint wichtig, die Regelung des Zugangs zur Nutzung einer Sache mit zu betrachten, d.h. das Problem des notwendigen Ausschlusses. In dieser Perspektive liegt hier dann auch nicht unbedingt ein Weniger an Eigentum vor.

    Ausserdem: läuft Lockes Prosperitätspurismus nicht an den Gegebenheiten einer Überflussgesellschaft vorbei?

    Steht dieser nicht mit am Anfang eines „Effizienzfiebers“, das längst zu unserem Schicksal geworden ist, und dem man auch mit der Ethik der Eigentumsbeschränkung (oder als aufrechter Bürger eines ‚age of less‘) nicht entkommt? Weil sich das Effizienzfieber tief in die Funktionsstrukturen eingeschrieben hat und die Grosszügigkeiten verdrängt, die für Genuss/Nutzen unabdingbar sind?

    Die Verschwendung ist derweil längst dringlich geworden und hierzu finden sich eigens Instanzen wie Evaluationsgremien oder Reformagenturen eingerichtet, die im Namen der Effizienz und Prosperität planmässig angelegten Ressourcenverbrauch veranstalten. Vielleicht bräuchte es dagegen eher Formen der Verschwendung und Verausgabung, die nicht ihrerseits an Effizientphantasmen rückgebunden sind (wie sie mir bei Locke vorzuliegen scheinen).

    • Klar – das Swimming Pool-Beispiel müsste wohl umfassender dargestellt werden; du hast absolut Recht. (Manchmal brauche ich erstens zu viel Zeit für diesen Blog, eine Form der Verschwendung und Verausgabung, die eben nicht an Effizienzphantasmen zurückgebunden ist; zudem versuche ich, die Länge zu beschränken – und in diesem Fall habe ich wohl zu wenig weit gedacht.)
      Deine Erweiterung im Hinblick auf das Denken in Produktivität gefällt mir sehr gut. Judith Butler spricht einmal davon, vor der Entscheidung zu stehen, ob sie kritisch oder politisch denken soll. Politisches Denken erfolgt im Rahmen des Machbaren, in Zonen, die an die gesellschaftlichen Realitäten anschließbar sind. Kritisches Denken hingegen kennt solche Beschränkungen nicht. Mein Post war wohl eher politisch gemeint: Ich denke, in unserem Alltag könnten wir ganz pragmatisch über eine Beschränkung unseres Eigentums nachdenken. Hinter die Logik der Produktivität zu blicken und zu verstehen, wie Genuss und Verschwendung gekoppelt sind, halte ich für abstrakter. Paradoxerweise sind ja gerade Konsumexzesse gekoppelt an dir irrige Vorstellung, Produkte zu »brauchen«…

  2. interessante ansätze, danke! persönlich sehe ich den psychologischen aspekt des eigentums nicht bloss als den gewichtigsten, sondern auch als den veränderungswürdigsten. ein wichtiger ausspruch in dieser hinsicht ist auch „homo homini lupus“, welchen thomas hobbes mehrfach prominent verwendet hatte. wenn also der mensch dem menschen ein wolf ist, wo findet das trachten nach eigentum sein ende? wo beginnt der verzicht? von einer abstrakt-philosophischen ebene ist diese debatte rückführbar, auf die subjektiv-psychologische. diese direkte und persönliche betroffenheit erfordert eine auseinandersetzung, wie sie bisher in der medialen öffentlichkeit kaum stattfand.

  3. Für mich hängt die Frage nach Berechtigung von Besitz mit der Frage nach dem ICH zusammen. Was oder wer ist das ICH? Wieso soll ich mir anmassen können, dass dieser Körper, der mich begleitet, auch mein ICH ist? Warum soll ich meinen Körper exklusiv für mich beanspruchen können?
    Nehmen wir einmal an, der Körper ist nicht Teil meines ICHs. Die Vorstellung von einer Ambulanz die mit Blaulicht andüst, wenn ich meinem „Besitz“ nicht sorge trage, erscheint mir ziemlich absurd. Wenn ich nun also möglichst wenig von diesem Eigentum beanspruchen soll, wäre ich wohl bedeutend einfacher verpflichtet meine Niere zu spenden – eine eindeutig positive Folge.
    Analog dazu könnte man das ICH nicht nur auf meinen Körper und sondern auch auf die Gegenstände ausserhalb meines Körpers übertragen. So dass es beispielsweise zum Schluss kommt, „Diese Kleider die ich trage sind Teil meiner Haut.“ Es stellt sich die Frage, ob ich nicht genauso auch das Wasser bin mit dem ich am Morgen dusche. Was trennt mich von ihm, bzw. wieso kann ich, sobald ich es schlucke, als zu meinem ICH gehörig bezeichnen und vorher nicht? Hier stellt sich die Frage, wo man die Grenze zwischen dem ICH und dem Eigentum das man minimieren soll zieht.

    • Ich kann diesen Denkschritt absolut nachvollziehen – würde zunächst einfach mal davon ausgehen, dass zu meinem »Ich« gehört, was sich nicht von mir trennen lässt. Die Frage, ob es ethisch nicht geboten sein könnte, ein Organ zu spenden, stellt sich zudem wohl unabhängig vom Konzept des Eigentums.

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