Warum wir uns überschätzen – und was wir dagegen tun können

Daniel Kahneman ist Nobelpreisträger für Wirtschaft – arbeitet aber als Psychologe. Er veröffentlicht in den kommenden Wochen sein erstes populärwissenschaftliches Buch: »Thinking, Fast and Slow«.

Darin erklärt er unter anderem, wie und warum Menschen sich überschätzen. Beginnen wir mit ein paar Beispielen, die ich weit gehend von Jonah Lehrers exzellenter Rezension im Wall Street Journal übernehme:

  1. Investment-Banker denken, sie könnten Performances erzielen, die über dem Index liegen. Dagegen sprechen aber alle Statistiken.
  2. In den USA denken Unternehmer, sie hätten eine 60%ige Chance, dass ihr neues Geschäft erfolgreich wird – obwohl nur 35% aller neu gegründeten Unternehmen nach 5 Jahren noch existieren.
  3. Bei Küchenrenovation werden die Kosten der Renovation im Durchschnitt auf ungefähr die Hälfte der tatsächlichen Kosten geschätzt.
  4. Menschen denken immer, sie würden für Aufgaben weniger lang brauchen als sie tatsächlich brauchen – selbst wenn sie über die nötige Erfahrung für eine richtige Einschätzung verfügen.

Das Problem betrifft, so argumentiert Kahneman, alle Menschen: Wir überschätzen unsere Fähigkeiten intuitiv. Warum? In seiner lesens- und sehenswerten Edge Master Class von 2011erwähnt er einige Prinzipien, die unsere Intuition von unserem denkerischen Kalkül unterscheiden. Betrachten wir zunächst zwei Beispiele:

Ein Sandwich und ein Getränk kosten zusammen 1.10 Euro. Das Sandwich kostet 1 Euro mehr als das Getränk. Wie viel kostet das Getränk? Zeichne: Wie lang ist eine durchschnittliche Linie? Wie lang sind alle Linien zusammen?

Viele – auch sehr gebildete Menschen antworten auf das erste Beispiel, das Getränk koste 10 Cents. (Es kostet 5 Cents und das Sandwich 1.05 Euro.) Nicht nur ist ihre Antwort falsch – sie sind sich auch ziemlich sicher, Recht zu haben. Beim zweiten Beispiel fällt es uns leicht, eine Durchschnittslinie in der korrekten Länge zu rechnen, obwohl wir nicht im Stande sind, die Summe hinzukriegen. Beiden Beispielen ist gemeinsam, dass unsere Intuition mentale Vorgänge abkürzt. Diese Abkürzungen kann man in den meisten Fällen evolutionär erklären, sie führen aber dazu, dass wir viele Fehler machen. Diese Fehler basieren auf folgenden Prinzipien:

  1. Herstellung von Kohärenz. Unsere Intuition vermeidet Widersprüchliches und Kompliziertes und ist darum bemüht, eine einheitliche Sicht der Welt zu erstellen und zu erhalten.
  2. Annahme, es gäbe nur das, was man sieht.
    Die Intuition berücksichtigt nur sichtbare Informationen. Alles andere wird ignoriert – und es wird eine Kohärenz zwischen all dem hergestellt, was an Information verfügbar ist.
  3. Vorzeitiges Ziehen von Schlüssen.
    Intuitiv ziehen wir sehr schnell Schlüsse. Kahneman erwähnt als Beispiel ein Experiment, in dem man eine Stimme eines Mannes hört, der von seiner Schwangerschaft erzählt. Intuitiv schließt man sofort (innert 200ms, das ist so schnell wie Menschen nur reagieren können auf sowas, d.h. ohne zu überlegen), dass etwas nicht stimmen kann.
  4. Substitution.
    Unsere Intuition lässt uns Fragen beantworten, die gar nicht gestellt waren. Bekannt ist Kahneman und Amos Tverskys »Linda«-Beispiel:

    Linda 31, Single, teilt ihre Meinung gern mit und ist sehr intelligent. Sie hat Philosophie studiert. Als Studentin hat sie sich stark mit Diskriminierung und sozialer Gerechtigkeit auseinandergesetzt und an Anti-Atomkraft-Demonstrationen teilgenommen.
    Was ist wahrscheinlicher?
    a) Linda ist Bankangestellte.
    b) Linda ist Bankangestellte und Feministin.

    Mehr als 80% der Befragten wählen Option b) – obwohl mathematisch a) auf jeden Fall wahrscheinlicher ist. Unsere Intuition beantwortet nicht die gestellte Frage, sondern vielmehr die Frage: »Was entspricht der Information eher, die du kennst?« Kahneman sagt, die Intuition ziehe Ähnlichkeit der Wahrscheinlichkeit vor.

Nun sieht man sofort: Diese Mechanismen haben im täglichen Leben viele Vorteile. Aber sie scheitern immer dort, wo nicht schnelles, sondern langsames Denken gefragt wäre. Wir überschätzen uns, weil wir uns von unserer Intuition nicht darüber täuschen lassen, wie etwas ist – sondern auch darüber, wie sicher wir und dessen sein dürfen. Unsere Intuition, das wohl ein Resultat der Evolution, täuscht uns vor, sich sehr sicher zu sein, auch wenn sie es nicht ist.

Was kann man dagegen tun? Kahneman selbst gibt eine nüchterne Antwort: Nichts. Er sagt:

My intuitive thinking is just as prone to overconfidence, extreme predictions and the planning fallacy as it was before I made a study of these issues.

Man kann sogar noch weiter gehen, wie Lehrer in seiner Rezension im New Yorker zeigt: Selbsterkenntnis ist erstaunlicherweise nutzlos. Wir wissen, wie schwach unser Wille ist, wie unrealistisch unsere Zukunftsprognosen, wie fehlerhaft unsere Erinnerung – und doch fallen wir alle immer wieder in diese Muster zurück. Lehrer schreibt:

The problem isn’t that we’re stupid—it’s that we’re so damn stubborn.

Kahneman will nicht Selbsterkenntnis fördern, sondern nur unser Vokabular präziser machen und erweitern.

One thought on “Warum wir uns überschätzen – und was wir dagegen tun können

  1. Ich schätze Kahneman sehr und habe schon Bücher von ihm gelesen.
    Was hilft ist eine elementare statistische Bildung, fast auf keinem Gebiet kann man mit sehr einfachen Mitteln die erwähnte Problematik aufzeigen und v.a. sich derer bewusst werden.

    Wir hatten das noch auf dem Gymnasium gelernt, ich hoffe das ist immer noch so.
    Es gib auch viele populärwissenschaftliche Bücher zu diesem Thema, z.B. Inumeracy von John Allen Paulos.

    In dem Zusammenhang:
    http://www.badscience.net/2011/10/what-if-academics-were-as-dumb-as-quacks-with-statistics/

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