Die »Petarden-Trottel«-Kampagne – ein Fall für den Presserat?


Der Blick bzw. Benny Epstein inszeniert diese Boulevard-Kampagne der übelsten Sorte. Worum geht es? Die NZZ schreibt:

Mit Petardenwürfen haben einige der rund 700 mitgereisten Fans des FC Zürich am Donnerstagabend beim Auswärtsspiel im Römer Stadio Olimpico gegen Lazio Rom für Aufruhr gesorgt. Einem Anhänger der Zürcher explodierte eine Petarde in der Hand. Er zog sich dabei schwere, jedoch nicht lebensgefährliche Verletzungen an der Hand zu. Wie eine Sprecherin der Römer Polizei auf Anfrage sagte, verlor er aber mehrere Finger. Zurzeit befindet er sich noch in Spitalpflege. […]

[D]er Klub [kenne] mittlerweile den Namen des Petardenwerfers. Die italienische Polizei ermittle nun gegen ihn wegen Verstosses gegen das Sprengstoffgesetz. Er dürfte deswegen auch Schwierigkeiten mit der Ausreise aus Italien bekommen […]. Zudem wurde der Mann mit einem dreijährigen Stadionverbot in Italien belegt.

Kurz gesagt: Der Mann hat gegen italienische Gesetze verstossen, einen Unfall erlitten, wurde schwer verletzt und juristisch belangt. Der Fall ist abgeschlossen; der FCZ wird wohl auch ein Stadionverbot in der Schweiz gegen ihn aussprechen.

Doch das hindert Benny Epstein nicht daran, den Mann an den Pranger zu stellen, Photos von ihm zu publizieren und seinen Arbeitgeber und seine Eltern zu belästigen:

20111112-065613.jpgDie »Recherchen« bzw. Belästigungen von Epstein sind so sinnlos wie unergiebig. Hier die Highlights:

BLICK versucht, den FCZ-Fan bei der Arbeit zu erreichen. Am Telefon sagt ein Arbeitskollege: «Er ist nicht da, er ist verunfallt.»

Jetzt könnten seine Eltern Stellung nehmen. «Wir haben den Anwalt schon eingeschaltet», sagt Vater Fredy. «Wir sagen nichts. Komm jetzt, Fredy», wiegelt Mutter Monika ab. Der Vater will offenbar reden. Doch kaum beginnt er damit, fällt ihm die Mutter ins Wort: «Fredy, so wie wir es besprochen haben: freundlich, aber bestimmt. Lass uns gehen!» 37 Minuten waren sie in der Wohnung ihres Sohnes.

Der Artikel verlinkt sogar auf das »Mazda«-Dossier von Blick, weil die Eltern einen Mazda fahren.

Wir stellen uns vor: Epstein steht vor der WG des Vernunfallten und wartet genau 37 Minuten, bis die Eltern rauskommen und ihm nicht sagen. Das hindert ihn nicht daran, den Beruf des Vaters herauszufinden und damit diese unsägliche Geschichte im Konjunktiv II zu konstruieren.

Herr Epstein sei der Paragraph 7 aus der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten zur Lektüre empfohlen. Dort steht:

[Die Journalistinnen und Journalisten] respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.

Ich bezweifle, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, mit welchen Worten die Eltern dem Reporter mitgeteilt haben, dass sie ihm nichts zu sagen haben, welches Auto sie fahren und was ein Mitarbeiter am Telefon genau gesagt hat.

In diesem Sinne wäre es wahrscheinlich hilfreich für Herrn Epstein, der Presserat würde ihm das auch mitteilen. »Das ist kein Journalismus, das ist Hetze«, schreibt Daniel Ryser bei Nation of Swine.

Update 10. November:

  • Epstein macht auch heute weiter (vierter Artikel), spekuliert ohne Fakten über eine mögliche Arbeitslosigkeit, juristische Folgen und gar einen IV-Antrag (und dessen Beurteilung). Ich verlinke nicht darauf.
  • Daniel Ryser interviewt Peer Teuwsen, Chef der Schweizer Abteilung von Die Zeit, auf Nation of Swine:

    Und dann ist es ja nicht einmal so, dass es irgendwas zur Problemlösung beitragen würde. «Blick tut was», das ist das Motto. Es ist die Sündenbock-Theorie. «Jetzt haben wir endlich einen. Und den machen wir jetzt so richtig fertig». Man will dem Leser den Eindruck geben, es passiere etwas. «Wenn schon der Staat versagt, dann machen wenigstens wir etwas», soll die Botschaft sein. Es ist eine Verkennung der Rolle und ein massives Überschreiten journalistischer Grenzen.

 

66 thoughts on “Die »Petarden-Trottel«-Kampagne – ein Fall für den Presserat?

  1. grundsätzlich gebe ich dir absolut recht, was man mit dem jungen Mann macht ist z.T. stark unter der Gürtellinie. Aber andererseits habe ich das Gefühl, dass das vielleicht im Zuge der momentanen Debatte auch eine etwas abschreckende Wirkung haben könnte. Vielleicht überlegt man es sich so in Zukunft etwas besser, ob man im Stadion herumzeuseln will, wenn man sich bewusst ist, dass da eine Schmutzkampagne auf einem zukommen könnte. In diesem Sinne also doch ein – wenn auch verstecktes – öffentliches Interesse.

  2. In jedermanns (Privat!)Leben gibt es Dinge, die die meisten anderen nicht wissen sollen ud die auch niemanden was angehen. Woher diese Schmierfinke immer nur ihre geglaubte moralische Überlegenheit hernehmen würde mich echt interessieren. Vielleicht sollte man mal Mama und Papa Epstein befragen, was sie so von ihrem Pseudojournalistenjungen denken und das öffentlich machen…

  3. Danke Herr Wampfler

    Ich hatte im Online-Feedback bereits Dienstagnacht dem Blick geschrieben, dass ich es als eine Schande für eine zivilisierte Gesellschaft erachte, wie berichtet würde. Wörtlich habe ich unter andrem geschrieben: “ (…) Nach meinem Dafürhalten sind Sie keinen Deut besser, als der tobende Mob im MIttelalter, welcher damals nach eigenem Gusto Leute lynchte, wie es ihm gerade durch den (hohlen?) Kopf ging. Würde mein Mitarbeiter derart schlecht arbeiten, wie nach meinem Dafürhalten Ihre Artikel recherchiert oder inhaltlich aufgebaut sind, ich müsste ihn glattwegs fristlos entlassen. Ihr Blatt erachte ich als eine Schande für eine angeblich zivilisierte Gesellschaft. Erschreckend ist, dass viele Leute das mediale Dreinschlagen auch noch „geil“ finden und in den Kommentaren nachtreten, wie der Pöbel auf der Strasse, wenn einer bereits am Boden liegt (…)“. Das scheint die Herren an der Dufourstrasse aber offenbar nicht sonderlich zu interessieren. Weshalb also Feedbacks abgeben anstatt den Presserat direkt einzuschalten? Aus meiner Sicht ist vor dem Hintergrund des Unfalls im Sektor auch ganz klar Art. 8 der Erklärung verletzt, welche unter anderem dahingehend lautet, „Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.“

  4. das herziehen über den boulevardjournalismus und herumreiten auf paragraphen der rechte und pflichten der journalisten ist doch sehr scheinheilig. vor allem weil von bloggs sehr oft (und übrigens auch in diesem artikel) nicht einmal das oberste journalismusgebot eingehalten wird: nämlich dass man jemanden die möglichkeit gibt, stellung zu nehmen, wenn man ihm etwas vorwirft.

    • Aber diese Möglichkeit hat jede Person – du hast eben Stellung genommen. Ich veröffentliche alle Kommentare, die sich auf die Sache beziehen.
      Was wäre dein Vorschlag? Dass ich Epstein eine Mail schreibe und ihn frage, ob er das Gefühl habe, die Privatsphäre der Eltern gewahrt zu haben?

      • yep, genau so müsstest du das machen. recherchieren und dem betroffenen am schluss die möglichkeit geben, sich zu den ergebnissen zu äussern. das der betroffene eine möglichkeit hat, einen leserbrief zu schreiben, reicht dabei nicht aus. wenn man hohe ansprüche an andere stellt, sollte man die auch selber einhalten.

      • Ich bin damit einverstanden – man muss an sich selber auch hohe Ansprüche stellen. Ich verhalte mich entsprechend den Regeln der Erklärung des Presserates – oder glaube das zumindest.
        In Bezug auf die Stellungnahme von Epstein bin ich mir unsicher: Ich sehe Blogposts als eine andere Textsorte als Zeitungsberichte. Es sind eher Kommentare, in denen ich meine Meinung präsentiere. Das von dir angeführte »oberste Gebot« steht ja so nicht in der Erklärung, es betrifft insbesondere nur Artikel, die eine neutrale Perspektive einnehmen. Das tue ich nicht – und will es auch nicht. Insofern halte ich die Aussage nicht für ganz falsch, dass in der Blogsphäre eine Reaktion (eigener Blogpost oder Kommentar) die korrekte Form der Darstellung für eine abweichende Meinung ist.

      • rechte und pflichten und presserat hin oder her: wenn man jemandem öffentlich an den karren fährt, gehört es sich einfach, dass man den auch anhört.

      • So wie der Blick den jungen Mann angehört hat BEVOR man ihn öffentlich beleidigt und als „Trottel“ bezeichnet hat? Oder moment… verwechsle ich etwas? Blick hat ja alles mögliche unternommen um an den jungen Mann heranzukommen… könnte es vielleicht sein dass dieser Mann sich insbesondere WEGEN Ihrer Berichterstattung nun zurückgezogen hat? Doppelmoral, Herr Füglister?

      • So wie es der Blick immer macht? Ah, entschuldigen Sie, ich habe was verwechselt: so wie es der Blick meistens NICHT macht? Ihre Doppelmoral ist schlimm. Sehr schlimm!

      • das gilt natürlich genauso für den blick und jedes andere medium. etwas anderes habe ich nie gesagt. ich finde lediglich, wer über journalistische qualität berichtet, soll sich selber auch an die eingeforderten grundsätze halten. mit der blick berichterstattung wie auch mit dem blick habe ich übrigens seit fast drei jahren nichts mehr zu tun.

      • Herr Epstein ist jederzeit eingeladen hier mitzubloggen; Wo ist das Problem? Lukas Füglister, glauben Sie, Herr Epstein haben den Verunfallten gefragt, ob er damit einverstanden sei, ihn als „Petarden-Trottel“ zu bezeichnen?

      • die möglichkeit hier mitzubloggen reicht eben nicht. und auge um auge, zahn um zahn ist natürlich ein motto, einfach nicht meines.

      • wieso sollte diese möglichkeit nicht reichen? im gegensatz zu blick.ch werden hier leserkommentare nicht nach gutdünken freigeschaltet.

      • Das kann ich schon verstehen – eine in den Kommentaren versteckte Reaktion hat nie das gleiche Gewicht wie eine im Artikel stehende.
        Wie gesagt: Ich – und nicht nur ich – haben Herrn Epstein per Mail um eine Stellungnahme gebeten. Die ist bisher ausgeblieben. Es ist sicher nie falsch, jemanden um seine Meinung zu fragen.

      • Wobei sich das – wie sie bereits zuvor klargestellt haben – bei einer Boulevardzeitung und einem blog noch etwas anders gewichtet… ein Blog soll die diskussion bewusst anregen (funktioniert hier bestens) während dies bei der Kommentarfunktion eines Boulevardartikels eher schlecht als recht funktioniert wenn diese bereits nach gusto des Blatts „beschnitten“ werden und „Kreti und Pleti“ wild durcheinander kommentieren (denke diesen Eindruck habe nicht nur ich). Herr Epstein hätte hier in meinen Augen eine gute Möglichkeit gehabt Stellung zu nehmen, zudem gehe ich auch davon aus dass Sie seine Aussagen auch wahrheitsgetreu nachträglich in Ihrem Text eingefügt hätten.

  5. Pingback: Finger weg. Nachgetreten. | Journalistenschredder

  6. Knifflig. Einerseits war es höchste Zeit, dass die Ultras mal ein Gesicht bekommen. Eines, dem sein eigenes Verhalten zum Verhängnis geworden ist, weil da Einsicht zu erwarten ist. Mit dem Holzhammer ist das natürlich kontraproduktiv, weil alle folgenden „Mit dem Ultra auf du & du“-Artikel jetzt natürlich an dieser Kampagne gemessen bzw. a priori als potentiell unseriös angesehen werden. In der Schule gäbe es dafür Klassenkeile.

    • Dagegen hätte ich auch nicht – über Ultras schreiben und zeigen, wie die ticken. Aber es ist nicht einmal klar, ob der Typ ein Ultra ist oder war, wie er in die Szene integriert ist – und man erhält auch kein Profil von ihm, sondern diffuse Angaben über seinen Arbeitsplatz und die Automarke seiner Eltern.

  7. Pingback: Update: Petarden-Kampagne und Beschwerde beim Presserat | Philippe Wampfler bloggt.

  8. Der soll sich einen guten Anwalt nehmen. Fotos, Lebensumstände, Zitate, die Art und Weise wie über die Person berichtet wird. Kenn die Gesetze nicht in der Schweiz, aber in Deutschland stünde ihm eine ordentliche Summe an Schadensersatz zu (mehrere zehntausend Euro).

  9. Herr Füglister, Sie vergleichen hier Äpfel und Rosinen. Dies ist ein Blog, hier schreiben Amateure. Sie und Herr Epstein sind Profis und arbeiten bei professionellen Prangern, bei welchen (leider) allzu viele Boulevard- und Pendlermüll-Trottel ihre Gier nach Voyeurismus befriedigen. „Auge um Auge“ wäre, wenn man Herr Epstein, seine Eltern, seinen Arbeitgeber (ok, der steht, finde ich, zu Recht am Pranger) an einen professionellen Pranger stellen würde.

    • Und Sie sind schlecht informiert und verbreiten Falschinformationen. Ich arbeite seit mehr als zwei Jahren nicht mehr als Nachrichtenjournalist.

      • Herr Füglistaler, das ist doch gar nicht die zentrale Frage. Immer das gleiche, den Sachverhalt verzerren und Leute schlecht machen. Nur weil Sie seit zwei Jahren nicht mehr als Nachrichtenjournalist tätig sind heisst das noch lange nicht, dass Sie kein Profi mehr sind…

  10. Parteiergreifende Berichterstattung:
    Es gibt keine Pflicht der Journalistinnen und Journalisten zu „objektiver“ Berichterstattung und/oder umfassender Sachverhaltsklärung. Die Berufsethik der Journalisten lässt eine einseitige, parteiergreifende Berichterstattung zu. Die deutliche Parteinahme gegen den „Petarden-Trottel“ ist dem „Blick“ m.E. unbenommen; ungeachtet davon, ob diese Bewertung der Fakten als angemessen erscheint oder nicht.
    Anfügen lässt sich, dass der „Blick“ nicht den Ausgang des (offenbar hängigen) Strafverfahrens abwarten muss, um sich zu den Petarden-Vorfällen von Rom äussern zu dürfen.

    Betroffene sollten aber vor der Publikation von schweren Vorwürfen oder öffentlichkeitswirksamen Vorfällen angehört werden (zumindest sollte ihnen die Möglichkeit einer Stellungnahme eingeräumt werden). Eine allfällige Stellungnahme sollte alsdann im Medienbericht zumindest kurz wiedergegeben werden. Können die Betroffenen nicht erreicht werden oder geben sie keine Auskunft, ist dies in den entsprechenden Berichten kurz zu vermerken. So wird den Lesenden klar, dass allenfalls eine andere Version des Sachverhalts (oder eine sich vom Printmedium unterscheidende Parteiperspektive) gegenübersteht – oder gegenüberstehen könnte.
    Vorliegend hat der Journalist des „Blick“ versucht, mit den Eltern des Betroffenen als auch mit der WG Kontakt aufzunehmen (dem Journalist war offenbar nicht bekannt, ob sich der Betroffene noch in Rom im Spital befand oder wieder zu Hause war). Niemand hat Auskunft geben wollen. Dass dies in der Berichterstattung so vermerkt wurde, gibt in meinen Augen zu keinen Beanstandungen Anlass.

    Grosses öffentliches Interesse am Thema:
    Die Medien beschäftigen sich immer wieder intensiv mit gewissen Themen: Seien es Abzocker, pädophile Priester, Militär-Drama auf der Kander, religiöse Fanatiker – oder eben Gewalt und Sicherheit im Sport. Zwar kann ein regelmässig aufgenommenes, aktuelles Thema zu einer plötzlichen Flut von Medienberichten und damit zu Entgleisungen führen. Dieser Mechanismus ist der Pressefreiheit aber inhärent.

    An der Berichterstattung zum Thema „Gewalt im Sport / Hooligans / Pyros / Sicherheitskosten“ besteht ein öffentliches Interesse. Es geht um die Sicherheit von Menschen, oft auch von Unbeteiligten, von Polizisten – und nicht zuletzt auch um viele hunderttausend Franken Steuergelder. Das Thema bewegt die Leute und ist gesellschaftlich bedeutsam (im Übrigen auch soziologisch betrachtet höchst interessant). Das zeigt sich an den unzähligen Reaktionen auf Medienberichte in verschiedenster Art und Form (Blogs, Talkbacks, Leserbriefe, Twitter, facebook, persönliche Gespräche, Stammtisch, etc.).

    Was darf gezeigt und abgedruckt werden:
    Die einzelnen Journalist/innen und Redaktionen sind nicht für die Gesamtwirkung eines Medienhypes verantwortlich. Doch sie sind verpflichtet, im Einzelfall von ihrem Ermessen bei der Auswahl der zu veröffentlichenden Informationen in verantwortlicher Weise Gebrauch zu machen. Bei ihrer Abwägung sollten sie auch die Wirkung berücksichtigen, welche eine Serie von Medienberichten für die davon Betroffenen hat.
    Medienschaffende müssen sich bei Bildern genauso wie bei Texten fragen: „Was muss und was darf ich zeigen?“ und sorgfältig zwischen der Information der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsschutz sowie der Menschenwürde der Betroffenen abwägen.

    Was hat der „Blick“ konkret geschrieben und abgebildet, das die Persönlichkeit des Betroffenen verletzt haben könnte? Er hat anonymisierte Fotos des Betroffenen gezeigt. Dabei dürfte der schwarze Balken vor den Augen als Anonymisierung genügen. Weiter hat er das Haus abgebildet, in dem er in einer WG wohnt. Das dürfte die Grenzen der Privatsphäre ebenfalls nicht überschreiten. Es ist ein austauschbares Mehrfamilienhaus, von denen es in der Schweiz in dieser Art unzählige gibt. Weder Strasse noch Hausnummer wurden bekannt gegeben.
    Dass der Journalist ferner mit den WG-Kollegen und den Eltern sprechen wollte, ist nicht per se verwerflich. Es ist legitim vom näheren Umfeld eines Betroffenen weitere Informationen erhalten zu wollen. Die Bemühungen des Journalisten könnten als Versuch eines Grobportraits gedeutet werden. Damit sich der Leser vorstellen kann, in welchem Milieu sich der Betroffene bewegt, was sein Umfeld von der Aktion denkt, etc. Das mag die Persönlichkeitsphäre des „Petarden-Trottels“ tangieren, verletzt sie meines Erachtens aber nicht. Der Journalist ist weder in die WG des Betroffenen eingedrungen noch in die Wohnung seiner Eltern. Er hat respektiert, dass sich die Eltern nicht äussern wollten und hat dies in seinem Artikel entsprechend vermerkt. Ob er den Eltern „aufgelauert“ ist oder lediglich auf sie gewartet hat, ist Interpretationsfrage. Unter Auflauern verstehe ich persönlich jedenfalls etwas anderes.
    Ob die spärlichen Informationen, die der „Blick“ zusammentragen konnte, wirklich informativ waren und einen Mehrwert für den Lesenden darstellten, sei dahingestellt.

    Ohne Verletzung der Privatsphäre muss auch kein besonderes öffentliches Interesse am konkreten Inhalt nachgewiesen werden. Insofern scheint mir die Berichterstattungen des Blick grenzwertig, aber im Rahmen des Vertretbaren.

    (Nota bene: Das Strafrecht hat nicht primär eine abschreckende Wirkung. Im Zentrum steht der Schuldausgleich. Darüber hinaus spielt v.a. der Resozialisierungs- und Besserungsgrundsatz sowie die Sicherung der Gesellschaft eine Rolle.)

    • „Parteiergreifende Berichterstattung“
      -> Seriöser Journalismus IST objektiv. Es geht nicht darum, dass die Zeitung dir eine Meinung vorgibt, sondern dir neutral hilft eine Meinung zu bilden.
      Insofern ist es die Pflicht, seriös und v. a. neutral zu berichten. Ansonsten
      könnte man kein Medium mehr ernst nehmen. (Was anderes ist das bei Weblogs)

      Aber Objektivität ist so eine Sache, die steht und fällt ja schon bei der Auswahl von Artikeln, die man den Lesern präsentiert. Natürlich darf der Blick sich gegen sowas aussprechen, nur geht es auch um die Art, wie sie das tut. Das erinnert sehr an den Pranger aus dem Mittelalter…

      „Vorliegend hat der Journalist des „Blick“ versucht, mit den Eltern des Betroffenen als auch mit der WG Kontakt aufzunehmen (dem Journalist war offenbar nicht bekannt, ob sich der Betroffene noch in Rom im Spital befand oder wieder zu Hause war). Niemand hat Auskunft geben wollen. Dass dies in der Berichterstattung so vermerkt wurde, gibt in meinen Augen zu keinen Beanstandungen Anlass.“
      -> Wir wissen nicht, wie genau das der Journalist probiert hat. Boulevard-Medien sind nicht gerade zimperlich, wenn sie Informationen einholen wollen. Ich weiss nicht, wie weit der Ringier-Verlag hier geht, aber der Springer-Verlag in Deutschland geht da schon extrem weit…

      „Grosses öffentliches Interesse am Thema:“
      Tja, wenn es darum geht, müsste sehr viel wirklich diskutiert werden. Wen interessiert Hooliganismus? Natürlich die Betroffenen und Leidtragenden. Damit du mich richtig verstehst: Auch ich finde Hooliganismus indiskutabel. Aber das hier verhärtet nur die Fronten weiter, wie die Reaktionen offenbar Einzelner ggü. den Redaktoren gezeigt hat.
      Und Du hast Recht: Je mehr davon berichtet wird, desto abgestumpfter wird man. Seien wir doch ehrlich: Für den Blick ist das doch das Beste, was passieren kann. Der Blick lebt von solchen Schlagzeilen.

      „Was darf gezeigt und abgedruckt werden“
      Stimmt, sowas sollte abgewägt werden. Nur: Was interessiert das mich, welches Auto die Eltern fahren? Ob der junge Mann in der Probezeit ist, etc. Es sollte nicht vergessen werden: Der Mann ist noch nicht einmal rechtskräftig verurteilt worden! Was hier gestillt wird, unter dem Deckmantel der „Information für die Öffentlichkeit“ ist nur Voyeurismus, nicht mehr.

      Was hat der „Blick“ konkret geschrieben und abgebildet, das die Persönlichkeit des Betroffenen verletzt haben könnte? Er hat anonymisierte Fotos des(…)

      Das, was die Journalisten hier tun, ist eigentlich das, was die Gerichte/Juristen tun werden/sollten. Das ist nicht Aufgabe von Journalisten, die dafür bezahlt werden, reisserische Informationen zu veröffentlichen. Vergessen wir nicht: Die verdienen damit ihr Geld.
      Übrigens: Auch in der Art wie er geschrieben hat, wie die Eltern reagiert hat, lässt er ein Bild bei den Lesern entstehen, ganz im Interesse des Blicks.

      Ob die spärlichen Informationen, die der „Blick“ zusammentragen konnte, wirklich informativ waren und einen Mehrwert für den Lesenden darstellten, sei dahingestellt.

      Im Gegenteil: Das ganze ist u. Umständen noch für den Betroffenen positiv. Wenn das Gericht nämlich zum Schluss kommt, er wurde vorverurteilt könnte die ganze Berichterstattung nach hinten losgehen…

      „Ohne Verletzung der Privatsphäre muss auch kein besonderes öffentliches Interesse am konkreten Inhalt nachgewiesen werden. Insofern scheint mir die Berichterstattungen des Blick grenzwertig, aber im Rahmen des Vertretbaren.“

      Hm, ich weiss nicht: Jemanden als Trottel darzustellen, während Tagen über sein Leben, seine Familie(!), etc. zu berichten, ist für mich schon sehr Grenzüberschreitend. Damit soll lediglich die Stimmung aufgeheizt werden. „Hart aber Fair“ ist was anderes für mich.

    • Ich kann deine Interpretation nachvollziehen – bin aber dezidiert anderer Meinung.
      Zunächst ist eine Schuld im strafrechtlichen Sinne nicht nachgewiesen. Die Geschichte, so wie sie auch der Blick darstellt, lässt darauf schließen, dass der »Petarden-Trottel« einen Unfall erlitten hat und weder Feuerwerk/Sprengstoff gezündet hat noch ihn ins Stadion geschmuggelt hat.
      Nun suggeriert die Berichterstattung, das Unfallopfer sei ein Täter – was sich faktisch nicht belegen lässt.
      Das Problem in der Darstellung sind dann weiter die Eltern des Betroffenen. Ihnen kann nichts vorgeworfen werden – dennoch werden sie durch den Text wahrscheinlich identifizierbar, insbesondere der Vater (fährt einen Mazda, ist Schulpsychologe im Kanton Zürich). Er hat sich aber nichts zuschulden kommen lassen – und auch sein Sohn evtl. nicht.

      • Den Vorwurf der „Vorverurteilung“ des Betroffenen durch den „Blick“ bringst du neu auf, zumindest in dieser starken Gewichtung. Bis anhin schien es mir, es gehe dir in erster Linie um (angebliche) Privatsphärenverletzungen.

        Nun gut:
        Gemäss der Richtlinie 7.4 zur „Erklärung“ sollten Medienschaffende bei Berichten über hängige Strafverfahren der Unschuldsvermutung Rechnung tragen. Die Unschuldsvermutung hindert Medienschaffende aber nicht daran, bei hängigen Verfahren pointiert zu kommentieren und Partei zu ergreifen. Sie sollten aber zumindest darauf hinweisen, ob das Verfahren noch hängig oder abgeschlossen ist und ob eine eventuelle Verurteilung rechtskräftig ist. Das hat der „Blick“ auch so gehandhabt und korrekterweise darauf hingewiesen, dass in Italien ein dreijähriges Stadionverbot gegen ihn ausgesprochen und ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet worden sei.
        Bei einer Gesamtbetrachtung der erschienen Artikel des „Blick“ zu diesem Thema sehe ich persönlich die Unschuldsvermutung durch die Berichterstattung des „Blick“ nicht verletzt. Es wurde weder behauptet, der Betroffene habe sich erwiesenermassen straffällig verhalten, noch wurde kommuniziert oder suggeriert, er sei rechtskräftig verurteilt worden. Dass suggeriert wurde, er habe die explodierte Petarde in der Hand gehalten, wurde bislang von niemandem bestritten und ist augenfällig; ob dieses Verhalten strafbar ist, stand für den „Blick“ nicht im Zentrum der Berichterstattung und wurde in den Artikeln auch nicht behauptet (Zitat „Blick“ aus dem Artikel vom 7.11.: „Wegen Petardenbesitzes wurde er bereits zu drei Jahren Stadionverbot in Italien verurteilt. Weitere juristische Schritte werden eingeleitet.“).

        Zwar mag die Berichterstattungsserie für den Betroffenen selbst als unzumutbar angesehen werden. Doch mir scheint, bei den Lesenden werde nicht der unzutreffende Eindruck erweckt, der „Petarden-Trottel“ sei wegen den Vorfällen bereits rechtskräftig verurteilt worden. Auch die Wortwahl „Trottel“ lässt sich interpretieren als „schusseliger Fan, der in den Petarden-Unfall verwickelt war“ – ohne den Anschein einer begangenen strafbaren Handlung zu erwecken.

        Auch wenn die „Blick“-Berichterstattung rund um diesen Petarden-Fall die öffentliche Meinung über die Südkurve und den Betroffenen selbst negativ beeinflusst haben sollte, ist dadurch meiner Meinung nach auch eine unabhängige (allfällige) gerichtliche Beurteilung nicht a priori in Frage gestellt.

        Angesichts der Gefahr der Entstehung eines falschen Anscheins ist es natürlich wichtig, dass sich Journalistinnen und Journalisten bei ihren Recherchen der Grenzen der eigenen Möglichkeiten bewusst sind. Strafverfolgungsbehörden haben prozessuale Mittel (Zeugeneinvernahmen, Spurenuntersuchungen, sonstige Beweismassnahmen) zur Rekonstruktion eines Sachverhalts, die der journalistischen Recherche verwehrt sind. Medienschaffende sollten sich davor hüten, sich unter dem wirtschaftlichen Druck dazu verleiten zu lassen, blosse Gerüchte und Verdächtigungen ungeprüft zu veröffentlichen.
        Im vorliegenden Fall hat der „Blick“ aber keine blossen Gerüchte in die Welt gesetzt, sondern war bemüht, möglichst viele Fakten und Stellungnahmen zu erhalten – u.a. vom Betroffenen und seinem nächsten Umfeld. Dass auch Aussagen wie z.B. diejenige des FCZ-Präsidenten Ancillo Canepa in die Berichterstattung einfliessen, ist legitim. Immerhin hat sich dieser am Tag nach den Vorfällen und als einer der direkt vom Geschehenen Betroffenen pointiert zum Vorfall geäussert – wobei davon ausgegangen werden durfte, er spreche in Kenntnis der Sachlage.
        Nachfolgend einige von Canepas Interview-Aussagen: „Das ist einfach nicht mehr akzeptabel“. (…) „Es gab absurde Szenen. Der Fan, der sich an der Hand verletzt hat, hat sich schlicht geweigert, dem Fanarbeiter seinen Namen anzugeben. Er bekomme dann ja sowieso ein Stadionverbot, habe er gesagt, und sei weggelaufen. Es ist einfach nur noch abartig, was da abgeht.“ (…) „Ich erwarte von den Fans und der Südkurve, dass sie endlich ein Bekenntnis abgegeben gegen Gewalt.“
        http://www.bluewin.ch/de/index.php/524,487559/Ancillo_Canepa__«Ich_fühle_mich_verarscht»/de/sport/fussball/artikelasl/

        Diese Aussagen hat der „Blick“ nicht etwa als erwiesene Tatsachen übernommen, sondern das Interview lediglich auf seiner Homepage zur Verfügung gestellt. Ein m.E. völlig korektes Vorgehen.

        Man kann sich über Auswahl und Gewichtung des vom „Blick“ bearbeiteten Themen und veröffentlichten Informationen ärgern. Aber es wäre vermessen und anmassend, dem „Blick“ verbindliche Vorgaben zu machen, wie intensiv und häufig er über ein Thema berichten dürfe – auch wenn an einer Berichterstattung kein besonderes öffentliches Interesse besteht.

    • Hey,

      long time reader, first time commenter. Ich bin Journalist, keiner der fünf Betroffenen und schreibe folgend meine private Meinung und nicht die eines Medienkonzerns.

      Daphinoff hat natürlich recht. Merkwürdig finde ich schon, dass Wampfler, der lt. Persönlich immerhin „Medienethik“ unterrichtet, offenbar hier von Füglister und Daphinoff erstmals davon erfährt, dass so etwas wie das Prinzip der Möglichkeit zur Stellungnahme existiert. Immerhin eine der wichtigsten Regeln des Journalismus, die weltweit praktiziert wird.

      Aber item. Grundsätzlich ist folgendes anzumerken:
      – Ein (korrekt platzierter, logisch) Balken über dem Foto drüber schützt die Persönlichkeit des Abgebildeten (zumindest auf das Foto bezogen). Ein „Pranger“ – nicht im Artikel erwähnt, aber in den Kommentaren hier, offenbar vom Bingesser im „Talk Täglich“ (nicht gesehen) und von Diener-Morscher in der „Tageswoche“ – mit einer anonymisierten Person ist ein Paradoxon. Reicht der Balken nicht, hat die ganze Schweizer Presse, nicht nur der Boulevard und nicht nur der Blick, ein Problem.
      – Dass sich Diener-Morscher in der „Tageswoche“ bei einem offensichtlich laufenden Verfahren so weit aus dem Fenster lehnt, ist ungewöhnlich und seltsam, insbesondere wenn man weiss, wie das Gremium Presserat funktioniert.
      – Egal, wie man jetzt zum Boulevard steht oder spezifisch zum „Blick“: Journalismus und Pressefreiheit ist, genauso wie Demokratie, halt nicht nur dann, wenn er mit der eigenen Meinung kongruent ist. Tough shit.
      – Guter Journalismus und gute Journalisten sind per se unanständig. Das ist kein Schönwetterberuf und das ist okay. Mit Beleidigungen muss man leben, daran gewöhnt man sich, darüber beklagt sich niemand. Aber dass bei Drohungen gegen Leib und Leben die Linie gezogen wird, finde ich richtig und wichtig.
      – Dass die „Trottel“-Kampagne und die justiziable Reaktion drauf im alttestamentarischen Zahn-um-Zahn-Sinn gleichgesetzt werden, ist absolut abstossend. NIcht hier, aber anderswo, etwas Ryser. Journalismus, Pressefreiheit und Demokratie ist nicht nur, wenn man über die ‚Ndrangheta schreibt. Dass Journalisten wegen ihrer Artikel um ihr Leben fürchten müssen, ist ein Skandal und einer westlichen Demokratie undwürdig. Siehe oben. Ich vermisse, bei aller Häme gegen den Boulevard, gegen den Blick und gegen die fünf Journalisten, die man hegen kann, wenn man mag, eine angemessene Empörung.

      • Danke für diese Rückmeldung. In aller Kürze:
        1.) Mir ist absolut klar, dass die Möglichkeit der Stellungnahme gegeben sein muss. Die gibt es aber genau hier – erstens – und zweitens sehe ich einen Blogpost als Textsorte »Kommentar« – also um eine Darstellung einer persönlichen Meinung, nämlich meiner.
        Ich finde es aber eine Anregung, das Prinzip für meinen Blog zu übernehmen und werde in Zukunft Stellungnahmen erbeten, wenn ich Personen persönlich erwähnte. Dazu muss aber gesagt sein: Ich blogge in meiner Freizeit und will auch schnell auf gewisse Dinge reagieren können – ohne abzuwarten, ob jemand seine Meinung abgeben will oder kann.
        2.) Ob die Person identifizierbar wird oder nicht, möchte ich nicht beurteilen. Darauf stützt sich auch meine Beschwerde nicht ab. Sein Vater ist es aber wohl (Schulpsychologe mit Mazda).
        3.) Ja, Diener-Morschers Äußerung hat mich auch überrascht. Sehr sogar. Sie ist mithin ein Grund, weshalb ich die Beschwerde verfasst habe.
        4.) Ja – Pressefreiheit muss umfassend sein. Sie hat aber Grenzen: Dort wo Menschen – insbesondere schwache – persönlich getroffen werden. Das ist meine Meinung.
        5.) Die Reaktion gegenüber den Journalisten ist untragbar und unter aller Sau. Das habe ich auf Twitter klar angemerkt, auch auf persoenlich.com. Das muss ich hier nicht wiederholen. Ich bekunde nicht zu allem hier meine Meinung und habe auch nie die Journalisten als Personen angegriffen oder dazu aufgerufen. – Zudem weiß niemand, wer überhaupt diese Journalisten bzw. weshalb.

      • Mir gehts nicht um den Beitrag hier; ich wollte hier kommentieren, weil der Kommentarbetrieb brummt. Bei Ryser eher nicht aus Gründen, die im ersten Kommentar drinstanden. Ich hatte auch nicht explizit Dich vor Augen mit der mangelnden Distanzierung.

        Ob Blogs sich an die Regeln der journalistischen Fairness halten müssten, ist eine Diskussion, die jetzt hier nicht drängt (Profi-Ami-Blogs, Gawker-Blogs etwa, fräsen die Geschichte online und enden mit dem Hinweis, für eine Stellungnahme angefragt zu haben und noch auf die Antwort zu warten, aber ich schweife ab). Mir gings darum, dass das der Grund ist, warum grundsätzlich die Eltern oder die WG-Kumpanen zitiert werden. Das ist der Grund, wie Daphinoff ja ausführte.

  11. Pingback: Blick-Journalisten hart angeprangert | Feldstechers Blog

  12. Angefügt sei Folgendes: Fangewalt und die Pyrothematik sind sensible Bereiche, die grosse öffentliche und mediale Aufmerksamkeit erfahren und auf die emotional reagiert wird. Fanentgleisungen stehen seit längerer Zeit stark im Fokus der Medien, was der Betroffene wusste oder zumindest hätte wissen müssen. Wer sich – wie er – in einem ausländischen Stadion an einem prestigeträchtigen Fussballspiel, das von unzähligen Leuten direkt oder am TV/PC mitverfolgt wird, (krass) regelwidrig verhält oder mindestens an der Regelwidrigkeit beteiligt ist, der muss damit rechnen, dass der Vorfall in der Folge von schweizerischen wie auch internationalen Medien aufgegriffen wird. In diesem Kontext ist derartiges (Fehl-)Verhalten (Pyro/Petarden/Fackeln/Prügeleien) – das im Übrigen explizit darauf ausgerichtet ist, von anderen wahrgenommen und beachtet zu werden – geeignet, das Interesse der Medien über eine bloss beschreibende Berichterstattung hinaus zu wecken. Sprich: der Betroffene rückt auch als Person automatisch in den medialen Fokus. Dabei sei bemerkt, dass Bilder von einzelnen fehlbaren Fans von der Polizei regelmässig zu Fahndungszwecken ins Internet gestellt werden; auch dies ist keine Seltenheit mehr und ein Zeichen dafür, dass sich die Grenzen der zu schützenden Privatsphäre zu Ungunsten der fehlbaren Fans verschoben haben.
    Wer sich in diesem sensiblen, medial stark beachteten Bereich regelwidrig verhält, kann sich nicht auf dieselbe Grenze der Privatsphäre berufen wie derjenige, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen oder allenfalls in einem öffentlichkeitsunwirksamen Bereich deliktisch tätig war. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Medien und eine Vielzahl der Lesenden/Konsumenten bei empfindlichen Themen wissen wollen, wer hinter solchen Aktionen steckt, wie eine Person denkt, die trotz (oder wegen) der aufgeheizten Stimmung Petarden zündet, welche Motivation dahinter steckt, in welchem sozialen Umfeld sie sich bewegt, etc. (Als bestätigendes Bsp. seien (bereits mutmasslich) pädophile Personen genannt, die ebenfalls regelmässig in den Fokus der Medien geraten, weil Pädophilie die Gesellschaft/Leser bewegt. Ein gewöhnlicher Dieb dagegen erfährt niemals dieselbe Aufmerksamkeit). Im vorliegenden Fall dürfte ein weitergehendes Interesse umso eher bejaht werden, als der Vorfall internationale Beachtung fand und einen wesentlichen Einfluss auf das Image des Schweizer Fussballs, des FCZ und der Schweizer Fankultur hat.
    Insofern ist es für mich nicht ganz nachvollziehbar, weshalb für den „Petarden-Trottel“ eine Lanze gebrochen wird – und der Journalist des „Blick“ für seine (zurecht) kritische und „investigative“ Berichterstattung attackiert wird.

    • Mag sein, aber das geht so in die Richtung, dass einem Verbrecher z. B. die „Menschenrechte“ abgesprochen werden, die ja universel für alle gelten. Auch wenn ich deine Erläuterungen durchaus verstehe…

      Der Journalist war definitiv nicht kritisch und auch nicht „investigativ“. Sein Ziel war eine Schlagzeile. Kritisch sein ist was anderes :-)

    • Es geht doch nicht um den „Petarden-Trottel“. Es geht um die völlig verblödete Berichterstattung! Ich kann nicht verstehen, wie ein nur halbwegs seriöser Journalist diese Berichterstattung und dessen Urheber in Schutz nehmen kann. Was direkt zur Identifizierbarkeit des „Trottels“ führt. Es fragt sich einfach für wen. Jeder und jede, welche den „Trottel“ kennen, wissen ganz genau, um wen es sich handelt. Und das zweizüngige Argument, man müsse diese Leute „aus ihrer Anonymität reissen“ um ein paar Sätze später zu behaupten, man habe ja die Person unkenntlich gemacht… soll das ein Witz sein? Was nun? Ihn deanonymisieren oder unnkenntlich machen?

      Schon seit Jahrzehnten ist die Berichterstattung des Boulevard- und Pendlermülls unter allem Homo sapiens, aber mit dieser Kampagne hat man eine Grenze erreicht. Oder was kommt als nächstes? „Dies ist der Hamster des Junkie-Trottels, der sich versehentlich den goldenen Schuss gesetzt hat und hier hat er dem Hamster Futter gekauft“. Ist es nicht an den Haaren herbeigezogen, wie das Wohnhaus aussieht, in dem der „Trottel“ wohnt? Oder wie lange die Eltern des „Trottels“ in dessen Wohnung waren? Sind sich diese „Journalisten“ überhaupt im klaren, dass sie sich, zumindest bei einem Teil der zumindest gelegentlich denkenden Kreaturen, mehr als nur lächerlich machen? Oder finden die sich geil? Sind sie stolz darauf, dass „ihre“ „Berichterstattung“ auf der ersten Seite einer an Papierverschwendung kaum zu überbietenden Wichs- und Sabbervorlage für frustrierte Zeitgenossen steht? Und wie, oder besser gesagt, wer um alles in der Welt verteidigt solche Praktiken auch noch?

      Und dann noch der Vergleich mit Pädophilen… „öffentliches Interesse“. Als müsse die Gesellschaft vor dem „Petarden-Trottel“ gewarnt werden.

      Oder hätte Epmann (oder Füglister) Freude, wenn man ihre Eltern besuchen würde und diese fragen, ob sie noch ruhig schlafen können, mit Kindern, welche solche „Berichte“ schreiben?

      Und nur weil sich dieser Boulevard- oder Pendlermüll hunderttausendfach drucken lässt heisst das noch lange nicht, dass die Leute solchen Schrott lesen wollen. Viele Leute schauen halt lieber in eine „Zeitung“, als in das Gesicht des Gegenüber. Aber das ist noch lange keinen Grund, solche Kampagnen zu veröffentlichen. An den anderen Schrott hat man sich wohl oder übel gewohnt, aber alles hat seine Grenzen.

      Wohlverstanden, ich bin weder aus dem Umfeld des „Petarden“- noch eines . „Journalisten“- oder eines anderen „Trottels“.

      • Danke für diesen Beitrag, aus meiner Seele gesprochen !!! Endlich mal einer der es auf den Punkt bringt.

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