Der doppelte Pukelsheim – oder warum sich eine vernünftige Lösung nicht durchsetzen kann

Hier die Resultate der Wahlen vom Sonntag:

Ich habe die Zahlen vom Bundesamt für Statistik so aufbereitet, dass erkennbar wird, welchen Einfluss das Proporzsystem hat, also die Tatsache, dass in kleinen Kantonen nur wenige Sitze zu vergeben sind und kleine Parteien dort tendenziell benachteiligt sind. Man merkt deutlich, dass die SP, welche an Wähleranteil verloren hat und sogar Sitze gewonnen hat, vom heutigen Verfahren besonders profitiert, während kleine Parteien wie die EVP besonders stark unter dem Verfahren leiden (die Abweichung beträgt doch 100%).

Ein Verfahren wie der doppelte Pukelsheim wäre in dieser Hinsicht gerechter, wie in der Presse immer wieder diskutiert wird (z.B. in der NZZ nach den Wahlen 2007 oder im Landbote im Mai dieses Jahres (pdf)). Die Effekte untersucht vor allem Daniel Bochsler. Bochsler beschreibt auch einen psychologischen Effekt, der heute den Effort kleiner Parteien in kleinen Kantonen beschränke, weil sie ohnehin davon ausgehen können, keinen Sitz erlangen zu können.

Während kleine Parteien traditionell für eine Änderung des Wahlverfahrens sind (Martin Bäumle von der GLP sagte vor den Wahlen: »Der doppelte Pukelsheim ist grundsätzlich das beste System.« – Die GLP hätte damit aber einen Sitz weniger erreicht.), verhindern die mächtigen großen Parteien im Parlament eine Änderung des Systems – zuletzt wurde sie 2009 von Josef Zisyadis von der PdA vorgeschlagen, auch Martin Bäumle hat im Mai angekündigt, die GLP würde sich dafür einsetzen. Während die große Profiteurin, die SP, in der Frage gespalten ist (Andreas Gross ist als Politologe klar für eine Änderung), lehnt die SVP die Änderung ab.

Gegen eine Änderung sprechen vor allem drei Gründe:

  • Erstens ist der doppelte Pukelsheim als Verfahren so kompliziert, dass nur mit einem Computer überhaupt die Resultate berechnet werden könnten; d.h. es geht eine gewisse Transparenz verloren.
  • Zweitens sind rein kantonale Regelungen in der Schweiz etabliert; das neue Verfahren würde das Prinzip aufheben, dass eine Stimme nur in einem Kanton ein Gewicht hat.
  • Drittens kann der doppelte Pukelsheim zu scheinbar paradoxen Resultaten führen, konkret: Eine Partei könnte in einem Kanton weniger Stimmen holen als eine andere, aber mehr Sitze erhalten.
Dennoch wird der doppelte Pukelsheim heute bereits in einigen Kantonen erfolgreich eingesetzt, so auch im Kanton Zürich. Es ist letztlich wohl die fairste Lösung, welche dem Wahlverhalten der Bevölkerung am ehesten gerecht wird. Zeit, dass es eingeführt wird.

6 thoughts on “Der doppelte Pukelsheim – oder warum sich eine vernünftige Lösung nicht durchsetzen kann

  1. Pingback: #75 Parlamentswahlen 2011 – Der neue Nationalrat (6 Diagramme) | atheist raskalnikow

  2. Eine – zumindest in der schnelllebigen Onlinewelt – späte Rückmeldung:

    Du lässt aus meiner Sicht zwei wesentliche Punkte ausser acht:
    1. Die Übervertretung der SP ist in erster Linie ein Resultat der Sitzzuteilung nach dem Hagenbach-Bischoff-System. Dieses begünstigt grosse Listen gegenüber kleinen (und – im Fall der SP relevanter – grosse Listenverbindungen gegenüber kleinen Listenverbindungen). Hätte man innerhalb der Wahlkreise strikt nach Proporz verteilt, hätte die SP den einen oder anderen Sitz abgeben müssen, wohl zumeist an die grüne Listenpartnerin. (Im Kanton Zürich hätte bei „sauberem“ Proporz“ die AL einen Sitz auf Kosten der SP gemacht.)

    2. Auf kantonaler Ebene überwiegen die Vorteile des doppelten Pukelsheimers recht klar. Auf nationaler Ebene würde er aber eine hohe Hürde für regionale Parteien (oder ganz neue) darstellen. Eine solche Gruppierung wäre faktisch gezwungen in allen Wahlkreisen anzutreten, um bei der Sitzverteilung nicht im Nachteil zu sein. Was auf kantonaler Ebene vertretbar scheint, wäre auf nationaler Ebene ein durchaus zweifelhaftes Unterfangen.

    • Danke für die Rückmeldung.

      Zu 1. – Wie stellst du dir genau »sauberen Proporz« in den Wahlkreisen vor? Hieße das, dass Listenverbindungen nicht mehr möglich wären? (Die SP hatte im Kanton Zürich ja keine Listenverbindung mit der AL, du meinst also, wenn man die Sitze nur nach Stimmenanteil zuordnet?)

      Zu 2. – Das stimmt, da würde ein Druck entstehen. Obwohl z.B. die EVP ja heute schon auf genügend Stimmen kommt für die doppelte Sitzzahl – ohne in jedem Kanton angetreten zu sein… 

      • Zu 1: „Mit sauberem Proporz“ meinte ich lediglich den Wechsel zum so genannten Bruchzahlverfahren, um die Sitze unter den Listenverbindungen und in einem zweiten Schritt innerhalb der Listenverbindungen zu verteilen. Mit diesem werden die Sitze so nah wie möglich am exakten Proporz verteilt. Das Hagenbach-Bischoff-Verfahren (anderswo auch D’Hondt-Verfahren genannt) bevorzugt wie erwähnt die grossen. Es war und ist als Mittel gegen die Zersplitterung der Politlandschaft gedacht.

        Das Abschaffen der Listenverbindungen bei den nationalen Wahlen sehe ich ebenfalls nicht als Lösung. Denn dies würde kleine Gruppen faktisch gänzlich von den Wahlen ausschliessen. Je nach Wahlkreis wäre man auch mit 20 oder mehr Prozent der Stimmen zu klein für einen Sitz.

        Im Grunde gäbe es nur eine faire Lösung: Mindestgrössen für Wahlkreise. (Dann könnte man auch über den Pukelsheimer auf nationaler Ebene sprechen.) Aber dafür bräuchte es wohl zuerst Zwangsfusionen der winzigen Scheinkantone mit ihren Nachbarn. Das wäre noch aus ganz anderen Gründen begrüssenswert, bleibt aber weiterhin Wunschdenken.

        Zu 2: Ja bei der EVP stimmt dies, sie ist aber eine bestandene nationale Partei, die es eben doch schafft, in einer bedeutenden Zahl der Kantone Listen einzureichen. Gruppierungen wie die Lega würden beim Wechsel zum Pukelsheim aber schlicht weggespült. Auch die GLP hätte vor vier Jahren einen viel unspektakuläreren Start gehabt. Hätte der Pukelsheim gegolten und hätten sie nur in Zürich eine Liste eingereicht, wäre nicht einmal Martin Bäumle gewählt worden.

  3. Ein später Nachtrag, weil ich – ausgelöst durch einen Tweet – heute endlich einmal nachgerechnet habe.

    Anders als oben von mir vermutet hätte der Doppelte Pukelsheimer im vergangenen Herbst bei den regionalen Parteien zu keinen Kollateralschäden geführt: Sowohl die Lega wie auch der MCG hätten sich halten können.

    Es wäre zu folgenden Sitzverschiebungen gekommen:
    SP -8, CVP -3, SVP -1, GLP -1, EDU +3, AL +2, Grüne +2, BDP +2, EVP +2, PP +1, CSP oder SD +1 (letztere hatten gemäss Wikipedia dieselbe Wählerzahl).

    Falls jemand Zeit hat, die kantonalen Resultate abzutippen: Mit dieser Java-App könnte man die Sitzverschiebungen pro Kanton ausrechnen.

  4. Pingback: Wählerwillen abbilden – aber richtig! « Napoleon's Nightmare

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